Aus Tradition Bürgerlich Liberal

Feuilleton

BUCHMESSE 2026: WENN KNABBEREIEN UND EINKAUFSTASCHEN PREISE GEWINNEN

Spiele gewinnen Gold, Knabbereien Silber, eine Croissant-Tasche Bronze. Der Nonbook Award 2026 zeigt, wie wichtig Zusatzprodukte für Buchhandlungen geworden sind. Doch während Bücherumsätze sinken, stellt sich eine unbequeme Frage: Was bleibt vom eigentlichen Buchhandel?

BUCHMESSE 2026: WENN KNABBEREIEN UND EINKAUFSTASCHEN PREISE GEWINNEN
Die Buchmesse prämiert Spiele, Snacks und Taschen. Während der Buchmarkt schrumpft, wächst die Bedeutung des Zusatzgeschäfts.

Der Buchhandel verliert Käufer. Frankfurt zeichnet Spiele, Feinkost und eine Croissant-Tasche aus. Was ist aus dem Geschäft mit Literatur geworden?

Frankfurt, 9. Oktober 2026 – Während der deutsche Buchmarkt schrumpft, zeichnet die Frankfurter Buchmesse ausgerechnet Produkte aus, die keine Bücher sind. Der erste Preis geht an ein Spielesortiment, der zweite an Knabbereien, der dritte an eine Einkaufstasche. Das ist kein schlechter Scherz, sondern Teil einer bemerkenswerten wirtschaftlichen Entwicklung: Buchhandlungen müssen längst mehr verkaufen als Bücher.

Wer heute durch die Frankfurter Buchmesse läuft, begegnet einer Branche, die sich neu erfinden will.

Bücher allein reichen offenbar nicht mehr jedem Geschäft.

Spiele sollen zusätzliche Kunden bringen.

Geschenkartikel sollen die Kassen füllen.

Und aus der klassischen Buchhandlung wird zunehmend ein Geschäft für Literatur, Unterhaltung, Papeterie und allerlei hübsche Dinge, die man eigentlich nicht benötigt.

Passend dazu wurden jetzt die Gewinner des Nonbook Awards der Frankfurter Buchmesse 2026 bekannt gegeben.

Das Ergebnis könnte kaum symbolträchtiger sein.

Gold für Spiele, Silber für Knabbereien

Den ersten Platz erhielt der Laurence King Verlag für sein umfangreiches Spielesortiment.

Die Jury lobte die Verbindung von originellen Spielideen, künstlerischer Gestaltung und hochwertiger Verarbeitung.

Platz zwei ging an den Münsteraner Feinkostanbieter Jalall d’Or.

Ausgezeichnet wurde die Produktserie Genuss mit Botschaft: Knabbereien in eleganten schwarz-goldenen Verpackungen.

Den dritten Platz belegte der moses. Verlag.

Sein preisgekröntes Produkt heißt Zaubershopper Croissant.

Eine Einkaufstasche.

Die Jury überzeugte der praktische Nutzen, die fröhliche Gestaltung und die teilweise Verwendung recycelter PET-Flaschen.

Spiele. Snacks. Einkaufstaschen. Willkommen beim Preis für die besten Nichtbücher einer Buchmesse.

Der Nonbook Award existiert allerdings bereits seit 2015. Er ist ausdrücklich als Auszeichnung für Zusatzsortimente konzipiert und kein Literaturpreis.

2026 beteiligten sich 22 Aussteller mit insgesamt 55 Produkten. 16 davon erreichten die engere Auswahl. Buchmarkt

Eine Branche entdeckt das Geschäft neben dem Buch

Man kann über diese Preisverleihung lächeln.

Doch wirtschaftlich steckt dahinter eine durchaus ernsthafte Entwicklung.

Buchhandlungen müssen ihre Verkaufsflächen finanzieren.

Miete.

Personal.

Energie.

Versicherungen.

Warenwirtschaft.

Und selbstverständlich die Bücher selbst.

Anders als bei vielen anderen Produkten können Buchhändler bei preisgebundenen Neuerscheinungen den Verkaufspreis nicht eigenständig verändern.

Der Preis wird vom Verlag festgelegt.

Das schützt kleinere Buchhandlungen vor einem ruinösen Preiswettbewerb mit großen Handelsketten und Onlineanbietern.

Aber es begrenzt zugleich ihre Möglichkeiten, durch eigene Preisgestaltung zusätzliche Nachfrage zu erzeugen. Börsenverein

Bei Geschenkartikeln und vielen anderen Zusatzprodukten bestehen größere Freiheiten.

Hinzu kommen andere Einkaufskonditionen und möglicherweise attraktivere Margen.

Das erklärt, weshalb solche Produkte seit Jahren in Buchhandlungen zu finden sind.

Die eigentlichen Zahlen sind wesentlich unangenehmer

Der deutsche Buchmarkt befindet sich in einer schwierigen Lage.

2025 sank der Branchenumsatz um 2,7 Prozent auf 9,62 Milliarden Euro.

Der stationäre Sortimentsbuchhandel verlor sogar 3,7 Prozent.

Sein Umsatz fiel auf 3,93 Milliarden Euro.

Und die Zahl der Erstauflagen ging um 9,8 Prozent zurück.

Statt 58.346 neuen Titeln erschienen 2025 nur noch 52.644.

Noch bemerkenswerter:

57 Prozent der verkauften Bücher waren Backlist-Titel, also Bücher, deren Erscheinung mindestens zwölf Monate zurücklag.

Das bedeutet nicht, dass Neuerscheinungen grundsätzlich erfolglos wären.

Aber es zeigt, wie stark der Markt inzwischen von bereits etablierten Büchern und Autoren getragen wird. Buchmarkt

Für einen unbekannten Autor oder einen kleinen Verlag ist das eine schwierige Ausgangslage.

Der Buchhandel braucht Leser – keine zusätzlichen Dekorationsartikel

Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Buchhandlung auch Spiele verkauft.

Ein attraktives Sortiment kann Menschen überhaupt erst in ein Geschäft bringen.

Geschenke können zusätzliche Umsätze schaffen.

Und ein gut geführter Laden muss wirtschaftlich überleben.

Trotzdem bleibt eine unbequeme Frage.

Was geschieht mit der eigentlichen Aufgabe einer Buchhandlung, wenn immer mehr Aufmerksamkeit auf Produkte entfällt, die gar keine Bücher sind?

Die Antwort hängt vom einzelnen Geschäft ab.

Ein gutes Zusatzsortiment kann eine Buchhandlung wirtschaftlich stabilisieren und damit helfen, ihr literarisches Angebot zu erhalten.

Es kann aber auch wertvolle Verkaufsfläche beanspruchen, auf der sonst Bücher unbekannter Autoren präsentiert werden könnten.

Wer die Entwicklung beurteilen will, müsste deshalb wissen, wie sich Sortiment, Umsatz, Gewinn und Regalflächen tatsächlich verändern.

Der Nonbook Award allein liefert diese Zahlen nicht.

Er zeigt jedoch, welche Bedeutung das Zusatzgeschäft für die Branche besitzt.

Der unbekannte Autor konkurriert plötzlich mit einem Croissant

Das klingt zunächst absurd.

Aber für unabhängige Verlage ist es eine durchaus praktische Frage.

Eine Buchhandlung verfügt über begrenzte Verkaufsflächen.

Jeder Quadratmeter muss wirtschaftlich funktionieren.

Ein neuer Roman eines unbekannten Autors benötigt Aufmerksamkeit.

Eine Buchhändlerin muss ihn lesen, empfehlen oder zumindest überzeugend präsentieren können.

Ein Geschenkartikel erklärt sich dagegen häufig selbst.

Er steht auf dem Tisch.

Er sieht hübsch aus.

Er wird spontan gekauft.

Damit konkurrieren Bücher nicht nur untereinander um Sichtbarkeit, sondern auch mit anderen Waren.

Nicht überall, nicht in jedem Geschäft und nicht zwangsläufig zulasten der Literatur.

Aber der Wettbewerb um Fläche und Aufmerksamkeit ist real.

Erich Reiss Publishing: Fünf Bücher statt eines Massensortiments

Genau hier setzt unser Buchmesse-Special über Erich Reiss Publishing an.

Der unabhängige Verlag veröffentlicht Bücher, die sehr unterschiedliche Lesergruppen ansprechen.

Mit „Salz und Stahl“ von Dirk Kirschberger steht historische Literatur im Programm.

„Königreiche aus Staub“ von Adrian Kerr führt ebenfalls in die Vergangenheit, in die Welt der griechischen Antike.

„72 Geschlechter“ von Michael und Dirk Kirschberger setzt sich mit Identitätspolitik, gesellschaftlichen Zuschreibungen und der Selbstbestimmung homosexueller Menschen auseinander.

Jonathan Falk behandelt in „Vor dem Urteil bestraft – Wirecard, Belastungszeugen und die grenzenlose Untersuchungshaft“ rechtsstaatliche Probleme der Strafverfolgung.

Und Paul Fisher erzählt in „Sechs Wochen Gegenwind“ von Jona und Leo, ihrer ersten großen Liebe und einem Sommer in Hamburg, der ihr Leben verändert.

Gerade Fishers Roman zeigt, wie wichtig alternative Vertriebswege geworden sind.

Das Buch ist als E-Book bereits international erhältlich. Kobo führt die Ausgabe seit September 2026 unter dem Verlagsnamen Erich Reiss Publishing. Kobo

Ein unabhängiger Verlag muss seine Leser heute nicht mehr ausschließlich über den stationären Buchhandel erreichen.

Doch auch der digitale Vertrieb schafft zunächst nur Verfügbarkeit.

Keine garantierte Aufmerksamkeit.

Buchhandlungen dürfen nicht zu beliebigen Geschenkeläden werden

Der Buchhandel hat gegenüber allgemeinen Einzelhandelsgeschäften einen entscheidenden Vorteil.

Seine Mitarbeiter können Bücher empfehlen.

Sie können literarische Qualität beurteilen.

Sie können unbekannte Autoren entdecken.

Und sie können Leser auf Werke aufmerksam machen, die ihnen kein Empfehlungsalgorithmus vorgeschlagen hätte.

Genau darin liegt seine kulturelle und wirtschaftliche Besonderheit.

Eine Buchhandlung, die nur noch Bestseller auf den vorderen Tischen präsentiert und ihre übrigen Flächen überwiegend mit Geschenkartikeln füllt, würde einen erheblichen Teil dieses besonderen Profils aufgeben.

Nicht weil Einkaufstaschen schlecht wären.

Sondern weil Einkaufstaschen überall verkauft werden können.

Literarische Entdeckungen dagegen benötigen Menschen, die sich mit Literatur beschäftigen.

Der Nonbook Award ist ein Symptom – nicht die Ursache

Es wäre falsch, den ausgezeichneten Unternehmen ihre Erfolge vorzuwerfen.

Sie entwickeln Produkte, die sich für den Verkauf in Buchhandlungen eignen.

Das ist legitim.

Auch ist keineswegs bewiesen, dass Buchhandlungen heute einen größeren Umsatzanteil mit Zusatzprodukten erzielen als früher.

Eine Branchenuntersuchung aus dem Jahr 2018 bezifferte den Anteil entsprechender Nonbook-Sortimente bereits auf durchschnittlich rund 15 Prozent der Einnahmen untersuchter Buchhandlungen.

Das Geschäft ist also keineswegs neu. Börsenblatt

Neu ist vor allem die wirtschaftliche Situation, in der über seine Bedeutung diskutiert wird.

Weniger Käufer.

Weniger Neuerscheinungen.

Sinkende Umsätze.

Und ein immer intensiverer Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Frankfurt muss sich entscheiden, was seine größte Stärke ist

Die Frankfurter Buchmesse ist selbstverständlich auch eine Wirtschaftsveranstaltung.

Verlage müssen Geld verdienen.

Buchhandlungen müssen überleben.

Hersteller von Geschenkartikeln dürfen ihre Waren verkaufen.

Doch die Buchmesse wäre nicht das, was sie ist, wenn es nur um möglichst attraktive Handelsprodukte ginge.

Ihre Bedeutung beruht auf Literatur.

Auf Autoren.

Auf Geschichten.

Auf Wissen.

Und auf Verlagen, die wirtschaftliche Risiken eingehen, um Bücher zu veröffentlichen.

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob eine Buchhandlung auch Knabbereien verkaufen darf.

Natürlich darf sie das.

Die entscheidende Frage lautet:

Wie sorgt die Branche dafür, dass zwischen Spielen, Geschenkartikeln und dekorativen Einkaufstaschen noch genügend Aufmerksamkeit für jene Bücher bleibt, die ihre Zukunft sichern sollen?

Denn ein Buchhandel ohne Leser wird nicht dadurch wieder zum Buchhandel, dass er besonders schöne Einkaufstaschen verkauft.

Er wird lediglich ein anderes Geschäft.

Vielleicht sogar ein erfolgreiches.

Aber eben kein Buchhandel mehr.


Frankfurter Buchmesse 2026, Nonbook Award, Buchhandel, Buchmarktkrise, unabhängige Verlage, Erich Reiss Publishing

Quelle zur aktuellen Preisverleihung: BuchMarkt – Nonbook Award vom 9. Oktober 2026

Redaktionsstand: 9. Oktober 2026. Die Preisträger sind bestätigt. Die wirtschaftliche Einordnung ist ein journalistischer Kommentar; aus der Preisverleihung allein lässt sich keine Verdrängung von Büchern durch Zusatzprodukte nachweisen.

Geschrieben von

Dirk Kirschberger
Dirk Kirschberger ist Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Autor. Er schreibt über Politik, Gesellschaft und wirtschaftliche Entwicklungen und verbindet analytische Einordnung mit journalistischer Erfahrung.

Als nächstes lesen

FRANKFURTER BUCHMESSE 2026: JUGENDLICHE WOLLEN KEINE SCHONLITERATUR

FRANKFURTER BUCHMESSE 2026: JUGENDLICHE WOLLEN KEINE SCHONLITERATUR

Der Deutsche Jugendliteraturpreis 2026 zeichnet mutige Geschichten aus: Widerstand gegen das iranische Regime, das Unrecht der DDR und das Leben im Frauenhaus. Die Entscheidungen zeigen, dass junge Leser schwierige Themen nicht scheuen. Ein Signal gegen die Krise des Lesens.
Von Bianca Moreau •