Was können die eigentlich? Wir machen mit Berlins Linken den Stammestest
Was bleibt von Politikern übrig, wenn Titel, Fraktionen und Funktionärsposten nichts mehr zählen? Wir prüfen die 20 Abgeordneten der Berliner Linken nach einem uralten Maßstab: Was haben sie gearbeitet, was können sie wirklich – welche Erfahrung haben sie mit jener Welt, die sie regulieren wollen?
Ein soziologisches Experiment über Macht, Arbeit und eine politische Klasse, die anderen erklären will, wie sie zu leben haben
Wir machen für einen Moment etwas Ungewöhnliches.
Wir vergessen Parteiprogramme. Wir vergessen akademische Titel. Wir vergessen Ausschüsse, Referentenstellen, Fraktionsbüros, politische Stiftungen und all die Berufsbezeichnungen, mit denen sich das moderne politische Milieu selbst beschreibt.
Wir stellen uns stattdessen vor, Berlin wäre kein hochentwickelter Staat mit Steuereinnahmen, Verwaltung, Sozialversicherung und einem gewaltigen öffentlichen Apparat.
Stellen wir uns eine kleine menschliche Gemeinschaft vor.
Fünfzig Menschen.
Vielleicht hundert.
Keine Ämter. Keine Parteien. Keine Abgeordnetendiäten. Keine staatlich finanzierten Verbände. Keine Fraktionsstellen. Keine Förderprogramme.
Nur Menschen, die gemeinsam dafür sorgen müssen, dass sie morgen noch leben.
Dann würde sich für jedes Mitglied dieser Gemeinschaft eine brutale, aber seit Jahrtausenden entscheidende Frage stellen:
Was kannst du, was wir brauchen?
Kannst du Nahrung beschaffen?
Kannst du bauen?
Kannst du Werkzeuge herstellen?
Kannst du Krankheiten behandeln?
Kannst du Kinder unterrichten?
Kannst du organisieren?
Kannst du Menschen schützen?
Kannst du etwas reparieren?
Kannst du Wissen weitergeben?
Kannst du Streit schlichten?
Kannst du eine Aufgabe übernehmen, deren Nichterfüllung Folgen für die gesamte Gemeinschaft hätte?
Niemand würde fragen, ob jemand „wissenschaftlicher Referent“, „parlamentarischer Geschäftsführer“, „politischer Mitarbeiter“ oder „Sprecher für gesellschaftliche Transformation“ ist.
Diese Begriffe hätten keinen Wert.
Es gäbe nur eine Frage:
Was ist dein konkreter Beitrag?
Und genau diesen Maßstab legen wir jetzt einmal an Politiker an.
Nicht nur an Die Linke.
An alle.
Aber wir beginnen mit der Berliner Linksfraktion.
Denn kaum eine politische Kraft fordert derzeit so weitgehende Eingriffe in Eigentum und Wohnungsmarkt. Die Berliner Linksfraktion erklärt ausdrücklich, der Markt könne die Wohnungsfrage nicht lösen, fordert stärkere Regulierung, will möglichst viele Wohnungen in öffentliches Eigentum überführen und befürwortet die Vergesellschaftung großer Immobilienunternehmen. Im Januar 2026 forderte sie erneut einen Mietendeckel.
Wer solche Eingriffe fordert, darf sich eine einfache Frage gefallen lassen:
Welche Erfahrungen bringen diejenigen mit, die darüber entscheiden wollen?
Wir wollen nicht wissen, was auf der Visitenkarte steht
Unsere Untersuchung beginnt deshalb nicht bei politischen Positionen.
Sie beginnt beim Lebenslauf.
Wo wurde jemand geboren?
Wo ist er aufgewachsen?
Welche Ausbildung wurde begonnen?
Welche wurde abgeschlossen?
Wo wurde gearbeitet?
Wie lange?
Wer war der Arbeitgeber?
Gab es Kunden?
Gab es einen Markt für die eigene Leistung?
Gab es wirtschaftliches Risiko?
Musste jemand von dem leben, was andere freiwillig für seine Arbeit bezahlten?
Gab es Mitarbeiter?
Verantwortung?
Fehlentscheidungen, die eigenes Geld kosteten?
Oder verlief die Karriere anders:
Studium.
Hochschulpolitik.
Parteijugend.
Mitarbeiter eines Abgeordneten.
Referent einer Fraktion.
Parteifunktion.
Mandat.
Parlament.
Genau diese Biografien interessieren uns.
Denn Berlin soll von Menschen regiert werden, deren Lebensläufe erstaunliche Fragen aufwerfen
Die derzeitige Linksfraktion listet unter anderem Sprecher für Mieten und Wohnen, Arbeit und Wirtschaft, Vermögen und Beteiligungen, Innenpolitik, Wissenschaft sowie Sozial- und Migrationspolitik auf.
Diese Menschen wollen nicht lediglich Kommentare schreiben.
Sie wollen Regeln setzen.
Niklas Schenker etwa ist Sprecher für Mieten, Wohnen und Bauen. Die Fraktion stellt die Mietenfrage ausdrücklich ins Zentrum ihrer Politik.
Die Linke fordert außerdem ein Mieten- und Wohnungskataster und will große Vermieter zu einer Sozialvermietungsquote verpflichten. Ihr „Sicher-Wohnen-Gesetz“ sieht entsprechende Melde- und Vergabepflichten vor.
Das sind keine abstrakten Seminardebatten.
Solche Maßnahmen betreffen Eigentümer, Bauunternehmen, Investoren, Vermieter, Banken und letztlich jeden, der Wohnraum finanziert, errichtet oder vermietet.
Also fragen wir:
Wie viele der Politiker, die solche Regeln entwerfen, kennen diese Welt aus eigener beruflicher Erfahrung?
Unser Experiment heißt: der Stammestest
Natürlich lebt niemand mehr in einer steinzeitlichen Sippe.
Gerade deshalb ist das Gedankenexperiment interessant.
Denn moderne Gesellschaften können Tätigkeiten finanzieren, deren unmittelbarer Nutzen kaum sichtbar ist. Eine kleine Gemeinschaft könnte das nicht.
Dort müsste sich jede Funktion immer wieder an einer elementaren Frage messen lassen:
Brauchen wir das?
Die Lehrerin könnte darauf antworten.
Sie bildet die nächste Generation aus.
Der Arzt könnte darauf antworten.
Der Handwerker ebenfalls.
Der Bauer.
Der Ingenieur.
Der Mechaniker.
Der Anwalt, wenn er Konflikte löst und Regeln ordnet.
Auch jemand, der eine komplexe Gemeinschaft organisiert, könnte seinen Nutzen zeigen.
Aber was geschieht mit einer Gesellschaft, in der Menschen bereits unmittelbar nach dem Studium beginnen, andere Politiker zu beraten, anschließend für Fraktionen arbeiten und schließlich selbst Politiker werden?
Dann entsteht ein System, das sich teilweise selbst reproduziert.
Politiker beschäftigen zukünftige Politiker.
Fraktionen bilden zukünftige Abgeordnete aus.
Parteien schaffen Karrierewege, deren Markt fast ausschließlich aus der Politik selbst besteht.
Und irgendwann sitzen Menschen im Parlament, deren wichtigste Berufserfahrung darin besteht, Politik gemacht zu haben.
Niklas Schenker: vom Studium zur Politik – und dann zuständig für den Wohnungsmarkt
Schenkers Laufbahn ist dafür ein besonders interessantes Beispiel.
Studium der Sozialwissenschaften.
Master Politikwissenschaft.
Dann wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten der Linken.
Danach Referent der Linksfraktion für Bauen, Mieten und Wohnen.
Kommunalpolitik.
Seit 2021 Abgeordneter.
Heute: Sprecher für Mieten, Wohnen und Bauen.
Damit ist eine zentrale Frage vorgezeichnet, die wir in seinem Einzelporträt genauer untersuchen werden:
Welche praktische Erfahrung mit Bau, Finanzierung, Vermietung, Projektentwicklung, Eigentumsverwaltung oder unternehmerischem Wohnungsbau besitzt der Mann, der heute die Wohnungspolitik seiner Fraktion prägt?
Das ist keine Nebensächlichkeit.
Es ist eine der Fragen, um die es in dieser Serie geht.
Die politische Welt erzeugt ihre eigenen Experten
Das Problem beschränkt sich nicht auf einen einzelnen Abgeordneten.
In modernen Parteien findet man immer häufiger denselben Karriereweg:
Universität.
Politische Organisation.
Abgeordnetenbüro.
Fraktion.
Verband.
Parlament.
Dabei entsteht eine bemerkenswerte Verschiebung.
Aus Erfahrung mit einem Wirtschaftszweig wird Erfahrung über einen Wirtschaftszweig.
Man kennt Mietrecht, ohne Vermieter gewesen zu sein.
Man kennt Unternehmenspolitik, ohne ein Unternehmen geführt zu haben.
Man kennt Arbeitsmarktpolitik, ohne Personal eingestellt und Löhne erwirtschaftet zu haben.
Man kennt Investitionen aus Gesetzesentwürfen, aber nicht unbedingt aus einer Bilanz.
Man kennt wirtschaftliches Risiko aus Anhörungen.
Aber möglicherweise nicht vom eigenen Konto.
Und genau diese Menschen wollen Eigentum neu ordnen
Die Berliner Linksfraktion formuliert ihre Position ungewöhnlich deutlich.
Mietwohnungen sollen nach ihrem Verständnis nicht einfach Kapitalanlage oder gewöhnliche Handelsware sein. Sie fordert eine stärkere staatliche Regulierung des Wohnungsmarktes, will mehr Wohnungen in öffentliches Eigentum bringen und unterstützt die Vergesellschaftung großer Immobilienunternehmen.
2026 verlangte die Fraktion erneut einen Mietendeckel. Im selben Jahr unterstützte sie automatisierte Kontrollen des Wohnungsmarktes und legte mit dem Sicher-Wohnen-Gesetz ein Modell für weitere Eingriffe in Vermietung und Eigentümerpflichten vor.
Genau deshalb interessiert uns die Berufsbiografie dieser Politiker.
Denn wer über das Eigentum anderer entscheidet, dessen eigene Erfahrung mit Eigentum und wirtschaftlicher Verantwortung ist keine Privatangelegenheit mehr.
Auch der Begriff „Berufserfahrung“ wird untersucht
Eine weitere Falle sind Berufsbezeichnungen.
„Freiberuflich“.
Was bedeutet das?
Zwei Aufträge in zehn Jahren?
Oder eine Tätigkeit, von der jemand tatsächlich leben konnte?
„Wissenschaftlicher Mitarbeiter“.
An einer Universität?
In einem Forschungsprojekt?
Oder im Büro eines Parteifreundes?
„Geschäftsführer“.
Eines Unternehmens mit Kunden, Umsatz und wirtschaftlichem Risiko?
Oder eines Vereins, dessen Finanzierung wesentlich aus öffentlichen Mitteln oder Fördergeldern stammt?
„Referent“.
Für ein Unternehmen?
Eine Behörde?
Eine Fraktion?
Diese Unterschiede verschwinden in politischen Lebensläufen häufig hinter einem einzigen Wort.
Wir wollen sie sichtbar machen.
Regina Kittler: 33 Jahre Lehrerin – aber welche Biografie steckt dahinter?
Auch vermeintlich eindeutige Lebensläufe verdienen einen zweiten Blick.
Regina Kittler kann auf jahrzehntelange Tätigkeit im Schuldienst verweisen.
Doch auch hier interessiert das Umfeld.
Ihre Ausbildung erfolgte in der DDR. Regina Kittler trat bereits 1973, noch als 17- oder 18-jährige Schülerin, in die SED ein – ein Jahr vor dem Abitur und fünf Jahre vor ihrem Einstieg in den DDR-Schuldienst. Ihr Berufseinstieg erfolgte im staatlichen DDR-Bildungssystem. Ihre weitere Laufbahn blieb im öffentlichen Schuldienst und führte später in die Politik.
Für unsere Untersuchung ist deshalb nicht nur entscheidend, dass jemand gearbeitet hat.
Es interessiert uns auch:
In welchem System?
Unter welchen politischen Voraussetzungen?
Wer entschied über Ausbildung und Karriere?
Wie abhängig war die Tätigkeit von staatlichen Strukturen?
Und fand jemals ein Wechsel in eine Erwerbswelt statt, in der die eigene Leistung unmittelbar am Markt bestehen musste?
Genau diese Fragen werden wir bei ihr separat untersuchen.
Das ist keine Serie über Lebensläufe. Es ist eine Untersuchung politischer Sozialisation.
Denn Biografien prägen Wahrnehmung.
Wer sein Berufsleben überwiegend im öffentlichen Dienst verbringt, erlebt Wirtschaft anders als ein Unternehmer.
Wer für eine Gewerkschaft arbeitet, sieht Arbeitskonflikte aus einem anderen Blickwinkel als ein Arbeitgeber.
Wer jahrelang für eine Fraktion arbeitet, erlebt gesellschaftliche Probleme durch politische Kategorien.
Wer selbst Häuser baut und finanziert, betrachtet Mietpolitik wiederum anders.
Keine dieser Perspektiven allein erklärt politische Entscheidungen.
Aber politische Sozialisation ist relevant.
Gerade wenn Politiker weitreichende Eingriffe in Lebensbereiche fordern, die sie möglicherweise selbst nie beruflich erlebt haben.
Deshalb nehmen wir jetzt alle 20 auseinander
Nicht nach ihren Reden.
Nicht nach Wahlkampfbroschüren.
Nicht nach Selbstdarstellungen.
Sondern nach ihren Lebensläufen.
Wir rekonstruieren für jeden:
Geburtsort und Herkunft.
Ausbildung.
Studienabschlüsse und Studienabbrüche.
Berufliche Stationen.
Dauer dieser Tätigkeiten.
Arbeitgeber.
Parteitätigkeit.
Fraktionsstellen.
NGOs und Verbände.
Öffentlicher Dienst.
Privatwirtschaft.
Selbstständigkeit.
Unternehmerisches Risiko.
Personalverantwortung.
Und schließlich:
Wann begann der politische Apparat, den Lebensunterhalt zu tragen?
Die älteste Frage der Welt
Unser Experiment beginnt mit einer Frage, die vermutlich älter ist als jede politische Ideologie:
Was trägst du zur Gemeinschaft bei?
Vor zehntausenden Jahren konnte niemand darauf mit einer Stellenbezeichnung antworten.
Eine Gemeinschaft hätte wissen wollen, ob jemand Nahrung beschaffen, schützen, bauen, heilen, lehren, organisieren oder andere notwendige Aufgaben übernehmen konnte.
Heute können politische Systeme ganze Berufskarrieren hervorbringen, deren Arbeitsmarkt wiederum das politische System selbst ist.
Das ist möglich.
Aber es verdient Untersuchung.
Besonders dann, wenn Menschen aus diesem System anschließend festlegen wollen, wie andere bauen, vermieten, investieren, beschäftigen und Eigentum nutzen dürfen.
Wir werden deshalb jeden einzelnen Lebenslauf prüfen.
Nicht danach, welches Etikett darauf steht.
Sondern danach, was tatsächlich dahintersteckt.
Ab morgen: 20 Abgeordnete, 20 Recherchen
Jeden Tag nimmt Die Vossische ein Mitglied der Berliner Linksfraktion unter die Lupe.
Ausbildung.
Beruf.
Partei.
Netzwerke.
Politischer Aufstieg.
Und immer wieder dieselbe einfache Frage:
Was hast du eigentlich gemacht, bevor du angefangen hast, anderen zu erklären, wie sie arbeiten, wirtschaften und ihr Eigentum nutzen sollen?
Morgen im Stammestest: Philipp Bertram
Der erste Name in unserer alphabetischen Reihe ist Philipp Bertram, Jahrgang 1991, geboren in Dresden. Sein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin blieb ohne Abschluss. Danach arbeitete er in einer Notunterkunft für Geflüchtete, saß bereits von 2017 bis 2021 im Abgeordnetenhaus und wechselte anschließend als Geschäftsführer zu Special Olympics Berlin und zum Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Berlin. Seit Oktober 2025 sitzt er wieder für Die Linke im Parlament und ist heute Sprecher für Energie und Betriebe.
Damit beginnt unser Stammestest gleich mit einem interessanten Lebenslauf: abgebrochenes VWL-Studium, sozialer Träger, Parlament, zwei Verbände – und zurück ins Parlament. Wir schauen genauer hin: Was waren seine konkreten Aufgaben? Wie wurden seine Arbeitgeber finanziert? Welche Erfahrung sammelte er außerhalb öffentlich oder verbandlich geprägter Strukturen? Gab es privatwirtschaftliche Verantwortung, eigenes wirtschaftliches Risiko oder Tätigkeiten, deren Erfolg unmittelbar am Markt gemessen wurde?
Und vor allem: Welche praktische Erfahrung bringt Bertram heute mit, wenn er im Berliner Parlament über Energie, öffentliche Betriebe und milliardenschwere Investitionen mitentscheidet?
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