Gotthold Ephraim Lessing: Der freie Geist der Aufklärung
Doch kaum einer hat das Fundament unseres Blattes so tief erschüttert und zugleich gefestigt wie der Mann, den man in den Kaffeehäusern an der Spree nur ehrfürchtig „L.“ nannte. Gotthold Ephraim Lessing war kein bequemer Zeitgenosse, und sein Leben war alles andere als ein bürgerliches Idyll.
Berlin. Es gibt Namen, die untrennbar mit dem Geist dieser Stadt verbunden sind. Doch kaum einer hat das Fundament unseres Blattes so tief erschüttert und zugleich gefestigt wie der Mann, den man in den Kaffeehäusern an der Spree nur ehrfürchtig „L.“ nannte. Gotthold Ephraim Lessing war kein bequemer Zeitgenosse, und sein Leben war alles andere als ein bürgerliches Idyll.
Der „Gelehrte Tagelöhner“ in der Poststraße
Als Lessing 1751 fest für die Berlinische Privilirte Zeitung zu schreiben begann – jenes Blatt, das wir heute unter dem Namen unseres Verlegers Christian Friedrich Voss als die „Vossische“ kennen –, brach er mit einer Tradition. Er wollte kein Hofschranze sein. Sein Arbeitsplatz war nicht die warme Kanzlei, sondern der unruhige Tisch im Kaffeehaus.
Ein Redakteur seiner Klasse verdiente damals ein Honorar, das kaum zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig war. Für einen Druckbogen (16 Seiten) zahlte Voss etwa 2 bis 4 Taler. Zum Vergleich: Ein einfacher Handlanger in den Berliner Gassen musste eine ganze Woche schuften, um 2 Taler nach Hause zu bringen. Lessing lebte zwar über dem Existenzminimum, doch er kannte keine soziale Absicherung. Jeder freie Tag, jede Krankheit bedeutete sofortigen Einkommensverlust. Er war ein intellektueller Proletarier, der seine Gesundheit gegen Zeilenhonorare eintauschte.
Der „Human Touch“: Zwischen Spieltisch und Schreibpult
Wer war dieser Mann abseits der scharfen Polemik? Lessing war ein Mensch der Extreme. Er liebte das gesellige Leben, den Wein und – verhängnisvollerweise – das Glücksspiel (Pharo). Er brauchte den Lärm der Stadt, um die Stille seiner Gedanken zu füllen.
In der Berlinischen Privilirten Zeitung vom 4. Mai 1751 definierte er seine Rolle radikal neu:
„Der Rezensent soll nicht der Sklave des Buchhändlers sein, sondern der Advokat des Publikums.“
Dieser Satz war eine Kriegserklärung an die Gefälligkeitsberichte der Zeit. Lessing schrieb mit einer Brillanz und Härte, die ihm ebenso viele Feinde wie Bewunderer einbrachte. Doch hinter der Fassade des unnahbaren Kritikers verbarg sich ein Mann von tiefer Empathie, der Zeit seines Lebens Freunden Geld lieh, das er selbst nur geliehen hatte.
Warum der größte Geist verarmt gehen musste
Es ist die bittere Ironie der Geschichte, dass der Mann, der die deutsche Literatur emanzipierte, am Ende seines Lebens vor dem Ruin stand. Drei Schläge brachen ihm das Rückgrat:
- Das Hamburger Fiasko: Der Versuch, mit der „Hamburgischen Entreprise“ ein Nationaltheater zu gründen, endete in einer finanziellen Katastrophe. Lessing bürgte mit seinem Namen und verlor alles – sogar seine geliebte Privatbibliothek musste er versteigern.
- Das Jahr des Schreckens (1777/78): In Wolfenbüttel glaubte er, spät noch privates Glück zu finden. Doch seine Frau Eva König starb kurz nach der Geburt ihres Sohnes, der ebenfalls nur einen Tag lebte. Die Kosten für Ärzte, Apotheker und das Begräbnis stürzten ihn tief in die Verschuldung. „Ich bin zu alt, um mich noch einmal aufzuraffen“, schrieb er resigniert.
- Die Wolfenbütteler Isolation: Sein Gehalt als Bibliothekar betrug lediglich 600 Taler im Jahr. Für einen Mann, der für die Freiheit des Denkens lebte und zugleich die Lasten der Vergangenheit und seine Spielleidenschaft trug, war dies ein Tropfen auf den heißen Stein.
Als Lessing am 15. Februar 1781 in Braunschweig starb, hinterließ er der Welt den „Nathan“ und die Idee der Toleranz – seinen Erben jedoch hinterließ er nichts als unbezahlte Rechnungen. Wir bei der Vossischen gedenken heute nicht des verarmten Bibliothekars, sondern des freien Geistes, der uns lehrte, dass die Wahrheit nur in der ständigen Suche nach ihr zu finden ist.
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