Wer nicht links schreibt, ist rechts – und plötzlich wird das Impressum interessant
Wer nicht linkskonform schreibt, wird schnell als rechts abgestempelt. Nach kritischen Recherchen über die Protestbewegung „Gen Z regelt“ registriert die Vossische erheblich steigende Zugriffe auf ihr Impressum. Ein Kommentar über politische Etiketten, Pressefreiheit und persönliche Einschüchterung.
Ein Kommentar über politische Etiketten, journalistisches Handwerk und eine neue Lust an der persönlichen Konfrontation.
933,3 Prozent mehr Zugriffe auf das Impressum. Nicht auf eine politische Analyse. Nicht auf eine investigative Recherche. Sondern auf jene Seite einer Zeitung, auf der steht, wer für die Berichterstattung verantwortlich ist.
Das ist eine bemerkenswerte Beobachtung, die wir derzeit bei der Vossischen machen.
In den vergangenen Tagen haben wir über die Hintergründe der Bewegung „Gen Z regelt“ berichtet, ihre Organisationsstrukturen hinterfragt und Verbindungen zu bereits bestehenden politischen Gruppierungen untersucht. Andere Veröffentlichungen beschäftigten sich kritisch mit Kampagnen und Akteuren aus dem linken politischen Spektrum.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.
Und parallel dazu passierte etwas Interessantes in unserer Besucherstatistik: Die Zugriffe auf unser Impressum stiegen in einer Auswertung um 158,3 Prozent, in einer anderen sogar um 933,3 Prozent.
Warum interessiert sich ausgerechnet jetzt eine auffällig große Zahl von Besuchern dafür, wer hinter dieser Zeitung steht?
Wir wissen es nicht. Aber die Frage ist berechtigt.
Wer nicht links ist, muss offenbar rechts sein
Es gibt eine merkwürdige Vorstellung von politischer Meinungsfreiheit, die sich in manchen aktivistischen Milieus festgesetzt hat.
Wer bestimmte Positionen nicht teilt, muss dem politischen Gegner angehören.
Wer linke Organisationen kritisiert, wird zum Rechten erklärt. Wer linke Protestbewegungen hinterfragt, gilt plötzlich als AfD-Sympathisant. Wer die Finanzierung einer Kampagne untersucht, steht unter Verdacht, diese Kampagne politisch bekämpfen zu wollen.
Das ist ein erstaunlich primitives Verständnis von Journalismus.
Ich muss die AfD nicht mögen, um ein AfD-Verbot abzulehnen. Ich kann zahlreiche Positionen dieser Partei für falsch, unsinnig oder gefährlich halten und trotzdem der Auffassung sein, dass man politischen Extremismus mit Argumenten, Aufklärung und rechtsstaatlichen Mitteln bekämpfen sollte, statt reflexhaft nach einem Parteiverbot zu rufen.
Die Verfassung sieht Parteiverbote unter engen Voraussetzungen vor. Darüber kann man politisch und juristisch streiten.
Aber seit wann macht bereits die Ablehnung eines solchen Verbots jemanden zum Anhänger der betreffenden Partei?
Ebenso wenig muss ich Mitglied der CDU sein, um einen sozialdemokratischen Politiker zu kritisieren. Oder Sozialdemokrat, um einen konservativen Politiker für ungeeignet zu halten.
Und wer Antisemitismus kritisiert, steht nicht deshalb rechts, weil die kritisierte Person sich selbst für links, progressiv oder antirassistisch hält.
Antisemitismus wird nicht dadurch akzeptabel, dass er aus einem vermeintlich moralisch überlegenen politischen Lager kommt.
Journalismus ist keine Loyalitätserklärung gegenüber einer politischen Gesinnung.
Ich habe Journalismus noch als Beruf gelernt
Vielleicht ärgert mich diese Entwicklung auch deshalb so sehr, weil ich aus einer anderen journalistischen Tradition komme.
Ich habe studiert. Anschließend habe ich ein Volontariat absolviert. Damals war es selbstverständlich, dass man journalistisches Handwerk erlernen musste.
Recherchieren. Quellen prüfen. Behauptungen hinterfragen. Zwischen Nachricht und Meinung unterscheiden. Eine Tatsachenbehauptung belegen können. Widersprüche erkennen. Und vor allem: aushalten, dass die eigene Recherche unangenehme Ergebnisse hervorbringt.
Nicht jeder veröffentlichte Text war gut. Nicht jeder Journalist war unabhängig. Und selbstverständlich gab es auch damals politische Vorurteile und ideologisch gefärbte Redaktionen.
Aber man wusste wenigstens, dass eine veröffentlichte Behauptung eine Verantwortung nach sich zog.
Heute kann jeder mit einem Smartphone, einem Social-Media-Konto und einigen tausend Followern ein öffentliches Informationsangebot betreiben und sich Journalist nennen.
Das ist grundsätzlich sein gutes Recht.
Nur entsteht journalistische Qualität nicht durch die Anzahl der Follower. Und auch nicht dadurch, dass man eine besonders selbstbewusste politische Haltung vorträgt.
Ein paar Videos zu veröffentlichen macht noch keinen guten Reporter. Ein politisches Schlagwort zu wiederholen ersetzt keine Recherche. Und eine fremde Meinung als rechtsextrem zu bezeichnen, ist noch lange keine Widerlegung.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass inzwischen ausgerechnet jene am lautesten über Journalismus urteilen, die seine grundlegenden Regeln am wenigsten beachten.
Früher kam der Anwalt. Heute kommt zunächst die Empörung.
Natürlich haben wir auch früher Gegendarstellungen bekommen.
Es gab Betroffene, die sich durch eine Veröffentlichung falsch dargestellt fühlten. Es gab Anwaltsschreiben. Es gab Aufforderungen zur Berichtigung oder zur Veröffentlichung einer Gegendarstellung.
Dann wurde geprüft.
Stimmte die beanstandete Tatsachenbehauptung? War sie belegbar? War ein Sachverhalt möglicherweise missverständlich formuliert? Hatte jemand einen Anspruch auf Gegendarstellung?
Manchmal musste eine Redaktion korrigieren. Manchmal musste sie ihre Berichterstattung verteidigen.
Das gehörte zum Geschäft.
Und es gehört bis heute dazu.
Der Unterschied liegt in der Geschwindigkeit und in der Form öffentlicher Reaktionen.
Heute genügt mitunter ein einziger unbequemer Artikel, um auf mehreren Plattformen binnen Minuten eine Welle politischer Empörung auszulösen.
Der Artikel wird nicht unbedingt gelesen, um seine Argumentation zu prüfen. Er wird zunächst einem politischen Lager zugeordnet. Anschließend wird der Autor etikettiert.
Aus einer kritischen Recherche wird angeblich ein Angriff auf eine ganze Bewegung. Aus einer Nachfrage wird vermeintlich Hetze. Aus einer journalistischen Untersuchung wird ein politisches Bekenntnis konstruiert.
Nicht mehr die Frage „Ist das wahr?“ steht im Mittelpunkt, sondern „Auf welcher Seite steht derjenige, der das geschrieben hat?“
Das ist eine gefährliche Verschiebung.
Die Vossische recherchiert – und das Impressum wird interessant
Nehmen wir unsere jüngsten Recherchen zu „Gen Z regelt“.
Eine neue politische Bewegung kündigt Demonstrationen in zahlreichen deutschen Städten an. Es gibt Organisatoren, digitale Kampagnen, Spendensammlungen, Unterstützer und unterschiedliche politische Gruppen, die sich an der Mobilisierung beteiligen.
Was macht eine journalistische Redaktion?
Sie stellt Fragen.
Wer organisiert diese Proteste tatsächlich? Wer finanziert die Infrastruktur? Welche politischen Organisationen sind beteiligt? Wer trägt die Verantwortung? Was ist spontane Jugendbewegung, was bereits bestehende politische Mobilisierung?
Das sind keine rechten Fragen.
Das sind journalistische Fragen.
Inzwischen haben auch andere Medien über die unterschiedlichen Gruppierungen und Unklarheiten im Umfeld der Proteste berichtet. Die Distanzierung von Schülervertretungen wurde ebenfalls öffentlich dokumentiert.
Die Fragen verschwinden nicht dadurch, dass sie jemandem politisch unangenehm sind.
Nach unseren entsprechenden Veröffentlichungen registrieren wir nun einen auffälligen Anstieg der Impressumszugriffe.
In einer Auswertung beträgt das Plus 158,3 Prozent. In einer anderen 933,3 Prozent – rechnerisch also mehr als das Zehnfache des jeweiligen Vergleichswertes.
Solche Prozentzahlen müssen sorgfältig interpretiert werden. Es können Leser sein, Kritiker, Journalisten, neugierige Besucher oder automatisierte Abrufe.
Und selbstverständlich darf jeder ein Impressum lesen.
Dennoch bleibt für mich eine interessante Frage:
Warum rückt gerade nach politisch umstrittenen Veröffentlichungen die Identität der Verantwortlichen so stark in den Mittelpunkt?
Geht es um eine sachliche Überprüfung der Redaktion? Um die Vorbereitung einer berechtigten Beschwerde? Oder suchen manche Besucher nach persönlichen Angriffsmöglichkeiten?
Für die letzte Vermutung haben wir bislang keinen Beleg. Deshalb behaupten wir sie auch nicht als Tatsache.
Aber ich möchte die Frage stellen dürfen.
Das Impressum soll Transparenz schaffen, keine Einschüchterung erleichtern
Deutschland verlangt von journalistischen Onlineangeboten die Veröffentlichung bestimmter Verantwortlichkeits- und Kontaktdaten.
Die Grundlagen stehen insbesondere im Digitale-Dienste-Gesetz und im Medienstaatsvertrag.
Der Sinn ist klar: Wer etwas veröffentlicht, soll erreichbar sein. Wer falsche Tatsachen verbreitet, soll dafür rechtlich zur Verantwortung gezogen werden können. Wer einen berechtigten Anspruch besitzt, soll wissen, an wen er sich wenden kann.
Das ist richtig.
Das Impressum ist ein Instrument rechtsstaatlicher Transparenz.
Aber Transparenz ist nicht dasselbe wie die Einladung zur persönlichen Einschüchterung.
Wer die Namen oder Anschriften von Redaktionsverantwortlichen zusammenträgt, um sie öffentlich anzugreifen, privat zu belästigen oder unter Druck zu setzen, verlässt den Bereich der sachlichen Medienkritik.
Dass solche Gefahren nicht bloß theoretischer Natur sind, dokumentiert Reporter ohne Grenzen seit Jahren.
Im Bericht zur Lage der Pressefreiheit 2026 wurden für das Vorjahr 55 verifizierte Angriffe auf Medienschaffende und Redaktionen in Deutschland ausgewiesen. Die meisten dokumentierten körperlichen Angriffe ereigneten sich im rechtsextremen Umfeld oder bei der Berichterstattung über Demonstrationen. Auch andere politische Milieus sowie Onlinekampagnen spielen eine Rolle.
Die Gefahr für Journalisten lässt sich also keineswegs exklusiv einer politischen Richtung zuordnen.
Gerade deshalb sollte niemand versuchen, Pressefreiheit nur für diejenigen zu verteidigen, deren politische Ansichten er teilt.
Was ist eigentlich aus dem Widerspruch geworden?
Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand unsere Berichterstattung kritisiert.
Im Gegenteil.
Wer einen Fehler findet, soll ihn benennen. Wer eine falsche Tatsachenbehauptung erkennt, soll uns darauf aufmerksam machen. Wer Quellen besitzt, die unseren Erkenntnissen widersprechen, soll sie vorlegen.
Dafür sind wir erreichbar.
Eine seriöse Redaktion muss Widerspruch ertragen können. Sie muss Fehler korrigieren und im Zweifel auch unangenehme Fragen an die eigene Arbeit zulassen.
Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Kritik und politischer Einschüchterung.
Kritik richtet sich gegen Aussagen, Belege, Schlussfolgerungen oder journalistische Methoden.
Einschüchterung richtet sich gegen die Person.
Kritik will einen Sachverhalt klären.
Einschüchterung will erreichen, dass jemand künftig lieber schweigt.
Und genau an dieser Grenze entscheidet sich, wie ernst es eine Gesellschaft mit ihrer Pressefreiheit meint.
Wer gegen Rechts recherchiert, darf nicht bedroht werden.
Wer gegen Links recherchiert, ebenso wenig.
Und wer die Organisationsstrukturen einer politischen Jugendbewegung untersucht, hat kein politisches Bekenntnis abzulegen, bevor er seine Fragen stellen darf.
Wir werden uns nicht politisch einsortieren lassen
Die Vossische ist kein Parteiorgan.
Wir müssen weder einer Regierung noch einer Opposition gefallen. Nicht der AfD, nicht der CDU, nicht der SPD, nicht den Grünen und nicht der Linken.
Wir werden auch politische Aktivisten nicht deshalb schonen, weil sie jung sind, besonders laut auftreten oder ihre Ziele für moralisch unangreifbar halten.
Wer öffentlich politische Forderungen erhebt, Spenden sammelt, Proteste organisiert oder andere Menschen mobilisiert, übernimmt öffentliche Verantwortung.
Und öffentliche Verantwortung bedeutet, öffentliche Fragen beantworten zu müssen.
Dabei gilt selbstverständlich auch für uns die Verpflichtung zu sorgfältiger Recherche, fairer Darstellung und zur Trennung zwischen nachgewiesenen Tatsachen und offenen Verdachtsmomenten.
Das ist keine Schwäche.
Das ist der Unterschied zwischen Journalismus und Propaganda.
Die einen wollen eine bestimmte politische Wirklichkeit bestätigt sehen. Die anderen müssen bereit sein, auch das zu veröffentlichen, was nicht in ihr eigenes Weltbild passt.
Ich habe diesen Beruf nicht gelernt, um mich von politischen Aktivisten darüber belehren zu lassen, welche Fragen ich stellen darf.
Und ich werde jetzt ganz bestimmt nicht damit anfangen.
Wer unsere Texte falsch findet, soll uns widerlegen. Wer Tatsachen bestreiten will, soll Gegenbelege vorlegen. Wer sich unfair behandelt fühlt, soll sich an die Redaktion wenden.
Aber wer glaubt, eine journalistische Untersuchung dadurch entwerten zu können, dass er ihren Verfasser kurzerhand zum Rechten erklärt, demonstriert vor allem eines: den Mangel an besseren Argumenten.
Vielleicht sind die gestiegenen Impressumszugriffe nur Ausdruck außergewöhnlicher Neugier. Vielleicht steckt mehr dahinter.
Wir werden das weiter beobachten.
Unsere Berichterstattung werden wir jedenfalls nicht danach ausrichten, wie oft jemand unser Impressum aufruft.
Denn die Pressefreiheit beginnt nicht dort, wo alle einer Meinung sind.
Sie beginnt dort, wo eine Redaktion Fragen stellt, die andere lieber nicht beantworten möchten.
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