Mohamed Hisham: Ein schwuler Ex-Muslim widersetzt sich dem religiösen Zwang
Mohamed Hisham bekannte sich im ägyptischen Fernsehen zum Atheismus – und bezahlte mit Verfolgung und Flucht. Der Beitrag zeigt, wie der schwule Ex-Muslim religiösem Zwang und Homophobie widerstand, weshalb er in Deutschland bedroht wurde und warum sein Mut heute hohe Anerkennung verdient.
Mohamed Hisham bekannte sich im ägyptischen Fernsehen öffentlich zum Atheismus. Damit setzte er seine Sicherheit, seine gesellschaftliche Existenz und schließlich auch sein Leben aufs Spiel. Als homosexueller beziehungsweise bisexueller Mann brach er gleich zwei Tabus: Er wandte sich vom Islam ab und weigerte sich, seine Liebe zu Männern weiterhin zu verleugnen. Seine Flucht nach Deutschland brachte ihm Schutz – aber nicht sofort die erhoffte Freiheit.
Ein Atheist wird eingeladen – und darf nicht sprechen
Am 11. Februar 2018 sitzt Mohamed Hisham in einem ägyptischen Fernsehstudio. Ihm gegenüber befinden sich ein Moderator und der islamische Geistliche Mahmoud Ashour, ein ehemaliger Funktionär der angesehenen Al-Azhar-Institution. Das angekündigte Thema lautet Atheismus. Man könnte daher erwarten, dass Hisham eingeladen wurde, um seine atheistische Position zu erklären.
Doch eine ernsthafte Diskussion findet nicht statt.
Hisham sagt ruhig, es gebe aus seiner Sicht keine wissenschaftlichen Beweise für die Existenz Gottes. Als er versucht, über die Entstehung des Universums und die Urknalltheorie zu sprechen, wird er wiederholt unterbrochen. Der Geistliche behandelt seine Zweifel nicht als legitime weltanschauliche Position, sondern empfiehlt ihm eine psychiatrische Behandlung. Der Moderator verweist Hisham schließlich des Studios.
Dabei hatte dieser einen einfachen, für jede freie Gesellschaft grundlegenden Gedanken formuliert:
„Ich brauche keine Religion, um moralische Werte zu haben.“
Die Szene verbreitete sich international. Für viele Zuschauer im Westen war sie ein besonders drastisches Beispiel für religiöse Intoleranz. Für Hisham selbst war sie weit mehr als ein viraler Fernsehmoment. Nach Angaben von Humanists International erhielt er Drohungen, wurde gesellschaftlich geächtet und musste schließlich seine Heimat verlassen.
Der entscheidende Skandal besteht nicht darin, dass ein Fernsehmoderator unhöflich mit seinem Gast umging. Er besteht darin, dass ein Mensch allein durch das öffentliche Bekenntnis zum Nichtglauben seine Sicherheit verlieren konnte.
Vom gläubigen Umfeld zum offenen Atheisten
Mohamed Hisham wuchs in Kairo auf. Er studierte Elektrotechnik und schloss später in Deutschland ein Masterstudium ab. Seine Abwendung vom Islam beruhte nach eigener Darstellung nicht auf einem spontanen Protest und auch nicht auf mangelnder Bildung. Er hatte sich intensiv mit den islamischen Schriften, mit der Biografie Mohammeds und mit naturwissenschaftlichen Erklärungen zur Entstehung des Lebens und des Universums beschäftigt.
Je mehr er las, desto weniger konnte er die religiösen Überlieferungen mit seinem Wissen und seinem Gewissen vereinbaren. Er gelangte schließlich zu der Überzeugung, dass er nicht mehr an Allah, an Mohammed als Propheten oder an den Koran als göttliche Offenbarung glauben könne.
Dieser Prozess wird in westlichen Debatten häufig unterschätzt. Menschen, die sich vom Christentum abwenden, müssen in Deutschland oder den Vereinigten Staaten normalerweise weder um ihr Leben fürchten noch ihre Heimat verlassen. Der Kirchenaustritt ist eine Verwaltungsangelegenheit. Die innere Abkehr benötigt überhaupt keine staatliche Genehmigung.
Für einen Ex-Muslim aus einem konservativ-islamischen Umfeld kann derselbe Schritt dagegen den Verlust der Familie, der Arbeit, der Wohnung und des gesamten sozialen Umfelds bedeuten. Hinzu kommen mögliche staatliche Ermittlungen wegen angeblicher Gotteslästerung oder „Verachtung der Religion“.
Ein Mann, der Männer liebt
Hishams Konflikt mit dem Islam hatte außerdem eine sehr persönliche Seite. Er fühlte sich zu Männern hingezogen. Humanists International beschreibt ihn als schwul; in einem späteren deutschen Interview bezeichnete er sich selbst als bisexuell. Journalistisch sauber ist deshalb die Feststellung, dass Hisham homosexuelle Gefühle und Beziehungen als Teil seiner persönlichen Wirklichkeit anerkennt.
Über seine damalige Lage sagte er:
„Meine sexuelle Orientierung machte meine Religion für mich schmerzhaft.“
Diese Aussage benötigt keine komplizierte Gendertheorie. Mohamed Hisham ist ein Mann, der Männer liebt. Genau diese sexuelle Wirklichkeit musste er verbergen. Das Problem war nicht sein Körper und auch nicht ein angeblich falsches Geschlecht. Das Problem war eine religiös und gesellschaftlich begründete Feindseligkeit gegenüber der Liebe zwischen zwei Männern.
Ich schreibe bewusst von Homosexualität und Bisexualität. Die Lebenswirklichkeit schwuler Männer, lesbischer Frauen und bisexueller Menschen ist konkret. Sie beruht auf der sexuellen Anziehung zum gleichen oder zu beiden Geschlechtern. Ihre Geschichte sollte nicht hinter ständig wechselnden Sammelbegriffen, politischen Modewörtern oder abstrakten Identitätskategorien verschwinden.
Hisham brauchte keine neue sprachliche Identität. Er brauchte das Recht, als Mann einen Mann lieben zu dürfen.
Das öffentliche Bekenntnis als „Selbstmordmission“
Hisham wusste vor seinem Fernsehauftritt, welches Risiko er einging. Gegenüber Humanists International erklärte er später, er habe zunächst gehofft, ein anderer Atheist würde sich für die Sendung melden. Doch niemand sei bereit gewesen.
Seine Begründung war erschreckend deutlich:
„Es ist wie eine Selbstmordmission.“
Hisham rechnete mit dem Verlust seiner Familie und seiner Arbeitsstelle. Er hielt körperliche Angriffe, rechtliche Konsequenzen und ein mögliches Ausreiseverbot für wahrscheinlich. Trotzdem nahm er an der Sendung teil.
Sein Ziel war nach eigener Aussage, den Atheismus zu normalisieren. Er wollte niemanden zwingen, den Islam aufzugeben. Er verlangte lediglich das Recht, öffentlich sagen zu dürfen, dass er selbst nicht glaubt.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Religionskritik und religiösem Zwang. Religionskritik stellt Behauptungen infrage. Religiöser Zwang bedroht Menschen, die diese Behauptungen nicht akzeptieren. Wer beides gleichsetzt, verkennt das Wesen einer freien Gesellschaft.
Staatliche und gesellschaftliche Verfolgung in Ägypten
Hishams Erfahrung war kein isolierter Konflikt zwischen einem Atheisten und einem Fernsehmoderator. Der Jahresbericht 2019 von Human Rights Watch dokumentierte, dass die ägyptischen Behörden neben politischen Kritikern auch homosexuelle Aktivisten und tatsächliche oder vermeintliche Atheisten verfolgten.
Im Jahr 2017 wurde im ägyptischen Parlament sogar ein Gesetzentwurf zur ausdrücklichen Kriminalisierung des Atheismus angekündigt. Der Bericht der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit hielt fest, dass ägyptische Vertreter Atheisten teilweise mit Terroristen gleichsetzten.
Diese Gleichsetzung verdreht die tatsächlichen Verhältnisse. Ein Atheist beansprucht für sich das Recht, nicht zu glauben. Ein Islamist beansprucht dagegen politische und gesellschaftliche Macht für seine religiösen Regeln. Der eine möchte von einer Glaubensvorschrift freigelassen werden; der andere will sie durchsetzen.
Auch homosexuelle Männer leben in Ägypten unter erheblichem Druck. Homosexualität ist dort nicht unter einem ausdrücklich so bezeichneten Straftatbestand verboten. Die Behörden greifen jedoch auf Vorschriften über „Ausschweifung“, „Unsittlichkeit“ oder die Verletzung der öffentlichen Moral zurück.
Nach einem Konzert der libanesischen Band Mashrou’ Leila im September 2017 wurden Regenbogenfahnen gezeigt. Daraufhin begann eine massive Verfolgungswelle. Laut Amnesty International wurden mindestens 75 Menschen festgenommen. Sicherheitskräfte sollen Männer unter anderem über Dating-Apps in fingierte Verabredungen gelockt haben.
Hisham war deshalb zweifach gefährdet: als öffentlich erkennbarer Atheist und als Mann, der Männer liebt.
Die lange Flucht nach Deutschland
Nach seinem Fernsehauftritt konnte Hisham Ägypten nicht auf direktem Weg verlassen. Seine Flucht führte ihn über mehrere Stationen in Asien und Südamerika. Internationale Unterstützer sammelten Geld, um seine Ausreise zu ermöglichen. Im Mai 2019 erreichte er Deutschland.
Er glaubte zunächst, nun im „Land der Freiheit“ angekommen zu sein. Doch seine ersten Erfahrungen in deutschen Flüchtlingsunterkünften widersprachen dieser Hoffnung.
Hisham erzählte anderen Bewohnern, weshalb er Ägypten verlassen hatte. Nach seiner Darstellung wurde er daraufhin verbal bedroht und körperlich angegriffen. Gegenüber Humanists International sagte er:
„Ich habe körperliche und verbale Belästigung erlebt.“
In einem Interview mit Cicero berichtete er 2024 ausführlicher über seine Erfahrungen. Bewohner hätten ihn bedroht, weil er nicht an Allah glaube. Die psychische Belastung sei zeitweise so groß gewesen, dass er über Selbstmord nachgedacht habe.
Seine Aussagen sind persönliche Schilderungen. Sie beweisen nicht, dass sämtliche muslimischen Flüchtlinge Atheisten oder homosexuelle Männer bedrohen. Sie sind aber ernst zu nehmende Zeugenaussagen über konkrete Missstände.
Deutschland hat die Pflicht, religiös verfolgte Menschen nicht nur an der Staatsgrenze aufzunehmen. Der Staat muss ihnen auch innerhalb einer Unterkunft Schutz gewähren. Ein Ex-Muslim darf nicht gezwungen sein, erneut seinen Nichtglauben zu verbergen, nur weil Behörden religiöse Konflikte innerhalb einer Einrichtung nicht wahrhaben wollen.
Der blinde Fleck der deutschen Debatte
In Deutschland gibt es zwei politische Lager, die Hishams Geschichte jeweils nur teilweise wahrnehmen.
Ein Teil der politischen Rechten spricht offen über islamische Homophobie.
Teile der politischen Linken wiederum sprechen ausführlich über Diskriminierung von Muslimen, reagieren aber auffallend zurückhaltend, wenn Ex-Muslime, schwule Männer oder lesbische Frauen von religiös begründeten Drohungen berichten. Kritik am Islam wird vorschnell als Feindseligkeit gegenüber Muslimen behandelt. Die Betroffenen erleben dadurch eine zweite Form des Schweigens.
Wenn Homosexuelle politisch vereinnahmt werden
Auch die westliche Bewegung für sexuelle Minderheiten hat sich verändert. Der ursprüngliche Kampf schwuler Männer und lesbischer Frauen richtete sich gegen Strafverfolgung, gesellschaftliche Ächtung, Berufsverbote und die Verweigerung gleicher Rechte. Es ging um die schlichte Erkenntnis, dass ein Mann einen Mann und eine Frau eine Frau lieben kann.
Heute werden Schwule, Lesben und Bisexuelle häufig in immer größere politische Bündnisse und Sammelidentitäten eingeordnet. Wer einzelne Bestandteile dieser Politik kritisiert, wird nicht selten behandelt, als wende er sich gegen Homosexuelle selbst.
Diese Vereinnahmung lehne ich ab.
Schwule Männer müssen keine bestimmte linke, rechte oder „woke“ Weltanschauung vertreten. Sie dürfen konservativ sein. Sie dürfen Religion kritisieren. Sie dürfen die biologische Realität der beiden Geschlechter benennen. Und sie dürfen darauf bestehen, dass ihre Homosexualität keine abstrakte Identität, sondern eine gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung ist.
Gerade Hishams Geschichte zeigt, warum diese Klarheit wichtig ist. Er wurde nicht verfolgt, weil er das falsche politische Vokabular verwendete. Er wurde verfolgt, weil er den Islam verließ und als Mann Männer begehrt.
Die Verfolgung dauert an
Der Fall Hisham gehört keineswegs nur der Vergangenheit an. Im Januar 2026 berichtete Amnesty International, dass Ägypten sein Vorgehen gegen Menschen verschärft habe, die im Internet über Religion diskutierten.
Innerhalb von etwa sechs Monaten seien mindestens 29 Personen festgenommen worden. Betroffen waren unter anderem Menschen, die atheistische und agnostische Auffassungen diskutierten oder verbreitete religiöse Überzeugungen kritisierten. Amnesty dokumentierte Berichte über erzwungenes Verschwindenlassen, Misshandlungen und verweigerten Zugang zu selbst gewählten Anwälten.
Mindestens 23 Menschen befanden sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen gehörten angebliche „Verachtung der Religionen“, die Verbreitung falscher Nachrichten und die Gefährdung der nationalen Einheit.
Was Hisham 2018 widerfuhr, war somit kein historischer Ausnahmefall. Die Unterdrückung des Nichtglaubens wird mit modernen Mitteln fortgesetzt. Soziale Netzwerke eröffnen Ex-Muslimen neue Möglichkeiten, ihre Gedanken zu veröffentlichen. Dieselben Netzwerke erleichtern jedoch ihre Überwachung, Identifizierung und Verfolgung.
Warum Mohamed Hisham geehrt werden sollte
Mohamed Hisham ist kein Heiliger und sollte auch nicht zu einem solchen gemacht werden. Eine demokratische Erinnerungskultur benötigt keine fehlerlosen Menschen. Sie benötigt Persönlichkeiten, deren Entscheidungen einen grundlegenden Wert sichtbar machen.
Hisham setzte seine Sicherheit aufs Spiel, um öffentlich drei Dinge sagen zu können: Ich glaube nicht an Allah. Ich erkenne Mohammed nicht als Propheten an. Und ich werde meine Liebe zu Männern nicht länger als Krankheit oder moralischen Makel behandeln.
Er steht damit für vier untrennbare Freiheiten:
- die Freiheit, eine Religion anzunehmen und auszuüben,
- die Freiheit, diese Religion zu kritisieren,
- die Freiheit, sie wieder zu verlassen,
- und die Freiheit, als Mann einen Mann zu lieben.
Eine Ehrung darf nicht als pauschale Kampfansage an Muslime verstanden werden. Ihr Gegenstand wären nicht Herkunft oder Abstammung, sondern religiöser Zwang, politische Unterdrückung und Homophobie.
Eine mögliche Widmung könnte lauten:
„Für Mohamed Hisham – der sich vom Islam abwandte, dem religiösen Zwang widersprach und für das Recht einstand, als Mann einen Mann zu lieben.“
Seine Geschichte erinnert uns an einen oft vergessenen Teil der Religionsfreiheit. Dieses Grundrecht schützt nicht nur den Gläubigen beim Betreten seines Gotteshauses. Es schützt ebenso den Zweifler, der es verlässt.
Über den Autor
Paul Fisher, geboren in den späten 1990er-Jahren, ist Ökonom, Publizist und konservativer schwuler Freigeist. Aufgewachsen und ausgebildet in Deutschland und den Vereinigten Staaten, wurde sein Blick auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusätzlich durch seine Zeit in Israel geprägt.
Miami Heat trifft kalte Fiskal-Wahrheit. 🌴 Fisher betrachtet die politische Blase ohne Filter und folgt dem Grundsatz: Fakten über Gefühle.
Als Autor der neuen „Vossischen“ will er den Geist des historischen Liberalismus ins 21. Jahrhundert übertragen: unabhängig im Urteil, kritisch gegenüber Macht und keiner politischen Seite verpflichtet. Er verteidigt Meinungsfreiheit, wirtschaftliche Vernunft und das Recht, Religionen und Ideologien ohne Denkverbote zu hinterfragen.
Fisher ist ein konservativer schwuler Mann. Für ihn bedeutet Homosexualität eine konkrete und unmissverständliche Wirklichkeit: Ein Mann liebt einen Mann. Er wendet sich gegen Homophobie und religiösen Zwang, lehnt aber ebenso die parteipolitische und identitätspolitische Vereinnahmung schwuler Männer, lesbischer Frauen und bisexueller Menschen ab. Homosexuelle Bürger benötigen aus seiner Sicht weder eine vorgeschriebene Weltanschauung noch eine immer weiter ausgedehnte Gender-Terminologie, um ihre Freiheit und gleichen Rechte zu verteidigen.
Sein publizistischer Anspruch lautet: hart in der Sache, unabhängig im Denken und fair gegenüber dem Einzelnen. Nicht Herkunft oder persönliche Identität entscheiden über die Bewertung eines Arguments, sondern überprüfbare Tatsachen, individuelle Freiheit und die Grundsätze einer offenen Gesellschaft.
Liberal. Unabhängig. Kritisch. Die Polit-Bubble ohne Filter unter der Lupe – Fakten über Gefühle für das 21. Jahrhundert.
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