Männer ohne Alibi

Ein Stein fliegt durch das Fenster, und Bodyguard Elias Klein rettet Kandidat Martin Falk. Doch der Angriff kommt aus dem eigenen Team – und zielt auf das Geheimnis zwischen zwei Männern, die sich nicht leisten können, einander zu begehren.

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Männer ohne Alibi
Männer ohne Alibi: Bodyguard des Kandidaten

Der Bodyguard des Kandidaten

Von Bianca Moreau

Neue Wochenend-Serie der Vossischen Digital:
Ab sofort erscheint jeden Samstag eine abgeschlossene Kurzgeschichte aus der Reihe „Männer ohne Alibi“ – romantisch, gefährlich, elegant, männlich. Geschichten über Männer, die zu viel verbergen, zu lange schweigen und genau dann die Kontrolle verlieren, wenn es um Liebe geht.


Der Stein kam um 21.14 Uhr.

Martin Falk stand im kleinen Saal des Bürgerhauses Charlottenburg, eine Hand am Rednerpult, die andere halb erhoben, als wolle er gerade jenen Satz sagen, der am nächsten Morgen auf allen politischen Nachrichtenseiten stehen würde.

Dann zerplatzte hinter ihm das Fenster.

Glas flog durch das warme Licht. Eine Frau schrie. Ein Mikrofon kippte um und heulte. Der Saal, eben noch gefüllt mit Kameras, Wahlkampfplakaten und erwartungsvollen Gesichtern, wurde in einer einzigen Sekunde zu einem Ort, an dem niemand mehr wusste, wohin mit den Händen, der Angst, dem eigenen Körper.

Martin sah nur Splitter.

Dann war Elias Klein bei ihm.

Nicht neben ihm.

Über ihm.

Eine Hand an Martins Schulter, eine am Nacken, hart genug, um keinen Widerspruch zuzulassen.

„Runter.“

Martin fiel nicht. Er wurde bewegt.

Elias drückte ihn hinter die schwere Seitenwand neben der Bühne, stellte sich vor ihn und hatte die rechte Hand bereits unter dem Jackett. Seine Augen suchten Fenster, Türen, Hände, Schatten. Kein Zögern. Keine Panik. Kein Blick zu den Kameras.

Martin Falk, vierzig Jahre alt, Spitzenkandidat, geschieden, Vater einer Tochter, Hoffnungsträger einer Partei, die seit Wochen so tat, als könne er ein ganzes Land neu erklären, dachte in diesem Moment nicht an die Wahl.

Er dachte nur: Elias ist schneller als meine Angst.

„Verletzt?“, fragte Elias.

„Nein.“

„Sicher?“

„Ich bin Politiker. Ich kann überzeugend lügen.“

Elias sah ihn an.

Nur kurz.

Aber kurz reichte.

Sein Blick blieb an Martins Wange hängen. Dann hob er die Hand und strich mit dem Daumen knapp unter Martins Auge entlang.

„Glas.“

Martin spürte den Schnitt erst jetzt.

„Schlimm?“

„Nein.“

„Dann schauen Sie nicht so.“

„Wie schaue ich?“

„Als wäre ich Ihr Problem.“

Elias zog die Hand zurück.

„Sie sind mein Problem.“

Draußen brüllte jemand nach dem Sicherheitsdienst. Stühle kratzten über den Boden. Journalisten riefen Martins Namen, als hätte er ihnen gerade eine persönliche Verpflichtung zur Verwertbarkeit unterschrieben.

Martin wusste, was jetzt von ihm erwartet wurde.

Zurück ans Pult. Blut an der Wange. Ernster Blick. Ein Satz über Demokratie. Ein Foto, das stark genug war für Google Discover, X, Facebook und die Abendnachrichten.

Elias wusste das auch.

Und ignorierte es.

„Wir gehen.“

„Ich muss ein Statement geben.“

„Nein.“

„Das ist eine Wahlkampfveranstaltung.“

„Das war ein Angriff.“

„Wenn ich jetzt gehe, sieht es aus, als hätte ich Angst.“

Elias trat einen halben Schritt näher.

„Sie haben Angst.“

Martin wollte widersprechen.

Er konnte nicht.

„Gut“, sagte Elias. „Dann leben Ihre Instinkte noch.“

Drei Minuten später saß Martin im Fond eines schwarzen Wagens.

Berlin zog nass und verschwommen an den Scheiben vorbei. Blaulicht zuckte über Häuserfassaden. Seine Pressesprecherin rief an. Sein Parteivorsitzender schrieb:

Sofort Video. Stark bleiben. Keine Opferrolle.

Martin legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Sitz.

Elias saß ihm gegenüber. Dunkler Anzug. Offenes weißes Hemd. Keine Krawatte. Rechte Hand in der Nähe des Holsters, obwohl der Wagen gepanzert war.

Er war seit zwölf Tagen Martins Personenschützer.

Zwölf Tage, seit die Drohungen begonnen hatten.

Die erste hatte morgens in seinem Büro gelegen:
Tritt zurück, oder wir holen dich aus dem Licht.

Die zweite klebte am Wagen seiner Tochter.

Die dritte kam als Foto. Martin auf einer Bühne. Ein roter Kreis um seinen Kopf.

Seitdem war Elias da.

Er ging zuerst durch Türen. Er stand in Ecken. Er prüfte Hotelzimmer, bevor Martin sie betreten durfte. Er sagte wenig. Er lächelte nie für Kameras. Er roch nach Kaffee, Leder und Regen.

Und jedes Mal, wenn er Martin ansah, hatte Martin das Gefühl, jemand käme zu nahe an eine Wahrheit, die er politisch nie überlebt hätte.

„Sie bluten noch“, sagte Elias.

Martin berührte seine Wange.

„Kaum.“

Elias nahm ein steriles Tuch aus der Tasche neben sich und beugte sich vor.

„Stillhalten.“

„Ich kann das selbst.“

„Das bezweifle ich.“

„Ich bin erwachsen.“

„Das behaupten viele Kandidaten.“

Martin wollte antworten, doch Elias tupfte bereits die Wunde ab.

Seine Finger waren kühl. Präzise. Unpersönlich.

Das machte es schlimmer.

Mit Flirt konnte Martin umgehen. Mit Begehren auch. Mit Männern, die etwas wollten, sowieso. Die Stadt war voll davon. Spender, Journalisten, Parteifreunde, Gegner. Alle wollten etwas von ihm.

Elias wollte nichts.

Oder er verbarg es so gut, dass Martin sich zum ersten Mal seit Jahren nicht sicher war, ob er die Lage kontrollierte.

„Fertig“, sagte Elias.

„Danke.“

„Gern.“

Das Wort klang bei ihm wie ein Dienstprotokoll.

Martin sah aus dem Fenster.

„Mögen Sie mich eigentlich nicht?“

Elias antwortete nicht sofort.

„Das ist für meinen Job nicht relevant.“

„Also nein.“

„Also irrelevant.“

„Feige Antwort.“

Elias’ Blick wurde kalt.

„Feige Männer stellen sich nicht vor Kandidaten, wenn Glas fliegt.“

Der Satz blieb zwischen ihnen stehen.

Martin senkte den Blick.

„Entschuldigung.“

„Angenommen.“

Mehr nicht.

Natürlich nicht.

Elias war ein Mann aus knappen Sätzen. Martin war ein Mann aus langen Reden.

Vielleicht war genau das das Problem.

Der Wagen bog nicht Richtung Parteizentrale ab.

„Wo fahren wir hin?“, fragte Martin.

„Sicheres Apartment.“

„Ich habe eine Wohnung.“

„Die Adresse kennen zu viele.“

„Ich habe ein Team.“

„Das redet zu viel.“

„Ich habe eine Kampagne.“

„Die überlebt eine Nacht ohne Sie.“

Martin lachte trocken.

„Sie überschätzen meine Partei.“

„Nein“, sagte Elias. „Ich unterschätze nur selten Täter.“

Das Apartment lag in einem grauen Haus nahe dem Tiergarten. Keine Lobby, keine Klingelschilder mit Namen, nur Kameras und ein Aufzug, der nach Metall roch.

Elias prüfte die Wohnung, bevor Martin hinein durfte.

Zwei Zimmer. Ein Schreibtisch. Ein Sofa. Ein Bett. Schwere Vorhänge. Keine Fotos. Keine Bücher. Keine Spuren eines Lebens.

„Sie schlafen hier“, sagte Elias.

„Und Sie?“

„Ich bleibe wach.“

„Das klingt ungesund.“

„Sie kandidieren für ein öffentliches Amt. Reden Sie nicht über ungesund.“

Martin stellte sein Jackett über einen Stuhl.

Er sah erst jetzt, dass der Ärmel zerrissen war.

„Der Stein war nicht das Ziel“, sagte Elias plötzlich.

Martin drehte sich um.

„Was?“

Elias stand am Fenster und sah hinunter auf die Straße.

„Er sollte Sie nicht treffen. Er sollte Sie bewegen.“

„Wohin?“

„Raus aus dem Saal. In einen Wagen. In ein Muster.“

Martin spürte, wie die Luft im Raum kälter wurde.

„Sie meinen, das war geplant?“

„Ja.“

„Von wem?“

Elias sah ihn an.

„Von jemandem, der Ihren Ablauf kennt.“

Martin schwieg.

Plötzlich dachte er an die Menschen, die seit Wochen um ihn herum waren. Fahrer. Berater. Parteifreunde. Techniker. Journalisten. Leute, die Kalender hatten, Schlüssel, Durchwahl, Zugang.

Und dann dachte er an die Drohung am Wagen seiner Tochter.

„Lea“, sagte er.

Elias nickte.

„Sie ist in Sicherheit. Ihre Ex-Frau auch.“

Martin atmete aus.

„Sie haben das veranlasst?“

„Vor zwei Stunden.“

„Ohne mich zu fragen?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil Sie nein gesagt hätten, um stark auszusehen.“

Martin hasste, dass es stimmte.

Er ging zum kleinen Tisch, schenkte sich Wasser ein und merkte, dass seine Hand zitterte.

Elias merkte es auch.

Natürlich merkte er es.

„Setzen Sie sich.“

„Bitte hören Sie auf, mir Befehle zu geben.“

„Dann hören Sie auf, gefährdet zu sein.“

Martin stellte das Glas ab.

„Sie wissen, dass Sie unausstehlich sind?“

„Es hilft.“

„Wobei?“

„Abstand.“

Das Wort war zu schnell da.

Zu ehrlich.

Martin sah ihn an.

Elias wandte sich wieder zum Fenster, aber der Moment war nicht mehr zu retten.

„Abstand wovon?“, fragte Martin leise.

„Von Fehlern.“

„Bin ich ein Fehler?“

„Sie sind ein Auftrag.“

„Das war nicht die Frage.“

Elias schwieg.

Draußen fuhr ein Wagen vorbei. Reifen zischten über nassen Asphalt.

Martin ging einen Schritt näher. Nicht genug, um Elias zu berühren. Genug, damit Elias es registrierte.

„Ich weiß, wie Menschen mich ansehen“, sagte Martin. „Ich weiß, wann sie mich hassen. Ich weiß, wann sie mich benutzen wollen. Ich weiß auch, wann sie versuchen, nichts zu zeigen.“

Elias drehte den Kopf.

„Dann wissen Sie, dass Sie jetzt aufhören sollten.“

„Warum?“

„Weil ich sonst meinen Job schlechter mache.“

Das war kein Geständnis.

Aber fast.

Martin hätte etwas Kluges sagen können. Etwas Leichtes. Einen Witz. Einen Fluchtweg.

Stattdessen sagte er:

„Und wenn ich nicht will, dass Sie Abstand halten?“

Elias sah ihn lange an.

Dann ging sein Blick zur Tür, zum Fenster, zum Flur. Professionell bis zur Selbstverleugnung. Erst danach blieb er bei Martin.

„Dann sind Sie dümmer, als Ihre Gegner behaupten.“

Martin lächelte kaum.

„Das ist möglich.“

Elias kam einen Schritt näher.

Nicht viel.

Genug.

„Morgen früh geben Sie ein Statement“, sagte er. „Kurz. Klar. Keine Märtyrerpose. Danach ändern wir Ihre Route, Ihr Team und Ihren Fahrer.“

„Und heute Nacht?“

„Heute Nacht bleiben Sie am Leben.“

„Sehr romantisch.“

„Das war nicht romantisch.“

„Nein“, sagte Martin. „Aber es war fast zärtlich.“

Elias atmete einmal langsam aus.

Zum ersten Mal sah er nicht aus wie ein Mann, der jede Lage kontrollierte. Zum ersten Mal sah Martin, was Disziplin kostete.

Dann vibrierte Elias’ Handy.

Er nahm ab, hörte zu, sagte kein Wort. Seine Miene veränderte sich nicht. Aber Martin wusste sofort, dass etwas passiert war.

„Was ist?“

Elias beendete das Gespräch.

„Der Fahrer des zweiten Wagens ist verschwunden.“

„Verschwunden?“

„Nicht erreichbar. Wohnung leer. Diensthandy aus.“

Martin spürte, wie sein Herz schneller schlug.

„War er es?“

Elias ging zur Tür und verriegelte sie zusätzlich.

„Vielleicht.“

„Und wenn nicht?“

Elias sah ihn an.

„Dann war er nur der Erste.“

In diesem Moment klopfte es.

Drei kurze Schläge.

Dann Stille.

Martin sah zur Tür.

Elias hob die Waffe.

„Erwarten Sie jemanden?“, fragte er.

Martin schüttelte den Kopf.

Draußen im Flur sagte eine Männerstimme:

„Herr Falk? Polizei.“

Elias bewegte sich nicht.

„Nicht öffnen“, flüsterte Martin.

Elias’ Blick blieb auf der Tür.

„Das hatte ich nicht vor.“

Wieder klopfte es.

Diesmal lauter.

Dann schob jemand einen weißen Umschlag unter der Tür hindurch.

Sauber. Ohne Absender.

Elias wartete drei Sekunden, dann hob er ihn mit zwei Fingern auf. Er öffnete den Umschlag und zog ein Foto heraus.

Es zeigte Martin und Elias im Wagen.

Aufgenommen vor weniger als einer Stunde.

Darunter stand nur ein Satz:

Jetzt wissen wir, wen du wirklich schützt.

Martin sah Elias an.

Und zum ersten Mal in dieser Nacht wirkte Elias Klein nicht wütend.

Sondern getroffen.

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