Der neue Antisemitismus: Das Schweigen ist das Problem
Am 7. Oktober werden in Berlin Menschen wegen Hamas-Symbolen festgenommen. Islamisten und Linksradikale demonstrieren gemeinsam. Muslimische Verbände verurteilen Antisemitismus – doch wo bleibt die ebenso sichtbare Massenmobilisierung dagegen?
Am dritten Jahrestag des Hamas-Massakers werden in Berlin Menschen wegen Hamas-Symbolen festgenommen, während „Intifada Revolution“ gerufen wird. Islamistische und linksradikale Milieus begegnen sich seit Jahren auf denselben Straßen. Die großen muslimischen Verbände haben Antisemitismus zwar verurteilt. Doch eine andere Frage bleibt: Wo ist die sichtbare Massenmobilisierung dagegen?
Drei Jahre sind vergangen, seit Terroristen der Hamas nach Israel eindrangen, Menschen ermordeten, vergewaltigten und verschleppten.
Und was geschieht ausgerechnet an diesem Jahrestag in der deutschen Hauptstadt?
Am Berliner Oranienplatz versammeln sich mehrere hundert Menschen zu einer propalästinensischen Demonstration. Die Polizei nimmt mehrere Personen wegen verbotener Kennzeichen fest – darunter Hamas-Symbole. Noch bevor sich der Zug richtig in Bewegung setzt, werden nach Berichten vom Ort Rufe wie „Intifada Revolution“ laut.
Man muss dieses Bild einen Moment wirken lassen.
Nicht in Teheran.
Nicht in Beirut.
Nicht in Gaza.
In Berlin. Am 7. Oktober.
Und damit beginnt eine Debatte, vor der sich Deutschland seit drei Jahren drückt.
Antisemitismus hat in Deutschland ein neues Gesicht bekommen
Natürlich existiert der alte rechtsextreme Antisemitismus weiterhin.
Das darf niemand leugnen.
RIAS registrierte für 2025 807 antisemitische Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund – so viele wie seit Beginn der bundesweiten Erfassung nicht. Dazu gehören NS-Verherrlichung, Holocaust-Verhöhnung, klassische Verschwörungsmythen und offene Drohungen gegen Juden.
Doch seit dem 7. Oktober 2023 ist gleichzeitig ein anderer Antisemitismus mit enormer Wucht sichtbar geworden.
Er spricht von „Zionisten“.
Er skandiert „Intifada“.
Er erklärt Israel zum kolonialen Fremdkörper.
Er taucht auf Demonstrationen auf, auf Universitätsgeländen, in linken Aktivistengruppen und in islamistisch geprägten Milieus.
Und genau diese Entwicklung muss man benennen können, ohne jedes Mal reflexartig das Thema zu wechseln.
RIAS dokumentierte 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle in Deutschland – fast 24 täglich. Bei 68 Prozent wurde israelbezogener Antisemitismus festgestellt. Von 1.744 Versammlungen mit antisemitischen Vorfällen wiesen sogar 89 Prozent israelbezogenen Antisemitismus auf.
Das ist keine Randnotiz.
Es ist der Kern des gegenwärtigen Problems.
Die Zahlen zeigen eine Verschiebung
Auch die politische Zuordnung ist interessant.
RIAS ordnete 2025 1.970 Vorfälle dem antiisraelischen Aktivismus zu. 501 Fälle wurden als links-antiimperialistisch eingeordnet, 166 als islamisch beziehungsweise islamistisch und 807 als rechtsextrem.
Allerdings muss ebenso gesagt werden: Bei mehr als der Hälfte der Fälle konnte kein eindeutiger politisch-weltanschaulicher Hintergrund bestimmt werden. Niemand kann deshalb seriös behaupten, Antisemitismus lasse sich einer einzigen gesellschaftlichen Gruppe zuschreiben.
Aber man kann ebenso wenig ignorieren, was auf Deutschlands Straßen geschieht.
Im Mai 2026 marschierten in Berlin-Kreuzberg bei einer Nakba-Demonstration linke und linksradikale Gruppen gemeinsam mit Personen aus islamistischen Zusammenhängen sowie Anhängern des iranischen Regimes. Der Tagesspiegel berichtete von rund 2.000 Teilnehmern und 20 Festnahmen. Democ dokumentierte unter anderem Gleichsetzungen von Zionismus und Nationalsozialismus.
Das Bündnis existiert.
Es ist sichtbar.
Und es ist politisch hochbrisant.
Linksradikale und Islamisten: die merkwürdige Allianz
Eigentlich müssten sich diese Milieus spinnefeind sein.
Die radikale Linke spricht von Feminismus, LGBTQ-Rechten und sexueller Selbstbestimmung.
Islamistische Bewegungen vertreten häufig Vorstellungen, die dazu diametral entgegengesetzt sind.
Trotzdem stehen Aktivisten aus beiden Welten immer wieder auf denselben Demonstrationen.
Was verbindet sie?
Vor allem ein gemeinsames Feindbild:
Israel.
Im März 2026 berichtete die Berliner Zeitung darüber, wie linke Gruppen und islamistische beziehungsweise iranisch-regimenahe Akteure gemeinsam demonstrierten. Im Mai dokumentierten Beobachter erneut ein heterogenes Gemisch aus Linksradikalen, Islamisten und Unterstützern des iranischen Regimes.
Und am heutigen 7. Oktober zeigt Berlin erneut, wie explosiv diese Entwicklung geworden ist.
Die Demonstration unter dem Motto „Down with Colonialism“ war bereits im Vorfeld umstritten. Im Internet kursierte ein Aufruf mit einer Planierraupe, die einen Grenzzaun durchbricht – eine deutliche bildliche Anspielung auf den Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023. Das Berliner Landeskriminalamt ermittelte wegen möglicher Gewaltverherrlichung.
Und wo sind die muslimischen Verbände?
Hier beginnt die unangenehme Frage.
Nicht weil muslimische Verbände niemals etwas gesagt hätten.
Das haben sie.
Der Koordinationsrat der Muslime verurteilte unmittelbar nach dem Hamas-Angriff Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und verlangte die Freilassung der Geiseln.
DITIB erklärte wenige Tage später ausdrücklich, die Angriffe der Hamas auf israelische Zivilisten aufs Schärfste zu verurteilen, und stellte fest, dass das Existenzrecht Israels nicht infrage gestellt werden dürfe.
DITIB, Islamrat, VIKZ und Zentralrat der Muslime erklärten gemeinsam:
Die Gräueltaten der Hamas seien uneingeschränkt zu verurteilen. Die Terrorangriffe dürften auf deutschen Straßen weder bejubelt noch relativiert werden.
DITIB betreibt zudem Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Religionsbeauftragte wurden im Rahmen eines entsprechenden Projekts geschult und besuchten Auschwitz.
Der Zentralrat der Muslime verurteilte 2025 nach dem Messerangriff am Berliner Holocaust-Mahnmal erneut ausdrücklich Antisemitismus.
Das gehört zur Wahrheit.
Aber damit ist die Debatte nicht beendet.
Damit beginnt sie erst.
Eine Pressemitteilung ist noch keine gesellschaftliche Mobilisierung
Denn muslimische Verbände haben bereits gezeigt, dass sie Menschen öffentlich mobilisieren können.
Im Januar 2024 rief der Zentralrat der Muslime Muslime in Deutschland ausdrücklich dazu auf, an den bundesweiten Demonstrationen gegen Rechtsextremismus teilzunehmen.
Die Botschaft war eindeutig:
Geht auf die Straße.
Zeigt Gesicht.
Erhebt eure Stimme.
Das war legitim.
Aber genau deshalb entsteht eine Frage, die beantwortet werden sollte:
Wo ist der ebenso sichtbare bundesweite Aufruf muslimischer Dachverbände an ihre Gemeinden, massenhaft gegen Antisemitismus auf die Straße zu gehen?
Wo ist die Demonstration mit zehntausenden Muslimen unter dem Motto:
Nicht in unserem Namen. Keine Hamas-Symbole. Kein Judenhass. Kein „Intifada“-Kult auf deutschen Straßen.
Wo sind die Imame, Verbandspräsidenten, Gemeindevorstände und muslimischen Prominenten in einer gemeinsamen bundesweiten Kampagne?
Es gibt Stellungnahmen.
Es gibt Dialogveranstaltungen.
Es gibt Projekte.
Es gibt einzelne eindrucksvolle Zeichen der Solidarität.
Aber angesichts dessen, was seit drei Jahren geschieht, darf gefragt werden, ob die öffentliche Gegenmobilisierung dieselbe Größe und Sichtbarkeit erreicht wie bei anderen gesellschaftspolitischen Themen.
Schweigen ist keine Zustimmung – aber es schafft ein Vakuum
Man muss dabei einen entscheidenden Unterschied machen.
Schweigen beweist keine Unterstützung.
Wer nichts sagt, unterstützt deshalb nicht automatisch Hamas, Islamisten oder Antisemiten.
Eine solche Behauptung wäre unzulässig.
Aber politisches Schweigen kann Konsequenzen haben.
Wo moderate Stimmen leise bleiben, bestimmen Radikale das Bild.
Wo demokratische Muslime auf der Straße kaum sichtbar widersprechen, können Islamisten den Eindruck erzeugen, sie sprächen für eine viel größere Gemeinschaft, als sie tatsächlich repräsentieren.
Und genau das sollte muslimische Verbände selbst alarmieren.
Denn die ersten Opfer dieser Gleichsetzung sind Millionen Muslime, die friedlich in Deutschland leben und mit Hamas, Islamismus und Antisemitismus nichts zu tun haben wollen.
Wer diese Menschen vor Generalverdacht schützen will, müsste eigentlich größtes Interesse daran haben, die Grenze unübersehbar zu machen.
Herkunft ist kein Schuldbeweis – Sozialisation darf trotzdem kein Tabu sein
Auch bei dieser Frage hat Deutschland eine merkwürdige Sprachhemmung entwickelt.
Natürlich ist niemand antisemitisch, weil seine Eltern aus der Türkei, dem Libanon, Syrien, Iran oder Palästina stammen.
Nationalität ist keine politische Diagnose.
Ethnie ist keine Gesinnung.
Aber Sozialisation existiert.
Familiengeschichten existieren.
Religiöse Milieus existieren.
Politische Traditionen existieren.
Konflikterzählungen werden über Generationen weitergegeben.
Das gilt überall.
Ein Kind aus einer deutschen rechtsextremen Familie kann durch dieses Umfeld geprägt werden.
Ein Kind aus einem kommunistischen Elternhaus kann politisch geprägt werden.
Und ein Mensch, der in einem stark antiisraelischen religiösen oder nationalistischen Milieu sozialisiert wurde, kann ebenso entsprechende Narrative übernehmen.
Darüber zu sprechen ist keine Diskriminierung.
Es ist Sozialwissenschaft.
Der Fehler beginnt erst dort, wo aus einem möglichen Sozialisationsfaktor eine kollektive Schuldzuweisung gemacht wird.
Auch die Linke muss ihre eigenen Milieus kontrollieren
Dasselbe gilt für die politische Linke.
Es wäre falsch, jeden linken Politiker zum Antisemiten zu erklären.
Elif Eralp etwa nahm heute in Berlin an einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Hamas-Terrors teil. Auch das gehört in einen seriösen Kommentar.
Aber individuelle Gesten beantworten nicht die strukturelle Frage.
Der Tagesspiegel berichtete erst im September über die offiziell anerkannte Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität der Linkspartei und die Frage, ob sie wegen ihrer Verbindungen und Positionen in den Fokus des Verfassungsschutzes geraten könnte.
Eine Partei, die Antisemitismus bekämpfen will, muss deshalb nicht nur erklären, dass sie gegen Antisemitismus ist.
Sie muss definieren, was passiert, wenn die eigenen Leute rote Linien überschreiten.
Sonst bleibt „Nie wieder“ eine Presseformel.
Deutschlands gefährlichstes Wort heißt inzwischen „aber“
Deutschland sagt:
Wir stehen an der Seite der Juden – aber.
Wir verurteilen Hamas – aber.
Antisemitismus hat keinen Platz – aber.
Israel hat ein Existenzrecht – aber.
Natürlich darf und muss israelische Regierungspolitik kritisiert werden.
Demokratische Staaten sind kritisierbar.
Benjamin Netanjahu ist kritisierbar.
Militäroperationen sind kritisierbar.
Israels Regierung besitzt keinen moralischen Immunitätsschein.
Aber es gibt einen Punkt, an dem Regierungskritik in etwas anderes kippt.
Wenn Israel nicht mehr wegen einer konkreten Entscheidung kritisiert, sondern grundsätzlich zum illegitimen Staat erklärt wird.
Wenn „Zionist“ zum Schimpfwort wird.
Wenn die „Intifada“ romantisiert wird.
Wenn ausgerechnet am Jahrestag des schlimmsten Massenmordes an Juden seit der Schoah Symbole der Hamas auf deutschen Straßen auftauchen.
Dann reden wir nicht mehr ausschließlich über Nahostpolitik.
Dann reden wir über Antisemitismus.
Der 7. Oktober ist Deutschlands Test
Deutschland hat jahrzehntelang behauptet, aus seiner Geschichte gelernt zu haben.
Jetzt findet der Test statt.
Nicht in Sonntagsreden.
Nicht bei Kranzniederlegungen.
Sondern auf der Straße.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
Wer demonstriert?
Sondern auch:
Wer widerspricht?
Wer Islamisten widerspricht.
Wer Linksradikalen widerspricht.
Wer Rechtsextremen widerspricht.
Wer antisemitischen Parolen widerspricht, auch wenn sie aus dem eigenen politischen oder religiösen Milieu kommen.
Gerade dort zeigt sich Haltung.
Die muslimischen Verbände haben Hamas und Antisemitismus in Stellungnahmen verurteilt. Das muss anerkannt werden.
Aber angesichts der Radikalisierung auf deutschen Straßen darf man von ihnen mehr verlangen als Papier.
Sichtbarkeit.
Widerspruch.
Mobilisierung.
Eine unmissverständliche Botschaft an die eigenen Gemeinden:
Judenhass ist nicht unsere Sache. Hamas ist nicht unsere Sache. Wer Juden bedroht, spricht nicht für uns.
Das wäre kein Gefallen für Israel.
Es wäre ein Dienst an Deutschland.
Und vor allem ein Dienst an jenen Muslimen, die nicht länger von den Radikalen vereinnahmt werden wollen.
Denn Schweigen ist keine Zustimmung.
Aber wenn die Radikalen schreien und die Demokraten flüstern, hört am Ende jeder nur die Radikalen.
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