Der politische Preis von Rot-Grün-Rot
SPD und Grüne haben in Berlin Sondierungen mit der Linken eröffnet. Schon vor Beginn der Gespräche ist der Streit über Israel und Antisemitismus erneut aufgebrochen. Die politische Verantwortung für eine mögliche Koalition beginnt nicht erst mit der Regierungsbildung.
Warum SPD und Grüne ihre Entscheidung für die Linke erklären müssen
Ein Kommentar über die Berliner Koalitionssondierungen, den Umgang mit Antisemitismus und die Frage, wie viel Verantwortung Parteien für ihre künftigen Regierungspartner tragen.
Berlin, 10. Oktober 2026. Die Frage ist längst nicht mehr nur, ob einzelne Politikerinnen der Linken auf einer Demonstration erscheinen durften, an der auch ein mutmaßlicher Unterstützer der Terrororganisation PFLP teilnahm. Die entscheidende politische Frage reicht weiter: Warum haben SPD und Grüne überhaupt Sondierungen mit einer Partei aufgenommen, deren Verhältnis zu Israel und zum Antisemitismus schon vorher erhebliche Konflikte auslöste?
Die Kontroverse war bekannt. Die Anwesenheit umstrittener Aktivisten bei Veranstaltungen der Linken war bekannt. Die Auseinandersetzungen über das Existenzrecht Israels waren bekannt.

Dennoch beschlossen die drei Parteien am 8. Oktober, Sondierungen über eine gemeinsame Regierung aufzunehmen. Vorher handelten sie eine Antisemitismus-Vereinbarung aus, die den Weg zu diesen Gesprächen freimachen sollte.Ein Grundsatz, über den man erst verhandeln musste
Allein die Entstehung dieser Vereinbarung wirft eine bemerkenswerte Frage auf.
Warum mussten drei Parteien, die gemeinsam regieren wollen, zunächst über den Umgang mit Antisemitismus, Terrorverherrlichung und dem Existenzrecht Israels verhandeln?
Das Dokument verspricht, jüdisches Leben zu schützen, israelbezogenen Antisemitismus zu bekämpfen und gemeinsame öffentliche Auftritte mit Akteuren auszuschließen, die Gewalt verherrlichen.
Es sind Grundsätze, die SPD und Grüne offensichtlich für so wichtig hielten, dass sie ohne eine ausdrückliche Zusage der Linken keine Sondierungen beginnen wollten.Daraus ergibt sich eine grundsätzliche Kritik an ihrer Entscheidung: Wenn diese Fragen für eine Regierungszusammenarbeit unverzichtbar sind, weshalb genügen dann zunächst Unterschriften, um bestehende Zweifel auszuräumen?
Schon einen Tag später der nächste Widerspruch
Am 9. Oktober berichtete der rbb, dass sich innerhalb der Berliner Linken Widerstand gegen die Vereinbarung formierte.
Die Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität kritisierte den Ton der Verständigung und stellte insbesondere die darin enthaltenen Festlegungen zur Israelpolitik infrage.
Damit war der parteiinterne Konflikt bereits öffentlich, noch bevor die Vereinbarung ihren ersten praktischen Test erlebt hatte.
Am Samstag folgte die Demonstration am Brandenburger Tor. Nach dem vorliegenden BILD-Bericht nahmen Cansin Köktürk und Vanessa Emde an einer Versammlung teil, bei der auch Ibrahim Ibrahim anwesend war. Ihm werden Verbindungen zum PFLP-Unterstützerumfeld sowie die Verherrlichung des früheren Hamas-Führers Yahya Sinwar zugeschrieben.
Die gleichzeitige Anwesenheit auf einer Großdemonstration beweist für sich genommen keine organisatorische Zusammenarbeit. Aber sie wirft Fragen auf, die SPD und Grüne nun anhand ihrer eigenen Vereinbarung beantworten müssen.
Wer SPD oder Grüne wählt, muss die Koalitionsfrage mitdenken
Die Zuspitzung „Wer SPD oder Grüne wählt, wählt die Linke“ beschreibt eine politische Sorge, ist aber keine mathematische Gewissheit.
Eine Stimme für die SPD bleibt eine Stimme für die SPD. Eine Stimme für die Grünen bleibt eine Stimme für die Grünen. Welche Regierung daraus entsteht, hängt von Mehrheiten, Koalitionsverhandlungen und parlamentarischen Entscheidungen ab.
Doch ebenso gilt: Parteien tragen Verantwortung für die Bündnisse, die sie ermöglichen. SPD und Grüne haben mit ihrer Entscheidung vom 8. Oktober eine Regierungsoption mit der Linken ausdrücklich eröffnet.
Wer ihre Politik beurteilt, kann deshalb nicht nur auf ihre eigenen Programme schauen. Auch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Linken gehört zur politischen Bilanz beider Parteien.
Die eigentliche Entscheidung liegt vor dem Koalitionsvertrag
SPD und Grüne können geltend machen, dass gerade ihre Bedingungen die Linke zu verbindlichen Zusagen verpflichtet haben. Sie könnten argumentieren, dass eine Vereinbarung mit überprüfbaren Konsequenzen besser sei als eine Zusammenarbeit ohne festgelegte Grenzen.
Der entscheidende Maßstab ist jedoch nicht die Existenz eines solchen Papiers, sondern seine Anwendung.
Was geschieht, wenn Funktionsträger die Vereinbarung infrage stellen? Wann gilt ein gemeinsamer Auftritt als unzulässige Kooperation? Wer prüft Vorwürfe, und welche Konsequenzen folgen aus nachgewiesenen Verstößen?
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, besteht ein Widerspruch zwischen dem Anspruch der Vereinbarung und ihrer politischen Belastbarkeit.
Es geht um Verantwortung, nicht um Unterschriften
Die Berliner Sondierungen sind noch kein abgeschlossener Koalitionsvertrag. Niemand kann aus ihnen bereits eine endgültige Regierungsbildung ableiten.
Aber die Entscheidung, miteinander zu verhandeln, ist bereits gefallen.
SPD und Grüne müssen sich deshalb nicht erst nach Bildung einer möglichen rot-grün-roten Regierung Fragen zur Zusammenarbeit mit der Linken gefallen lassen. Die Verantwortung für diese politische Option beginnt mit dem Beschluss, sie zu verfolgen.
Der entscheidende Vorwurf lautet nicht, dass SPD und Grüne selbst die Positionen umstrittener Linken-Politiker vertreten. Er lautet, dass sie trotz der öffentlich bekannten Konflikte eine gemeinsame Regierungsbildung prüfen – und nun zeigen müssen, welche Grenzen dabei tatsächlich gelten.
Das ist die politische Bewährungsprobe der Berliner Antisemitismus-Vereinbarung. Nicht ihre Formulierungen entscheiden über ihre Glaubwürdigkeit, sondern der Umgang mit dem ersten konkreten Streitfall.
Schlüsselbegriffe: Berliner Koalition, Rot-Grün-Rot, SPD Berlin, Grüne Berlin, Die Linke, Antisemitismus, Cansin Köktürk, Ibrahim Ibrahim.
Geschrieben von
Als nächstes lesen
taz fordert Sanktionen gegen Israel – und weint, weil Israel sie nicht reinlässt.
taz fordert militärische Sanktionen gegen Israel – und ist empört, dass Israel sie nicht reinlässt. Bilanceri nannte Israel Apartheid-Staat und verlangte Sanktionen. Israel reagiert nach eigenem Gesetz. Die taz schreit Pressefreiheit. Wer Boykott will, muss nicht reinkommen.
SPD und Grüne als Steigbügelhalter: Berlin braucht diese Linken-Koalition nicht
SPD und Grüne wollen mit der Berliner Linken regieren. Doch eine Erklärung gegen Antisemitismus ersetzt keine politische Bewährungsprobe. Eine andere Mehrheit ist möglich. Wer Elif Eralp ins Rote Rathaus hilft, trägt dafür die Verantwortung. Unser Kommentar sagt klar Nein.
Friedensnobelpreis 2026: Menschenrechte für alle – oder nur für die Richtigen?
Navi Pillay erhält den Friedensnobelpreis 2026. Ihre Vorwürfe gegen Israel sind bekannt. Doch in Südafrika werden Migranten angegriffen und Farmer ermordet. Wie universell sind die Maßstäbe der gefeierten Menschenrechtsjuristin – und des Nobelkomitees?
Ich töte israelische Kinder“ – und sie bleibt in Deutschland
Sham A. aus Idlib hetzt in einem Video: Sie will israelische Männer, Frauen und Kinder töten. Achtmal Volksverhetzung, hasst Deutschland – und lebt weiter in Düsseldorf. Warum?
taz fordert Sanktionen gegen Israel – und weint, weil Israel sie nicht reinlässt.
taz fordert militärische Sanktionen gegen Israel – und ist empört, dass Israel sie nicht reinlässt. Bilanceri nannte Israel Apartheid-Staat und verlangte Sanktionen. Israel reagiert nach eigenem Gesetz. Die taz schreit Pressefreiheit. Wer Boykott will, muss nicht reinkommen.
52 Morde, 2.691 Vergewaltigungen — und Der Westen nennt das 0,2 %
Ohne die afghanischen Tatverdächtigen gäbe es 52 Mordopfer, 2.691 Vergewaltigungsopfer und 105.666 Körperverletzungsopfer weniger. Svenja Brüning rechnet das auf 0,2 Prozent.
