Zwei Seiten derselben Medaille
Der Fall Abdul B. zeigt, wie salafistische Online-Propaganda, Opfermythen und Straßenmissionierung ineinandergreifen können. Reichweitenstarke Akteure liefern Feindbilder und religiöse Legitimationsmuster, während gefährdete Anhänger das radikale Weltbild übernehmen und in reale Gewalt übersetzen.
Wie Propaganda und Gewalt im Salafismus ineinandergreifen
Der Terroranschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) durch den 21-jährigen Abdul B. hinterlässt eine Spur der Verwüstung: eine tote Frau, 31 Verletzte und eine tief verunsicherte Gesellschaft. Während Sicherheitsbehörden und Politik über Observationen, Gesetzeslücken und Fußfesseln debattieren, zeigt der Blick hinter die Kulissen, wie eng die reale Gewalt auf der Straße mit der ideologischen Stimmungsmache im Netz verwoben ist.
Im Zentrum dieser Dynamik stehen zwei Akteure, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten, jedoch durch dasselbe salafistische Fundament verbunden sind: der gewalttätige Attentäter Abdul B. auf der einen Seite und die reichweitenstarke Salafismus-Influencerin Hanna Hansen auf der anderen.
Die ideologische Nährlösung: Opfernarrative und Dschihad-Romantik
Hanna Hansen – ehemals Model, DJane und Kickboxerin – fungiert heute als eines der prominentesten Gesichter der deutschsprachigen Online-Salafistenszene. Ihre Beiträge im Netz verdeutlichen die strategische Rhetorik des modernen Salafismus:
Während Berlin noch unter dem Eindruck des Anschlags stand, fragte Hansen auf X: „Inside Job? #CSD … sind ja bald Wahlen.“ Nach jedem „Terroranschlag“, schrieb sie – das Wort setzte sie in Anführungszeichen –, beginne sofort die politische Debatte. Bald seien Wahlen, die Tat passe „zur Stimmungsmache der antiislamischen Propaganda“.
Für die angedeutete Verschwörung lieferte sie keinen Beleg. Die Suggestion funktioniert auch ohne ausformulierte Behauptung: Vielleicht, so wird insinuiert, stecke nicht ein Islamist hinter der Tat, sondern ein politisches Manöver seiner Gegner.
Hinzu kam die Weiterverbreitung eines Beitrags, der zunächst „islamistischen Terror“ zeigt, unter dessen Verkleidung dann ein Mann mit israelischer Flagge hervorkommt. Auch das ist keine Auseinandersetzung mit den bekannten Tatsachen, sondern eine propagandistische Verschiebung: Aus dem mutmaßlich islamistischen Anschlag wird eine Gelegenheit, Israel zum eigentlichen Schuldigen zu erklären.
Damit werden nicht nur die Ermittlungen ohne jeden Beleg delegitimiert. Auch die Opfer verschwinden hinter einem ideologischen Ablenkungsmanöver. Und aktuell postet sie:
- Täter-Opfer-Umkehr: Nach dem Attentat beklagt Hansen in ihren Postings nicht etwa die Opfer des Anschlags, sondern eine angebliche Benachteiligung praktizierender Muslime im öffentlichen Diskurs („Offenbar gelten in Deutschland nicht für jeden dieselben Maßstäbe“). Sie inszeniert die Szene als Opfer einer Medienkampagne.
- Heroisierung von Gewalt-Codes: Mit Rückgriffen auf historische Militärführer wie Salahuddin al-Ayyubi und dem Aufruf, gegen eine „scheinbare Übermacht“ mit dem „Stärke des Iman“ anzutreten, bedient sie vertraute Chiffren der salafistischen Rhetorik.
Diese Aussagen sind kein harmloser Glaubensausdruck. Sie bilden das ideologische Fundament, auf dem Hass wachsen kann, indem sie die westliche Gesellschaft zum Feindbild erklären und das Handeln für die Umma religiös aufladen.
Die exekutive Konsequenz: Der Weg in den Terror
Am anderen Ende dieses Spektrums steht Abdul B. Seine Biografie ist ein Lehrstück für das Funktionieren salafistischer Radikalisierung:
- Soziale Instabilität: Ein aggressiver Schulabbrecher ohne Schulabschluss, mit Frühförderbedarf im emotionalen und sozialen Bereich – ein klassisches Profil für die empfängliche Zielgruppe salafistischer Anwerber.
- Radikalisierung durch Straßen-Dawa: Ab 2021 bewegte sich Abdul B. in der Berliner Szene und schloss sich missionierenden Gruppen an. Diese physischen Netzwerke knüpfen exakt dort an, wo die Online-Propaganda von Figuren wie Hansen den Nährboden legt.
- Eskalation zur Gewalt: Der Weg führte von Straftaten wie Körperverletzung und Raub bis hin zur Einstufung als „Hochrisikofall“ durch die Polizei und letztlich zum blutigen Anschlag am CSD.
Das Zusammenspiel: Die Symbiose des Salafismus
Die Verbindung zwischen Hanna Hansen und Abdul B. verdeutlicht die funktionale Arbeitsteilung innerhalb des Extremismus:
- Die Demagogen (Online & Szene-Events): Personen wie Hansen schaffen das Legitimationsnarrativ. Sie bedienen Feindbilder, relativieren islamistische Gewalt, inszenieren Muslime in Europa als kollektive Opfer und romantisieren den radikalen Widerstand.
- Die Vollstrecker (Auf der Straße): Empfängliche, emotional instabile oder gewaltaffine Personen wie Abdul B. saugen diese Ideologie auf. Die Mischung aus digitaler Dauerberieselung und realer Straßenmissionierung verfestigt das Weltbild bis zum Entschluss, die Gewalt in die Tat umzusetzen.
Der Fall zeigt eindringlich: Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus kann nicht allein durch polizeiliche Observation geführt werden. Er muss dort ansetzen, wo die Radikalisierung beginnt – bei den rhetorischen Brandstiftern, die den Boden für den Terror bereiten.
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