Die Illusion der Unverzichtbarkeit: Wie Haltungsjournalismus der AfD den Weg ebnet
Diese plumpe moralische Erpressung an der Imbisstheke, flankiert vom Applaus eines realitätsblinden Haltungsjournalismus, ist das beste Wahlkampfgeschenk, das man der AfD in diesen Tagen machen konnte.
Wenn politischer Aktivismus die Redaktionsstuben dominiert, schwindet der Blick für die Realität auf der Straße. Der kürzlich in der Frankfurter Rundschau (FR) erschienene Kommentar von Pitt von Bebenburg über den sogenannten „Migra-Streik“ in Sachsen-Anhalt ist dafür ein Paradebeispiel. Was der Autor dort als heldenhaftes Fanal für die Demokratie inszeniert, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein analytischer Offenbarungseid – und als geradezu groteske Wahlkampfhilfe für die AfD.
Die Kernthese des FR-Artikels ist rasch zusammengefasst: Deutschland sei ohne Zuwanderung nicht funktionsfähig. Das demonstrative Schließen von rund 160 migrantisch geführten Imbissen und Gastronomiebetrieben solle der Mehrheitsgesellschaft zeigen, welche „großen Lücken“ entstünden, wenn diese Menschen das Land verließen. Es sei ein starkes Signal gegen rechte Vertreibungsfantasien und ein Beweis für die wirtschaftliche Unverzichtbarkeit dieser Betriebe.
Doch diese mediale Euphorie fußt auf einer fahrlässigen Realitätsverweigerung. Wer einen geschlossenen Döner-Imbiss mit dem drohenden Kollaps der Bundesrepublik gleichsetzt, verwechselt reinen Konsumkomfort mit kritischer Infrastruktur. Schlimmer noch: Der Artikel glorifiziert eine Branche, die bei genauerem Hinsehen massive Schattenseiten aufweist. Er ignoriert den unlauteren Verdrängungswettbewerb zulasten einheimischer Gastronomen, das oftmals eklatante Fehlen handwerklicher Qualifikationen, das Wegschauen bei Hygienevorschriften und die oft auftretenden und nachgewiesenen Verbindungen tief in die Geldwäsche und organisierte Kriminalität.
Wenn eine Branche, die sich den staatlichen Spielregeln oft systematisch entzieht und in geschlossenen Parallelwelten operiert, der Mehrheitsgesellschaft mit dem Entzug ihrer Dienstleistung droht, um politische Lektionen zu erteilen, entsteht kein solidarisches Mitgefühl. Es entsteht pure Reaktanz. Diese plumpe moralische Erpressung an der Imbisstheke, flankiert vom Applaus eines realitätsblinden Haltungsjournalismus, ist das beste Wahlkampfgeschenk, das man der AfD in diesen Tagen machen konnte.