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Vom Buch zu Netflix: Warum Frankfurt plötzlich um Filmstoffe kämpft

Auf der Frankfurter Buchmesse wird das Buch zum Filmstoff. Produzenten, Scouts und Verlage treffen sich beim Book-to-Screen Day. Für unabhängige Häuser können Film- und Serienrechte zum zweiten großen Geschäft werden – wenn sie ihre Stoffe sichtbar machen und die Rechte sauber sichern.

Vom Buch zu Netflix: Warum Frankfurt plötzlich um Filmstoffe kämpft
Frankfurt bringt Verlage und Filmproduzenten zusammen. Warum Film- und Serienrechte für kleine Verlage immer wichtiger werden. Illustration by Richard Bergsirk

Ein Buch muss längst nicht mehr nur ein Buch bleiben. Auf der Frankfurter Buchmesse treffen Verlage auf Filmproduzenten, Scouts und Streaming-Experten. Mit dem Book-to-Screen Day wird die Filmoption zum zweiten großen Geschäft – und gerade für unabhängige Verlage kann ein einziger Stoff plötzlich mehr wert sein als tausende verkaufte Exemplare.

Frankfurt – Das Buch endet nicht mehr auf der letzten Seite.

Es kann dort erst anfangen.

Ein Roman wird zum Hörbuch.

Dann zur Übersetzung.

Vielleicht zum Film.

Vielleicht zur Serie.

Und plötzlich interessiert sich ein Produzent weniger dafür, wie viele Hardcover verkauft wurden, als für eine andere Frage:

Steckt darin eine Geschichte, die auf dem Bildschirm funktioniert?

Genau deshalb wird die Frankfurter Buchmesse zunehmend auch zum Marktplatz für Film- und Serienrechte.

Freitag ist Book-to-Screen Day

Am Freitag, dem 9. Oktober, veranstaltet Frankfurt seinen Book-to-Screen Day.

Im Mittelpunkt steht der Austausch zwischen internationaler Buchbranche, Produzenten, Scouts und Filmwirtschaft.

Unter den angekündigten Unternehmen befinden sich unter anderem Bavaria Fiction, Constantin Film und Leonine Studios.

Bereits am Donnerstag beginnt das Programm mit Filmproduzent Carlo Cresto Dina.

Am Freitagmorgen folgt eine Veranstaltung über aktuelle europäische Adaptions-Trends mit Vertretern des European Audiovisual Observatory, Film- und TV-Scouting sowie Produktion.

Das zeigt:

Das Geschäft mit Büchern endet längst nicht mehr beim Buchhandel.

Hollywood sucht Geschichten – Verlage besitzen sie

Streaming hat einen nahezu unersättlichen Bedarf geschaffen.

Serien brauchen Stoff.

Filme brauchen Stoff.

Produktionsgesellschaften brauchen Figuren, Konflikte und Welten.

Verlage besitzen davon ganze Kataloge.

Und für Produzenten hat ein veröffentlichtes Buch einen Vorteil:

Die Geschichte existiert bereits.

Figuren wurden entwickelt.

Die Welt wurde erprobt.

Vielleicht gibt es sogar bereits Leser, Rezensionen und eine Community.

Das reduziert nicht das Produktionsrisiko.

Aber es liefert eine Grundlage.

„Heimsuchung“ zeigt den Weg

Wie wichtig Buchadaptionen für Frankfurt geworden sind, zeigt eines der prominentesten Beispiele dieser Messe.

Volker Schlöndorffs „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“, basierend auf Jenny Erpenbecks Roman, erhält 2026 den Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Adaption.

Erpenbeck, Schlöndorff und Produzentin Regina Ziegler sprechen am Freitag gemeinsam über die Entstehung.

Der Film feierte bereits in Cannes Premiere und startet am 15. Oktober in den deutschen Kinos.

Ein literarischer Stoff wandert damit vom Buchmarkt auf die internationale Leinwand.

Genau davon träumen viele Verlage.

Kleine Verlage haben Stoff – aber selten eigene Scouts

Für unabhängige Häuser liegt darin eine große Chance.

Und ein großes Problem.

Ein Konzernverlag besitzt Rechteabteilungen.

Er verfügt über internationale Kontakte.

Agenturen kennen Produzenten.

Scouts beobachten das Programm.

Ein kleiner Verlag kann ein genauso filmisches Buch besitzen.

Nur muss jemand davon erfahren.

Hier wiederholt sich die zentrale Frage dieser Buchmesse:

Sichtbarkeit.

Nicht nur vor Lesern.

Nun auch vor Produzenten.

Erich Reiss Publishing besitzt gleich mehrere denkbare Stoffe

Unser Buchmesse-Schwerpunkt auf Erich Reiss Publishing zeigt, wie unterschiedlich solche Entwicklungsmöglichkeiten aussehen können.

„Salz und Stahl“ von Dirk Kirschberger ist als historischer Stoff grundsätzlich in einer Kategorie angesiedelt, die visuell stark funktionieren kann.

„Königreiche aus Staub“ von Adrian Kerr öffnet als historischer Roman eine Welt, bei der Schauplätze, Machtkonflikte und Figuren grundsätzlich auch für audiovisuelle Erzählformen interessant sein können.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass bereits eine Filmoption besteht.

Es bedeutet:

Der Stoff lässt sich nicht nur als Buch denken.

„Sechs Wochen Gegenwind“ und die junge Zielgruppe

Noch offensichtlicher ist die Verbindung bei „Sechs Wochen Gegenwind“ von Paul Fisher.

Die Buchmesse hat 2026 erstmals eine Screen World eingerichtet, die Kinder- und Jugendbuchbranche, Film und Streaming zusammenbringen soll.

Am 8. Oktober finden dort Veranstaltungen speziell zur Frage statt, wie literarische Stimmen für ein junges Publikum auf die Leinwand gelangen und wie Kinder- und Jugendbuchverlage mit der Filmbranche zusammenarbeiten können.

Coming-of-Age funktioniert seit Jahrzehnten auf dem Bildschirm.

Freundschaft.

Erste Liebe.

Familienkonflikte.

Identität.

Sommer.

Verlust.

Diese Stoffe brauchen keine Explosionen.

Sie brauchen Figuren.

Und selbst Sachbücher werden Filmstoffe

Auch Jonathan Falks „Vor dem Urteil bestraft – Wirecard, Belastungszeugen und die grenzenlose Untersuchungshaft“ sollte man nicht ausschließlich als klassisches Sachbuch betrachten.

Wirecard ist längst mehr als ein Wirtschaftsskandal.

Der Stoff enthält Geld.

Macht.

Justiz.

Verdächtige.

Zeugen.

Milliarden.

Politische Verantwortung.

Und offene Fragen.

Das sind typische Zutaten dokumentarischer Serien.

Auch hier gilt:

Wir behaupten keine bestehende Produktion.

Aber ein moderner Verlag sollte Rechte nicht erst dann strukturieren, wenn ein Produzent anruft.

Filmrechte müssen von Anfang an mitgedacht werden

Das wird für kleine Verlage entscheidend.

Wer besitzt die Filmrechte?

Der Autor?

Der Verlag?

Sind sie exklusiv übertragen?

Für welche Dauer?

Für welche Länder?

Sind Serienrechte eingeschlossen?

Dokumentarische Adaption?

Podcast?

Streaming?

Remake?

Merchandising?

Diese Fragen wirken beim Abschluss eines Buchvertrags oft weit entfernt.

Bis plötzlich jemand den Stoff haben will.

Dann werden sie sehr konkret.

Das Buch wird zum geistigen Rohstoff

Man kann diese Entwicklung kritisieren.

Literatur ist keine Ideenmine für Netflix.

Ein Roman muss nicht verfilmt werden, um wertvoll zu sein.

Doch wirtschaftlich wäre es naiv, den Markt zu ignorieren.

Die moderne Verlagswirtschaft verkauft nicht nur Papier.

Sie verwaltet geistiges Eigentum.

Ein Stoff.

Eine Figur.

Eine Welt.

Ein Titel.

Ein Recht.

Frankfurt hat das verstanden

Deshalb treffen in Frankfurt nicht mehr nur Buchhändler und Autoren aufeinander.

Filmproduzenten laufen durch dieselben Hallen.

Scouts lesen dieselben Programme.

Agenten verkaufen nicht nur Übersetzungen.

Und Verlage müssen lernen, Geschichten gleichzeitig literarisch und international zu denken.

Für unabhängige Häuser kann darin eine enorme Chance liegen.

Vielleicht verkauft ein Buch 5.000 Exemplare.

Vielleicht findet es aber genau einen Produzenten, der erkennt, was darin steckt.

Dann beginnt die Geschichte ein zweites Mal.

Nicht auf Seite eins.

Sondern auf dem Bildschirm.


Geschrieben von

Bianca Moreau
Bianca Moreau schreibt für Die Vossische über Politik, Gesellschaft, Medien und Kultur. Ihr Schwerpunkt liegt auf zugänglichen Analysen aktueller Debatten, gesellschaftlicher Konflikte und öffentlicher Inszenierungen.

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