Die Illusion vom „unislamischen“ Islamismus: Warum die Apologetik der Al-Azhar an der Realität vorbeigeht
Die Behauptung der Al-Azhar-Universität, Islamismus handle gegen den Koran, verkennt die Realität. Von Koranversen bis zur Verfolgung Salman Rushdies zeigt sich: Extremismus speist sich aus orthodoxen Schriften. Die fundamentale Lehre bleibt ein Integrationshemmnis für freie Gesellschaften.
Es ist das gewohnte Muster, wenn westliche Medien das Gespräch mit Vertretern islamischer Spitzengremien suchen: Gefragt wird nach Gewalt, Totalitarismus und dem verhaltenen Verhältnis zur westlichen Moderne; geantwortet wird mit weltgewandter Rhetorik und dem gebetsmühlenartigen Verweis darauf, dass Extremisten schlicht „gegen die Lehre des Koran“ handelten. So auch Professor Abdel Basset Haikal von der Kairoer Al-Azhar-Universität im Interview mit Constantin Schreiber. Seine These: Islamisten missachteten das Individuum und stünden damit außerhalb des islamischen Fundaments.
Das klingt beruhigend, ist aber historisch wie theologisch unhaltbar – und lenkt von der eigentlichen gesellschaftlichen Herausforderung im Westen ab.
1. Die verleugneten Quellentexte: Was der Koran tatsächlich lehrt
Die Behauptung, Dschihadisten und Orthodoxe handelten gegen die Schriften, hält einer Überprüfung der Textgrundlagen nicht stand. Prophet Mohammed war nicht nur ein geistlicher Verkündiger, sondern auch Feldherr, Staatsmann und Richter. Die islamische Expansion erfolgte durch kriegerische Durchsetzung, und die Quellentexte liefern bis heute das normative Fundament für die Gewalt gegen Abtrünnige und Kritiker.
Wer behauptet, Gewalt gegen Ungläubige oder die Unterwerfung des Einzelnen sei unislamisch, ignoriert zentrale Suren:
Die absolute Unterordnung des Individuums (Sure 33, Vers 36):
„Es steht einem gläubigen Mann oder einer gläubigen Frau nicht zu, wenn Allah und Sein Gesandter eine Angelegenheit entschieden haben, in ihrer Angelegenheit eine Wahl zu haben.“
Die Bekämpfung von Andersgläubigen (Sure 9, Vers 29):
„Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben [...] unter denen, denen die Schrift gegeben wurde, bis sie den Tribut aus der Hand entrichten und gefügig sind.“
Das Schwertvers-Prinzip (Sure 9, Vers 5):
„Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, greift sie, belagert sie und lauert ihnen an jeder Stelle auf!“
Islamistische Gruppierungen erfinden ihre Ideologie nicht im luftleeren Raum. Sie praktizieren eine wörtliche Auslegung genau dieser Verse und der Überlieferungen (Hadithe). Wer ihren Glaube als „unislamisch“ deklariert, betreibt Apologetik statt ehrlicher Textkritik.
2. Das Mahnmal Salman Rushdie: Gewalt jenseits der Teheraner Mullahs
Wie tief der Reflex sitzt, vermeintliche Blasphemie mit dem Tod zu bestrafen, zeigt der Fall Salman Rushdie. Oft wird die Hetzjagd auf den Autor der Satanischen Verse auf die berüchtigte Fatwa des iranischen Ayatollah Khomeini von 1989 reduziert. Doch das greift viel zu kurz. Die Welle der Gewalt und Intoleranz war ein globales, von breiten Teilen der orthodoxen muslimischen Welt getragenes Phänomen:
- Pakistan und Indien (1989): Bereits vor Khomeinis Dekret gingen in Islamabad und Bombay Tausende orthodoxe Muslime auf die Straße. Bei Ausschreitungen und Sturmangriffen auf westliche Kulturzentren wurden mehrere Menschen getötet – angefacht von lokalen Klerikern.
- Japan (1991): Der japanische Übersetzer des Buches, Hitoshi Igarashi, wurde an der Universität Tsukuba von einem islamischen Extremisten erstochen.
- Italien und Norwegen (1991 / 1993): Der italienische Übersetzer Ettore Capriolo überlebte einen Messerangriff in Mailand schwer verletzt. Der norwegische Verleger William Nygaard wurde vor seinem Haus in Oslo niedergeschossen und überlebte knapp.
- Türkei (1993): Beim Brandanschlag von Sivas zündete ein mob orthodoxer Islamisten ein Hotel an, in dem der türkische Übersetzer Aziz Nesin weilte. 37 Menschen verbrannten.
- USA (2022): Mehr als drei Jahrzehnte später gipfelte dieser Hass im August 2022 im US-Bundesstaat New York (Chautauqua): Der 24-jährige Libanesisch-Amerikaner Hadi Matar stach auf einer Bühne mehrmals auf den 75-jährigen Rushdie ein. Rushdie überlebte schwerstverletzt und verlor ein Auge.
Dieser weltweite Terror war nicht das Werk eines einzelnen Regimes im Iran, sondern das Ergebnis einer orthodoxen Doktrin, die Kritik am Propheten global als Kapitalverbrechen definiert.
3. Die Realität im Westen: Orthodoxie als Integrationshemmnis
Das Problem beschränkt sich längst nicht auf spektakuläre Attentate. Die eigentliche Herausforderung in Deutschland, Europa, den USA und Kanada ist die breite Masse der Muslime, die nach den Regeln eines orthodoxen, konservativen Islam lebt und den Glauben wörtlich nimmt.
Diese Form des Glaubens steht in direktem Widerspruch zu den Grundwerten westlicher, säkularer Gesellschaften:
- Kollektivismus statt Individuum: Das Prinzip der Umma und das Befolgen sakraler Gesetze stehen im orthodoxen Islam stets über der individuellen Selbstbestimmung.
- Wertekonflikte im Alltag: Die Trennung von Kirche und Staat, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Akzeptanz sexueller Minderheiten sowie die kompromisslose Meinungs- und Kunstfreiheit geraten unter Druck, sobald religiöse Gebote als unumstößliches Gesetz verstanden werden.
- Parallelgesellschaften: Eine orthodoxe Lebensweise, die die westliche Kultur als sündhaft oder abtrünnig abwertet, führt zwangsläufig zu Selbstisolation statt Integration.
Fazit
Solange etablierte Institutionen wie die Al-Azhar-Universität den Extremismus als bloße „Fehlinterpretation“ einzelner Abtrünniger abtun, verweigern sie die notwendige historische Reform. Der Westen darf sich durch diese Ausflüchte nicht sand in die Augen streuen lassen. Das Problem ist nicht allein der bewaffnete Islamismus, sondern eine tief verwurzelte orthodoxe Lehre, deren Quellentexte und Dogmen mit den Freiheitswerten einer individuellen Gesellschaft unvereinbar sind.
Salman Rushdie über sein Leben nach der Fatwa
Dieses Video zeigt ein aufschlussreiches Gespräch mit Salman Rushdie über die ständige Bedrohung seiner Person sowie den Kampf um die Meinungs- und Gedankenfreiheit im Islam.
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