Zeitgeschichte: Die "Tante Voss" vor 100 Jahren
Währenddessen herrscht in der Kammer Tumult: Die Ankunft neu gewählter kommunistischer Abgeordneter, die mit dem Gesang der Internationale begrüßt wurden, zwang Kammerpräsident Herriot zeitweise zur Unterbrechung der Sitzung.
31. März 1926 | Ausgabe: Morgen-Ausgabe Nr. 152 Preis: 15 Pfennig |
Schicksalsstunden in Paris und Rom
Entscheidung in der Kammer: Briand stellt die Vertrauensfrage In Paris spitzt sich die Lage für das Kabinett Briand dramatisch zu. Nach Berichten unseres Korrespondenten hat in der französischen Kammer eine entscheidende Finanzdebatte begonnen, die das chronische Defizit im Budget endlich ausgleichen soll. Ministerpräsident Briand drängt auf eine Erledigung der Debatte noch vor den Osterfeiertagen und hat angekündigt, am Ende der Aussprache die Vertrauensfrage zu stellen.
Ob es ihm gelingen wird, die umstrittene Erhöhung der Umsatzsteuer durchzusetzen, bleibt ungewiss, wenngleich die Unterstützung durch Herriot und den rechten Flügel der bürgerlichen Radikalen die Aussichten verbessert. Währenddessen herrscht in der Kammer Tumult: Die Ankunft neu gewählter kommunistischer Abgeordneter, die mit dem Gesang der Internationale begrüßt wurden, zwang Kammerpräsident Herriot zeitweise zur Unterbrechung der Sitzung.
Italien "entmatteottisiert": Farinacci tritt zurück Aus Rom wird der Rücktritt von Roberto Farinacci, dem Generalsekretär der Faschistischen Partei, gemeldet. Farinacci erklärte, seine Aufgabe sei erfüllt, nachdem Italien nun endgültig „entmatteottisiert“ – also von den Einflüssen der Opposition nach dem Mord an Giacomo Matteotti gesäubert – sei. In hiesigen Kreisen wird sein Abgang jedoch als Sieg des gemäßigteren Flügels unter Innenminister Federzoni gewertet, da Farinaccis radikale „Radaupolitik“ zunehmend zur Gefahr für Mussolini selbst wurde. Sein Nachfolger wird voraussichtlich Augusto Turati.
Was an diesem Tag noch passierte (31. März 1926)
- Wirtschaftsdiplomatie in Berlin: Reichskanzler Hans Luther empfing gestern Vertreter von Industrie, Handel und Gewerkschaften, um über den Handelsvertrag mit Spanien zu beraten. Ein neu gebildeter Ausschuss nimmt heute Nachmittag seine Arbeit auf.
- Schwedisch-deutsche Verhandlungen: Die Gespräche über einen Handels- und Schifffahrtsvertrag mit Schweden wurden vorerst unterbrochen. Die schwedische Delegation unter Finanzminister a. D. Vennersten reiste gestern Abend nach Stockholm zurück; die Fortsetzung ist für Mitte April geplant.
- Reflektionen über das Feldheer: Professor Dr. Ludwig Bergsträßer veröffentlichte in der heutigen Ausgabe eine psychologische Analyse der „Friedenssehnsucht“ der deutschen Frontsoldaten während des Großen Krieges. Er beschreibt, wie ab 1915 der Wunsch nach Heimkehr zur treibenden Kraft für die Soldaten wurde.
- Berliner Alltag: Die Vossische Zeitung (gegründet 1704) erinnert ihre Leser daran, dass sie wöchentlich zwölfmal erscheint. Ein Monatsabonnement in Berlin kostet derzeit 4,30 Mark.
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