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Kolumnen

Willkommen in der Bundeslügenrepublik 2026

Schröder feiert mit Putin, Fernandes muss ihre Tochter schützen, Greta demonstriert gegen Israel. Berlins Linke marschiert neben einem Terror-Unterstützer – zwei Tage nach ihrem Antisemitismus-Versprechen. SPD und Grüne schauen zu. Willkommen in der Bundeslügenrepublik 2026.

Willkommen in der Bundeslügenrepublik 2026
Schröder und Putin, Fernandes, Greta und die Berliner Linke: Ein schonungsloses Essay über Heuchelei, Antisemitismus und politische Doppelmoral. Illustration by Richard Bergsirk

Schröder feiert mit Putin. Collien Fernandes und die Tränen der Republik. Greta Thunberg entdeckt Israel als neues Feindbild. Und Berlins Linke demonstriert an der Seite eines mutmaßlichen Terror-Unterstützers – zwei Tage nach ihrem feierlichen Antisemitismus-Versprechen. SPD und Grüne spielen die Ahnungslosen. Ein Essay über ein Land, in dem die Heuchelei längst zur politischen Staatskunst geworden ist.

Es gibt Tage, an denen man die Nachrichten liest und ernsthaft darüber nachdenkt, seinen Koffer zu packen. Nicht wegen einer Wirtschaftskrise. Nicht wegen des Wetters. Sondern weil man das Gefühl bekommt, in einer gigantischen Irrenanstalt gelandet zu sein, deren Insassen sich gegenseitig Preise für moralische Überlegenheit verleihen.

Der Oktober 2026 ist so ein Moment.

Ein ehemaliger Bundeskanzler feiert mit einem Kriegspräsidenten Geburtstag. Eine Schauspielerin, die das öffentliche Mitgefühl für sich beansprucht, muss von ihrer eigenen minderjährigen Tochter juristisch zur Zurückhaltung verpflichtet werden. Eine ehemalige Klimaheilige zieht am Jahrestag des Hamas-Massakers gegen Israel durch Berlin. Und ausgerechnet jene Linkspartei, die gerade schriftlich versprochen hat, gegen Antisemitismus vorzugehen, demonstriert zwei Tage später auf derselben Veranstaltung wie ein bekannter Unterstützer einer palästinensischen Terrororganisation.

SPD und Grüne? Die wollen mit dieser Partei regieren.

Willkommen in der Bundeslügenrepublik 2026.

Gerhard Schröder: Ein Prosit auf den Kriegsverbrecher?

Wladimir Putin wurde am 7. Oktober 74 Jahre alt. Und wer durfte beim Geburtstagsbesuch nicht fehlen? Gerhard Schröder.

Der inzwischen 82-jährige ehemalige Bundeskanzler besuchte seinen alten Freund in Moskau. Der Kreml bestätigte die Einladung. Schröder ist inzwischen auch wieder geschäftlich in Russland engagiert, diesmal für die Supermarktkette Hyperglobus.

Während ukrainische Städte bombardiert werden, pflegt der einstige deutsche Regierungschef seine persönlichen Beziehungen zum Mann im Kreml.

Natürlich darf Schröder Freunde haben. Auch schlechte Freunde. Aber ein ehemaliger Bundeskanzler ist eben nicht irgendein Rentner aus Hannover.

Schröder hat Deutschland regiert. Heute demonstriert er, wie wenig ihm offenbar daran liegt, was aus seinem politischen Vermächtnis geworden ist.

Seine Freundschaft mit Putin ist keine private Schrulle mehr. Sie ist ein politisches Statement.

Manche Männer verlieren im Alter ihr Gedächtnis. Andere offenbar ihren politischen Kompass.

Collien Fernandes: Tränen lügen nicht. Oder doch?

Deutschland liebt weinende Prominente.

Besonders, wenn die Tränen vor laufenden Kameras fließen und sich daraus eine gesellschaftliche Debatte entwickeln lässt.

Collien Fernandes hat schwere Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Ehemann Christian Ulmen erhoben. Ob und inwieweit diese zutreffen, ist eine Frage der Beweise und gegebenenfalls der Justiz. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.

Doch während die Öffentlichkeit noch über die Anschuldigungen diskutiert, geschah etwas Bemerkenswertes.

Die gemeinsame 14-jährige Tochter schaltete Anwälte ein, um ihre Privatsphäre gegenüber der eigenen Mutter zu schützen.

Am 1. Oktober 2026 gab Fernandes eine strafbewehrte Unterlassungserklärung ab. Nach Angaben der Anwälte hatte das Mädchen wiederholt darum gebeten, persönliche Angelegenheiten nicht öffentlich zu machen.

Eine Mutter, die selbst im Mittelpunkt einer öffentlichen Auseinandersetzung über persönliche Verletzungen steht, muss von ihrem Kind juristisch an dessen Recht auf Privatleben erinnert werden.

Was für eine bittere Ironie.

Das sagt nichts darüber aus, ob die Vorwürfe gegen Ulmen stimmen. Aber es sagt etwas über den Widerspruch zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und privater Verantwortung.

Tränen beweisen nichts. Weder Wahrheit noch Unschuld noch moralische Überlegenheit.

Vielleicht sollten wir endlich wieder lernen, Menschen an ihrem Handeln zu messen. Nicht an der Menge ihrer Tränen.

Greta Thunberg: Vom Klimawunder zur Israel-Anklägerin

Erinnern wir uns an das Mädchen mit dem Pappschild vor dem schwedischen Parlament.

Politiker lagen ihr zu Füßen. Journalisten behandelten sie wie eine moderne Prophetin. Wer Greta Thunberg widersprach, musste damit rechnen, öffentlich als rückständig oder verantwortungslos zu gelten.

Heute ist aus der Klimaikone eine Aktivistin geworden, deren öffentliche Auftritte zunehmend vom Kampf gegen Israel bestimmt werden.

Am 7. Oktober 2026 demonstrierte Thunberg in Berlin für Palästina.

Am dritten Jahrestag jenes Hamas-Massakers, bei dem rund 1.200 Menschen in Israel ermordet und Hunderte verschleppt wurden.

Bei der Demonstration wurden auch verbotene Symbole gezeigt; die Polizei nahm mehrere Personen fest. Dass Thunberg solche Symbole selbst zeigte oder billigte, ist damit nicht belegt.

Aber ihre politische Entscheidung bleibt bemerkenswert.

Von 365 Tagen im Jahr wählt man ausgerechnet den Jahrestag eines antisemitischen Massakers für einen Protest, dessen Hauptanklage Israel gilt.

Wer Menschenrechte universell verteidigen will, muss sich fragen lassen, wo seine Empörung über die ermordeten jüdischen Zivilisten geblieben ist.

Thunberg muss sich nicht jede Parole anderer Demonstranten zurechnen lassen. Aber sie muss sich die Frage nach ihren eigenen politischen Prioritäten gefallen lassen.

Greta Thunberg hat ihre moralische Autorität nicht verloren, weil sie Israel kritisiert. Sie verspielt sie dort, wo ihre öffentliche Empörung selektiv erscheint.

Vielleicht wäre es inzwischen besser, ihren nächsten Auftritt einfach einmal zu ignorieren.

Nicht jede Provokation verdient eine Weltbühne.

Elif Eralp und die Berliner Linke: Frau Lippenbekenntnis lässt grüßen

Und dann kommen wir zum eigentlichen Höhepunkt dieses politischen Irrenhauses.

Berlin.

Dort will die Linkspartei mit SPD und Grünen regieren. An ihrer Spitze steht Elif Eralp, eine Frau, die seit Wochen erklärt, wie entschieden sie gegen Antisemitismus sei.

So entschieden offenbar, dass die anderen Parteien sich erst eine schriftliche Versicherung geben lassen mussten.

Am 8. Oktober unterzeichneten SPD, Grüne und Linke eine Vereinbarung zum Umgang mit Antisemitismus, jüdischem Leben und dem Existenzrecht Israels.

Man muss sich diesen Vorgang vorstellen.

Drei Parteien möchten gemeinsam die deutsche Hauptstadt regieren. Und bevor man über Schulen, Wirtschaft, Sicherheit oder Wohnungsbau spricht, muss zunächst schriftlich festgehalten werden, dass Antisemitismus nicht akzeptabel ist.

Als wäre das eine politische Sonderleistung.

Als müsste man im Jahr 2026 erst darüber verhandeln, ob jüdisches Leben geschützt werden soll.

Wenn man eine Partei erst vertraglich auf demokratische Selbstverständlichkeiten verpflichten muss, warum verhandelt man überhaupt mit ihr?

Doch es kommt noch besser.

Samstag in Berlin: Zwei Tage später marschiert die Linke neben einem Terror-Unterstützer

Am heutigen Samstag, dem 10. Oktober, ziehen mehr als 2.000 Demonstranten unter dem Motto „United4Palestine“ durch Berlin.

Mit dabei sind nach Medienberichten die Linken-Abgeordneten Cansin Köktürk und Vanessa Emde.

Ebenfalls unter den Teilnehmern: Ibrahim Ibrahim.

Jener Aktivist, dem Verbindungen zur PFLP zugeschrieben werden, einer von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuften palästinensischen Gruppierung. Ihm wird außerdem vorgeworfen, einen maßgeblichen Organisator des Hamas-Massakers vom 7. Oktober verherrlicht zu haben.

Ibrahim war bereits bei der Wahlfeier der Berliner Linken aufgetaucht.

Jetzt also wieder eine Veranstaltung, bei der führende Linken-Politikerinnen anwesend sind.

Dass sie dieselbe Demonstration besuchen, beweist noch keine persönliche Zusammenarbeit. Politisch aber stellt sich eine weitaus unangenehmere Frage: Warum schafft es eine Partei, die gerade einen umfassenden Antisemitismus-Kodex unterschrieben hat, nicht einmal, sich bei ihren öffentlichen Auftritten glaubwürdig von solchen Akteuren abzugrenzen?

Die Linke Neukölln hatte sogar zur gemeinsamen Teilnahme an der Demonstration mobilisiert.

Vanessa Emde kündigte ihren Protest mit den Worten „Jetzt erst recht“ an.

Jetzt erst recht!

Zwei Tage nach der feierlichen Vereinbarung.

Und Elif Eralp? Frau Lippenbekenntnis?

Wo bleibt die klare politische Antwort?

Wo bleibt die Distanzierung? Wo bleiben die Konsequenzen, von denen in der Vereinbarung so feierlich die Rede war?

Es wäre zu einfach, jede Demonstration für palästinensische Zivilisten pauschal zu verurteilen. Doch von Politikern, die für ein Regierungsamt Verantwortung beanspruchen, darf man erwarten, dass sie auf die extremistischen Teilnehmer und antisemitischen Parolen in ihrem politischen Umfeld reagieren.

Nicht irgendwann.

Jetzt.

Cansin Köktürk: Hauptsache, die Empörung stimmt

Und mittendrin Cansin Köktürk.

Eine Bundestagsabgeordnete, die bereits durch heftige parlamentarische Auseinandersetzungen aufgefallen ist und sich gern als entschlossene Vertreterin ihrer politischen Überzeugungen präsentiert.

Nur scheint der Entschluss zur politischen Selbstprüfung weniger ausgeprägt.

Während ihre Partei öffentlich erklärt, Antisemitismus konsequent entgegenzutreten, nimmt Köktürk an einer Demonstration teil, auf der auch Ibrahim Ibrahim erscheint.

Eine Straftat ist das nicht. Aber Politik besteht nicht nur aus Strafrecht.

Politik besteht auch aus Verantwortung, Urteilsvermögen und Glaubwürdigkeit.

Wer sich gegen Antisemitismus bekennt, muss sich daran messen lassen, wie er mit Menschen und Organisationen umgeht, denen die Verherrlichung antisemitischer Gewalt vorgeworfen wird.

Man kann nicht donnerstags den moralischen Reinheitsnachweis unterschreiben und samstags so tun, als habe das alles mit der eigenen politischen Praxis nichts zu tun.

SPD und Grüne: Wozu soll man euch eigentlich noch wählen?

Der eigentliche Skandal sind inzwischen allerdings SPD und Grüne.

Denn sie wissen, mit wem sie verhandeln.

Sie kennen die Debatten innerhalb der Linkspartei. Sie wissen von den umstrittenen Aktivisten, den radikalen Strömungen, den innerparteilichen Widerständen gegen die Antisemitismus-Vereinbarung.

Schon am Freitag wandten sich rund 120 Linke gegen die Verständigung.

Und trotzdem sollen die Gespräche weitergehen.

Warum?

Weil die Macht lockt?

Weil man sich lieber mit politischen Widersprüchen arrangiert, als auf die Aussicht zu verzichten, wieder regieren zu dürfen?

SPD und Grüne hätten diese Verhandlungen unter solchen Voraussetzungen gar nicht erst aufnehmen sollen.

Das Problem ist nicht, dass sie mit einer demokratisch gewählten Partei sprechen. Das Problem ist, dass sie selbst fundamentale Zweifel an deren Verlässlichkeit dokumentieren und diese dann mit einem Stück Papier für erledigt erklären.

Wenn eine solche Vereinbarung ernst gemeint ist, muss sie auch etwas kosten können: die Regierungsbeteiligung.

Und damit stellt sich eine weitere Frage.

Wozu überhaupt noch SPD oder Grüne wählen, wenn am Ende die Linke mitregiert und ihre politischen Positionen mit am Kabinettstisch sitzen?

Wer eine rot-grün-rote Regierung ausdrücklich will, kann sie wählen. Wer aber SPD oder Grüne gerade als Korrektiv zur Linken verstanden hat, darf sich getäuscht fühlen.

Das ist keine Erneuerung der Demokratie.

Das ist eine politische Vertrauenskrise mit Koalitionsvertrag in Vorbereitung.

Ein Land zum Davonlaufen

Was verbindet diese Geschichten?

Schröder und seine Freundschaft zum Kreml. Fernandes und den juristisch erzwungenen Schutz ihrer Tochter. Greta und ihre demonstrative moralische Gewissheit. Elif Eralp und die Bekenntnisse ihrer Partei. Köktürk und Emde auf Berlins Straßen. SPD und Grüne mit ihrer angeblich unverrückbaren roten Linie.

Es ist der wachsende Abstand zwischen öffentlichem Anspruch und tatsächlichem Verhalten.

Zwischen Moral und Konsequenz.

Zwischen Worten und Taten.

Deutschland ist zu einem Land geworden, in dem politische Haltungen wie Orden vor sich hergetragen werden, während die Frage nach der eigenen Verantwortung regelmäßig als unverschämte Zumutung erscheint.

Der normale Bürger soll das alles hinnehmen.

Soll glauben, dass ein Papier politische Überzeugungen verändert.

Soll jede öffentlich vergossene Träne für den Ausdruck höherer Wahrhaftigkeit halten.

Soll verstehen, weshalb ein ehemaliger Bundeskanzler dem russischen Präsidenten weiterhin seine Aufwartung macht.

Und soll möglichst nicht fragen, warum Parteien, die vor Antisemitismus warnen, gleichzeitig mit einer Partei regieren möchten, deren eigene Mitglieder ihre frisch unterschriebenen Grundsätze offen infrage stellen.

Irgendwann bleibt nur noch ein Gedanke.

Weg hier.

Koffer packen. Zum Flughafen fahren. Ein Ticket kaufen. Möglichst weit weg.

Dorthin, wo einen nicht jeden Morgen ein neuer Akt politischer Selbstgerechtigkeit erwartet.

Doch vielleicht ist genau das die falsche Konsequenz.

Warum sollten die Bürger gehen, die von Politikern Glaubwürdigkeit verlangen?

Warum sollten jene das Feld räumen, die sich noch an den Unterschied zwischen Anstand und dessen öffentlicher Inszenierung erinnern?

Vielleicht müssen nicht die Bürger verschwinden.

Vielleicht müssen endlich diejenigen ihre politische Bühne verlassen, die aus Verantwortung eine Pose, aus Moral ein Geschäftsmodell und aus demokratischen Grundsätzen eine Verhandlungsmasse gemacht haben.

Deutschland braucht keine weiteren Bekenntnisse.

Keine neuen Papiere.

Keine Pressekonferenzen voller Betroffenheit.

Keine Politiker, die heute Grundsätze unterschreiben und morgen erklären, weshalb die nächste Ausnahme leider unvermeidlich sei.

Es braucht Menschen, deren Handeln zu ihren Worten passt.

Bis dahin bleibt uns diese traurige Feststellung:

Willkommen in der Bundeslügenrepublik 2026.

Einem Land, in dem jeder Haltung zeigt, solange sie ihn nichts kostet.

Und in dem man sich inzwischen fragt, ob Auswandern nicht die letzte Möglichkeit ist, dem täglichen Wahnsinn zu entkommen.


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Geschrieben von

Paul Fisher
Paul Fisher ist Ökonom, Journalist und konservativer schwuler Autor mit internationaler Perspektive. Er schreibt liberal, unabhängig und kritisch über Politik, Gesellschaft und Freiheit – faktenorientiert, pointiert und ohne Denkverbote.
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