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Kolumnen

Team Todenhöfer: Generationengerechtigkeit mit Jahrgang 1940

Jürgen Todenhöfer gründet eine Partei mit seinem Namen, fordert Generationengerechtigkeit und Birte Döpke führt seine NRW-Liste an. Die Diplom-Pädagogin arbeitete im staatlich finanzierbaren Migranten-Coaching – und steht heute neben Hanna Hansen im Park.

Team Todenhöfer: Generationengerechtigkeit mit Jahrgang 1940
Team Todenhöfer: Politik als betreutes Generationenprojekt Illustration by Richard Bergsirk

Der eine war CDU-Hardliner, unterstützt einst afghanische Mudschahedin und gründet mit 80 eine Partei mit seinem eigenen Namen. Die andere ist Diplom-Pädagogin, arbeitete im staatlich finanzierten Migranten-Coaching und steht heute neben einer salafistischen Influencerin im Park. Deutschland kann Realsatire.

Manche Parteien entstehen aus Bewegungen.

Andere aus gesellschaftlichen Konflikten.

Und manche offenbar aus der Frage:

Was mache ich eigentlich nach der CDU?

Jürgen Todenhöfer beantwortete sie mit bemerkenswerter Konsequenz.

Er gründete eine Partei.

Mit seinem Namen.

Das muss man sich erst einmal trauen.

Helmut Kohl hatte keine „Kohl-Partei“. Franz Josef Strauß kein „Team Strauß“. Selbst Konrad Adenauer verzichtete darauf, die CDU irgendwann in „Konrad und Freunde“ umzubenennen.

Jürgen Todenhöfer hingegen gründete 2020:

Team Todenhöfer.

Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die Partei höflich als stark auf ihren Gründer zugeschnitten. Todenhöfer, Jahrgang 1940, gehörte von 1972 bis 1990 für die CDU dem Bundestag an. Später wurde er zum entschiedenen Gegner westlicher Militäreinsätze und schließlich zum Parteigründer. bpb.de

Die Partei wiederum erklärt ausgerechnet Generationengerechtigkeit zu einem Kernanliegen. bpb.de

Das ist ungefähr so, als würde Keith Richards eine Jugendorganisation für frühes Zubettgehen gründen.

Der Name musste irgendwann weg

2026 kam offenbar selbst der Partei der Gedanke, dass man vielleicht auch Politik machen kann, ohne den Familiennamen des Vorsitzenden auf jedes Plakat zu drucken.

Beim Bundesparteitag im April stand tatsächlich der Antrag auf der Tagesordnung, aus

„Die Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer“

einfach

„Die Gerechtigkeitspartei“

zu machen. Gerechtigkeitspartei

Der Bundesvorsitzende hieß weiterhin:

Jürgen Todenhöfer.

Die Partei wollte also den Namen Todenhöfer loswerden, aber nicht Todenhöfer.

Politische Emanzipation in homöopathischer Dosierung.

Und dann ist da Birte

Birte Döpke, Jahrgang 1974, geboren in Lage, wohnhaft in Bielefeld.

Beruf:

Diplom-Pädagogin.

Bei der Bundestagswahl 2025 führte sie die nordrhein-westfälische Landesliste von Team Todenhöfer auf Platz eins an. Im Wahlkreis Bielefeld–Gütersloh II trat sie außerdem direkt an. Wahlergebnisse NRW

Man darf sie deshalb guten Gewissens als politisches Spitzenpersonal der Partei in Nordrhein-Westfalen bezeichnen.

Das Wahlergebnis war überschaubar.

Döpke erhielt 1.548 Erststimmen, 0,8 Prozent. Die Partei kam im Wahlkreis auf 597 Zweitstimmen. Bielefeld

Das muss niemanden entmutigen.

Andere Menschen brauchen 1.548 Likes schon für einen brauchbaren Instagram-Post.

Team Todenhöfer macht daraus Bundestagspolitik.

Beruflich: Menschen an den Arbeitsmarkt heranführen

Interessant wird es bei Döpkes Berufsbiografie.

Ein Flyer des ESTA-Bildungswerks führt Birte Döpke als Ansprechpartnerin beim Projekt:

„I-Coach für Migranten – kultursensibles Coaching“.

Das Angebot soll unter anderem bei Kinderbetreuung, Sprachkursen, Arbeitsmarktfragen, beruflichen Perspektiven und der Anerkennung von Zeugnissen helfen.

Finanziert wird das Coaching laut Flyer über einen Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein nach § 45 SGB III. Interessierte sollen sich an Arbeitsagentur oder Jobcenter wenden. Esta BW

Das heißt nicht, dass Döpke „vom Staat lebt“.

Das wäre unbelegt.

Es heißt aber sehr wohl:

Sie arbeitete in einem Bereich, dessen Dienstleistung mit Mitteln der staatlichen Arbeitsförderung finanziert werden kann.

Oder satirisch gesprochen:

Während Team Todenhöfer die Republik neu erfinden möchte, half seine nordrhein-westfälische Spitzenkandidatin beruflich Menschen dabei, sich in jener Republik zurechtzufinden, die offenbar gleichzeitig dringend grundlegend reformiert werden muss.

Deutschland ist eben effizient.

Es finanziert sogar die Pädagogik für die Menschen, die ihm anschließend erklären, was mit ihm politisch nicht stimmt.

Vom Arbeitsmarkt-Coaching zum Schwestern-Picknick

Und nun, Oktober 2026.

Birte Döpke taucht wieder auf.

Diesmal nicht im Jobcenter.

Nicht bei einer arbeitsmarktpolitischen Fachkonferenz.

Nicht bei einer Veranstaltung über § 45 SGB III.

Sondern im Aawiesenpark in Herford.

Neben Hanna Hansen.

Hansen wird vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz der salafistischen Szene zugerechnet.

Döpke trägt eine Kufiya.

Im Hintergrund protestieren Menschen gegen Salafismus.

Und Döpke erklärt ihnen sinngemäß, dass sie eigentlich ganz woanders protestieren müssten.

Man muss die Dramaturgie würdigen.

Die Frau, deren berufliche Arbeit unter anderem darin bestand, Migranten Orientierung in Deutschland zu vermitteln, steht nun neben einer salafistischen Influencerin und erklärt Deutschen Orientierung beim Demonstrieren.

Das ist keine Pointe.

Das ist ein Sachverhalt.

„Ihr steht falsch“

Döpke spricht im Video von „Möchtegern-Feministinnen“, von Musliminnen, Kopftüchern und gesellschaftlicher Vielfalt.

Später verweist sie auf einen Politiker im Osten Deutschlands, auf Remigration und darauf, wo die Demonstranten ihrer Auffassung nach stattdessen stehen sollten.

Sinngemäß:

Dort.

Vor dessen Haus.

Aber nicht hier.

Das ist politischer Kundenservice.

Früher:

„Wie kann ich Ihnen helfen, einen Arbeitsplatz zu finden?“

Heute:

„Wie kann ich Ihnen helfen, den richtigen Demonstrationsort zu finden?“

Vielleicht ist „kultursensibles Coaching“ weniger ein Beruf als eine Lebenshaltung.

Dabei hatte Hansen gerade selbst die Bedienungsanleitung geliefert

Das Kuriose:

Hanna Hansen versucht nach dem Protest gar nicht, ihre salafistische Referenz kleinzureden.

Sie schreibt öffentlich, sie halte an Koran und Sunna fest,

„nach dem Verständnis unserer rechtschaffenen Vorfahren, den Salaf“.

Das Problem des Protests war also offenbar nicht, dass die Demonstranten ein völlig fremdes Etikett erfunden hätten.

Hansen verwendet den Begriff selbst.

Döpke reagiert dennoch mit einer Debatte über Musliminnen, Kopftücher und Feminismus.

Satirisch betrachtet ist das ein Meisterstück:

A sagt:

„Ich orientiere mich an den Salaf.“

B demonstriert gegen Salafismus.

C sagt:

„Warum habt ihr etwas gegen Frauen mit Kopftuch?“

Und irgendwo sitzt Aristoteles und bestellt einen Schnaps.

Todenhöfer wiederum war einmal ganz woanders

Damit zurück zum Parteigründer.

Jürgen Todenhöfer war einmal konservativer CDU-Abgeordneter.

In den 1980er-Jahren unterstützte er afghanische Mudschahedin im Kampf gegen die sowjetische Besatzung.

Später wurde er einer der prominentesten deutschen Gegner westlicher Kriege.

Dann trat er aus der CDU aus.

Dann gründete er seine Partei.

Dann wurde aus dem früheren konservativen Bundestagsabgeordneten ein Politiker, dessen öffentliche Identität zunehmend von Nahost, Krieg und westlicher Außenpolitik geprägt wurde.

Andere Menschen wechseln im Laufe ihres Lebens den Friseur.

Todenhöfer wechselte mehrfach das politische Weltbild.

Jetzt fusionieren wir. Nein, doch nicht.

Und die Partei hält das Tempo.

2026 sollte Team Todenhöfer mit der BIG-Partei zusammengehen.

Beim April-Parteitag war die Integration beziehungsweise Fusion Bestandteil des organisatorischen Prozesses. Gerechtigkeitspartei

Für den Bundesparteitag im November 2026 steht nun jedoch die Aufhebung des Verschmelzungsbeschlusses auf der Tagesordnung. Gerechtigkeitspartei

Auch hier spart einem die Realität die Pointe.

Die politische Bewegung, die Deutschland erklären möchte, braucht offenbar noch etwas Zeit, um sich selbst zu sortieren.

Fusion.

Namensänderung.

Neuwahl.

Aufhebung der Fusion.

Das Parteiprogramm könnte an manchen Tagen auch lauten:

Bitte warten. Ihre politische Richtung wird neu berechnet.

Eine Partei für junge Menschen

Und trotzdem:

Generationengerechtigkeit.

Das ist eine Kernforderung.

Der Vorsitzende ist Jahrgang 1940. bpb.de

Die nordrhein-westfälische Spitzenkandidatin von 2025 ist Jahrgang 1974. Wahlergebnisse NRW

Das macht natürlich niemanden politisch ungeeignet.

Aber es eröffnet eine faszinierende semantische Frage:

Ab welchem Lebensalter bedeutet „Generationengerechtigkeit“ eigentlich, dass man die nächste Generation auch einmal selbst machen lässt?

Team Todenhöfer scheint darauf bislang mit einem entschlossenen:

Wir prüfen das

zu antworten.

Das pädagogische Gesamtkunstwerk

Vielleicht passt Birte Döpke deshalb doch hervorragend zu dieser Partei.

Diplom-Pädagogin.

Migrationscoach.

Spitzenkandidatin.

Palästina-Aktivistin.

Und jetzt politische Wegweiserin auf einer Wiese in Herford.

Sie ist gewissermaßen die natürliche Weiterentwicklung des Todenhöfer-Prinzips:

Man beginnt mit einem Beruf.

Dann entdeckt man die Weltpolitik.

Dann erklärt man der Welt, wo sie falsch liegt.

Das Ganze möglichst mit pädagogischem Anspruch.

Todenhöfer macht es international.

Döpke macht es im Park.

Deutschlands politischer Selbsthilfezirkel

Mein Mann fragte beim Anblick des Videos:

„Welche Wahnsinnspillen verteilen die eigentlich in Deutschland?“

Die Antwort lautet:

Offenbar keine.

Deutschland braucht dafür keine pharmazeutische Industrie.

Deutschland hat Parteitage.

Deutschland hat Diplom-Pädagogen.

Deutschland hat Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheine.

Deutschland hat Kleinstparteien.

Und Deutschland besitzt die seltene Begabung, aus all diesen Zutaten irgendwann einen sonnigen Nachmittag zu produzieren, an dem eine frühere NRW-Spitzenkandidatin einer 0,x-Prozent-Partei neben einer salafistischen Influencerin steht und einer wesentlich größeren Gruppe von Demonstranten erklärt, sie demonstrierten eigentlich am falschen Ort.

Wer sollte so etwas erfinden?

Vielleicht ist das die wahre Generationengerechtigkeit

Jürgen Todenhöfer hat jedenfalls vorgesorgt.

Er hat den Jüngeren etwas hinterlassen.

Keine Bundestagsfraktion.

Keine Landtagsfraktion.

Aber eine Marke.

Eine Weltanschauung.

Einen riesigen politischen Themenkatalog.

Und offenbar genügend Beschäftigung für die nächsten Jahre.

Birte Döpke macht inzwischen ihren Teil.

Und vielleicht ist genau das die besondere Vorstellung von Generationengerechtigkeit bei Team Todenhöfer:

Die Älteren liefern die politischen Obsessionen.

Die Jüngeren tragen sie weiter.

Und der Steuerzahler finanziert zwischendurch das Coaching.


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Geschrieben von

Cilla Zielinski
Cilla Zielinski ist Medizinerin und Feuilletonistin. Sie schreibt an der Schnittstelle von Wissenschaft, Design und Kultur und analysiert gesellschaftliche Trends mit präzisem, nüchternem Blick.

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