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Clan-Republik Deutschland: Der Staat kennt die Täter – aber wo bleibt das Geld?

Celle, Hamburg, NRW: Seit Jahrzehnten warnen Ermittler vor kriminellen Netzwerken, ungeklärtem Vermögen und Geldwäsche. Doch wer kontrolliert, woher das Kapital stammt? Die Vossische startet eine zehnteilige investigative Serie über Wirtschaftsmacht, Wettbewerb und staatliche Verantwortung.

Clan-Republik Deutschland: Der Staat kennt die Täter – aber wo bleibt das Geld?
Clans, Millionen, Immobilien und Geschäfte: Wie kriminelle Netzwerke wirtschaftliche Macht aufbauen und welche Fragen der Staat beantworten muss. Symbolbild

Berlin, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen: Seit Jahrzehnten dokumentieren Ermittlungsbehörden die Aktivitäten krimineller Familiennetzwerke mit Wurzeln im arabischen und türkischen Raum, ungeklärte Millionenvermögen und den Missbrauch legaler Unternehmen für kriminelle Zwecke.

Während traditionelle Einzelhändler verschwinden, bleiben Fragen nach Kapitalherkunft, Schwarzarbeit und staatlicher Kontrolle offen. Die Vossische startet eine zehnteilige investigative Serie über die wirtschaftliche Macht krimineller Netzwerke und die Grenzen des Rechtsstaates.

Eine Bäckerei schließt. Der Metzger gibt auf. Der kleine Lebensmittelhändler verschwindet. Wo jahrzehntelang Familienunternehmen existierten, eröffnen Kioske, Restaurants, Backshops und neue Lebensmittelmärkte.

Es ist ein tiefgreifender wirtschaftlicher Wandel, den man in Berlin, Bremen, Hamburg und im Ruhrgebiet beobachten kann.

Nicht jedes neue Geschäft ist eine Erfolgsgeschichte. Nicht jeder Betrieb, der zehn Jahre überlebt, hat zehn Jahre Gewinne erwirtschaftet. Und nicht jedes Kapital, mit dem ein Unternehmen finanziert wird, stammt aus dessen eigentlicher Geschäftstätigkeit.

Das allein ist noch keine Straftat.

Aber längst steht fest: Kriminelle Netzwerke nutzen legale Unternehmen, Immobilien und wirtschaftliche Verflechtungen, um illegale Einnahmen zu verschleiern und Vermögen aufzubauen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Woher kommt das Geld? Und warum bleibt seine Herkunft trotz jahrzehntelanger Warnungen in konkreten Fällen so schwer aufzuklären?

Berlin: 952 Straftaten und eine wachsende Clan-Szene

Am 5. Juni 2026 veröffentlichte die Berliner Innenverwaltung ihr Lagebild Clankriminalität 2025.

Die Zahlen sind bemerkenswert.

685 Personen wurden Anfang 2026 dem Phänomenbereich Clankriminalität zugerechnet. Das waren elf Prozent mehr als im Vorjahr.

342 Tatverdächtigen aus diesem Bereich ordnete die Polizei für 2025 insgesamt 952 Straftaten zu – zwölf Prozent mehr als 2024.

Fast ein Viertel entfiel auf Rohheitsdelikte wie Körperverletzungen und Raub. Weitere Schwerpunkte waren Verkehrs- und Diebstahlsdelikte mit jeweils rund 16 Prozent.

Das bedeutet: Clankriminalität ist nicht ausschließlich ein Problem millionenschwerer Immobiliengeschäfte.

Sie reicht in die Alltagskriminalität hinein. Gewalt, Bedrohungen, Diebstähle und Verstöße im Straßenverkehr gehören ebenso zum polizeilichen Lagebild wie wirtschaftliche Straftaten.

Bemerkenswert ist der Unterschied zur allgemeinen Kriminalitätsentwicklung: Insgesamt sank die registrierte Kriminalität in Berlin 2025 um 6,7 Prozent, während die Zahl der erfassten Straftaten mit Clanbezug stieg.

Die Berliner Polizei nennt ausdrücklich auch die Bekämpfung kriminell genutzter Autovermietungen als Schwerpunkt.

Das führt uns unmittelbar zurück zur Geldfrage.

Wer finanziert solche Unternehmen? Wer kontrolliert die Fahrzeuge, die Geschäftskonten und die wirtschaftlich Berechtigten? Und welche Rolle spielen sie innerhalb krimineller Netzwerke?

Bremen: Schüsse auf offener Straße und problematische Gewerbebetriebe

Auch Bremen gehört in diese Untersuchung.

Im März 2026 erschütterte eine Serie schwerer Schusswaffentaten die Hansestadt. In der Neustadt und in Walle wurden mehrere Männer angeschossen, ein 32-Jähriger starb.

Die Polizei richtete am 30. März die Sonderkommission „Fokus“ ein. Die Ermittlungen wurden bei der Staatsanwaltschaft in der Abteilung für Organisierte Kriminalität gebündelt.

Ob sämtliche Taten zusammenhängen, war zunächst Gegenstand der Ermittlungen. Eine Zugehörigkeit zu bestimmten Clanstrukturen war damit nicht bewiesen.

Doch die Gewalt ereignete sich nicht im Verborgenen, sondern auf den Straßen einer deutschen Großstadt.

Im Juni folgte ein anderer Polizeieinsatz mit unmittelbarem Bezug zur Wirtschaft.

Gemeinsam mit Zoll, Finanzamt, Gewerbe- und Glücksspielaufsicht kontrollierte die Bremer Polizei Kioske, Imbisse, Restaurants und Bars in Gröpelingen, Walle und Oslebshausen.

In 14 Betrieben stellten die Behörden unterschiedliche Verstöße fest. Eine Sportsbar wurde wegen erheblicher Glücksspiel- und Steuerverstöße geschlossen.

Die Polizei führte parallel Maßnahmen gegen Drogen- und Straßenkriminalität durch.

Bremens Gesamtkriminalität war 2025 zwar um zehn Prozent auf 94.401 registrierte Straftaten gesunken. Dennoch zeigen die gezielten Gewerbekontrollen und die Sonderermittlungen, dass die Behörden weiterhin gegen erhebliche kriminelle Aktivitäten vorgehen müssen.

Was geschieht eigentlich zwischen zwei solchen Kontrollaktionen? Wer verfolgt die Finanzierungsstrukturen, die hinter rechtswidrig betriebenen Geschäften stehen können?

Nordrhein-Westfalen: Die wirtschaftliche Dimension

Das LKA Nordrhein-Westfalen registrierte für 2024 insgesamt 6.707 Straftaten mit Clanbezug und 4.282 Tatverdächtige.

Die Behörde führte zahlreiche Schwerpunktkontrollen durch. In 14 einschlägigen Verfahren sicherte sie Vermögenswerte von rund 1,75 Millionen Euro vorläufig.

Das ist ein Ermittlungsinstrument. Aber die Zahl beantwortet nicht, wie groß das tatsächlich kriminell erwirtschaftete Gesamtvermögen der betroffenen Netzwerke ist.

Noch weniger beantwortet sie, welche Kapitalbeträge durch legale Gesellschaften, Immobilien, Handelsunternehmen und private Darlehensketten bewegt werden.

Die statistische Erfassung von NRW und Berlin unterscheidet sich. Ihre Zahlen sind daher nicht als unmittelbar vergleichbare Messung derselben Kriminalitätsform zu verstehen.

Gemeinsam zeigen sie aber, dass die Polizei ein langjähriges und regional unterschiedlich ausgeprägtes Problem dokumentiert.

Celle: Schon 1999 war die Kapitalherkunft das Problem

Die Warnungen reichen weit zurück.

Am 5. August 1999 berichtete das ARD-Magazin Panorama über auffällige Immobilienkäufe in Celle.

Nach den damaligen Recherchen hatten Angehörige der kurdischen Gemeinde mehr als 200 Immobilien im Wert von über 100 Millionen D-Mark erworben. Rund ein Drittel der Käufer hatte zuvor Sozialhilfe bezogen.

Der damalige Oberstadtdirektor Martin Biermann berichtete von schwer nachvollziehbaren Finanzierungen. Käufer verwiesen auf Verwandte als Geldgeber. Diese nannten wiederum weitere Familienmitglieder.

Die Staatsanwaltschaft berichtete von ursprünglich rund 400 Verfahren, von denen etwa 180 eingestellt wurden, weil sich die Verdachtsmomente nicht erhärten ließen.

Es wurde also ermittelt. Doch die Rekonstruktion der Geldherkunft stieß auf erhebliche Schwierigkeiten.

Die entscheidende Frage ist, was die Behörden aus solchen Fällen gelernt haben.

Hamburg: Wenn Immobilienmacht politische Türen öffnet

Die Affäre um die Familie Osmani erschütterte Hamburg Mitte der 2000er-Jahre.

Im Mittelpunkt standen umfangreiche Immobiliengeschäfte und Kontakte zu hochrangigen Vertretern des Hamburger Senats.

Der frühere Zweite Bürgermeister und Bausenator Mario Mettbach war für Unternehmen aus dem Osmani-Umfeld tätig.

Ein parlamentarischer Bericht der Hamburger SPD aus dem Jahr 2007 dokumentierte die politischen Verbindungen und erhob schwere Vorwürfe gegen den Umgang des Senats mit diesen Kontakten.

Später beschäftigten millionenschwere Kreditgeschäfte der Volksbank Lauenburg die Strafgerichte. Die Verfahren führten zu Verurteilungen, teilweise aufgehobenen Entscheidungen und erneuten gerichtlichen Befassungen.

Nicht jeder politische Kontakt ist unzulässige Einflussnahme. Aber die Affäre zeigt, wie eng Unternehmen, persönliche Netzwerke und politische Entscheidungsträger miteinander verflochten sein können.

Und sie führt zu einer weiteren Frage: Kontrolliert der Staat nur die Geschäfte – oder auch die möglichen Interessenkonflikte seiner eigenen Entscheidungsträger?

Der Wettbewerb, den ehrliche Unternehmer verlieren können

Ein entscheidender Aspekt krimineller Wirtschaftsmacht wird häufig unterschätzt.

Ein normaler Unternehmer muss seine Kosten aus regulären Einnahmen decken.

Ein Betrieb, der durch kriminelles Kapital gestützt wird, kann möglicherweise jahrelang Verluste akzeptieren. Er kann Investitionen finanzieren, für die einem regulären Wettbewerber die Mittel fehlen.

Kommt illegale Beschäftigung hinzu, verschärft sich das Problem.

Wer Mindestlöhne umgeht, Sozialabgaben hinterzieht oder Schwarzarbeiter beschäftigt, kann seine Kosten rechtswidrig senken.

Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls stellte für 2025 bundesweit Schäden von rund 675 Millionen Euro fest. Diese Zahl umfasst verschiedene Branchen und Tätergruppen.

Familienarbeit kann dagegen ein völlig legaler Wettbewerbsvorteil sein. Wo sie jedoch reguläre Beschäftigungsverhältnisse verdeckt, gelten die gesetzlichen Pflichten genauso wie für andere Arbeitgeber.

Für einen ehrlichen Bäcker, Gastronom oder Kaufmann entscheidet nicht die Herkunft seines Konkurrenten über die Fairness des Wettbewerbs.

Entscheidend ist, ob beide nach denselben Regeln wirtschaften müssen.

Der Staat kennt die Methoden seit Jahrzehnten

Die Bundesrepublik hat Organisierte Kriminalität nicht erst gestern entdeckt.

Bereits die polizeiliche Definition des Phänomens berücksichtigt den Einsatz geschäftlicher Strukturen, Gewalt, Einschüchterung und die mögliche Einflussnahme auf Politik, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft.

Das Bundeskriminalamt registrierte für 2025 bundesweit 683 Ermittlungsverfahren der Organisierten Kriminalität mit knapp 8.000 Tatverdächtigen.

Rund 69 Prozent der Verfahren hatten einen transnationalen Bezug.

Die Internationalisierung krimineller Netzwerke ist damit ein dokumentierter Bestandteil der Lage.

Das Bundesfinanzministerium warnte im Juli 2026 erneut vor dem Missbrauch von Kapitalgesellschaften, verschachtelten Firmenstrukturen, Strohpersonen und verdeckten wirtschaftlich Berechtigten.

Das Problem besteht also nicht darin, dass der Staat die Methoden nicht kennt. Die Frage ist, wie wirksam er gegen sie vorgeht.

Zehn Folgen über kriminelle Wirtschaftsmacht und staatliche Verantwortung

Die Vossische beginnt mit diesem Beitrag eine zehnteilige investigative Serie.

Wir untersuchen Immobilienvermögen, die Finanzierung von Restaurants und Handelsunternehmen, den Gebrauchtwagenmarkt, Schwarzarbeit, illegale Beschäftigung und die Rolle von Familien- und Unternehmensnetzwerken.

Wir fragen, ob staatliche Kontrollkapazitäten mit der Entwicklung Schritt gehalten haben, wie wirksam Finanzermittlungen sind und welche Möglichkeiten kriminelle Organisationen besitzen, auf öffentliche Institutionen Einfluss zu nehmen.

Berlin, Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen stehen dabei im Mittelpunkt. Historische Fälle wie Celle zeigen, wie lange die entscheidenden Fragen bereits gestellt werden.

Wir werden Behörden mit konkreten Sachverhalten konfrontieren, Geldflüsse anhand zugänglicher Unterlagen nachvollziehen und dokumentierte Ermittlungsversäumnisse untersuchen.

Nicht jeder Verdacht wird sich bestätigen. Nicht jede außergewöhnliche Vermögensentwicklung ist illegal. Aber dort, wo Straftaten nachgewiesen werden, muss auch ihre wirtschaftliche Grundlage untersucht werden.

Denn die Bekämpfung Organisierter Kriminalität endet nicht bei einer Razzia, einer Verhaftung oder einem Gerichtsurteil.

Sie ist erst dann dauerhaft wirksam, wenn kriminellen Netzwerken die Mittel entzogen werden, mit denen sie wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht aufbauen.

Und deshalb steht am Anfang unserer Serie eine Frage:

Der Staat kennt viele Täter. Aber weiß er auch, wem ihr Geld inzwischen gehört?


CLAN-REPUBLIK DEUTSCHLAND – DIE SERIE DER VOSSISCHEN

  1. Deutschland im Blindflug – die große Lage.
  2. Woher kommt das Geld? – die Herkunft der Millionen.
  3. Geschäfte ohne Gewinn – Kioske, Gastronomie und Bargeld.
  4. Der zerstörte Wettbewerb – Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung.
  5. Häuser für Millionen – Celle, Osmani, Remmo und Al-Zein.
  6. Das Geschäft auf Rädern – Autohandel und Exporte.
  7. Die überforderten Behörden – Finanzämter, Zoll und Polizei.
  8. Die Insider – Korruption und Einflussnahme.
  9. Der Weg in die Institutionen – Politik, Vereine und Netzwerke.
  10. Wer trägt die Verantwortung? – die Bilanz des Staates.

Die Vossische veröffentlicht die weiteren Folgen in den kommenden Wochen.

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Geschrieben von

Jonathan Falk
Jonathan Falk ist politischer Autor mit Schwerpunkt auf Israel, dem Nahen Osten und westlichen Gesellschaften. Seine Texte verbinden investigativen Anspruch, präzise Analyse und konsequente Orientierung an überprüfbaren Fakten.
Alvan Bovay
Alvan Bovay ist investigativer Journalist und Wirtschaftswissenschaftler. Der frühere CEO einer internationalen Werbeagentur schreibt über Politik, Medien und Machtstrukturen und leitet Defending Liberty Daily.
Cilla Zielinski
Cilla Zielinski ist Medizinerin und Feuilletonistin. Sie schreibt an der Schnittstelle von Wissenschaft, Design und Kultur und analysiert gesellschaftliche Trends mit präzisem, nüchternem Blick.

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