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160 Zeichen bis zum Schauprozess

Keine Wahlempfehlung für die AfD: Der Autor kritisiert homophobe Positionen, orthodox-islamische Milieus und linke Ausgrenzung. Er fordert gleiche Maßstäbe gegen jede Form von Extremismus, eine offene Debatte und Respekt für Andersdenkende. 9:28 AM

160 Zeichen bis zum Schauprozess
Symbolbild mit realen Hasskommentaren aus sozialen Medien zum Artikel "Ich bin schul und habe keine Angst vor der AFD"

Mein Artikel war weder eine Wahlempfehlung für die AfD noch eine Verharmlosung des Rechtsextremismus. Doch viele linke Kommentatoren lasen nur die Überschrift – und antworteten mit Ausbürgerungsfantasien, Vernichtungsrhetorik und autoritärer Gesinnungskontrolle.

Ich habe einen Artikel mit dem Titel „Ich bin schwul – und habe keine Angst vor der AfD“ veröffentlicht. Darin beschrieb ich meine persönliche Einschätzung als homosexueller Mann: Die konkrete Bedrohung meiner Freiheit und körperlichen Sicherheit sehe ich heute vor allem in der Homophobie des orthodoxen Islam und in islamistischen Milieus.

Nirgendwo forderte ich dazu auf, die AfD zu wählen.

Im Gegenteil: Weder ich noch die Redaktion der Vossischen würden die AfD in ihrer gegenwärtigen Verfassung wählen. Dafür gibt es gewichtige Gründe. Wir sind dennoch gegen ein Parteiverbot und gegen die gesellschaftliche Ächtung von Millionen Menschen, die von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch machen.

Das ist eine differenzierte Position. Für zahlreiche Kommentatoren auf Threads war sie offenbar bereits zu kompliziert. Sie schafften es bis zur Überschrift, entdeckten die drei Buchstaben „AfD“ und eröffneten den digitalen Schauprozess.

Keine Angst ist keine Wahlempfehlung

„Ich habe keine Angst vor der AfD“ bedeutet nicht: „Ich unterstütze die AfD.“

Es bedeutet auch nicht, dass ich jede Äußerung ihrer Politiker verteidige, den Rechtsextremismus verharmlose oder die Partei für politisch unbedenklich halte. Der Satz beschreibt meine persönliche Gefahrenabwägung als schwuler Mann.

Zwischen fehlender persönlicher Angst und politischer Zustimmung liegt ein Unterschied, den ein mündiger Leser eigentlich erkennen müsste.

Viele Kommentatoren erkannten ihn nicht. Oder sie wollten ihn nicht erkennen. Statt den Artikel zu lesen, konstruierten sie eine bequemere Position: Ein schwuler Mann, der keine Angst vor der AfD hat, müsse AfD-Anhänger, MAGA-Aktivist, Faschist oder vollständig erfunden sein.

Anschließend bekämpften sie mit großer moralischer Leidenschaft Aussagen, die niemand gemacht hatte.

Warum ich diese AfD nicht wählen würde

Ein Grund heißt Vanessa Behrendt. Sie ist familien- und frauenpolitische sowie kinder- und jugendpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag.

Die Staatsanwaltschaft hat gegen Behrendt Anklage wegen mutmaßlicher Volksverhetzung, verhetzender Beleidigung und Beleidigung erhoben. Gegenstand sind unter anderem Äußerungen über queere Menschen. Sie soll die Regenbogenfahne mit „Machenschaften pädophiler Lobbygruppen“ verbunden und Mitglieder eines queeren Netzwerks herabgewürdigt haben. Über die Zulassung der Anklage und die strafrechtliche Bewertung entscheidet das Gericht. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

Politisch darf man ihre Aussagen schon heute bewerten.

Behrendt benennt einerseits zu Recht die Homophobie in konservativ-islamischen Milieus. Andererseits erklärte sie, Homosexualität benötige keine „Werbung“ und keine „Zurschaustellung“. Das läuft auf die alte Zumutung hinaus: Ihr dürft homosexuell sein, solange man euch nicht sieht.

Das ist nicht liberal. Wer Schwule gegen islamische Homophobie verteidigen will, ihnen gleichzeitig aber öffentliche Sichtbarkeit abspricht, verteidigt lediglich eine unsichtbare und politisch nützliche Variante homosexueller Existenz.

Ein weiterer Grund heißt Björn Höcke. Sein politisches Familienbild erhebt Vater, Mutter und Kinder zur gesellschaftlichen Norm und wertet andere Lebensformen ab. Wer Homosexualität lediglich „tolerieren“, gleichberechtigte gesellschaftliche Akzeptanz aber ablehnen will, bietet homosexuellen Bürgern keine politische Heimat.

Hinzu kommt der prorussische Flügel der AfD. Die Partei fordert offiziell die Aufhebung der Sanktionen und bessere Beziehungen zu Russland. AfD-Abgeordnete nahmen noch 2026 am Sankt Petersburger Wirtschaftsforum teil. Wer individuelle Freiheit verteidigt, kann Putins autoritäres Regime und den Angriff auf die Ukraine nicht unter dem Etikett einer vermeintlichen Friedenspolitik verharmlosen.

Behrendt, Höcke und die Russlandnähe sind gewichtige Gründe, diese AfD nicht zu wählen.

Trotzdem folgt daraus weder, dass die Partei verboten werden sollte, noch dass ihre Wähler als moralisch minderwertige Menschen behandelt werden dürfen.

Wer wählen geht, bleibt Bürger

Wir sind grundsätzlich gegen Parteienverbote als Ersatz für die politische Auseinandersetzung.

Das Grundgesetz kennt das Parteiverbot. Darüber entscheidet jedoch weder eine empörte Internetblase noch eine Regierung oder Redaktion, sondern ausschließlich das Bundesverfassungsgericht. Die rechtlichen Hürden sind aus gutem Grund hoch. Ein Parteiverbot ist kein Instrument zur Beseitigung unerwünschter, radikaler oder abstoßender Ansichten.

Demokratie muss ihre Feinde ernst nehmen. Sie darf aber nicht jeden politischen Gegner zum Verfassungsfeind erklären, weil seine Positionen außerhalb des eigenen moralischen Spektrums liegen.

Vor allem darf sie die Bürger nicht verachten, die eine zugelassene Partei wählen.

Unter AfD-Wählern gibt es Überzeugungstäter, Nationalisten und Radikale. Es gibt aber ebenso Protestwähler, wirtschaftlich Enttäuschte, frühere Wähler aller anderen Parteien und Menschen, die sich politisch nicht mehr vertreten fühlen. Man kann ihre Wahlentscheidung scharf kritisieren und versuchen, sie mit besseren Argumenten zurückzugewinnen.

Wer Millionen Bürger pauschal als Nazis beschimpft, beruflich oder gesellschaftlich ausgrenzt und ihnen abspricht, legitimer Teil des demokratischen Gemeinwesens zu sein, stärkt dagegen genau jene Wagenburgmentalität, die er angeblich bekämpfen will.

Demokratie bedeutet nicht, dass nur Menschen mit der richtigen Gesinnung wählen dürfen. Sie bedeutet, dass auch der politische Irrtum eine Stimme besitzt.

Die Gefahr heißt nicht nur Islamismus

Meine Kritik richtet sich nicht bloß gegen Terroristen, Salafisten und organisierte Islamisten. Das Problem beginnt früher: beim orthodoxen Islam und seinem Anspruch, das private und gesellschaftliche Leben nach religiösen Normen zu ordnen.

Diese Normen erklären praktizierte Homosexualität zur Sünde, zur Schande oder zur „widernatürlichen“ Abweichung. Sie prägen Familien, Moscheegemeinden, Jugendgruppen und das Verhalten auf der Straße.

Nicht jeder, der so denkt, schlägt zu. Aber auch Verachtung, Beschämung, familiärer Druck, erzwungene Verheimlichung und soziale Ausgrenzung beschneiden Freiheit. Für den betroffenen schwulen Mann ist es wenig tröstlich, wenn er nicht körperlich angegriffen wird, aber seine Beziehung geheim halten und vor der eigenen Familie ein Doppelleben führen muss.

Wer behauptet, ausschließlich der gewaltbereite Islamismus sei das Problem, ignoriert den kulturellen Boden, auf dem religiöser Autoritarismus und im Extremfall Radikalisierung gedeihen.

Zwischen einem liberalen Muslim und einem islamistischen Terroristen liegt ein großes orthodox-konservatives Milieu. Dort werden nicht zwangsläufig Anschläge geplant. Dort wird Homosexualität verurteilt, beschämt und aus dem sichtbaren Leben verdrängt.

Genau dieses Milieu wird in Deutschland systematisch geschont.

Wenn Reformer Polizeischutz brauchen

Es gibt friedliche, liberale und weltoffene Muslime. Es gibt muslimische Eltern, die ihre homosexuellen Kinder lieben und unterstützen. Es gibt Reformmuslime, die für individuelle Freiheit und gegen religiösen Zwang kämpfen.

Doch gerade ihr Schicksal zeigt, wie tief das Problem reicht.

Seyran Ateş gründete in Berlin eine liberale Moschee, in der Frauen und Männer gemeinsam beten und homosexuelle Menschen willkommen sind. Dafür erhielt sie zahlreiche Morddrohungen und lebt unter Polizeischutz.

Auch der muslimische Psychologe und Islamkritiker Ahmad Mansour steht wegen seiner öffentlichen Arbeit unter Personenschutz.

Wenn Menschen Schutz benötigen, weil sie innerhalb des Islam Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Aufklärung vertreten, dann ist der Konflikt nicht bloß eine Erfindung „rechter Hetzer“.

Man hört ständig, die Mehrheit der Muslime sei friedlich. Hinsichtlich körperlicher Gewalt mag das stimmen. Friedfertigkeit allein ist jedoch noch keine Zustimmung zu einer freiheitlichen Gesellschaft.

Ein Mensch kann Gewalt ablehnen und trotzdem glauben, Homosexualität sei sündhaft, ein schwuler Sohn bringe Schande über seine Familie und zwei Männer sollten ihre Liebe nicht öffentlich zeigen.

Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht nur: Wer schlägt zu?

Sie lautet auch: Wer widerspricht den Schlägern? Wer verteidigt den schwulen Sohn? Wer stellt sich in einer Moschee vor die Gemeinde und erklärt, homosexuelle Beziehungen verdienten denselben gesellschaftlichen Respekt wie heterosexuelle? Wer widerspricht, wenn Jugendliche „schwul“ als Beleidigung verwenden? Und wer schweigt?

Eine schweigende Mehrheit ist nicht neutral, wenn eine Minderheit bedroht wird. Ihr Schweigen lässt die orthodoxen Wortführer dominieren, überlässt schwule Muslime ihrem familiären Konflikt und liberale Reformer den Morddrohungen.

Wofür steht diese Mehrheit, wenn sie schweigt?

DITIB und die institutionelle Verantwortung

DITIB zeigt, weshalb diese Frage notwendig ist.

Der Verband ist eng mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden. Deren damaliger Präsident Ali Erbaş erklärte, der Islam verfluche Homosexualität, brachte sie mit Krankheiten und gesellschaftlichem Verfall in Verbindung und forderte dazu auf, dieses angebliche „Böse“ zu bekämpfen.

Das waren nicht die Äußerungen eines unbedeutenden Hinterhofpredigers. Sie kamen aus der religiösen Führung jenes türkischen Staatsapparates, der Ausbildung, Entsendung und religiöse Orientierung zahlreicher DITIB-Imame in Deutschland maßgeblich prägt.

Wo blieb der unmissverständliche Aufstand deutscher DITIB-Gemeinden gegen diese Homophobie? Wo war die klare theologische Erklärung, dass schwule und lesbische Muslime ihre Beziehungen offen und gleichberechtigt leben dürfen? Wo war die deutliche Zurückweisung der Behauptung, Homosexualität sei ein zu bekämpfendes Übel?

Das weithin vernehmbare Schweigen war selbst eine Botschaft.

Ein Verband, der staatlich anerkannter Partner sein, Religionsunterricht mitgestalten und gesellschaftlichen Einfluss ausüben möchte, kann sich bei der Freiheit homosexueller Menschen nicht hinter allgemeinen Toleranzfloskeln verstecken.

Er muss eine klare Frage beantworten: Gilt das Selbstbestimmungsrecht auch für Schwule und Lesben – oder endet es an der orthodoxen Sexualmoral?

Homophobie unter jungen Muslimen

Besonders beunruhigend ist, dass sich das Problem nicht mit der älteren Einwanderergeneration erledigt.

Auch unter jüngeren Muslimen sind homophobe Einstellungen deutlich präsent. Traditionelle Männlichkeitsbilder erklären Homosexualität zur Schwäche. Familiäre Ehrvorstellungen machen das Coming-out zum angeblichen Verrat. Religiöse Influencer verbreiten dieselben Verbote in moderner Sprache weiter. Auf Schulhöfen und in sozialen Medien wird „schwul“ zur alltäglichen Beschimpfung, während offen gelebte homosexuelle Zuneigung als Provokation behandelt wird.

Für den Betroffenen ist es unerheblich, ob die Beleidigung oder Bedrohung von einem Mitglied einer islamistischen Organisation oder von einem orthodox erzogenen Jugendlichen ausgeht.

Die Gefährdung homosexueller Freiheit beginnt nicht erst beim Messer. Sie beginnt beim religiösen Verbot, setzt sich im familiären Schweigegebot fort und kann bei Drohung und Gewalt enden.

Der Threads-Nutzer der_mark_s fragte öffentlich, wo der Islam das tägliche Leben von Schwulen in Deutschland überhaupt beeinträchtige. Ob Muslime sie etwa daran hinderten, sonntags in die Kirche zu gehen.

Nein, es geht nicht um den Kirchgang.

Es geht darum, ob ich einem Mann öffentlich die Hand geben kann. Ob ein schwuler muslimischer Jugendlicher sich seiner Familie anvertrauen kann. Ob er zur heterosexuellen Ehe gedrängt wird. Ob er ein Doppelleben führen muss. Ob eine Moscheegemeinde ihn als gleichberechtigten Menschen mit einer legitimen Liebesbeziehung anerkennt – oder lediglich als Sünder duldet, solange er seine Sexualität versteckt.

Wer nur über gewaltbereite Islamisten sprechen will, verharmlost den orthodoxen Unterbau. Wer jeden Hinweis darauf als „Muslimfeindlichkeit“ diffamiert, schützt nicht liberale Muslime. Er schützt die reaktionären Autoritäten innerhalb ihrer Gemeinschaften.

Die Linke und der blinde Fleck des Extremismus

Besonders auffällig ist die Ungleichbehandlung der politischen Ränder.

Die AfD und ihr Umfeld werden mit großer medialer Aufmerksamkeit auf extremistische Aussagen, Netzwerke und historische Bezüge untersucht. Das ist legitim und notwendig. Wer politische Macht anstrebt, muss sich einer kritischen Prüfung stellen.

Doch derselbe Maßstab muss auch links gelten.

Die Partei Die Linke wird auf Bundesebene nicht als Ganze genauso eingestuft wie die AfD. Wer behauptet, beide Parteien seien amtlich identisch bewertet, macht eine falsche Tatsachenbehauptung.

Politisch und historisch bedeutet das jedoch keine Entwarnung.

Die Linke erkennt weiterhin die Kommunistische Plattform als bundesweiten Zusammenschluss an. Im März 2026 führte die Partei die Plattform mit 631 Mitgliedern. Der Verfassungsschutz beschrieb sie als marxistisch-leninistisch geprägte Struktur, die auf die Überwindung des Kapitalismus und den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft zielt. Ihre Veröffentlichungen erscheinen weiterhin auf Seiten der Partei.

Damit beherbergt eine im Bundestag vertretene Partei eine organisierte Strömung, die sich ausdrücklich auf eine ideologische Tradition beruft, in deren Namen Diktaturen, politische Säuberungen, Lager, Zwangskollektivierungen und millionenfaches Sterben gerechtfertigt wurden.

Nicht jedes Mitglied der Linken ist Stalinist oder Maoist. Ebenso wenig ist jeder AfD-Wähler Nationalsozialist. Genau diese Differenzierung ist notwendig.

Wer jedoch jeden nationalkonservativen Satz bis in seine historischen Verästelungen verfolgt, bei Begriffen wie Klassenkampf, Revolution und Kommunismus aber nur politische Folklore erkennt, misst mit zweierlei Maß.

Der aktuelle Linksextremismus ist ebenfalls keine akademische Erinnerung. Nach den Zahlen des Bundesamtes für Verfassungsschutz gab es 2024 rund 38.000 Linksextremisten, davon 11.200 gewaltorientierte. Die Behörde registrierte 5.857 linksextremistische Straftaten und 532 Gewalttaten. Als legitime Ziele gelten häufig Menschen, die von der Szene selbst zu „Faschisten“ erklärt wurden.

Auf diese Weise funktioniert politische Gewalt besonders bequem: Erst definiert man den Gegner zum Faschisten. Anschließend erscheint nahezu jedes Mittel gegen ihn als Antifaschismus.

Genau diese Logik war auch in den Reaktionen auf meinen Artikel zu erkennen.

„Im Lager vernichtet“ – mit Schulterzucken

Der widerlichste Kommentar kam von shimmergloom:

„Dann beschwer dich nicht bei uns, wenn du nach der Machtergreifung im Lager vernichtet wirst. 🤷“

Später erklärte der Nutzer, meine Vernichtung im Lager sei die „logische Konsequenz“ einer AfD-Regierung.

Man muss sich die moralische Verwahrlosung dieses Satzes vor Augen führen: Einem schwulen Mann wird seine künftige Ermordung im Lager angekündigt – begleitet von einem schulterzuckenden Emoji.

Das ist keine mitfühlende Warnung. Wer um das Leben eines Menschen fürchtet, garniert die Vorstellung seiner Vernichtung nicht mit „🤷“.

Hier spricht die kaum verhüllte Genugtuung darüber, dass der politisch Abtrünnige eines Tages für seine falsche Meinung bestraft werde. Der schwule Mann soll sich der vorgeschriebenen Angst unterwerfen. Tut er es nicht, sei er an seinem späteren Schicksal selbst schuld.

Der Nutzer hält sich vermutlich trotzdem für tolerant und antifaschistisch.

Weltoffenheit mit Ausreisebefehl

Der Nutzer superswoben schrieb:

„Bleib in den USA und halts Maul!“

In seinem Profil bezeichnet er sich als Europäer und fordert sogar die Aufnahme Kanadas in die Europäische Union. Seine Weltoffenheit endet offenbar dort, wo ein Mensch mit USA-Bezug eine unerwünschte Meinung äußert.

wera_eck schrieb:

„Wenn all die Nazis Deutschland verlassen würden und sich in ihrer Heimat politisch engagieren würden. Wir hätten wieder Luft zu atmen. Also Ami go Home.“

Threads zeigt lediglich, dass mein Konto in den Vereinigten Staaten eröffnet wurde. Daraus folgt weder mein gegenwärtiger Wohnort noch ein Verlust meines Wissens über Deutschland. Menschen reisen, arbeiten international oder leben zeitweise in mehreren Ländern.

Doch aus einem eröffneten Konto wurde zunächst ein amerikanischer Wohnort konstruiert. Aus meinem USA-Bezug wurde anschließend MAGA. Aus einer konservativen Meinung wurde ein Nazi. Am Ende stand die Aufforderung, Deutschland zu verlassen.

Menschen, die sonst jede Form der Herkunftszuschreibung bekämpfen, erklären plötzlich die politische Mitsprache zum Privileg derjenigen, deren Biografie und Meinung ihnen genehm sind.

der_mark_s schrieb:

„Du lebst in den USA und hast keine Ahnung von der AfD, du Kek!“

Auch hier ersetzten eine erfundene Biografie und eine Beleidigung die inhaltliche Auseinandersetzung.

Wer widerspricht, wird zum Bot

Andere Kommentatoren lösten das Problem des abweichenden Homosexuellen noch einfacher: Sie bestritten seine Existenz.

der_echte_cmo erklärte:

„In erster Linie bist du KI-generiert.“

erik_von_der_spree beschränkte sich auf:

„Fake Profil.“

Und burndownthesystem, dessen Profil mit Marlene Dietrichs Satz „I became anti-fascist out of decency“ geschmückt ist, schrieb:

„Leck Eier du bot.“

Der beschworene Anstand überlebte nicht einmal den ersten politischen Widerspruch.

Ein weiteres leeres Profil, sir__kaktus, schrieb:

„Der Fascho hat sogar eine ganze Fake-News-Seite […] Naja da sag ich nur: Nazis töten.“

Keine angebliche Falschmeldung wurde benannt. Kein Argument des Artikels wurde widerlegt. Zunächst kam das Etikett „Fascho“, anschließend die Gewaltformel.

So funktioniert moralische Selbstermächtigung: Man erklärt einen Menschen zum Nazi und kann danach beinahe jede Aggression als Antifaschismus verkaufen.

„Bot“, „Fake“, „Fascho“, „Nazi“, „Kek“ – diese Begriffe erfüllen eine klare Funktion. Sie ersetzen das Argument und entziehen dem Gegenüber gleichzeitig seinen Anspruch auf respektvolle Behandlung.

Ein Bot besitzt keine Würde. Ein Fake hat keine legitime Erfahrung. Ein vermeintlicher Nazi verdient in dieser Gedankenwelt keine Stimme und, wie manche Kommentare zeigen, offenbar nicht einmal körperliche Unversehrtheit.

Der digitale Schauprozess und seine historischen Vorbilder

Ein unflätiger Threads-Kommentar ist kein Gulag. Ein digitaler Shitstorm ist nicht mit den Verbrechen Stalins oder Maos gleichzusetzen. Eine solche Gleichsetzung wäre historisch falsch und gegenüber den Opfern kommunistischer Diktaturen respektlos.

Die Ähnlichkeit liegt im autoritären Denkmuster.

Zuerst beansprucht die eigene Seite die moralische und historische Wahrheit. Danach wird abweichendes Denken als falsches Bewusstsein gedeutet. Ein schwuler Mann, der nicht die vorgeschriebene Angst empfindet, kann seine eigenen Interessen angeblich nicht verstehen.

Dann folgt die politische Diagnose: reaktionär, faschistisch, gekauft, manipuliert oder nicht existent.

Schließlich wird aus dem Andersdenkenden eine Unperson. Seine Ausgrenzung gilt nicht mehr als Übergriff, sondern als moralische Pflicht.

Marxistisch-leninistische Bewegungen nannten das Klassenbewusstsein und machten politische Loyalität zum Maßstab der Wahrheit. Der Stalinismus suchte Abweichler, Verräter und Volksfeinde. Der Maoismus kultivierte öffentliche Demütigung, erzwungene Selbstkritik und den gesellschaftlichen Ausschluss des politisch Unreinen.

Die heutigen digitalen Moralwächter verfügen glücklicherweise weder über Staatsmacht noch Geheimpolizei. Ihre Macht reicht meist nur für Beschimpfungen, Meldetrupps, soziale Ächtung und beruflichen Druck.

Doch die psychologische Lust am Schauprozess ist erkennbar geblieben.

Der Beschuldigte soll nicht verstanden oder überzeugt werden. Er soll öffentlich vorgeführt und zur Anerkennung seiner moralischen Minderwertigkeit gezwungen werden.

Der schwule Mann als Eigentum des richtigen Lagers

Hinter vielen Reaktionen steht eine besonders anmaßende Vorstellung: Ein homosexueller Mann habe politisch links zu sein.

Er soll sich als „queer“ definieren, die richtigen Parteien wählen und die von Aktivisten festgelegte Rangfolge gesellschaftlicher Gefahren übernehmen. Spricht er über die Homophobie des orthodoxen Islam, gilt er als Werkzeug der Rechten. Erklärt er, persönlich keine Angst vor der AfD zu haben, wird ihm angekündigt, er werde nach deren „Machtergreifung“ schon noch im Lager landen.

Der Homosexuelle wird damit erneut auf eine vorgeschriebene Rolle reduziert.

Früher sollte er unsichtbar bleiben, weil seine Sexualität nicht zur bürgerlichen Norm passte. Heute soll er politisch unsichtbar werden, wenn seine Meinung nicht zur identitätspolitischen Norm passt.

Beides ist illiberal.

Ich brauche weder Vanessa Behrendt, die meint, Homosexualität dürfe nicht „zur Schau gestellt“ werden, noch linke Aktivisten, die mir erklären, welche Angst ich als schwuler Mann empfinden muss.

Meine sexuelle Orientierung ist keine Parteimitgliedschaft.

Kein Verbot ersetzt eine politische Antwort

Wer die AfD schwächen will, muss die Ursachen ihres Erfolgs angehen: Kontrollverlust bei der Migration, orthodox-islamische Parallelmilieus, islamistische Gewalt, wirtschaftliche Unsicherheit, politische Arroganz und das verbreitete Gefühl, dass bestimmte Probleme nicht mehr offen ausgesprochen werden dürfen.

Ein Parteiverbot beseitigt diese Ursachen nicht. Es würde Millionen Wähler nicht überzeugen, sondern ihnen bestätigen, dass das politische System ihre Stimme nicht mehr hören will.

Dasselbe gilt für gesellschaftliche Ächtung. Wer Menschen wegen ihrer Wahlentscheidung beschimpft, aus Freundeskreisen drängt oder beruflich ausschließt, verteidigt nicht die Demokratie. Er ersetzt den demokratischen Wettbewerb durch soziale Disziplinierung.

Die Antwort auf eine problematische Partei ist eine bessere Politik. Die Antwort auf eine falsche Aussage sind überprüfbare Fakten. Die Antwort auf Extremismus ist ein Rechtsstaat, der rechts, links und islamisch begründeten Autoritarismus mit demselben Maß misst.

Menschen mit einer Aufmerksamkeitsspanne von 160 Zeichen

Die Reaktionen auf meinen Artikel zeigen schließlich, wie wenig viele politische Aktivisten noch lesen.

Sie reagieren auf Schlüsselwörter statt auf Gedanken. „AfD“ löst den Faschismusvorwurf aus. „USA“ wird zu MAGA. Kritik am orthodoxen Islam wird zu Muslimfeindlichkeit. „Schwul und konservativ“ wird zu Fake oder Bot.

Aus dieser Kette automatischer Reflexe entsteht dann moralische Gewissheit. Die Kommentatoren halten sich für aufgeklärt, obwohl sie gegen Aussagen kämpfen, die im Artikel niemals standen.

Vielleicht ist das die bitterste Ironie der gesamten Debatte: Menschen, die mich für einen Bot erklären, antworten selbst wie schlecht programmierte Maschinen.

Ein Reizwort hinein, ein Etikett hinaus.

Meine Position bleibt deshalb unverändert: Ich werde die AfD in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht wählen. Ich lehne homophobe Stimmen in der Partei, Höckes autoritäres Weltbild und ihren prorussischen Flügel ab.

Ich lehne ebenso ein Parteiverbot und die Ausgrenzung ihrer Wähler ab.

Ich werde die Homophobie des orthodoxen Islam und islamistische Gewalt weiterhin benennen. Ich werde das Schweigen großer muslimischer Verbände nicht mit Toleranz verwechseln. Und ich werde linke Menschenfeindlichkeit nicht deshalb verharmlosen, weil sie sich „antifaschistisch“ nennt.

Freiheit gilt nicht nur für die richtige Meinung.

Sie beginnt dort, wo Menschen widersprechen dürfen, ohne zu Bots, Verrätern, Nazis oder zukünftigen Lagerinsassen erklärt zu werden.

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Geschrieben von

Paul Fisher
Paul Fisher
🌴 Ökonom & konservativer schwuler Freigeist, geprägt von Deutschland, den USA und Israel. Belebt den Geist der Vossischen neu: liberal, unabhängig, kritisch. Die Polit-Bubble ohne Filter. Fakten über Gefühle. Freiheit statt Denkverbote.
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