Der Generalverdacht als Ersatz-Justiz – Wenn Journalismus zur Selbstgeißelung wird
„Wir alle sind das Problem“, tönt es von der Hamburger Alster. Ein Satz, der so kurz wie falsch ist – und der den Kern unseres Rechtsstaates sowie der journalistischen Integrität mit Füßen tritt.
Der Stern hat gesprochen. Oder besser gesagt: Er hat gebeichtet. In einem Akt medialer Selbstflagellation erklärt uns Redakteur Frederik Mittendorff, dass nicht etwa ein Gericht über die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen zu entscheiden habe, sondern das Geschlecht als Ganzes. „Wir alle sind das Problem“, tönt es von der Hamburger Alster. Ein Satz, der so kurz wie falsch ist – und der den Kern unseres Rechtsstaates sowie der journalistischen Integrität mit Füßen tritt.
Die Rückkehr der Sippenhaft
Was wir hier erleben, ist die totale Entgrenzung des individuellen Vorwurfs. Wenn Christian Ulmen Straftaten begangen hat, dann gehört er vor ein Gericht, nicht in die Hände eines moralisierenden Online-Mobs. Doch dem Stern reicht die juristische Aufarbeitung nicht. Man braucht das große Narrativ, die kollektive Schuld.
Indem Mittendorff „alle Männer“ zu einem Teil des „Monsters“ erklärt, betreibt er exakt das, was er vorgibt zu bekämpfen: die Entmenschlichung einer Gruppe aufgrund biologischer Merkmale. Es ist ein Rückfall in archaische Muster der Sippenhaft. Seit wann ist das Geschlecht eine kriminelle Vereinigung? Wer pauschal behauptet, die Hälfte der Bevölkerung sei „das Problem“, hat den Pfad der seriösen Analyse verlassen und sich im Sumpf der ideologischen Agitprop verirrt.
Die Unschuldsvermutung als „störendes Detail“
Besonders perfide ist die rhetorische Volte des Artikels: Zwar wird pro forma erwähnt, es gelte die „Unschuldsvermutung“, doch im nächsten Satz wird diese bereits durch den moralischen Totalangriff entwertet. Wenn „wir alle“ das Problem sind, spielt die individuelle Unschuld des Beschuldigten keine Rolle mehr. Er wird zum Symbol degradiert, an dem ein Exempel statuiert werden soll.
Diese mediale Massenhysterie folgt einem gefährlichen Muster:
- Der Vorwurf: Eine Seite erhebt schwere Anschuldigungen.
- Die Kollektivierung: Journalisten erklären den Fall zum Symptom einer „kranken Gesellschaft“ oder eines „toxischen Geschlechts“.
- Das Urteil: Die soziale Vernichtung findet statt, noch bevor die erste Akte bei der Staatsanwaltschaft liegt.
Wer zu allem „Ja“ sagt...
Man muss sich fragen, was einen Journalisten reitet, sich stellvertretend für Millionen Männer zu entschuldigen, die mit dem Fall Ulmen/Fernandes rein gar nichts zu tun haben. Es ist die Hybris des Haltungsjournalismus, der nicht mehr informieren, sondern umerziehen will.
Liberalität bedeutet, den Einzelnen nach seinen Taten zu beurteilen, nicht nach seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Wer „wir alle“ sagt, meint in Wahrheit niemanden – er entzieht dem Täter die individuelle Verantwortung und beschmutzt gleichzeitig die Unschuldigen.
Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, diese mediale Selbstgeißelung als „Fortschritt“ zu tarnen. Sie ist nichts anderes als geistiger Totalitarismus im Gewand der Empathie. Wer jeden Mann zum potenziellen Täter erklärt, zerstört das Vertrauen, auf dem eine freie Gesellschaft fußt.
Wir sind nicht „alle das Problem“. Das Problem sind Redaktionen, die den Rechtsstaat zugunsten einer Klick-trächtigen Empörungsspirale opfern.
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