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Hanna Hansen: Wie aus Protest gegen Salafismus plötzlich ein Angriff auf Musliminnen wird

Nur 16 Frauen kamen zu Hanna Hansens „Schwestern-Picknick“ in Herford. Doch nach dem Protest gegen Salafismus erklärt Hansen, an den „Salaf“ festzuhalten. Im Video an ihrer Seite: die frühere Team-Todenhöfer-Kandidatin Birte Döpke.

Hanna Hansen: Wie aus Protest gegen Salafismus plötzlich ein Angriff auf Musliminnen wird
16 Frauen beim Picknick, Hunderte im Protest: Hanna Hansen bekennt sich zu den Salaf – ihr Umfeld spricht von Angriffen auf Musliminnen. Illustration by Richard Bergsirk

16 Frauen kamen zum „Schwestern-Picknick“ der salafistischen Influencerin Hanna Hansen in Herford. Ihr gegenüber standen Demonstranten und eine Mahnwache gegen Extremismus. Hansen reagierte mit einem ausdrücklichen Bekenntnis zu den „Salaf“. In einem anschließend verbreiteten Video deutet ihr Umfeld den Protest dagegen jedoch als Angriff auf Musliminnen, Kopftuchträgerinnen und gesellschaftliche Vielfalt um.

Es hätte ein kleines Treffen bleiben können.

Am Tag der Deutschen Einheit lud Hanna Hansen zu einem sogenannten „Schwestern-Picknick“ in den Aawiesenpark in Herford. Nach Angaben der Polizei kamen gerade einmal 16 Besucherinnen. Gleichzeitig zogen rund 150 Menschen unter dem Motto „Brandmauer-Flanieren gegen Extremismus“ durch die Innenstadt; weitere rund 100 Menschen beteiligten sich an einer Mahnwache „Gegen Salafismus und politischen Extremismus“. Alle Veranstaltungen verliefen friedlich.

Die Neue Westfälische berichtete zeitweise von mehr als 400 Teilnehmern bei Demonstration und Mahnwache. Die später veröffentlichte Polizeibilanz nennt dagegen rund 250 Teilnehmer beider Protestveranstaltungen zusammen.

Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht die Zahl.

Es ist Hansens Reaktion.

Auf X schrieb sie nach der Veranstaltung:

„Wir halten an Qur’an & Sunnah fest, nach dem Verständnis unserer rechtschaffenen Vorfahren, den Salaf. Öffentlicher Druck wird uns davon nicht abbringen.“

Damit benutzt Hansen ausgerechnet jene Selbstbeschreibung, die im Zentrum des Salafismus steht: die Orientierung an den „Salaf“, den als vorbildlich verstandenen ersten Generationen des Islam.

Der Verfassungsschutz nennt sie Deutschlands reichweitenstärkste salafistische Influencerin

Hanna Hansen wird nicht lediglich von politischen Gegnern mit dem Salafismus in Verbindung gebracht.

Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen bezeichnet sie im Bericht für 2025 ausdrücklich als die derzeit „reichweitenstärkste salafistische Influencerin in Deutschland“. Nach Darstellung der Behörde entwickelte sie sich seit Anfang 2024 innerhalb kurzer Zeit zu einer bedeutenden Aktivistin der islamistischen Szene und verfüge über Kontakte zu einschlägigen islamistischen Institutionen und salafistischen Akteuren.

Der Bericht beschreibt ihre Tätigkeit als klassische Daʿwa-Arbeit – islamische Missionierung – sowohl im Internet als auch bei realen Veranstaltungen.

Dabei nennt der Verfassungsschutz ausdrücklich genau jene Veranstaltungsformen, die Hansen nun auch in Herford nutzt: Seminare, „Schwesterntreffen“ und Picknicks mit teilweise nur einigen Dutzend Frauen.

Bereits der Verfassungsschutzbericht 2024 hatte festgestellt, Hansen verbreite eine islamistische Weltanschauung, werbe für salafistische Veranstaltungen und stelle die westliche Lebensweise als mit ihrer Glaubensvorstellung unvereinbar dar. Eine säkulare Ordnung lehne sie nach Einschätzung der Behörde ab.

Das Herforder Picknick ist deshalb nicht isoliert zu betrachten.

Es entspricht genau dem Format, das Sicherheitsbehörden seit längerem als Teil ihrer realweltlichen Missionierungsarbeit beschreiben.

Doch im Video wird aus Salafismus plötzlich „Frauenfeindlichkeit“

Nach dem Treffen veröffentlichte Hansen ein Video mit einer Frau, die sie mit dem Vornamen „Birte“ vorstellt.

Dabei handelt es sich nach den übereinstimmenden öffentlich zugänglichen politischen Spuren offenbar um Birte Döpke aus Bielefeld, Diplom-Pädagogin und frühere Bundestagskandidatin der Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer.

Döpke kandidierte bei der Bundestagswahl 2025 im Wahlkreis Bielefeld–Gütersloh II. Auf der nordrhein-westfälischen Landesliste ihrer Partei stand sie sogar auf Platz eins. Die amtlichen Wahlunterlagen bestätigen sowohl Kandidatur als auch Beruf und Wohnort.

Im Herforder Video trägt Döpke eine Kufiya und spricht über den Protest gegen Hansens Treffen.

Ihre Argumentation ist bemerkenswert.

Sie spricht von „Möchtegern-Feministinnen“ und kritisiert sinngemäß, dass andere Frauen bestimmen wollten, wie eine Frau auszusehen habe. Sie erwähnt Christinnen, Musliminnen und Frauen mit Kopftuch. Sie spricht von Angst und gesellschaftlicher Vielfalt und erklärt, sie sei erschüttert darüber, „in was wir hier reinrutschen“.

Der konkrete Anlass des Protests – Hansens salafistische Positionierung – tritt dabei fast vollständig in den Hintergrund.

Stattdessen entsteht ein anderes Narrativ:

Hier muslimische Frauen und Kopftuchträgerinnen.

Dort Menschen, die ihnen angeblich vorschreiben wollen, wie Frauen zu leben und auszusehen hätten.

Doch genau dagegen richtete sich die Demonstration ausdrücklich nicht

Die Organisatoren des Herforder Demonstrationszuges hatten bereits vor der Veranstaltung ausdrücklich erklärt, ihr Protest richte sich nicht gegen Religionen oder Bevölkerungsgruppen, sondern gegen extremistische Ideologien unabhängig von deren politischer, religiöser oder weltanschaulicher Herkunft.

Auch die gesonderte Mahnwache stand ausdrücklich unter dem Motto:

„Gegen Salafismus und politischen Extremismus.“

Die beteiligte Organisation Frauenheldinnen erklärte, sie wolle gegen ein salafistisches Frauenbild demonstrieren und für Frauenrechte eintreten.

Das ist journalistisch entscheidend.

Denn zwischen diesen beiden Aussagen liegt eine deutliche Verschiebung.

Die Demonstranten sagen:

Wir protestieren gegen Salafismus.

Das Video antwortet:

Ihr greift Musliminnen und Kopftuchträgerinnen an.

Damit wird aus einer Auseinandersetzung über eine konkrete politische und religiös-politische Ideologie eine allgemeine Debatte über Islamfeindlichkeit und Frauenrechte.

Birte Döpke und die Palästina-Bewegung

Dass ausgerechnet Birte Döpke diese Argumentation vorträgt, ist ebenfalls relevant.

Döpke ist seit längerem öffentlich im pro-palästinensischen Aktivismus präsent.

Bei einer Großdemonstration in Düsseldorf im September 2025 trat sie als Rednerin auf. Das Blog Ruhrbarone dokumentierte dabei eine Aussage Döpkes, wonach der Zionismus wie ein „Krebsgeschwür“ in die Welt gewandert sei und „die Regierenden“ steuere. Diese Formulierungen stammen aus der Berichterstattung über ihre damalige Rede; sie sind als dokumentierte Äußerungen einer politischen Aktivistin einzuordnen.

Auch im September 2026 trat Döpke erneut im Umfeld einer angekündigten Gaza-Großdemonstration in Düsseldorf öffentlich in Erscheinung.

Die politische Verbindung im Herforder Video ist deshalb kaum zufällig.

Bereits bei der Vorstellung Döpkes hebt Hansen deren Engagement für Palästina hervor. Döpke trägt während des Gesprächs sichtbar eine Kufiya.

Aus dem lokalen Streit um ein salafistisches „Schwestern-Picknick“ wird damit innerhalb weniger Minuten eine wesentlich größere politische Erzählung: Muslimische Frauen, Palästina, Kopftuch, angebliche gesellschaftliche Ausgrenzung und die politische Rechte werden miteinander verknüpft.

„Die müssen da stehen – aber nicht hier“

Besonders deutlich wird diese Verschiebung gegen Ende des Videos.

Döpke verweist auf einen „angehenden Ministerpräsidenten“ in Ostdeutschland, spricht über „Remigration“ und „Waffengewalt“ und erklärt sinngemäß, dort müssten die Demonstrierenden protestieren.

„Die müssen da stehen“, heißt es in den eingeblendeten Untertiteln.

„Vor seinem Haus.“

„Aber nicht hier.“

Damit lautet die Botschaft nicht mehr lediglich, Hansen werde zu Unrecht kritisiert.

Die Botschaft lautet vielmehr:

Wer gegen dieses Treffen protestiert, demonstriert gegen die Falschen.

Doch gerade diese Schlussfolgerung kollidiert mit Hansens eigener Erklärung wenige Stunden später.

Denn Hansen schreibt nicht, sie habe mit Salafismus nichts zu tun.

Sie distanziert sich nicht von den „Salaf“.

Sie schreibt ausdrücklich, sie werde am Verständnis der „rechtschaffenen Vorfahren, den Salaf“ festhalten.

Ein bemerkenswerter Doppelmechanismus

Genau darin liegt die politische Bedeutung des Herforder Vorgangs.

Nach außen wird Kritik am Salafismus als Angriff auf muslimische Frauen, Kopftücher und Religionsfreiheit dargestellt.

Gleichzeitig bekennt sich Hansen selbst ausdrücklich zu einer salafistischen Referenz und wird vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz als bedeutende salafistische Akteurin eingeordnet.

Das eine schließt das andere nicht automatisch aus: Auch Musliminnen können diskriminiert werden, und auch Kritik an Islamismus kann in antimuslimische Pauschalisierungen kippen.

Für Herford gibt es dafür jedoch einen entscheidenden Gegenbeleg: Die Veranstalter erklärten ausdrücklich, dass sich ihre Aktion nicht gegen Muslime oder Religionen richtete, sondern gegen Extremismus.

Damit bleibt eine Frage, die Hanna Hansen und ihre Unterstützerinnen beantworten müssten:

Warum wird ein ausdrücklich gegen Salafismus gerichteter Protest als Angriff auf Musliminnen dargestellt, wenn Hansen selbst gleichzeitig erklärt, sie halte am Verständnis der Salaf fest?

Das ist kein semantisches Detail.

Es ist der Kern der Auseinandersetzung.

Denn Religionsfreiheit schützt selbstverständlich muslimisches Leben, Glauben und das Tragen eines Kopftuchs.

Sie beendet aber nicht die öffentliche Auseinandersetzung darüber, welche politischen Vorstellungen im Namen einer Religion verbreitet werden – insbesondere dann nicht, wenn der Verfassungsschutz eine Akteurin ausdrücklich der salafistischen Szene zurechnet.

Und genau diese Trennlinie verschwimmt im Video aus Herford.

Was über Birte Döpke derzeit gesichert ist

Döpke, Jahrgang 1974, Diplom-Pädagogin aus Bielefeld, kandidierte 2025 für Team Todenhöfer und führte die NRW-Landesliste der Partei an.

Ein aktuelles politisches Mandat hat sie nach den derzeit öffentlich auffindbaren Daten nicht. Abgeordnetenwatch führt sie weiterhin unter Team Todenhöfer und vermerkt keine aktive Kandidatur.

Für einen inzwischen erfolgten Wechsel zur Partei Die Linke gibt es bislang keinen belastbaren öffentlichen Nachweis.

Ihre Beteiligung am pro-palästinensischen Aktivismus dagegen ist dokumentiert. Ebenso dokumentiert sind öffentliche Auftritte, bei denen sie Israel und Zionismus scharf kritisierte.

Für die weitere Recherche stellt sich deshalb nicht nur die Frage nach Hanna Hansen.

Es stellt sich auch die Frage, welches politische Netzwerk sich inzwischen um ihre öffentlichen Auftritte bildet – und warum eine Politikerin beziehungsweise ehemalige Bundestagskandidatin aus dem pro-palästinensischen Aktivismus unmittelbar nach einer Demonstration gegen Salafismus an Hansens Seite auftritt.

Herford war ein Picknick mit 16 Teilnehmerinnen.

Politisch erzählt das Video jedoch eine wesentlich größere Geschichte.

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Geschrieben von

Cilla Zielinski
Cilla Zielinski ist Medizinerin und Feuilletonistin. Sie schreibt an der Schnittstelle von Wissenschaft, Design und Kultur und analysiert gesellschaftliche Trends mit präzisem, nüchternem Blick.

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Von Cilla Zielinski •