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Feuilleton

Warum wir schwul sind, aber uns weigern, „queer“ zu sein

Schwul, verheiratet, Familie – aber nicht queer. Warum wir neue Etiketten und Ideologie ablehnen.

Warum wir schwul sind, aber uns weigern, „queer“ zu sein
Warum zwei schwule Männer das Queer-Label ablehnen: über Freiheit, Familie, Identitätspolitik und den Wunsch, einfach gleichberechtigt zu leben. Illustration by Richard Bergsirk

Ein Auszug aus dem kommenden Buch. Wie aus dem erfolgreichen Kampf für Freiheit und Privatsphäre plötzlich eine übergriffige „Buchstabensuppe“ wurde – und warum wir da nicht mehr mitmachen.

Es gab eine Zeit, in der das Ziel der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung von bestechender Klarheit war: Wir wollten in Ruhe gelassen werden. Wir wollten das Recht haben, den Menschen zu lieben, den wir lieben, ohne vom Staat kriminalisiert, von der Gesellschaft geächtet oder am Arbeitsplatz benachteiligt zu werden. Es war ein Kampf für Privatsphäre, für individuelle Freiheit und letztlich für eine unspektakuläre Normalität. Wir haben gewonnen. Doch wer sich heute die offizielle Repräsentation dieser einstigen Freiheitsbewegung ansieht, reibt sich verwundert die Augen.

Aus der solidarischen Zweckgemeinschaft von Schwulen und Lesben ist ein stetig wachsendes Akronym geworden. LGBTQIA+ ist keine Bürgerrechtsbewegung mehr, sondern ein ideologisches Paket. Wer heute schwul ist, von dem wird unausgesprochen erwartet, dass er sich gefälligst als „queer“ identifiziert und ein ganzes Set an hochkomplexen Gendertheorien, Sprachvorgaben und Identitätskonzepten unhinterfragt übernimmt.

„Wir haben nicht für das Recht auf Ehe gekämpft, um uns heute vorschreiben zu lassen, welche Pronomen wir in unsere E-Mail-Signatur schreiben müssen.“

Die aktuelle Identitätspolitik vermischt völlig unterschiedliche Kategorien zu einem undurchdringlichen Brei: sexuelle Orientierung (wen man liebt), Geschlechtsidentität (als was man sich fühlt) und biologische Variationen. Man hat uns unter den Regenbogen gezwungen und verlangt nun absolute Loyalität gegenüber einer Weltanschauung, die mit unserem eigentlichen Leben, unserem Alltag und unseren Zielen oft nicht das Geringste zu tun hat.

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Die unerbetene Diagnose

Chris und ich führen ein Leben, das für die radikalen Ränder der heutigen Queer-Theorie fast schon eine Provokation darstellt. Wir sind verheiratet, wir ziehen unseren Sohn Alexander groß, wir arbeiten, wir zahlen Steuern. Wir sind eine Familie. Wenn wir uns in der heutigen Debatte zu Wort melden, bekommen wir schnell ein neues, ungebetenes Etikett aufgedrückt: Wir seien „Cis-Männer“.

Dieser Begriff wird nicht deskriptiv verwendet, sondern als Diagnose, oft sogar als Vorwurf. Es ist die subtile Unterstellung, dass wir Teil eines unterdrückenden Patriarchats seien, nur weil wir uns nicht im ständigen Konflikt mit unserem biologischen Geschlecht befinden. Wir weigern uns, dieses Label zu akzeptieren.

Wir verlangen von der Gesellschaft Respekt für unser Lebensmodell, aber wir fordern von niemandem, dass er seine Sprache, seine Formulare oder seine Weltsicht für uns umbauen muss. Gleichberechtigung ist keine Auszeichnung für gutes Benehmen. Sie ist ein Recht. Und dieses Recht erfordert keine neuen, komplizierten Verhaltensregeln, sondern schlichte, juristische Gleichstellung.

Der Bruch der Bündnisgemeinschaft

Die Weigerung, das „Queer“-Label zu tragen, entspringt keinem Konservatismus, sondern dem Wunsch nach Wahrhaftigkeit. Homosexualität ist keine politische Ideologie. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, so zu tun, als hätten alle Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen, automatisch dieselben politischen Ziele.

Indem die moderne Identitätspolitik jeden Aspekt der Persönlichkeit in kleinteilige Kategorien zerlegt und mit neuen Etiketten versieht, schafft sie keine Toleranz. Sie baut neue, starre Schubladen, in die wir uns selbst einsperren sollen. Wir haben einst dafür gekämpft, aus den Schubladen auszubrechen. Wir werden uns nicht freiwillig in die nächste begeben, nur weil sie diesmal in Regenbogenfarben gestrichen ist.

Dieser Text ist Teil 1 der exklusiven Vorab-Serialisierung zu unserem heute im Erich Reiss Verlag erschienenen Buch. Im nächsten Kapitel widmen wir uns der Wahrheit über moderne Familien und warum die Begriffe „Mutter“ und „Vater“ nicht aus ideologischen Gründen gestrichen werden dürfen.

Identitätspolitik, LGBTQ, Gleichberechtigung, Gesellschaftskritik, Queer, Erich Reiss, Homosexualität, Meinungsfreiheit, Essay, Vorabveröffentlichung

72 Geschlechter: Zwei Männer, eine Familie und die Freiheit, zu widersprechen

Als Dirk und Michael Kirschberger vor über siebzehn Jahren ein Paar wurden und später als zwei Männer heirateten und in Kanada eine Familie gründeten, kämpften sie für ein klares Ziel: einen selbstverständlichen Platz in der Gesellschaft. Sie wollten nicht demonstrieren, um die Welt zu verändern; sie wollten lieben, Verantwortung tragen, heiraten und als Familie leben.

Heute blicken sie mit Sorge auf eine Bewegung, deren Teil sie einst waren. Plötzlich ist der Regenbogen kein Symbol der Freiheit mehr, sondern das Banner eines Kulturkampfs. Wer einen Mann liebt, soll plötzlich queer sein. Wer als Mann geboren ist und sich so fühlt, bekommt ungefragt die Diagnose Cis-Mann auf das unsichtbare Namensschild geklebt. Und wer seine Kinder ohne frühkindliche Identitäts-Fragebögen und sprachliche Umerziehung erziehen möchte, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck.

Ein aufrüttelndes Plädoyer für den gesunden Menschenverstand und die Freiheit des Einzelnen.

In diesem tiefgründigen, berührenden und zugleich scharfsinnigen Buch erzählen die Autoren ihre Geschichte – von den humorvollen und holprigen Anfängen in Hamburg über die dänische Hochzeit bis hin zum Vatersein mit einem durch Leihmutterschaft geborenen Sohn auf den Bahamas. Doch sie belassen es nicht beim privaten Rückblick. Sie sezierten messerscharf den modernen Zeitgeist:

  • Die Buchstabensuppe (LGBTQIA+*): Warum die inflationäre Ausweitung von Abkürzungen heterogene Gruppen zu einer unkritischen Dogmatik verschmilzt und reale Probleme unsichtbar macht.
  • Der Zwang zur Vorsilbe: Warum sich ein Mann nicht als cis definieren muss, nur weil er mit einer neuen Theorie übergestülpt wird.
  • FLINTA-Räume: Warum politische Schutzräume oft genau jene ausgrenzen, die jahrzehntelang für dieselbe Freiheit gekämpft haben.
  • Schule und Erziehung: Wo die sachliche Aufklärung endet und weltanschauliche Indoktrination im Klassenzimmer beginnt – und warum Kinder vor der Bedeutsamkeitssucht der Erwachsenen geschützt werden müssen.

„72 Geschlechter“ ist kein Buch gegen Homosexuelle oder Vielfalt. Es ist ein leidenschaftliches Buch für die Freiheit, für biologische Realitäten und für die Errungenschaften der Aufklärung. Es richtet sich an alle, die spüren, dass der gesellschaftliche Diskurs in eine Sackgasse geraten ist, und die sich eine Sprache zurückwünschen, die wieder vom echten Leben statt von theoretischen Konstrukten erzählt.

Für alle, die lieben, wen sie wollen – aber sich nicht mehr vorschreiben lassen möchten, wie sie es nennen sollen.

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Geschrieben von

Michael Kirschberger
Michael Kirschberger schreibt zugängliche Sachbücher und Beiträge zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Sein Stil ist klar, strukturiert und darauf ausgerichtet, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen.
Dirk Kirschberger
Dirk Kirschberger ist Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Autor. Er schreibt über Politik, Gesellschaft und wirtschaftliche Entwicklungen und verbindet analytische Einordnung mit journalistischer Erfahrung.

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