Bürgerlich-liberale Zeitung

Die „Generation Abschied“
Generation Abschied: Warum junge Deutsche auswandern wollen

Die „Generation Abschied“

Immer mehr junge Menschen planen den Abschied aus Deutschland. Hohe Mieten, psychischer Druck und unsichere Perspektiven lassen sie zweifeln, ob sich Leistung noch lohnt. Warum die Generation Z ihre Zukunft zunehmend im Ausland sieht – und was Deutschland ändern muss, damit sie bleibt.

„Danke für nichts“: Warum die Generation Z Deutschland jetzt den Rücken kehrt

tell dir vor, du machst alles richtig. Du bestehst dein Abitur, studierst oder beginnst eine Ausbildung, sammelst Praktika, lernst nebenbei noch eine dritte Software und beantwortest berufliche Nachrichten selbstverständlich nach Feierabend. Du arbeitest, sparst und versuchst, vernünftig zu planen. Trotzdem reicht eine unerwartete Zahnarztrechnung, eine Stromnachzahlung oder die nächste Mieterhöhung, um dein Konto ins Minus zu drücken.

Am Monatsende bleiben nach der Miete für ein zwölf Quadratmeter großes WG-Zimmer in Berlin, Hamburg oder München vielleicht 150 Euro übrig. Für Lebensmittel, Kleidung, Freizeit und all die kleinen Dinge, aus denen ein Leben besteht. Familiengründung? Eigentum? Altersvorsorge? Das klingt nicht nach einem konkreten Plan, sondern nach einer Werbeanzeige aus einer anderen Epoche.

Die bittere Wahrheit des Jahres 2026: Viele junge Menschen überlegen nicht mehr nur, ob sie für ein Semester ins Ausland gehen. Sie fragen sich, ob sie Deutschland dauerhaft verlassen sollten. Laut der Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ haben 21 Prozent der 14- bis 29-Jährigen konkrete Pläne, ins Ausland zu ziehen. 41 Prozent können sich diesen Schritt grundsätzlich vorstellen. Befragt wurden 2.012 junge Menschen. Aus einer diffusen Unzufriedenheit wird damit eine reale Abschiedsbewegung. Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“

Wenn sich Leistung nicht mehr lohnt

Der Vorwurf lautet schnell: Die Generation Z sei verwöhnt, faul und nicht belastbar. Sie wolle eine Viertagewoche, aber keine Verantwortung. Sie spreche über Work-Life-Balance, bevor sie überhaupt richtig gearbeitet habe.

Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Die Leistungsbereitschaft ist weiterhin hoch. Was schwindet, ist der Glaube, dass sich diese Leistung in Deutschland noch auszahlt. Junge Menschen lehnen Arbeit nicht ab. Sie lehnen einen Handel ab, bei dem sie immer mehr geben und immer weniger Sicherheit zurückbekommen.

Wer heute ins Berufsleben einsteigt, trifft auf befristete Verträge, hohe Abgaben, steigende Lebenshaltungskosten und einen Wohnungsmarkt, der selbst solide Einkommen verschlingt. Besonders deutlich zeigt sich die Schieflage bei Studierenden mit eigenem Haushalt: Sie gaben 2024 durchschnittlich 53 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aus. Ab einer Belastung von 40 Prozent gelten Haushalte bereits als überlastet. Statistisches Bundesamt

Das ist der Miet-Burnout: Du arbeitest nicht für deine Zukunft, sondern für das Recht, in einem überteuerten Zimmer zu schlafen. Während frühere Generationen mit einem durchschnittlichen Einkommen ein Haus finanzieren konnten, müssen viele Berufseinsteiger heute rechnen, ob sie sich den Restaurantbesuch am Wochenende leisten können.

Die psychische Mauer

Hinzu kommt ein Dauerzustand aus Krisen. Pandemie, Klimawandel, Kriege, Inflation, politische Polarisierung und die Angst, durch künstliche Intelligenz beruflich abgehängt zu werden: Die Generation Z ist mit der Erwartung aufgewachsen, dass nach jeder Krise bereits die nächste wartet.

29 Prozent der jungen Menschen sagen, psychologische Unterstützung zu benötigen – ein neuer Höchststand in der Trendstudie. Bei jungen Frauen liegt der Anteil bei 34 Prozent, bei Erwerbslosen sogar bei 42 Prozent. Fast die Hälfte fühlt sich über ein gesundes Maß hinaus gestresst. Gleichzeitig haben 23 Prozent der Befragten Schulden. Das ist keine Modeerscheinung und kein TikTok-Trend. Es ist eine Generation, die funktionieren soll, während ihr Zukunftsversprechen Stück für Stück zerfällt.

Man könnte diesen Zustand „Future Fatigue“ nennen: Zukunftsmüdigkeit. Nicht weil junge Menschen keine Träume mehr hätten, sondern weil jeder Traum zuerst durch einen Taschenrechner muss. Kann ich mir die Stadt leisten, in der es meinen Job gibt? Kann ich ein Kind bekommen, ohne finanziell abzustürzen? Wird meine Rente später noch reichen? Und warum soll ich jahrzehntelang in ein System einzahlen, das mir schon heute signalisiert, dass meine Ansprüche zu teuer sind?

Das Ausland als Upgrade

Wer nach Kopenhagen, Stockholm, Zürich oder in internationale Technologiezentren schaut, sieht kein Paradies. Auch dort sind Wohnungen teuer, Steuern hoch und Behörden nicht unfehlbar. Doch andere Länder vermitteln jungen Fachkräften häufiger das Gefühl, willkommen zu sein. Digitale Verwaltung, höhere Gehälter, moderne Arbeitskulturen oder verlässlichere Betreuungsangebote können den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Auswandern wird deshalb nicht als Abenteuer romantisiert, sondern als nüchterne Rechnung betrachtet. Wenn eine Softwareentwicklerin in Stockholm bessere Arbeitsbedingungen findet, ein Ingenieur in Zürich deutlich mehr verdient oder eine Pflegekraft in Skandinavien planbarere Dienste bekommt, dann ist der Abschied kein Verrat am Heimatland. Er ist eine rationale Entscheidung.

Natürlich können sich nicht alle diesen Schritt leisten. Wer Angehörige pflegt, wenig Geld hat oder stark in seiner Heimat verwurzelt ist, kann nicht einfach den Koffer packen. Gerade deshalb ist die Abwanderungsdebatte auch eine soziale Frage: Gehen können zuerst diejenigen, deren Ausbildung international gefragt ist. Zurück bleiben nicht die weniger Mutigen, sondern oft Menschen mit weniger Möglichkeiten.

Der Brain Drain beginnt im Kopf

Deutschland verliert seine jungen Talente nicht erst am Flughafen. Der Brain Drain beginnt in dem Moment, in dem ein Mensch innerlich kündigt. Wenn er nicht mehr gründet, keine Wohnung sucht, keine Familie plant und seine Zukunft gedanklich längst in ein anderes Land verlegt hat.

Das ist für eine alternde Gesellschaft besonders gefährlich. Deutschland braucht genau jene Menschen, die gerade über den Abschied nachdenken: Pflegekräfte, Handwerkerinnen, Ingenieure, Lehrkräfte, Ärztinnen, Gründer und Softwareentwicklerinnen. Sie sollen die digitale Transformation vorantreiben, den Fachkräftemangel ausgleichen und gleichzeitig ein zunehmend belastetes Sozial- und Rentensystem finanzieren.

Die Generationen gegeneinander auszuspielen, hilft dabei nicht. Nicht jeder ältere Mensch besitzt ein Eigenheim, und nicht jeder junge Mensch lebt prekär. Doch politische Entscheidungen verteilen Chancen. Wenn Rentenversprechen als unantastbar gelten, während Bildung, Infrastruktur und bezahlbarer Wohnraum vertagt werden, entsteht der Eindruck, dass Zukunft weniger zählt als Besitzstand.

Was Deutschland jetzt tun muss

Ein paar Imagekampagnen und kostenlose Obstkörbe werden dieses Problem nicht lösen. Junge Menschen brauchen bezahlbaren Wohnraum, schnellere Genehmigungen für Neubauten, weniger Bürokratie und eine spürbare Entlastung niedriger und mittlerer Berufseinkommen. Sie brauchen verlässliche Kinderbetreuung, moderne Schulen, digitale Behörden und einen Arbeitsmarkt, der Berufseinsteigern echte Chancen gibt.

Vor allem brauchen sie politische Mitsprache. Entscheidungen über Rente, Klima, Staatsverschuldung und Infrastruktur reichen Jahrzehnte in die Zukunft. Diejenigen, die am längsten mit ihren Folgen leben müssen, dürfen dabei nicht nur als Randgruppe behandelt werden.

Die „Generation Abschied“ ist noch nicht verloren. Viele junge Menschen wollen bleiben. Sie hängen an ihren Familien, ihren Freundschaften, ihrer Sprache und den Orten, an denen sie aufgewachsen sind. Aber Heimat allein bezahlt keine Miete und ersetzt keine Perspektive.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Warum sind junge Menschen Deutschland gegenüber so undankbar?

Sie lautet: Was muss Deutschland verändern, damit sie wieder bleiben wollen?

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Geschrieben von

Paul Fisher
Paul Fisher
Paul Fisher ist Ökonom, Journalist und konservativer schwuler Autor mit internationaler Perspektive. Er schreibt liberal, unabhängig und kritisch über Politik, Gesellschaft und Freiheit – faktenorientiert, pointiert und ohne Denkverbote.
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