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Zeitgeschichte

Amin al-Husseini, das NS-Regime und die Kontinuitäten des Antizionismus

Die NS-Kollaboration des Großmuftis von Jerusalem, Amin al-Husseini, zeigt die historische Verflechtung von Antikolonialismus und Judenhass. Ein Blick auf seine Flucht ins Kairoer Asyl sowie die beunruhigenden Parallelen zum heutigen Antizionismus in Teilen der politischen Linken und des Islamismus.

Amin al-Husseini, das NS-Regime und die Kontinuitäten des Antizionismus
Amin al-Husseini: Der Großmufti, Hitler & der Antizionismus

Vom Antikolonialismus zum Allianzpakt

Die Historie des Nahostkonflikts ist geprägt von komplexen Allianzen, ideologischen Verflechtungen und tief sitzenden Feindbildern. Eine der folgenreichsten Episoden stellt die Zusammenarbeit zwischen Mohammad Amin al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, und dem nationalsozialistischen Deutschland während der 1930er- und 1940er-Jahre dar. Was als antikolonialer Befreiungskampf und Widerstand gegen die jüdische Einwanderung im britischen Mandatsgebiet Palästina begann, mündete in einer explizit antisemitischen Allianz mit dem NS-Regime.

Die Analyse dieser historischen Episode ist nicht nur für das Verständnis des Holocaust und der Mandatszeit von Bedeutung. Sie bietet auch wertvolle Einsichten in die Entstehung von Narrativen, Rhetoriken und ideologischen Allianzen, die bis in die Gegenwart nachwirken – etwa in Schnittmengen des heutigen Antizionismus und Antisemitismus in Teilen der politischen Linken sowie innerhalb islamisch geprägter Diskurse.


Der Aufstieg Amin al-Husseinis und die historischen Wurzeln

Amin al-Husseini entstammte einer der einflussreichsten Patrizierfamilien Jerusalems. 1921 von der britischen Mandatsmacht zum Großmufti von Jerusalem ernannt – eine Entscheidung, mit der die Briten hofften, die mächtige Familie in die Kolonialverwaltung einzubinden –, nutzte al-Husseini seine religiöse und administrative Macht zur Konsolidierung seiner politischen Position.

Als Präsident des Obersten Islamischen Rates verband er ab 1922 religiöse Autorität mit beträchtlichen finanziellen Mitteln. Sein zentrales politisches Ziel war die Verhinderung eines jüdischen Staates in Palästina und das Ende der britischen Mandatsherrschaft. Im Zuge des Großen Arabischen Aufstands (1936–1939) radikalisierte sich al-Husseinis Kurs zusehends. Er instrumentalisierte religiöse Symbole – wie die angebliche Bedrohung der Al-Aqsa-Moschee durch jüdische Einwanderer –, um die arabische Bevölkerung zu mobilisieren.


Die Allianz mit dem NS-Regime (1941–1945)

Nach seiner Flucht vor den Briten über den Libanon und den Irak gelangte al-Husseini Ende 1941 nach Berlin. Dort fand er im Nationalsozialismus einen ideologischen und strategischen Partner.

Motive und Ideologie

Die Allianz basierte auf einer klassischen Zweck- und Ideologieehe:

  • Anti-Imperialismus & Anti-Zionismus: Der gemeinsame Feind – das Britische Empire sowie die zionistische Bewegung – führte die Partner zusammen.
  • Ideologische Schnittmengen: Al-Husseini passte seine Rhetorik dem NS-Antisemitismus an und verband europäische, rassistische Verschwörungstheorien mit selektiven Motiven aus islamischen Quellentexten.

Historisch belegt ist das Treffen zwischen Adolf Hitler und al-Husseini am 28. November 1941 in Berlin. Laut dem offiziellen deutschen Protokoll erklärte al-Husseini:

„Die Araber seien die natürlichen Freunde Deutschlands, weil sie dieselben Feinde hätten wie Deutschland, nämlich die Engländer, die Juden und die Kommunisten.“
Quelle: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918–1945, Serie D, Bd. XIII.2, Doc. No. 515.

Hitler versicherte dem Mufti daraufhin mündlich, dass das deutsche Ziel die „Vernichtung des im arabischen Raum unter dem Schutz der englischen Macht lebenden Judentums“ sei, sobald die deutschen Truppen den Kaukasus erreichten.

Konkrete Kollaboration

Die Aktivitäten al-Husseinis in Berlin beschränkten sich keineswegs auf Symbolpolitik:

  1. Propaganda: Über den Kurzwellensender Radio Zeesen strahlte er tägliche Radioansprachen in die arabische Welt aus, in denen er zur Dschihad-Mobilisierung gegen die Alliierten und zur Vernichtung von Juden aufrief.
  2. Rekrutierung für die Waffen-SS: Er reiste auf den Balkan und unterstützte maßgeblich die Anwerbung bosnisch-muslimischer Freiwilliger für die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“.
  3. Intervention gegen Rettungsaktionen: Al-Husseini wandte sich in Briefen an die Außenminister von Ungarn, Rumänien und Bulgarien, um zu verhindern, dass jüdische Kinder im Rahmen von Austauschgeschäften nach Palästina ausreisen durften. Er forderte stattdessen deren Deportation nach Polen – wissend um das dortige Schicksal.

Historiker wie Jeffrey Herf (Nazi Propaganda for the Arab World, 2009) unterstreichen, dass al-Husseini zwar nicht der Urheber der „Endlösung“ war – die Entscheidung lag allein beim NS-Machtapparat –, jedoch als williger Gehilfe und Brandbeschleuniger des Antisemitismus im Nahen Osten fungierte.


Flucht, Asyl in Kairo und politischer Niedergang

Mit der Niederlage Deutschlands floh al-Husseini 1945 über die Schweiz nach Frankreich. Trotz Anträgen aus Großbritannien und Jugoslawien auf Auslieferung wegen Kriegsverbrechen ermöglichten ihm die französischen Behörden aus geopolitischer Rücksichtnahme eine verdeckte Ausreise.

1946 traf er in Kairo ein, wo ihm König Faruk I. politisches Asyl gewährte. In der arabischen Öffentlichkeit galt er vielen weiterhin als unverbrauchter Vorkämpfer gegen den Kolonialismus. Von Ägypten aus übernahm er erneut den Vorsitz des Arabischen Höheren Komitees und lehnte den UN-Teilungsplan von 1947 kompromisslos ab.

Der arabisch-israelische Krieg von 1948 markierte jedoch das Scheitern seiner politischen Lebenslinie. Die Niederlage der arabischen Staaten, die Gründung des Staates Israel und die Auflösung seiner geopolitischen Mächtebasis führten zu seiner schrittweisen Marginalisierung. Nach dem Machtwechsel in Ägypten durch Gamal Abdel Nasser 1952 passte das religiös-nationalistische Profil des Muftis nicht mehr zum neuen säkularen Panarabismus. Al-Husseini zog sich in den Libanon zurück, wo er 1974 isoliert und politisch weitgehend bedeutungslos starb.


Parallelen und Kontinuitäten im heutigen Diskurs

Die historischen Mechanismen der Allianz zwischen al-Husseini und dem NS-Regime bieten eine analytische Folie, um strukturelle Muster im heutigen Antizionismus und Antisemitismus zu untersuchen – insbesondere bei der Betrachtung von Teilen der politischen Linken und islamistisch geprägten Akteuren.

       [ Antikolonialer Impetus ]
                  │
     ┌────────────┴────────────┐
     ▼                         ▼
[Islamistischer Diskurs]  [Linker Antizionismus]
 (NS-Kollaboration /       (Anti-Imperialismus /
 Dschihad-Rhetorik)        Manichäisches Weltbild)
     │                         │
     └────────────┬────────────┘
                  ▼
   [Projektion: Israel als absolutes Übel]

Der islamisch-islamistische Diskurs

In Teilen der islamischen Welt und innerhalb islamistischer Bewegungen (wie der Hamas oder der Muslimbruderschaft) lassen sich rhetorische und ideologische Kontinuitäten feststellen:

  • Dämonisierung und Verschwörungsmythen: Die Verknüpfung von antijüdischen Textstellen mit modernen, europäischen Verschwörungstheorien (z. B. den gefälschten Protokollen der Weisen von Zion), die al-Husseini forcierte, gehört bis heute zum festen Repertoire islamistischer Charten und Propagandaschriften.
  • Existenzabsprache: Die Ablehnung jeglichen jüdischen Souveränitätsanspruchs im Nahen Osten wird oft nicht rein territorial, sondern als religiöse Pflicht artikuliert.

Der linke Antizionismus und die Hufeisen-Problematik

In Teilen der westlichen politischen Linken zeigt sich ein anders gelagertes, aber in seinen Auswirkungen oft anschlussfähiges Phänomen. Der primäre Bezugsrahmen ist hier nicht die Religion, sondern ein dogmatischer Anti-Imperialismus:

  • Manichäisches Weltbild: Die Welt wird strikt in „Unterdrücker“ (der Westen, Israel) und „Unterdrückte“ (der Globale Süden, Palästinenser) unterteilt. Innerhalb dieses Schemas wird Israel als „westlicher Kolonialposten“ gerahmt, während der antikoloniale Befreiungskampf pauschal romantisiert wird.
  • Kritikmuster und Doppelstandards: Kritiker wie der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel (Nationalsozialismus und Anti-Zionismus, 2008) weisen darauf hin, dass die Ausblendung der historischen NS-Verflechtungen der palästinensischen Nationalbewegung dazu führt, dass antisemitische Strukturen innerhalb antikonialer Bewegungen übersehen oder verharmlost werden.
  • Die Querfront der Narrative: Während die ideologischen Begründungen abweichen (religiös-völkisch vs. anti-imperialistisch), treffen sich radikale islamistische Gruppen und Teile der extremen Linken im Ergebnis: in der Abwertung des Staates Israel als Kollektivsubjekt des Judentums und der Relativierung oder Rechtfertigung von Gewalt gegen israelische Zivilisten.

Fazit

Die Historie um Amin al-Husseini zeigt eindrücklich, wie ein antikolonialer Diskurs durch die Allianz mit einer totalitären, antisemitischen Ideologie radikalisiert wurde. Al-Husseinis Erbe ist eine Warnung vor den Gefahren ideologischer Zweckbündnisse und der Instrumentalisierung von Hassnarrativen.

Die Analyse dieser historischen Kontinuitäten macht deutlich: Wo Kritik an israelischer Regierungspolitik die Grenze zur Existenzabsprache überschreitet und manichäische Täter-Opfer-Narrative antisemitische Ressentiments verdecken, wiederholen sich strukturelle Fehler der Vergangenheit – unabhängig davon, ob die Argumentation religiös, völkisch oder anti-imperialistisch gewandet ist.


Literatur- und Quellenverzeichnis

  • Herf, Jeffrey: Nazi Propaganda for the Arab World. Yale University Press, New Haven 2009.
  • Küntzel, Matthias: Satanische Versammlungen. Die Bedrohung durch den islamischen Antisemitismus. Mandelbaum Verlag, Wien 2008.
  • Mallmann, Klaus-Michael / Cüppers, Martin: Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina. WBG, Darmstadt 2006.
  • Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PA/AA): Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918–1945. Serie D, Band XIII.2: Die Kriegsjahre, Dokument Nr. 515 (Protokoll der Unterredung zwischen dem Führer und dem Großmufti von Jerusalem am 28. November 1941 in Berlin).
  • Rubin, Barry / Schwanitz, Wolfgang G.: Nazis, Islamists, and the Making of the Modern Middle East. Yale University Press, New Haven 2014.

Global Flows, Identity & Culture, Perspectives

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Geschrieben von

Adrian Kerr
Adrian Kerr
Adrian Kerr schreibt historische Kriminalromane im antiken Athen – der Wiege der Demokratie, Philosophie und politischen Intrigen. Seine Reihe _The Athenian Mystery_ verbindet klassische Spannung mit intellektueller Tiefe und historischer Präzision.
athenianmystery.substack.com
Bluesky

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