Zwei Kacheln Trauer – dann sitzt Israel wieder auf der Anklagebank
Am Jahrestag des Hamas-Massakers beginnt Die Linke mit Trauer und einem Bekenntnis gegen Antisemitismus. Kurz darauf folgen Genozidvorwurf und Israel-Anklage. Der Widerspruch zwischen Formel und politischer Praxis verdient eine genaue Prüfung.
Die Linke am 7. Oktober: Trauer, dann Israel-Anklage
Die Linke gedenkt des Hamas-Massakers vom 7. Oktober, verspricht den Kampf gegen Antisemitismus – und wechselt kurz darauf zur maximalen Anklage gegen Israel. Gerade dieser Kontrast wirft Fragen nach Antizionismus, politischer Glaubwürdigkeit und dem Unterschied zwischen Bekenntnis und Praxis auf.
Der 7. Oktober ist kein gewöhnlicher Tag im politischen Kalender. Am 7. Oktober 2023 überfielen Hamas und andere bewaffnete Gruppen Israel, ermordeten Zivilisten, verschleppten Menschen als Geiseln und verübten sexualisierte Gewalt.
Auch Die Linke bestreitet das nicht.
In ihrer Erklärung zum dritten Jahrestag nennt die Parteispitze den 7. Oktober einen „Tag der Trauer“. Sie spricht ausdrücklich von Terror, Folter, Geiselnahmen und Kriegsverbrechen. Sie erinnert an das Trauma der israelischen Gesellschaft und erklärt sogar, es sei ihre Verantwortung, Antisemitismus entschieden zu bekämpfen. The Left
Und dann kommt der Bruch.
Erst Trauer. Dann Völkermord.
Schon im nächsten politischen Abschnitt steht nicht mehr das Hamas-Massaker im Zentrum, sondern Israel.
„Was in Gaza passiert, ist ein Völkermord.“
Die israelische Regierung führe einen „völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Bevölkerung in Gaza“, heißt es. Es folgen „Netanjahus Kriegsverbrechen“, Vertreibung und Zerstörung. The Left

Natürlich darf und muss über Israels Kriegsführung gesprochen werden. Gerade bei derart schweren Vorwürfen entscheidet aber die sprachliche Präzision.
Denn der Internationale Gerichtshof hat über den Genozidvorwurf im Verfahren South Africa v. Israel bislang kein abschließendes Urteil in der Hauptsache gefällt. Eine UN-Untersuchungskommission kam dagegen 2025 zu dem Ergebnis, Israel begehe in Gaza Genozid. Der Vorwurf besitzt also eine ernsthafte internationale Grundlage – er ist aber nicht mit einem rechtskräftigen Endurteil des IGH gleichzusetzen. International Court of Justice
Auch gegen Benjamin Netanjahu besteht ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der ICC spricht ausdrücklich von mutmaßlicher Verantwortlichkeit – nicht von einer rechtskräftigen Verurteilung. International Criminal Court
Die Linke lässt diese juristischen Abstufungen verschwinden.
Das ist politische Kommunikation, keine Urteilsbegründung.
Wann wird Israelkritik zum Antizionismus?
Noch interessanter wird es, wenn man die Stellungnahme nicht isoliert betrachtet.
Die Parteiführung selbst musste im März dieses Jahres einräumen, dass die Parole „Nein zum Zionismus“ von Teilen des politischen Milieus als Chiffre für ein Nein zum Existenzrecht Israels verwendet werde. Ein entsprechender Beschluss aus Niedersachsen habe deshalb außerhalb des Konsenses der Partei gelegen. The Left
Die Linke kennt das Problem also.
Sie weiß, dass die Grenze zwischen Kritik an einer israelischen Regierung, radikalem Antizionismus und antisemitischen Mustern nicht durch ein vorgeschaltetes Bekenntnis verschwindet.
Im Juni verabschiedete der Bundesparteitag erneut einen Beschluss „gegen jeden Antisemitismus“. The Left
Nur drei Monate später beschloss der Parteivorstand einen Text über den „israelischen Kolonialismus“, in dem Israel und den USA unter anderem das Ziel zugeschrieben wird, ein „Großisrael“ zu schaffen. The Left
Das ist genau der Punkt, an dem politische Glaubwürdigkeit nicht mehr allein anhand wohlformulierter Bekenntnisse beurteilt werden kann.
Entscheidend ist das Muster.
Und dann ist da noch die Rote Hilfe
Dasselbe Problem von öffentlicher Distanzierung und politischer Praxis zeigt sich an anderer Stelle.
Elif Eralp, Spitzenpolitikerin der Berliner Linken, war mehrere Jahre Mitglied der Roten Hilfe. Nach Angaben ihrer Partei trat sie 2025 „wegen teilweise anderer politischer Ansichten“ aus – noch vor ihrer Nominierung zur Spitzenkandidatin. Einen Beleg dafür, dass dieser Austritt aus wahltaktischen Gründen erfolgte, gibt es nicht. Genau das sollte man sauber auseinanderhalten. tagesschau.de
Doch dann geschah etwas bemerkenswertes:
Sören Pellmann, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag und einer der Unterzeichner der aktuellen Erklärung zum 7. Oktober, trat Anfang Oktober 2026 demonstrativ selbst der Roten Hilfe bei. Er begründete dies mit deren Unterstützung für faire Gerichtsverfahren. Deutschlandfunk
Der Bundesverfassungsschutz beschreibt die Rote Hilfe dagegen als die größte und eine der wichtigsten Gruppierungen des deutschen Linksextremismus und wirft ihr die politische und finanzielle Unterstützung linksextremistischer Straftäter vor. BfV
Man muss daraus keinen geheimen Plan konstruieren.
Aber man darf fragen, wie viel politische Distanzierung tatsächlich wert ist, wenn ein führender Linken-Politiker wenige Tage später genau jener Organisation beitritt, deren frühere Mitgliedschaft bei einer anderen Spitzenpolitikerin gerade kontrovers diskutiert wird.
Das Problem sind nicht die ersten zwei Kacheln
Es wäre falsch zu behaupten, Die Linke verschweige die Hamas-Verbrechen. Das tut sie nicht.
Die interessantere Frage lautet:
Was geschieht nach dem Pflichtprogramm?
Trauer um die israelischen Opfer. Kampf gegen Antisemitismus. Sicherheit für Juden.
Und dann, wenige Absätze später, sitzt wieder Israel auf der Anklagebank.
Genau deshalb reicht es nicht, politische Glaubwürdigkeit an einzelnen Formulierungen zu messen.
Wer Antisemitismus bekämpfen will, muss sich auch daran messen lassen, welche Narrative er verbreitet, welche politischen Milieus er toleriert und wo er selbst Grenzen zieht.
Die Linke verlangt, an ihren Worten gemessen zu werden.
Ihre Kritiker dürfen darauf bestehen, zusätzlich auf ihre Beschlüsse, Bündnisse und Handlungen zu schauen.
Die Linke, 7. Oktober, Israel, Gaza, Völkermord, Antisemitismus, Antizionismus, Rote Hilfe, Sören Pellmann, Elif Eralp
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