Die offene W-Frage – Wenn das Täterprofil zur Leerstelle wird
Nach einem brutalen Übergriff auf ein schwules Paar am Berliner Viktoria-Luise-Platz fehlt in den Meldungen jede Spur einer Täterbeschreibung. Diese Praxis verschweigt aus falsch verstandener Rücksichtnahme das „Wer“, untergräbt klassische Standards und befeuert Misstrauen in die Medien.
Angriff auf schwules Paar in Berlin: Unbekannte schlagen Mann ins Gesicht und filmen ihn – Polizei sucht Täter
Der nächtliche Angriff auf dem Berliner Viktoria-Luise-Platz ist an Brutalität und Zynismus kaum zu überbieten. Ein 31-Jähriger und sein 24-jähriger Partner werden auf offener Straße von zwei Männern attackiert. Erst wird das Paar mit dem Smartphone gefilmt – eine moderne Form der Demütigung –, dann folgt ein gezielter Schlag ins Gesicht des Älteren, der ihn mit gelockerten Zähnen ins Krankenhaus bringt. Der Staatsschutz ermittelt wegen eines homofeindlichen Hintergrunds. Es ist ein Übergriff, der wütend macht. Doch wer die offizielle Berichterstattung zu diesem Fall liest, stolpert unweigerlich über eine eklatante journalistische Leerstelle.

Trotz der physischen Nähe der Angreifer, trotz der Beleuchtung eines innerstädtischen Platzes, trotz zweier Opfer, die den Tätern ins Gesicht blicken mussten, fehlt in den Meldungen jedwede Spur einer Täterbeschreibung. Das „Wer“ – einst die heiligste aller journalistischen W-Fragen – löst sich schlichtweg in Luft auf.
Wer das journalistische Handwerk noch von der Pike auf gelernt hat, reibt sich verwundert die Augen. Eine Fahndungsmeldung zu einem Gewaltverbrechen ohne rudimentäre optische Merkmale war früher in den Redaktionen undenkbar. Begriffe wie „südländisches Erscheinungsbild“ oder präzise Beschreibungen von Statur, Alter und Kleidung gehörten zum absoluten Standardrepertoire der Kriminalitätsberichterstattung. Sie dienten nicht der Stigmatisierung, sondern der nüchternen Sachverhaltsdarstellung und der Information der Öffentlichkeit.
Heute hat sich ein eiserner Filter über die Pressestellen der Polizei und die Nachrichtendesks der Republik gelegt. Aus Sorge, durch die Nennung von Herkunft oder Phänotyp gegen die Ziffer 12 des Pressekodex (Diskriminierungsschutz) zu verstoßen, wird das Täterprofil in der Berichterstattung oft bis zur Unkenntlichkeit weichgezeichnet – oder gleich ganz gestrichen. Die Realität, die beim Leser ankommt, ist geprägt von einer asymmetrischen Transparenz: Fällt ein Täter in die Kategorie des politisch rechten Spektrums oder hat einen deutschen Hintergrund, wird dies meist umgehend und detailliert kommuniziert. Gehört er optisch oder kulturell einer anderen Gruppe an, hüllt sich die Berichterstattung allzu oft in ein dröhnendes Schweigen.
Dieses systematische Weglassen mag am Newsdesk gut gemeint sein, um keine gesellschaftlichen Vorurteile zu schüren. Doch in der Praxis erreicht diese bevormundende Zurückhaltung das genaue Gegenteil. Wenn der mündige Bürger spürt, dass ihm relevante Puzzleteile einer Geschichte aktiv vorenthalten werden, wächst nicht die Toleranz, sondern das Misstrauen gegenüber den Medien. Die bewusst gelassene Leerstelle im Text wird zur perfekten Projektionsfläche für Spekulationen.
Ein Journalismus, der aus falsch verstandener Rücksichtnahme wesentliche Fakten herausredigiert, macht sich auf Dauer unglaubwürdig. Der brutale Angriff in Schöneberg muss lückenlos aufgeklärt werden. Dafür braucht es eine Polizei, die transparent kommuniziert, und Medien, die den Mut haben, die Realität in all ihren Facetten abzubilden – ohne erzieherischen Filter. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf das vollständige Bild.
Der Strukturwandel in der Berichterstattung ist ein Fakt. Die striktere Auslegung der Pressekodex-Richtlinien führt heute dazu, dass selbst dann, wenn interne Polizeimeldungen Täterbeschreibungen enthalten, diese oft am Desk der Nachrichtenagenturen oder Lokalzeitungen herausgefiltert werden, bevor der Artikel in den Druck geht. Dieser Entwurf fängt genau diese Diskrepanz zwischen dem klassischen Handwerk und der heutigen Filter-Praxis ein und bringt den Frust über das fehlende "Wer" direkt auf den Punkt.
Pressekodex, Kriminalitätsberichterstattung, Medienkritik, Leitartikel, Berlin, Journalismus, Gesellschaft
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