„Wenn Worte und Taten auseinanderfallen“
Nach dem Wahlsieg der Linken spricht Jonathan Falk über Eralps Vergangenheit bei der Roten Hilfe, Antisemitismus in der Linksjugend, Pro-Palästina-Aktivismus und Ferat Koçaks Kontakte zur Familie Remmo. Ist Berlin das nächste Kapitel seines Buches?
Jonathan Falk über den Sieg der Linken in Berlin, Antisemitismus, Rote Hilfe, Pro-Palästina-Aktivismus und die Kontakte ins Clan-Milieu
Mit „Der Verrat an der Freiheit“ hat Jonathan Falk ein Buch geschrieben, das sich nicht nur mit Hamas, Islamismus und dem 7. Oktober beschäftigt. Ganze Kapitel behandeln den Antisemitismus im Westen, progressiven Anti-Israel-Aktivismus, die Muslimbruderschaft in Deutschland und die Verbindung islamistischer und linksradikaler Milieus. Wenige Monate später hat die Linke die Berliner Abgeordnetenhauswahl gewonnen. Gleichzeitig holen die Partei alte und neue Debatten ein: die Rote Hilfe, Antisemitismus in der Linksjugend, radikale Pro-Palästina-Positionen und die inzwischen weit über eine Wahlparty hinausreichenden Kontakte des Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak zur Familie Remmo. Cilla Zieliński spricht mit Falk darüber, ob sein Buch gerade von der Realität eingeholt wird.
Cilla Zieliński: Herr Falk, als Sie „Der Verrat an der Freiheit“ geschrieben haben, war die Vorstellung, dass die Linke stärkste Kraft in Berlin werden könnte, noch Zukunftsmusik. Am 20. September hat sie die Wahl gewonnen. Das endgültige amtliche Ergebnis steht zwar erst am 12. Oktober fest, politisch hat sich Berlin aber bereits verändert. Haben Sie beim Wahlabend gedacht: Jetzt beginnt der zweite Teil meines Buches?
Jonathan Falk: Ich habe eher gedacht: Jetzt können wir überprüfen, ob die Mechanismen, die ich im Buch beschreibe, tatsächlich existieren.
Mich interessiert weniger, dass die Linke eine Wahl gewonnen hat. Das ist Demokratie. Interessant ist, wer in dieser Partei aufsteigt, welche Milieus sie inzwischen erreicht, welche politischen Positionen sie duldet und an welcher Stelle aus schönen Grundsatzerklärungen konkrete Konsequenzen werden müssten.
Denn Antisemitismus bekämpft man nicht mit einer Broschüre. Man bekämpft ihn dort, wo er in den eigenen Reihen auftaucht.
Zieliński: Genau da möchte ich einhaken. Die Linke verweist ständig auf Beschlüsse gegen Antisemitismus. In Ihrer Sprache wären das Lippenbekenntnisse?
Falk: Beschlüsse sind zunächst Papier. Sie können ernst gemeint sein – oder sie können eine politische Schutzbehauptung sein.
Der entscheidende Test lautet: Was geschieht, wenn jemand die behauptete rote Linie überschreitet?
Wird er ausgeschlossen?
Verliert er sein Amt?
Wird eine Kandidatur beendet?
Oder wird erklärt, die Formulierung sei vielleicht unglücklich gewesen, man müsse den Kontext berücksichtigen und eigentlich gehe es um eine wichtige politische Debatte?
An diesem Unterschied erkennt man, ob eine Partei eine Grenze hat oder nur eine Pressemitteilung.
Zieliński: Diese Kritik kommt inzwischen nicht mehr nur von politischen Gegnern der Linken. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warf der Bundespartei nach dem Wahlsieg vor, auf entsprechende Vorfälle lediglich mit „Lippenbekenntnissen“ reagiert zu haben, statt Personen auszuschließen und erkennbare Grenzen zu ziehen.
Falk: Und genau das ist der Punkt.
Ich muss nicht behaupten, jedes Mitglied der Linken sei antisemitisch. Das wäre Unsinn.
Die relevante Frage lautet vielmehr: Wie viel Antisemitismus, wie viel Antizionismus und wie viel Relativierung akzeptiert eine Organisation, bevor tatsächlich eine Konsequenz folgt?
Eine Partei wird nicht nur durch ihre Programme definiert. Sie wird auch dadurch definiert, wen sie trotz allem behält.
Zieliński: Nehmen wir Elif Eralp. Im Wahlkampf präsentierte sie sich als Politikerin, die jüdisches Leben schützen und Israels Existenzrecht verteidigen will. Gleichzeitig wissen wir inzwischen, dass sie über Jahre Mitglied der Roten Hilfe war und erst 2025 austrat – also unmittelbar vor ihrer Spitzenkandidatur. Der Verfassungsschutz führt die Rote Hilfe als linksextremistische Organisation. Die Partei sagt, Eralp sei nur passives Mitglied gewesen und wegen politischer Differenzen ausgetreten. Wie bewerten Sie das?
Falk: Ich finde den Zeitpunkt interessanter als jede Empörung.
Sie war nicht mit 19 für drei Monate Mitglied und hatte das vergessen. Sie hat die Mitgliedschaft offengelegt. Sie wusste also, wo sie Mitglied war.
Dann verlässt sie die Organisation 2025, unmittelbar vor dem politischen Aufstieg zur Spitzenkandidatin.
Das beweist zunächst nichts Verwerfliches. Menschen können ihre Meinung ändern.
Aber für eine Frau, die Regierende Bürgermeisterin werden möchte, ist die naheliegende journalistische Frage:
Welche politischen Positionen der Roten Hilfe teilte sie – und welche nicht mehr? Warum genau trat sie aus? Welche Position war plötzlich unvereinbar?
Das ist bisher viel interessanter als die Formel vom „passiven Mitglied“.
Zieliński: Und dann passiert etwas Bemerkenswertes: Kaum wird Eralps frühere Mitgliedschaft öffentlich diskutiert, tritt Sören Pellmann der Roten Hilfe neu bei.
Zur Klarstellung: Pellmann ist nicht Parteivorsitzender, sondern gemeinsam mit Heidi Reichinnek Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. Er bestätigte seinen Eintritt zum 30. September und begründete ihn mit rechtlichem Beistand für Menschen mit wenig Geld. Der Verfassungsschutz bezeichnet das primäre Betätigungsfeld der Roten Hilfe dagegen als Unterstützung linksextremistischer Straftäter und sieht in ihr einen Legitimationsrahmen für Straf- und Gewalttaten. Pellmann widerspricht dieser Bewertung.
Was sagt Ihnen dieser demonstrative Eintritt?
Falk: Vor allem, dass man Eralps frühere Mitgliedschaft nicht einfach als jugendbiografische Randnotiz behandeln kann.
Wenn einer der beiden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion 2026 bewusst derselben Organisation beitritt, während genau diese Organisation politisch diskutiert wird, ist die Verbindung zur Roten Hilfe keine abgeschlossene Episode aus Eralps Vergangenheit.
Sie ist Gegenwart der Partei.
Und dann darf man fragen: Welches Signal soll dieser Beitritt senden?
An die Sicherheitsbehörden?
An die eigene radikale Szene?
An potenzielle Koalitionspartner?
Oder an Eralp?
Zieliński: Ihr Buch stellt die These auf, dass sich in Teilen der westlichen Linken eine merkwürdige Allianz aus antiwestlichem Aktivismus, Antizionismus und islamistischen Interessen herausgebildet habe. Im Prolog benutzen Sie dafür auch den in Frankreich umstrittenen Begriff „Islamo-Gauchisme“.
Die Linksjugend liefert dafür derzeit zumindest Material für eine Debatte.
Der Bayerische Rundfunk dokumentierte im Juni Aussagen von Funktionären und Vorstandsmitgliedern. Ein Landessprecher schrieb „Israel verrecke“, sprach von „israelischen Konzentrationslagern“ und behauptete, Israel begehe einen Genozid „im Namen des Judentums“. Ein Politikwissenschaftler wertete die Formulierungen als antisemitisch beziehungsweise holocaustrelativierend.
Ist das noch Antizionismus?
Falk: „Israel verrecke“ ist für mich keine Kritik an Netanjahu und keine Debatte über Grenzen von 1967.
Das ist der Wunsch nach dem Untergang eines Landes.
Und in diesem Land leben Millionen Juden.
Es ist bemerkenswert, wie kompliziert manche Leute einen Satz interpretieren wollen, der eigentlich sehr einfach ist.
Zieliński: Der BR fand noch mehr. Funktionäre verherrlichten Stalin, Mao und die DDR. Der Berliner Landessprecher der Linksjugend nahm an einer Demonstration des Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees teil – einer Organisation, in der sich laut Berliner Verfassungsschutz auch Hamas-Anhänger organisieren. Im internen Forum bestritt er die Einschätzung des Verfassungsschutzes ausdrücklich und erklärte die Gruppe für weder islamistisch noch Hamas-nah.
Falk: Genau dort wird mein Buch aktuell.
Nicht weil jeder Teilnehmer einer Palästina-Demonstration Extremist wäre. Das wäre eine absurde Behauptung.
Sondern weil Teile einer deutschen linken Jugendorganisation offenbar bereit sind, eine staatliche Einschätzung über ein islamistisches Umfeld reflexhaft zurückzuweisen, während gleichzeitig Israel dämonisiert wird.
Das ist diese ideologische Verschiebung, über die ich schreibe.
Zieliński: Die Berliner Linksjugend geht sogar weiter. Sie beschloss, Zionismus sei als politisches Konzept mit ihren Grundwerten unvereinbar. Israel wird als koloniales Projekt beschrieben; der Landesverband spricht von einem seit Jahrzehnten andauernden Genozid und distanziert sich organisatorisch von seinem eigenen proisraelischen Bundesarbeitskreis Shalom.
Kann man dann noch behaupten, das seien bloß einzelne Spinner?
Falk: Das ist genau die falsche Frage.
Eine Organisation kann radikale Einzelmitglieder haben. Das ist bei Parteien mit Tausenden Mitgliedern unvermeidbar.
Aber ein Beschluss eines Landesverbandes ist kein privater Instagram-Kommentar mehr.
Und wenn die anerkannte Jugendorganisation einer Partei solche Positionen beschließt, während dieselbe Partei öffentlich erklärt, das Existenzrecht Israels sei selbstverständlich, entsteht ein politischer Widerspruch.
Dann darf man fragen: Welche der beiden Botschaften beschreibt die politische Bewegung ehrlicher?
Zieliński: Die Bundespartei hat sich von mehreren dieser Aussagen distanziert.
Falk: Natürlich.
Aber Distanzierung ist noch keine Konsequenz.
Zieliński: Besonders bemerkenswert war die Reaktion auf die BR-Recherche. Ein gemeinsamer Dringlichkeitsantrag von Parteivorstand und Linksjugend beschäftigte sich zunächst ausführlich mit dem Stalinismus – zu den gleichzeitig dokumentierten Antisemitismusvorwürfen enthielt er dagegen kein Wort.
Falk: Genau solche Vorgänge meine ich.
Man muss gar keine Verschwörung behaupten.
Man muss nur die Frage stellen:
Warum ist es offenbar leichter, sich von Stalin zu distanzieren als von bestimmten antiisraelischen Positionen im eigenen Nachwuchs?
Zieliński: Kommen wir nach Neukölln. Im ersten Interview hatte ich Ihnen entgegengehalten, die Anwesenheit von Issa Rammo auf einer offenen Wahlparty beweise überhaupt keine Verbindung der Linken zum Clan-Milieu.
Nach der inzwischen veröffentlichten Recherche ist diese Formulierung zu kurz gegriffen.
Falk: Erheblich zu kurz.
Zieliński: Was inzwischen dokumentiert ist: Ferat Koçak, direkt gewählter Bundestagsabgeordneter der Linken aus Neukölln, stand nicht nur zufällig neben jemandem auf einer Party.
Firas Rammo veröffentlichte einen Chat. Koçak richtete Grüße an dessen Vater Issa aus. Später, als er nach eigener Darstellung bereits wusste, mit wem er kommunizierte, bat er Firas Rammo, ein Video seiner Bundestagsrede gegen den Begriff „Clankriminalität“ unter „alle eure Leute“ zu verbreiten. Koçak bezeichnete das später selbst als Fehler.
Dann wurde bekannt, dass der Kontakt noch weiterging.
Falk: Ja.
Und damit fällt die Geschichte vom zufälligen Wahlparty-Gast auseinander.
Zieliński: Im Februar hatte Firas Rammo Koçak ein Smartphone für Antifa-Jugendliche angeboten. Koçak wollte es im Büro der Familie abholen und traf dort nach seiner eigenen Darstellung Issa Rammo. Später lud Firas Rammo ihn im Namen seines Vaters zur Hochzeit eines Bruders ein. Koçak sagte ab, schickte aber herzliche Grüße an die Familie.
Falk: Und das ist journalistisch eine völlig andere Kategorie.
Das heißt noch immer nicht, dass Koçak Teil organisierter Kriminalität wäre. Dafür gibt es keinen Beleg, und das sollte auch niemand behaupten.
Aber wir reden jetzt über einen wiederholten persönlichen Kontakt.
Wir reden über Kommunikation.
Über einen Bürobesuch.
Über eine Sachspende.
Über eine Einladung zu einer Familienfeier.
Und über die Bitte eines Bundestagsabgeordneten an ein Mitglied dieser Familie, seine politische Botschaft zu verbreiten.
Das ist keine Kontaktschuld mehr. Das ist ein politisch relevanter Kontakt, über den man Fragen stellen darf.
Zieliński: Inzwischen gibt es noch eine weitere Ebene. Recherchen von Welt und Bild zufolge wohnten Verwandte Koçaks mehrere Jahre in einem inzwischen beschlagnahmten Remmo-Haus in Neukölln und betrieben dort ein Geschäft. Ermittlungsakten sollen die Immobilie einem zentralen Remmo-Komplex zuordnen. Das beweist keine persönliche Beziehung Koçaks zum Eigentümer, erweitert aber den biografischen Kontext der inzwischen bekannten Kontakte.
Falk: Genau deshalb muss man sauber formulieren.
Dass Verwandte in einem Haus wohnen, beweist nichts über einen Politiker.
Aber wenn daneben der Chat existiert, die Handy-Spende existiert, der Bürobesuch existiert und die Hochzeitseinladung existiert, kann man nicht mehr so tun, als bestehe die gesamte Geschichte aus einem Mann, der zufällig in eine Wahlparty spaziert ist.
Zieliński: Hinzu kommt eine zweite Großfamilie. Bei der Neuköllner Wahlparty waren nach Tagesspiegel-Recherchen zwei Social-Media-Aktivisten aus der Familie Barbakh. Einer interviewte den Linken-Bezirksbürgermeisterkandidaten Ahmed Abed. Der Tagesspiegel berichtet außerdem über frühere Sympathiebekundungen eines der Männer für den bewaffneten Arm der Fatah. Die Betroffenen beziehungsweise ihr Umfeld widersprechen Teilen der Zuordnung einzelner Fotos.
Wie weit darf Journalismus hier gehen?
Falk: Genau bis zum letzten belegbaren Punkt.
Man darf schreiben, wer da war.
Man darf schreiben, wer wen interviewte.
Man darf dokumentierte Social-Media-Inhalte zitieren.
Und man darf die Partei fragen, warum bestimmte Akteure offenbar Zugang zu Veranstaltungen und Politikern finden.
Was man nicht darf, ist automatisch aus einer Großfamilie eine kriminelle Vereinigung zu machen oder einem Menschen die Taten seiner Verwandten anzurechnen.
Das wäre keine Recherche, sondern Sippenhaft.
Zieliński: Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Eralps migrationspolitische Position.
Im September sagte sie t-online wörtlich: „Jede Abschiebung ist eine Abschiebung zu viel.“ Auf die Nachfrage, ob das auch für verurteilte Straftäter gelte, erklärte sie, Straftäter sollten in Deutschland vor Gericht gestellt werden und hier ihre Strafe verbüßen. Auf die Frage, ob es für sie irgendeinen Punkt gebe, an dem ein Mensch sein Bleiberecht verwirkt habe, antwortete sie: „Nein.“
Kritiker werden sagen: Genau solche Positionen sind für kriminelle Milieus attraktiv.
Falk: Das kann man politisch kritisieren. Aber ich wäre vorsichtig mit der Formulierung, Eralp betreibe diese Politik, um kriminellen Clans zu gefallen. Dafür gibt es keinen Beleg.
Man kann aber die Konsequenz ihrer Position beschreiben:
Nach ihrer politischen Vorstellung soll selbst ein ausländischer Straftäter grundsätzlich nicht als zusätzliche Folge seiner Tat abgeschoben werden, sondern seine Strafe in Deutschland verbüßen.
Das ist eine sehr weitreichende Position.
Und selbstverständlich darf man untersuchen, welchen Milieus solche politischen Forderungen nützen.
Nur sollte man Wirkung und Motivation nicht verwechseln.
Zieliński: Eralp wiederum sagt, sie wolle gegen organisierte Kriminalität vorgehen, mehr Personal für die Strafverfolgung einsetzen und Schwerpunktstaatsanwaltschaften stärken. Den Begriff „Clankriminalität“ lehnt sie ab.
Falk: Dann muss man genau diese beiden Positionen nebeneinanderstellen.
Das ist gute Politikberichterstattung.
Nicht die Pressemitteilung allein.
Nicht das empörende Zitat allein.
Sondern der Widerspruch.
Zieliński: Ihr Buch beschreibt schon im Prolog eine Entwicklung, bei der antiisraelische Narrative über Aktivisten und migrantische Milieus in Parteien, Verbände und kommunale Strukturen gelangen könnten.
Wenn Sie heute auf Neukölln schauen: Ist das der Beleg?
Falk: Es ist Material, das geprüft werden muss.
Ich möchte das Wort „Beweis“ nicht inflationär verwenden.
Aber wir sehen eine bemerkenswerte Überlagerung:
eine sehr starke Pro-Palästina-Mobilisierung,
einen Bezirksverband der Linken mit deutlich härteren Israelpositionen,
einen Bürgermeisterkandidaten Ahmed Abed, der wegen seiner Israelpositionen seit Monaten umstritten ist,
einen Bundestagsabgeordneten mit inzwischen dokumentierten Kontakten zur Familie Remmo,
Akteure aus weiteren Großfamilien auf Parteiveranstaltungen,
und eine Linksjugend, die den Zionismus grundsätzlich ablehnt.
Wer daraus keinerlei politisches Muster erkennen möchte, muss zumindest erklären, warum.
Zieliński: Nun könnte man Ihnen vorwerfen, Sie nähmen sämtliche belastenden Indizien und blendeten die entlastenden aus.
Eralp hat beispielsweise den radikalen niedersächsischen Zionismus-Beschluss ihrer Partei im März ausdrücklich kritisiert. Sie erklärte das Existenzrecht Israels und das Selbstbestimmungsrecht jüdischer Menschen für nicht verhandelbar.
Falk: Das gehört selbstverständlich dazu.
Und genau deshalb spreche ich von einem Glaubwürdigkeitsproblem, nicht von Gedankenlesen.
Die Frage ist nicht, ob Eralp den richtigen Satz sagen kann.
Natürlich kann sie das.
Die Frage ist, wie sie handelt, wenn Personen aus ihrer eigenen Partei andere Grenzen überschreiten.
Zieliński: Ahmed Abed blieb Kandidat für das Bezirksbürgermeisteramt in Neukölln.
Der Neuköllner Bezirksverband veranstaltete 2025 ein Palästinafest, bei dem nach Zeit-Recherchen auch Personen eingeladen waren, denen der Berliner Verfassungsschutz Nähe zur Hamas zuschreibt. Im Wahlkampf 2026 trat bei einer Veranstaltung desselben Bezirksverbandes ein Rapper auf, dessen Texte Gewalt gegen israelische Soldaten propagierten. Eralp verurteilte den Auftritt anschließend scharf.
Falk: Und wieder stellt sich dieselbe Frage:
Was folgt aus der Verurteilung?
Wenn nach jedem Skandal ein Satz erscheint – „das entspricht nicht unseren Werten“ – aber dieselben Strukturen politisch weiterarbeiten, dann muss ein Journalist irgendwann nicht mehr nach den Worten fragen.
Dann fragt er nach den Konsequenzen.
Zieliński: Ist das der eigentliche Kern Ihres Buches?
Falk: Ja.
Freiheit geht nicht nur verloren, wenn jemand offen erklärt: Ich bin gegen Demokratie.
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Zieliński: Sie haben ein besonders provokantes Kapitel „Sind die Linken die neuen Nazis?“ genannt. Würden Sie diese Überschrift heute noch verwenden?
Falk: Ja – aber ich würde noch deutlicher dazuschreiben, dass es nicht um eine historische Gleichsetzung geht.
Der Nationalsozialismus war eine mörderische Diktatur, die den Holocaust organisiert hat.
Wer heutige Parteipolitiker einfach mit diesem Regime gleichsetzt, verharmlost die Geschichte.
Meine Frage richtet sich auf autoritäre Mechanismen, auf die Ausschaltung unerwünschter Debatten und besonders auf das Phänomen, dass Antisemitismus plötzlich wieder in einem Milieu auftritt, das sich selbst für den historischen Hauptgegner des Antisemitismus hält.
Gerade das macht ihn so schwer erkennbar.
Zieliński: Also sind für Sie nicht irgendwelche Parteitagsbeschlüsse entscheidend?
Falk: Nein.
Entscheidend sind drei Dinge:
wen eine Partei aufstellt, wen sie schützt und wen sie ausschließt.
Daran erkennt man ihre tatsächlichen Grenzen.
Nicht an einem Leitfaden.
Zieliński: Und was müsste eine Berliner Regierung unter Führung der Linken tun, damit Sie Ihre These korrigieren?
Falk: Das wäre relativ einfach zu überprüfen.
Konsequenter Schutz jüdischer Einrichtungen.
Gleicher Maßstab für rechten, linken und islamistischen Antisemitismus.
Keine Zusammenarbeit mit Organisationen, die Terror verherrlichen.
Transparenz bei Kontakten zu problematischen politischen oder kriminellen Milieus.
Und eine klare Trennung zwischen dem notwendigen Schutz palästinensischer Zivilisten und der Dämonisierung Israels.
Wenn das tatsächlich umgesetzt würde, wäre das ein wichtiges Gegenargument zu meiner Diagnose.
Zieliński: Und wenn nicht?
Falk: Dann wäre Berlin nicht das Gegenargument zu meinem Buch.
Dann wäre Berlin sein nächstes Kapitel.
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