Ukrainekrieg: Wächst die Kriegsmüdigkeit in Deutschland wirklich?
Die Debatte über Waffenlieferungen spaltet Deutschland. Während Milliarden für die Ukraine bereitstehen, wächst der Ruf nach Verhandlungen. Doch Umfragen zeigen kein einfaches Ja oder Nein. Zahlen, Fakten und Hintergründe erklären, wie tief die Kriegsmüdigkeit wirklich reicht. Was folgt daraus also?
Mehr Waffen oder endlich verhandeln? Der Ukrainekrieg stellt Deutschland vor eine Zerreißprobe. Während die Bundesregierung Milliarden für Kiew bereitstellt, werden die Forderungen nach einem diplomatischen Ausweg lauter. Doch wer von wachsender Kriegsmüdigkeit spricht, übersieht einen entscheidenden Widerspruch in den Umfragen.
Mehr als vier Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion ist der Ukrainekrieg für Deutschland längst mehr als ein außenpolitischer Konflikt. Er berührt den Bundeshaushalt, die Sicherheit Europas, die Zukunft der NATO und die Frage, welche Verantwortung Deutschland gegenüber einem angegriffenen Staat trägt.
Gleichzeitig scheint die Aufmerksamkeit vieler Menschen nachzulassen. Steigende Verteidigungsausgaben, wirtschaftliche Sorgen und die Angst vor einer direkten Konfrontation mit Russland nähren den Wunsch nach einem schnellen Ende des Krieges. Begriffe wie „Kriegsmüdigkeit“ und „Friedensverhandlungen“ bestimmen deshalb zunehmend die politische Auseinandersetzung.
Aber wollen die Deutschen tatsächlich keine Waffenlieferungen mehr? Die ehrliche Antwort lautet: Das Meinungsbild ist gespalten – und es hängt stark davon ab, wie die Frage gestellt wird.
Ukrainekrieg und Deutschland: Die Umfragen widersprechen sich
Eine Ipsos-Umfrage vom Januar 2025 lieferte ein deutliches Signal: 48 Prozent der Befragten erklärten, Deutschland solle keine weiteren Waffen an die Ukraine liefern. Lediglich 38 Prozent wollten die Lieferungen fortsetzen; 14 Prozent hatten keine klare Meinung.
Dabei zeigte sich ein ausgeprägter Ost-West-Unterschied. In Ostdeutschland lehnten 60 Prozent weitere Waffenlieferungen ab, während 31 Prozent dafür waren. Im Westen lagen Gegner und Befürworter mit 45 beziehungsweise 40 Prozent wesentlich näher beieinander.
Auch die Parteipräferenz spielte eine große Rolle. Unter den Anhängern der Grünen unterstützten 74 Prozent weitere Lieferungen, bei der SPD waren es 64 Prozent. Dagegen lehnten 88 Prozent der AfD-Anhänger und 90 Prozent der damaligen BSW-Anhänger weitere Rüstungsexporte ab. Befragt wurden 1.000 Wahlberechtigte im Alter von 18 bis 75 Jahren. Die Erhebung fand vom 2. bis 4. Januar 2025 statt. Quelle: Ipsos
Nur wenige Wochen später kam eine repräsentative Untersuchung der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF jedoch zu einem scheinbar gegenteiligen Ergebnis: 67 Prozent standen grundsätzlich hinter der militärischen Unterstützung der Ukraine. Davon wollten 40 Prozent den bisherigen Umfang beibehalten, 27 Prozent forderten sogar mehr Unterstützung. Weitere 27 Prozent sprachen sich für weniger Waffenlieferungen aus.
Im Westen unterstützten insgesamt 70 Prozent eine gleichbleibende oder stärkere Militärhilfe. Im Osten waren es immerhin 53 Prozent. Grundlage waren 1.428 Interviews vom 27. bis 29. Januar 2025. Quelle: ZDF/Forschungsgruppe Wahlen
Warum liefern Umfragen so unterschiedliche Ergebnisse?
Der Gegensatz zeigt, wie vorsichtig Zahlen zur Kriegsmüdigkeit interpretiert werden müssen. Ipsos stellte eine binäre Frage: Soll Deutschland weiterhin Waffen liefern – ja oder nein? Die ZDF-Erhebung ließ dagegen zwischen mehr, gleich viel oder weniger Unterstützung wählen.
„Weniger Waffen“ ist nicht automatisch dasselbe wie „gar keine Waffen“. Ebenso bedeutet der Wunsch nach Verhandlungen nicht zwangsläufig, die Ukraine zur Aufgabe oder zum Verzicht auf Gebiete zwingen zu wollen.
Die Stimmung in Deutschland lässt sich deshalb nicht auf ein schlichtes Pro oder Contra reduzieren. Viele Bürger befürworten offenbar weiterhin die grundsätzliche Unterstützung der Ukraine, wünschen sich aber gleichzeitig stärkere diplomatische Anstrengungen, klare Grenzen für bestimmte Waffensysteme oder eine nachvollziehbarere Strategie.
Taurus wird zum Symbol der deutschen Friedensdebatte
Besonders sichtbar wurde die Skepsis in der Diskussion über den Taurus-Marschflugkörper. Das System besitzt eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern und könnte Ziele weit hinter der Front treffen.
Im ARD-DeutschlandTrend vom November 2024 lehnten 61 Prozent der Befragten eine Taurus-Lieferung ab. Nur 30 Prozent sprachen sich dafür aus: 27 Prozent hätten auch einen Einsatz gegen Ziele auf russischem Staatsgebiet erlaubt, weitere drei Prozent nur eine Lieferung ohne diese Erlaubnis unterstützt.
In Ostdeutschland lag die Ablehnung bei 76 Prozent, im Westen bei 56 Prozent. Befragt wurden 1.318 Wahlberechtigte. Quelle: WDR/Infratest dimap
Die Taurus-Debatte steht exemplarisch für das deutsche Dilemma. Befürworter argumentieren, die Ukraine müsse russische Kommandozentren, Munitionslager und militärische Infrastruktur auf größere Entfernung bekämpfen können. Gegner warnen vor einer Eskalation, einer weiteren Entleerung deutscher Bestände und dem Risiko, dass Deutschland tiefer in den Krieg hineingezogen werden könnte.
Gerade deshalb ist die Ablehnung eines einzelnen Systems kein belastbarer Beweis für eine generelle Abkehr von der Ukraine.
Wie viel Unterstützung leistet Deutschland tatsächlich?
Die Größenordnung der deutschen Hilfe wird in der öffentlichen Debatte häufig missverständlich dargestellt. Ein Grund dafür ist, dass verschiedene Quellen unterschiedliche Zeiträume und Berechnungsmethoden verwenden. Zudem muss zwischen bereits geleisteten Zahlungen, ausgeliefertem Material und Mitteln unterschieden werden, die erst für kommende Jahre zugesagt wurden.
Nach einer Übersicht der Bundesregierung hatte Deutschland bis zum 30. September 2025 rund 36 Milliarden Euro zivile Unterstützung geleistet. Hinzu kamen rund 40 Milliarden Euro militärische Hilfe, die entweder bereits erbracht oder für die folgenden Jahre bereitgestellt worden war.
Zur militärischen Summe gehören nicht nur Waffen. Eingerechnet werden unter anderem:
- Abgaben aus Beständen der Bundeswehr,
- Bestellungen bei der Rüstungsindustrie,
- Munition und Ersatzteile,
- Ausbildung ukrainischer Soldaten,
- Logistik und langfristiger Fähigkeitsaufbau.
Bis September 2025 waren nach Angaben der Bundesregierung außerdem rund 22.000 ukrainische Soldatinnen und Soldaten in Deutschland ausgebildet worden. Quelle: Bundesregierung, Unterstützungsübersicht
Eine frühere Antwort der Bundesregierung an den Bundestag bezifferte die bis Ende März 2025 erfasste bilaterale Unterstützung auf knapp 48 Milliarden Euro. Davon entfielen 15,6 Milliarden Euro auf militärische Leistungen. Die Differenz zu später genannten Beträgen erklärt sich insbesondere durch den Stichtag sowie dadurch, dass spätere Übersichten auch für Folgejahre bereitgestellte Mittel einbeziehen. Quelle: Deutscher Bundestag
Für 2026 stockte die Bundesregierung die militärische Ukraine-Unterstützung nach eigener Aussage auf 11,5 Milliarden Euro auf. Schwerpunkte sind Luftverteidigung, Drohnen, Artillerie und Munition. Angekündigt wurden unter anderem weitere IRIS-T-Systeme und Lenkflugkörper, Ersatzteile für Patriot-Systeme sowie Gepard-Munition. Quelle: Bundesregierung, Regierungspressekonferenz vom 21. Januar 2026
Europa übernimmt immer mehr Verantwortung
Die Debatte über deutsche Waffenlieferungen findet inzwischen unter veränderten internationalen Bedingungen statt. Nach Angaben des Kiel Instituts für Weltwirtschaft stellte Europa 2025 wesentlich mehr Mittel bereit als in den Vorjahren.
Die europäischen Zuweisungen für militärische Hilfe lagen inflationsbereinigt 67 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024. Die finanzielle und humanitäre Hilfe stieg um 59 Prozent. Trotzdem lagen die gesamten internationalen militärischen Hilfszusagen 2025 wegen des Rückzugs der USA noch 13 Prozent unter dem Durchschnitt der drei vorherigen Jahre.
Bei der nicht militärischen Hilfe gewannen die EU-Institutionen massiv an Bedeutung: Ihr Anteil an der europäischen Finanz- und Humanitärhilfe stieg von rund 50 Prozent im Jahr 2022 auf fast 90 Prozent beziehungsweise 35,1 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Allerdings verteilt sich die militärische Last ungleich. Nordeuropa stellte 2025 ungefähr ein Drittel der europäischen Militärhilfe, obwohl die Region nur acht Prozent der Wirtschaftsleistung der vom Tracker erfassten europäischen Geberländer repräsentierte. Deutschland und Großbritannien trugen zusammen etwa zwei Drittel der westeuropäischen Militärhilfe zwischen 2022 und 2025. Quelle: Kiel Institut, Ukraine Support Tracker
Bedeutet Kriegsmüdigkeit, dass Deutschland die Ukraine fallen lässt?
Nein – jedenfalls lässt sich das aus den verfügbaren Daten nicht ableiten. Richtiger wäre es, von einer wachsenden Ungeduld und einer stärkeren Konditionierung der Unterstützung zu sprechen.
Ende 2025 erklärten laut YouGov 54 Prozent der Deutschen, sie wollten einen Sieg der Ukraine und dieser Ausgang sei ihnen wichtig. Zugleich war die europäische Öffentlichkeit bei der Frage gespalten, ob die Ukraine bis zu einem Sieg unterstützt oder zu einem ausgehandelten Ende gedrängt werden sollte.
Mehrere mögliche Friedensbedingungen wurden mehrheitlich kritisch gesehen. Dazu gehörten ein dauerhaftes NATO-Verbot für die Ukraine, eine Begrenzung der ukrainischen Streitkräfte, eine pauschale Amnestie sowie die Anerkennung der von Russland besetzten Gebiete. Die Deutschen lehnten insbesondere eine Amnestie für Kriegsverbrechen deutlich ab. Quelle: YouGov, Dezember 2025
Das ist der Kern des deutschen Stimmungsbildes: Viele Menschen wollen ein Ende der Kämpfe, akzeptieren aber nicht automatisch einen Frieden zu russischen Bedingungen.
Waffenlieferungen und Verhandlungen sind kein zwingender Gegensatz
Die Friedensdebatte wird häufig so geführt, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Waffen oder Diplomatie. Tatsächlich können beide Instrumente miteinander verbunden sein.
Die Befürworter weiterer Waffenlieferungen argumentieren, Russland werde nur dann ernsthaft verhandeln, wenn die militärischen Kosten eines fortgesetzten Angriffs hoch bleiben. Ohne ausreichende Verteidigungsfähigkeit drohe der Ukraine ein erzwungener Frieden, der neue Angriffe begünstigen könnte.
Kritiker halten dagegen, dass jede zusätzliche Waffenlieferung den Krieg verlängern, die Zahl der Opfer erhöhen und das Eskalationsrisiko verschärfen könne. Sie fordern Waffenstillstandsinitiativen, direkte Gespräche und stärkeren internationalen Druck auf beide Seiten.
Ein tragfähiger Friedensprozess müsste jedoch mehr leisten als eine vorübergehende Feuerpause. Er bräuchte überprüfbare Vereinbarungen, Sicherheitsgarantien für die Ukraine und Konsequenzen bei einem Vertragsbruch. Die ZDF-Erhebung vom Januar 2025 zeigte hierfür bemerkenswerten Rückhalt: 59 Prozent befürworteten eine Beteiligung der Bundeswehr an einer europäischen Mission zur Absicherung einer möglichen Waffenruhe; 35 Prozent waren dagegen.
Fazit: Deutschland ist nicht kriegsmüde – sondern strategiemüde
Die Deutschen wenden sich nicht geschlossen von der Ukraine ab. Die Unterstützung wird aber kritischer, ungeduldiger und stärker von der konkreten Maßnahme abhängig. Allgemeine Militärhilfe findet deutlich mehr Zustimmung als besonders weitreichende Waffen wie Taurus. Gleichzeitig wächst der Wunsch, nachvollziehbar zu erklären, wie Waffenlieferungen zu einem politisch erreichbaren Frieden beitragen sollen.
Genau hier liegt die Herausforderung für die Bundesregierung: Milliardenbeträge und neue Waffensysteme allein ersetzen keine erkennbare Strategie. Eine glaubwürdige Ukraine-Politik muss militärische Unterstützung, Diplomatie, europäische Lastenteilung und realistische Sicherheitsgarantien zusammendenken.
Der Ruf nach Frieden ist nicht automatisch ein Ruf nach Kapitulation. Und die Unterstützung von Waffenlieferungen ist nicht automatisch eine Absage an Verhandlungen. Deutschlands Gesellschaft ringt vielmehr um die schwierigste Frage dieses Krieges: Wie lässt sich das Töten beenden, ohne den Angreifer für militärische Gewalt zu belohnen?
Häufige Fragen zum Ukrainekrieg und zu Deutschland
Ist die Mehrheit der Deutschen gegen Waffenlieferungen?
Das hängt von Fragestellung und Zeitpunkt ab. Ipsos ermittelte im Januar 2025 eine relative Mehrheit von 48 Prozent gegen weitere Lieferungen. Eine ZDF-Umfrage aus demselben Monat ergab dagegen 67 Prozent für eine gleichbleibende oder stärkere militärische Unterstützung.
Wie viel Militärhilfe hat Deutschland bereitgestellt?
Die Bundesregierung bezifferte die bis September 2025 geleistete oder für Folgejahre bereitgestellte militärische Unterstützung auf rund 40 Milliarden Euro. Für 2026 wurden weitere beziehungsweise fortlaufende Mittel von 11,5 Milliarden Euro eingeplant.
Welche Waffen liefert Deutschland an die Ukraine?
Die Unterstützung konzentriert sich unter anderem auf Luftverteidigung, Artillerie, Munition, gepanzerte Fahrzeuge, Drohnen, Logistik und Ersatzteile. Für 2026 nannte die Bundesregierung weitere IRIS-T-Systeme, Lenkflugkörper, Patriot-Ersatzteile und Gepard-Munition.
Wollen die Deutschen Friedensverhandlungen?
Der Wunsch nach einem Ende des Krieges ist verbreitet. Umfragen zeigen jedoch zugleich, dass viele Deutsche Bedingungen wie eine Amnestie für Kriegsverbrechen oder die Anerkennung russischer Eroberungen ablehnen. Der Begriff „Friedensverhandlungen“ sagt daher noch wenig darüber aus, welchen konkreten Kompromiss die Bevölkerung akzeptieren würde.
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