Bürgerlich-liberale Zeitung

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Sechsfachmord von Stade: Der Staat kannte ihn – und ließ ihn gewähren

Der mutmaßliche Sechsfachmörder von Stade hatte keinen Aufenthaltstitel, war den Behörden aber bekannt. Polizei, Jugendamt und Justiz befassten sich mit ihm. Ein türkischer Haftbefehl blieb unentdeckt. Nach seinem Tod in der JVA steht der Rechtsstaat vor einem Scherbenhaufen.

Sechsfachmord von Stade: Der Staat kannte ihn – und ließ ihn gewähren
Sechsfachmord Stade: Der Staat kannte den Täter

Kein Aufenthaltstitel, ein Haftbefehl in der Türkei, Kontakte zu Polizei, Jugendamt, Sozialverwaltung und Justiz: Der mutmaßliche Täter lebte nicht im Verborgenen. Er bewegte sich mitten durch den deutschen Behördenstaat. Trotzdem hielt ihn niemand auf.

Sechs Menschen sind tot. Der mutmaßliche Täter wird nie vor Gericht stehen. Eine zentrale Zeugin wurde auf freien Fuß gesetzt. Die Vergangenheit des Beschuldigten in der Türkei wurde offenbar erst durch Medienberichte bekannt. Und nun steht fest: Der Mann besaß keinen Aufenthaltstitel für Deutschland.

Spätestens damit wird der Sechsfachmord von Stade zu mehr als einem entsetzlichen Gewaltverbrechen. Er wird zum Lehrstück über einen Staat, der seine Bürger mit immer neuen Vorschriften, Registern und Kontrollen überzieht, aber bei einem polizeibekannten Mann ohne Aufenthaltstitel nicht einmal die vorhandenen Informationen zusammenführt.

Der 45-jährige türkische Staatsangehörige lebte keineswegs versteckt. Er war in Deutschland geboren worden, hatte eine Partnerin und ein drei Monate altes Kind. Er verfügte über ein soziales Umfeld, bewegte sich mit einem Auto und hatte Kontakte zu Polizei, Jugendamt, Sozialverwaltung und Justiz. Sein Umgang mit dem Kind war Gegenstand eines behördlichen Verfahrens. Mutter und Tochter lebten in einer betreuten Einrichtung.

Der Staat kannte diesen Mann.

Er kannte seine Familie. Er kannte seinen Aufenthaltsort. Er kannte den Konflikt um das Kind. Er befasste sich mit seiner Person und seinem Verhalten.

Was der Staat offenbar nicht kannte, war das Gesamtbild.