Femizide im Schatten der Empörung: Reale Tote, virtuelle Proteste
Warum mobilisiert ein medial aufbereiteter Prominentenfall mit dünner Beweislage Massen — während die statistisch belegte, wöchentliche Tötung realer Frauen weitgehend schweigend hingenommen wird?
Während der Fall Collien Fernandes seit Tagen die Schlagzeilen dominiert — Solidaritätswellen, politische Debatten, massenhafte Proteste — passiert parallel etwas fast ohne öffentliches Echo: In der Schweiz wurden 2025 so viele Frauen getötet wie nie zuvor seit Beginn vergleichbarer Aufzeichnungen. 25 Femizide, fast die Hälfte aller Tötungsdelikte. In Deutschland starb 2024 alle zwei bis drei Tage eine Frau durch ihren Partner — 132 Fälle, dazu 135.713 Frauen Opfer von Partnerschaftsgewalt, ein neuer Höchststand. In Österreich: 29 Femizide, nach einem traurigen Rekord von 41 im Jahr 2018.
Die Vorwürfe von Fernandes sind bislang unbewiesen, der Begriff „virtuelle Vergewaltigung" kein fest definierter Straftatbestand. Das mindert nicht das Leid, das digitaler Identitätsmissbrauch verursachen kann. Aber es stellt eine unbequeme Frage: Warum mobilisiert ein medial aufbereiteter Prominentenfall mit dünner Beweislage Massen — während die statistisch belegte, wöchentliche Tötung realer Frauen weitgehend schweigend hingenommen wird?
Das Halbbild der Statistik
Noch unbequemer wird das Bild, wenn man fragt: Wer sind die Täter? Denn die Kriminalstatistiken aller drei Länder liefern hier systematisch nur ein Halbbild.
Erfasst wird allein die Staatsbürgerschaft — nicht Herkunftsland, Aufenthaltsdauer, Religionszugehörigkeit, und vor allem nicht der Migrationshintergrund eingebürgerter Täter. Wer also vor zehn Jahren aus Marokko oder der Türkei eingebürgert wurde und heute eine Frau tötet, erscheint in der Statistik als Inländer. Was das bedeutet: Die tatsächliche Überrepräsentation von Tätern mit Migrationshintergrund ist in den offiziellen Zahlen strukturell unsichtbar — in alle Richtungen.
Was die Statistik trotzdem zeigt: In der Schweiz stellen ausländische Staatsangehörige rund 39 Prozent der Täter, bei einem Bevölkerungsanteil von 25 Prozent. In Deutschland haben laut BKA etwa 32 Prozent der Tatverdächtigen keinen deutschen Pass. In Österreich fehlt eine vergleichbare Aufschlüsselung weitgehend.
Diese Zahlen werden sowohl von jenen missbraucht, die pauschal auf Migranten zeigen, als auch von jenen, die jeden Zusammenhang zwischen Herkunft und Gewalt leugnen. Beides ist falsch — und beides ist Folge derselben Datenlücke.
Was die Forschung tatsächlich weiß
Kriminologin Nora Markwalder von der Universität St. Gallen und Gewaltforscher Dirk Baier von der ZHAW sind sich in einem Punkt einig: Nationalität allein erkläre nichts. Das stärkste und über alle Tätergruppen hinweg stabilste Profilmerkmal ist ein patriarchales Kontrollverhalten — kombiniert mit Trennungsangst, Eifersucht und einem Männlichkeitsbild, das die Partnerin als Besitz begreift. In rund der Hälfte aller Fälle ist eine Trennung oder ein Trennungswunsch der unmittelbare Auslöser. Das gilt für Schweizer, Deutsche und Österreicher ebenso wie für Migranten.
Kulturelle Prägungen spielen eine Rolle — das ignorieren wäre unredlich. Aber sie erklären Gewalt nicht allein, und sie sind nicht messbar, solange die Statistik sie nicht erfasst.
Strukturelles Schweigen, selektive Empörung
Die fehlenden Daten sind keine technische Nachlässigkeit, sondern politische Entscheidung — begründet mit Datenschutz. Das Ergebnis: Wer differenzieren will, tappt im Dunkeln. Wer die Zahlen für pauschale Urteile missbrauchen will, findet Material — in beide Richtungen.
In der Schweiz hat der Nationalrat 2025 immerhin einer Machbarkeitsstudie zugestimmt, die prüfen soll, wie Femizide nach UN-Kriterien statistisch erfasst werden können. In Deutschland wird die elektronische Fußfessel für Gewalttäter ausgebaut. Österreich hat sein Opferschutzzentrum erweitert.
Es bleibt zu wenig. Solange 135.713 Frauen in Deutschland jährlich Partnerschaftsgewalt erleiden und die öffentliche Empörung sich lieber an ungeklärten Prominentenfällen entzündet als an belegten Todesfällen — solange ist Prävention nicht viel mehr als ein Wort in einer Pressemitteilung.
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