Die Demokratie der Wölfe: Warum die Handlanger der Diktatur uns heute wieder belehren
Dass DDR-Politoffizier Sven Hüber GdP-Vize wurde, ist kein Einzelfall. Nach 1945 und 1990 wurden linientreue Stützen der Diktaturen nahtlos in die Demokratie übernommen. Die Justiz schützte Schreibtischtäter durch perfide Amnestie. Das Signal bleibt fatal: Opportunismus siegt, Opfer zahlen.
Vom Wolf zum Schaf? Die große Lebenslüge der deutschen Systemwechsel und das Kartell der Linientreuen
Wer angesichts der jüngsten Schlagzeilen glaubt, der Fall des zurückgetretenen GdP-Vizechefs Sven Hüber sei ein bizarrer Einzelfall der deutschen Geschichte, der erliegt einer gewaltigen politischen Illusion.
Ein ehemaliger Politoffizier der DDR-Grenztruppen, ein Mann, der den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze ideologisch rechtfertigte und dem nun schwere Misshandlungen von Gefangenen vorgeworfen werden, steigt im vereinten Deutschland bis in die oberste Führungsriege der Polizeigewerkschaft auf. Er wird zum Hüter von Recht und Ordnung, maßregelt Polizisten und warnt öffentlich vor politischem Extremismus. Als seine Vergangenheit ihn einholt, herrscht allerorten ein gespieltes Entsetzen. Man tut so, als sei dieser Vorgang ein bedauerlicher Betriebsunfall, ein winziger Riss in der ansonsten fehlerfreien und moralisch sauberen Matrix der deutschen Aufarbeitung.
Doch es ist ein gefährlicher, toxischer Irrglaube, Sven Hüber für einen Einzelfall zu halten. Sein Aufstieg ist kein Versehen. Er ist das perfekte Symptom, das Lehrstück einer historischen Kontinuität, die sich wie ein dunkler Faden durch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zieht. Die unbequeme Wahrheit lautet: Leute wie er sind nach dem Systemwechsel nicht durch Lücken im Netz „durchgeschlüpft“. Sie wurden von staatlichen Institutionen regelrecht durchgewunken. Es gab keine Lücke im System; das System selbst war die Lücke.
Die fundamentale Lebenslüge der deutschen Aufarbeitung – sei es nach dem Ende des Nationalsozialismus 1945 oder nach dem Kollaps der SED-Diktatur 1990 – ist die absichtliche Blindheit gegenüber der sogenannten Linientreue. Man tat stets so, als seien nur die absoluten Spitzen der Diktatur, die Sadisten und die Geheimdienstler das wahre Problem gewesen. Dabei wird ein entscheidendes Faktum der Machtarchitektur konsequent ignoriert: Ohne das Heer der verlässlichen, reibungslos funktionierenden und vollkommen linientreuen Funktionäre, Beamten, Richter, Offiziere und Staatsanwälte wäre kein einziges dieser totalitären Systeme auch nur einen einzigen Tag lang machbar gewesen.