Erst Wahlkampf für Rot-Grün, dann die passende Umfrage
Die taz feiert die Linke bei 25 Prozent. Doch Auftraggeber der Umfrage ist The Goodforces, eine politische Kampagnenagentur mit grünen Personalverbindungen und dokumentierter Wahlkampfunterstützung für SPD und Grüne im Wert von 76.300 Euro. Die Vossische folgt den Geldflüssen.
Das Netzwerk hinter der taz Jubelmeldung
76.300 Euro Wahlkampfunterstützung für SPD und Grüne. Eine politische Kampagnenagentur mit personellen Verbindungen ins grüne Milieu. Ein Meinungsforschungsinstitut, das auch Wahlkampfberatung betreibt. Und eine taz, die aus den bestellten Zahlen eine Erfolgsgeschichte für die Linkspartei macht. Wer hinter der angeblich so erfreulichen Berliner Umfrage steckt.
Welch ein Zufall. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Linke, Grüne und SPD in Berlin ihre Sondierungsgespräche aufnehmen, erscheint eine Umfrage, die der umstrittenen Linkspartei neue politische Rückendeckung verschafft.
Die taz jubelt: „Linke bleibt klar vorn“.
25 Prozent für die Linkspartei. 43 Prozent der Befragten wünschen sich Elif Eralp an der Spitze der künftigen Regierung. Die Debatten über Antisemitismus, Clan-Kontakte und die Regierungsfähigkeit der Berliner Linken hätten offenbar nichts bewirkt.
So jedenfalls die Botschaft.
Erst ganz am Ende des Artikels erfährt der Leser, wer die Untersuchung bestellt hat: The Goodforces.
Eine politische Kampagnenagentur, die nachweislich Wahlkampfleistungen im Wert von 76.300 Euro zugunsten von SPD und Grünen erbracht hat.
Und damit beginnt die eigentliche Geschichte.76.300 Euro: Die Spur im Parteispendenregister
Wer wissen will, welche politischen Interessen hinter einer Umfrage stehen, sollte nicht zuerst auf die bunten Balken schauen. Sondern auf die Geldflüsse.
Das offizielle Parteispendenregister des Deutschen Bundestages liefert zwei bemerkenswerte Einträge.
Am 27. Juli 2026 meldeten sowohl die SPD als auch Bündnis 90/Die Grünen Zuwendungen der The Goodforces GmbH.
BUNDESTAG · PARTEISPENDENREGISTER 2026
SPD
38.150 €
Bündnis 90/Die Grünen
38.150 €
Gesamtwert
76.300 €
Gemeldete geldwerte Wahlkampfunterstützung durch The Goodforces GmbH, Kollwitzstraße 76, Berlin, vom 27. Juli 2026.
Es handelte sich um Sach- und Dienstleistungen für die Kampagne „Taktisch Wählen“ in Sachsen-Anhalt, nicht um gewöhnliche Geldüberweisungen auf Parteikonten.
Die Parteien mussten den wirtschaftlichen Gegenwert als Parteizuwendungen deklarieren.
Eine Agentur, die nachweislich für SPD und Grüne politische Wahlkampfleistungen erbracht hat, gibt nun eine Umfrage über die Regierungsbildung in Berlin in Auftrag – wo ausgerechnet SPD und Grüne mit der Linkspartei regieren wollen.
Das ist kein nebensächlicher biografischer Zufall. Das ist eine dokumentierte politische Interessenverflechtung.
Die Männer hinter der Agentur kommen aus dem grünen Milieu
Die The Goodforces GmbH wurde 2024 gegründet. Zu ihren Geschäftsführern gehören Peter Jelinek und Patrick Haermeyer.
Beide arbeiteten früher für die Grünen im Europäischen Parlament. Auch weitere Mitarbeiter der Agentur haben nach Recherchen der taz eine berufliche Vergangenheit bei den Grünen.
Jelinek und Haermeyer sind keine Außenstehenden, die zufällig ein Interesse an Berliner Landespolitik entdeckt haben.
Sie kommen aus professionellen politischen Kommunikationsstrukturen. Sie kennen Wahlkämpfe, Parteistrategien und die Mechanismen öffentlicher Meinungsbildung.
Und ihre Agentur ist längst selbst Teil dieses Geschäfts.
Die personellen Verbindungen sind dokumentiert. Die politische Zielsetzung ebenso.
„Aufmerksamkeit ist Macht“ – das Geschäftsmodell
Auf der eigenen Internetseite erklärt The Goodforces, wie das Unternehmen arbeitet.
Es bezeichnet seine Mitarbeiter als politische Diskursmacher. Die Agentur will Debatten verschieben, Aufmerksamkeit organisieren und Netzwerke schaffen, die politische Botschaften verstärken.
Eines der zentralen Projekte heißt „neunund20“.
Das Ziel: progressive Kräfte bis zur Bundestagswahl 2029 wieder in eine Position bringen, aus der eine rot-rot-grüne Mehrheit möglich wird.
Rot. Grün. Rot.
Genau jene politische Konstellation, über deren Zukunft in Berlin gerade verhandelt wird.
Die Agentur betreibt also selbst Kampagnen, um progressive Regierungsmehrheiten zu fördern. Sie unterstützt Wahlkampfprojekte, organisiert politische Reichweite und beeinflusst gezielt die öffentliche Debatte.
Und dieselbe Agentur bestellt nun eine Umfrage zur Akzeptanz eines linken Regierungsbündnisses in Berlin.Pollytix: Meinungsforschung als Teil des politischen Geschäfts
Für die Durchführung beauftragte The Goodforces das Berliner Unternehmen Pollytix.
Pollytix ist nicht nur als Meinungsforschungsinstitut tätig. Das Unternehmen bietet auch strategische politische Beratung und Wahlkampfforschung an.
Zu seinen Gründern gehören Rainer Faus und Jana Faus. Rainer Faus war unter anderem in der strategischen Wahlforschung für die australische Labor Party tätig.
Meinungsforschung und politische Kampagnenberatung sind bei Pollytix somit keine getrennten Welten.
Das ist für die Berliner Erhebung entscheidend.
Hier treffen zwei professionelle Geschäftsmodelle aufeinander: Auf der einen Seite eine Agentur, die politische Aufmerksamkeit organisiert. Auf der anderen Seite ein Unternehmen, das politische Einstellungen misst und Strategien für politische Akteure entwickelt.
Die Umfrage entsteht damit innerhalb eines professionellen politischen Kommunikationsmarktes – nicht außerhalb dieses Marktes.
Die taz übernimmt die Erfolgserzählung
Am 8. Oktober veröffentlicht die taz die Ergebnisse exklusiv.
Die zentrale Erzählung: Trotz sämtlicher Kontroversen bleibt die Linkspartei stark. Ihre potenzielle Regierungschefin Elif Eralp kann sich weiterhin auf erhebliche Zustimmung berufen.
Das ist genau die politische Botschaft, die einer Partei in schwierigen Koalitionsverhandlungen nützt.
Der Auftraggeber wird zwar genannt. Doch welche Rolle The Goodforces im politischen Meinungskampf spielt, welche Verbindungen zu den Grünen bestehen und welche Wahlkampfleistungen die Agentur erst wenige Monate zuvor zugunsten von SPD und Grünen erbracht hat, erfährt der Leser an dieser Stelle nicht.
Dabei hätte die taz es besser wissen können.
Bereits am 4. September berichtete sie ausführlich über The Goodforces, die Kampagne „Taktisch Wählen“, die früheren Tätigkeiten der Geschäftsführer für die Grünen und die Parteizuwendungen.
Die Informationen waren also sogar im eigenen Archiv vorhanden.
Trotzdem wird die neue Berliner Umfrage im Oktober vor allem als Geschichte über die ungebrochene Stärke der Linkspartei erzählt.
Das ist eine redaktionelle Entscheidung. Und sie verdient Kritik.
Selbst die eigenen Zahlen widersprechen dem Jubel
Besonders bemerkenswert ist, was die Umfrage tatsächlich über das gewünschte Regierungsbündnis aussagt.
Bewertung einer Koalition aus Linken, Grünen und SPD
Positiv
46 %
Negativ
50 %
Bewertung der Option Neuwahlen
Positiv
47 %
Negativ
49 %
Angaben aus der von der taz veröffentlichten Pollytix-Erhebung. Rest zu 100 Prozent: übrige beziehungsweise unentschiedene Antworten.
Die Hälfte der Befragten bewertet das geplante linke Regierungsbündnis negativ. Neuwahlen werden sogar von einem etwas größeren Anteil positiv bewertet als Rot-Grün-Rot.
Das ist keine euphorische Zustimmung für eine Regierung Eralp.
Es ist eine gespaltene politische Stimmung.
Die entscheidende Schlagzeile hätte deshalb ebenso gut lauten können: Jeder zweite Berliner lehnt Rot-Grün-Rot ab.
Doch diese Schlagzeile hätte kaum zur politischen Erfolgserzählung gepasst.
Zwei Veröffentlichungen – unterschiedliche Zahlen
Auch bei den Parteiwerten taucht ein Problem auf.
Die taz nennt in ihrer Veröffentlichung zwölf Prozent für die Grünen und zehn Prozent für die SPD.
Das Umfrageportal PolitPro führt für die Pollytix-Erhebung vom 2. bis 6. Oktober dagegen 14 Prozent für die Grünen und zwölf Prozent für die SPD an.
Bei Linken, CDU und AfD stimmen die Zahlen überein.
Woher stammen diese Unterschiede?
Sind es verschiedene Tabellenstände? Fehler bei der Übertragung? Unterschiedliche Auswertungen?
Ohne den Originalbericht lässt sich das nicht beantworten.
Gerade bei einer politisch bestellten Umfrage muss jedoch nachvollziehbar sein, welche Zahlen tatsächlich ermittelt und welche veröffentlicht wurden.
Auch der vollständige Fragebogen, die genaue Reihenfolge der Koalitionsfragen und die verwendeten Gewichtungsverfahren gehören auf den Tisch.
Denn Meinungsforschung besteht nicht nur aus Antworten.
Sie beginnt bereits damit, wer welche Fragen stellt.
Die Kampagne funktioniert auch ohne gefälschte Zahlen
Das eigentlich Interessante an diesem Fall ist der mögliche Mechanismus öffentlicher Meinungsbildung.
Eine politisch engagierte Agentur beauftragt eine Untersuchung. Ein professionelles Meinungsforschungsunternehmen erhebt die Daten. Eine Zeitung veröffentlicht die politisch interessanten Ergebnisse. Anschließend können Parteien, Funktionäre und Unterstützer die Schlagzeilen verbreiten.
Aus einer beauftragten Untersuchung wird öffentliche Aufmerksamkeit.
Aus öffentlicher Aufmerksamkeit wird politische Rückendeckung.
Aus politischer Rückendeckung kann Macht entstehen.
Dafür braucht es keine gefälschten Umfrageergebnisse.
Es genügt, dass die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt gestellt und die politisch passenden Ergebnisse entsprechend präsentiert werden.
Ob The Goodforces die Berliner Untersuchung genau zu diesem Zweck plante, ist aus den bisher zugänglichen Unterlagen nicht abschließend nachgewiesen. Der Kampagnenauftrag der Agentur, die dokumentierten Geldflüsse und die politische Wirkung der Veröffentlichung sind dagegen konkret nachvollziehbar.
Die unbeantwortete Frage: Wer finanziert diese politische Öffentlichkeit?
Noch immer ist nicht öffentlich geklärt, aus welchem konkreten Budget die Berliner Pollytix-Umfrage bezahlt wurde.
The Goodforces erklärt, eigene politische Projekte aus Einnahmen kommerzieller Kommunikationsaufträge zu finanzieren.
Wer aber den konkreten Berliner Auftrag wirtschaftlich getragen hat, welche Vereinbarungen zur Veröffentlichung bestanden und ob weitere politische Akteure eingebunden waren, bleibt offen.
Auch zur redaktionellen Exklusivveröffentlichung stellen sich Fragen: Wer bot der taz die Ergebnisse an? Welche Unterlagen wurden übergeben? Und warum erhielt die Leserschaft keine ausführliche Einordnung der politischen Rolle des Auftraggebers?
Es sind Fragen, die für die Bewertung der veröffentlichten Erfolgsmeldung wesentlich sind.
Fazit: Keine neutrale Geschichte, sondern organisierte politische Aufmerksamkeit
Die Berliner Umfrage ist nicht einfach vom Himmel gefallen.
Ihr Auftraggeber ist eine Agentur, die offen erklärt, politische Debatten verschieben zu wollen. Ihre Geschäftsführer haben eine Vergangenheit bei den Grünen. Das Unternehmen hat nachweislich geldwerte Wahlkampfleistungen für SPD und Grüne erbracht. Ein erklärtes Ziel seiner Projekte ist die Stärkung progressiver Mehrheiten.
Nun lässt diese Agentur die Stimmung zu einem möglichen linken Regierungsbündnis in Berlin untersuchen.
Und die taz liefert die Schlagzeile, die der Linkspartei politische Stärke attestiert – ohne den bekannten Hintergrund des Auftraggebers ausführlich darzustellen.
Das ist die eigentliche Geschichte hinter der Berliner Jubelumfrage: Professionelle politische Kampagnenarbeit trifft auf Meinungsforschung und erhält durch journalistische Veröffentlichung zusätzliche Reichweite.
Ob daraus eine abgestimmte Kampagne zwischen sämtlichen Beteiligten wurde, bleibt eine offene Recherchefrage.
Dass hier ein politisch interessierter Akteur die Umfrage bestellt hat, ist dagegen keine Vermutung.
Es steht im Auftraggeberfeld.
Und die dazugehörigen Geldflüsse stehen im Register des Deutschen Bundestages.
Quellen
Die Recherche stützt sich insbesondere auf folgende öffentlich überprüfbare Unterlagen:
- Deutscher Bundestag: Parteispenden 2026 – 38.150 Euro für SPD und 38.150 Euro für die Grünen.
- The Goodforces: Unternehmenswebsite – Selbstverständnis, Kampagnenstrategie und Projekte.
- taz, 4. September 2026: Strategie gewinnt – Geschäftsführer, Personalnetzwerk, Kampagnenfinanzierung.
- taz, 8. Oktober 2026: Linke bleibt klar vorn – Ergebnisse und journalistische Darstellung.
- PolitPro: Pollytix-Berlin-Umfrage – Auftraggeber, Erhebungszeitraum und abweichende Parteizahlen.
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