Hanna Hansen: Wenn Salafismus als Selbstbestimmung verkauft wird
Hanna Hansen inszeniert sich als starke Muslima und Kämpferin für Religionsfreiheit. Doch Verfassungsschutzbehörden beobachten die salafistische Influencerin und warnen vor ihrer Wirkung auf junge Frauen. Was hinter ihrer Botschaft steckt – und warum Mädchen besonders kritisch hinschauen sollten.
Sie spricht von Stärke, Selbstbestimmung und Religionsfreiheit. Doch hinter der Social-Media-Inszenierung von Hanna Hansen steht nach Einschätzung deutscher Verfassungsschutzbehörden eine salafistische Botschaft. Gerade Mädchen und junge Frauen sollten wissen, wem sie dort zuhören.
Hanna Hansen präsentiert sich als ungewöhnliche Frauenfigur: ehemalige Kickboxerin und Model, erfolgreiche Influencerin, Konvertitin und selbstbewusste Muslima. Heute wirbt sie offensiv für das Kopftuch und hat gerade eine Petition gegen ein mögliches Kopftuchverbot für Schülerinnen gestartet.
Das klingt zunächst nach einer legitimen Debatte über Religionsfreiheit. Doch wer Hanna Hansen nur als engagierte muslimische Stimme wahrnimmt, kennt einen entscheidenden Teil der Geschichte nicht.
Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen bezeichnet Hansen als bedeutende Figur der islamistischen Influencer-Szene. Nach Recherchen des WDR wird sie sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch in Bayern vom Verfassungsschutz beobachtet. Der NRW-Verfassungsschutz beschreibt sie zudem als bundesweit und international mit maßgeblichen Akteuren der salafistischen Szene vernetzt.
Auch der Verfassungsschutz Baden-Württemberg hat sich ausführlich mit ihr beschäftigt. Nach dessen Darstellung wurden Hansens Äußerungen seit Anfang 2024 zunehmend politisiert und orientierten sich an islamistischen Narrativen; anschließend habe sie sich weiter dem Salafismus angenähert.
Die Zielgruppe: ausgerechnet junge Frauen
Besonders aufmerksam sollte machen, wen Hansen anspricht.
Es sind nicht in erster Linie gefestigte Theologen oder politisch erfahrene Erwachsene. Ihre enorme Social-Media-Reichweite erreicht gerade Mädchen und junge Frauen. Der Präsident des NRW-Verfassungsschutzes, Jürgen Kayser, warnt, Hansen erreiche damit auch Menschen, die bislang überhaupt nicht dem Salafismus zugerechnet würden. WDR-Recherchen beschreiben „Schwesterntreffen“, Vorträge und Social-Media-Inhalte, mit denen junge Frauen angesprochen und längerfristig in entsprechende Netzwerke eingebunden werden sollen.
Genau deshalb sollte man ihre aktuelle Kampagne für das Kopftuch bei Schülerinnen nicht isoliert betrachten.
Hansen fordert in ihrer am 10. September 2026 gestarteten Petition, kein pauschales oder altersbezogenes Kopftuchverbot für Schülerinnen einzuführen. Ihr zentrales Argument lautet: Religionsfreiheit und Selbstbestimmung.
Natürlich besitzen auch muslimische Mädchen Grundrechte. Und selbstverständlich ist nicht jede Frau mit Kopftuch unfrei, schon gar nicht ist ein Kopftuch automatisch ein Beleg für Extremismus.
Aber gerade bei Kindern muss eine andere Frage erlaubt sein: Wie frei ist eine Entscheidung, wenn religiöse Autoritäten und Erwachsene Mädchen bereits früh vermitteln, welche Kleidung eine „gute“ oder „sittsame“ Frau tragen soll?
Religionsfreiheit darf deshalb nicht zum Totschlagargument werden, mit dem jede Diskussion über religiösen und sozialen Druck auf Minderjährige beendet wird.
Ein Frauenbild, das man kennen sollte
Nach den WDR-Recherchen propagiert Hansen ultrakonservative Geschlechterrollen, warnt vor Feminismus und beschreibt Frauen sinngemäß als besonders schützenswert vor männlichen Blicken. Der Verfassungsschutz sieht gerade in dieser emotionalen und identitätsstiftenden Ansprache einen Teil ihrer Wirkung auf junge Frauen.
Das ist der entscheidende Punkt.
Eine Ideologie wird nicht dadurch emanzipatorisch, dass eine selbstbewusst auftretende Frau sie vermittelt.
Man kann stark, sportlich, eloquent und medial professionell auftreten und trotzdem Vorstellungen verbreiten, die Frauen auf sehr traditionelle religiöse Rollen festlegen.
Mädchen sollten deshalb nicht nur hören, wenn ihnen jemand sagt: „Du entscheidest selbst.“
Sie sollten auch fragen dürfen:
Wer hat mir beigebracht, was eine „richtige“ Frau ist? Was passiert, wenn ich mich anders entscheide? Darf ich das Kopftuch genauso selbstverständlich wieder ablegen, wie ich es anlegen darf? Darf ich meinen Glauben wechseln oder ganz aufgeben? Darf ich Beziehungen, Sexualität und mein Leben selbst bestimmen? Und werde ich auch dann noch respektiert?
Erst dort zeigt sich, wie ernst es jemand mit Selbstbestimmung tatsächlich meint.
Inzwischen ermittelt auch die Justiz
Der Vorgang hat inzwischen noch eine weitere Dimension.
Im Juli 2026 wurde Hansens Wohnung in Köln durchsucht. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht, sie habe auf einer Social-Media-Plattform ein Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation verwendet; laut WDR ging es um ein rotes Dreieck im Zusammenhang mit der Hamas. Datenträger wurden sichergestellt und werden ausgewertet. Hansen äußerte sich gegenüber dpa zunächst nicht zu dem Vorwurf; gegenüber t-online bestätigte sie die Durchsuchung, wollte sich zum laufenden Verfahren aber nicht inhaltlich äußern.
Wichtig ist dabei: Eine Durchsuchung und ein Ermittlungsverfahren sind kein Beweis für eine Straftat. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Aber ebenso falsch wäre es, all diese Informationen auszublenden und Hansen lediglich als harmlose Aktivistin für Religionsfreiheit darzustellen.
Eine Warnung an Mädchen und Frauen
Deshalb richtet sich diese Warnung ausdrücklich an junge Frauen und Mädchen, die Hanna Hansen auf TikTok, Instagram, X oder bei ihren Veranstaltungen begegnen:
Informiert euch, bevor ihr einer Influencerin religiöse Autorität über euer Leben gebt.
Hört nicht nur ihre Darstellung. Lest auch, was unabhängige Journalisten, Beratungsstellen und die Verfassungsschutzbehörden über ihre Aktivitäten und ihr Umfeld dokumentiert haben.
Und vor allem: Verwechselt Zugehörigkeit nicht mit Freiheit.
Wer euch sagt, wie eine anständige Frau sich kleidet, welche Männer sie treffen darf, welche Vorstellungen von Sexualität richtig sind oder welche Gesellschaftsordnung gottgewollt sei, sollte besonders kritisch hinterfragt werden – unabhängig davon, ob diese Botschaften von einem alten Prediger oder einer modernen Influencerin kommen.
Selbstbestimmung bedeutet nicht, die Erwartungen eines neuen Milieus gegen die Erwartungen des alten auszutauschen. Selbstbestimmung bedeutet auch die Freiheit, Nein zu sagen – zum Kopftuch, zu religiösen Vorschriften und notfalls zur Religion selbst.
Genau diese Freiheit verdienen muslimische Mädchen ebenso wie alle anderen.
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