Die Kraft des Islam: Schreiber stellt die Fragen, die wir brauchen
Constantin Schreiber erklärt die Bindekraft des Islam. Jonathan Falk fragt nach der Verantwortung des Rechtsstaates. Zwei Bücher über Religion, Macht und Freiheit – und die notwendige Unterscheidung zwischen orthodoxen Ansprüchen und liberaler Glaubenspraxis.
Constantin Schreiber untersucht, weshalb der Islam Menschen bindet und Gesellschaften prägt. Sein Buch verdient eine ernsthafte Diskussion. Jonathan Falks „Der Verrat an der Freiheit“ ergänzt diese Untersuchung um eine entscheidende Frage: Was geschieht, wenn der Westen seine eigenen Freiheitsversprechen nicht mehr einlöst?
Jakarta, Kairo, Hamburg. Drei Städte, drei Lebenswelten, ein gemeinsamer religiöser Rhythmus. Constantin Schreiber beginnt „Die Kraft des Islam“ mit Gebetsszenen, die seine Leser unmittelbar in das Thema hineinziehen. Straßenlärm, Hitze, Nieselregen und die Unterbrechung des Alltags durch das Gebet: Aus konkreten Beobachtungen entwickelt er die Frage nach der Bindekraft einer Weltreligion.
Dieser Einstieg gelingt. Schreiber macht anschaulich, was abstrakte Debatten über Integration und Religionspolitik häufig übersehen: Ein Glaube wirkt durch wiederkehrende Handlungen, gemeinsame Überzeugungen und die Erfahrung, irgendwo dazuzugehören.
Seine persönliche Vertrautheit mit den Schauplätzen trägt die Darstellung. Erinnerungen an Indonesien, seine Arbeit in Kairo und seine norddeutsche Herkunft verbinden Beobachtung und Reflexion. Der Text gewinnt dadurch Nähe, ohne seine gesellschaftliche Fragestellung aus den Augen zu verlieren.
Gemeinschaft, Gewissheit und Macht
Die Auftaktkapitel zeigen die besondere Stärke dieses Buches: Schreiber interessiert sich dafür, weshalb der Islam attraktiv ist.
Er beschreibt eine Religion, die den Alltag ordnet, Pflichten formuliert und Gemeinschaft schafft. Gebet, Fasten und Armenabgabe erscheinen dabei als Praktiken, die Menschen miteinander verbinden. Moscheen betrachtet er auch als soziale Infrastruktur: Orte der Unterstützung, der Begegnung und der Orientierung.
Das ist ein wichtiger Zugang. Wer die gesellschaftliche Wirkung einer Religion erklären will, muss verstehen, was ihre Anhänger an ihr schätzen.
Schreiber verbindet diese Gegenwartsbeobachtung mit einem kulturgeschichtlichen Panorama. Er führt zu Mathematikern und Ärzten, zu persischer Dichtung und islamischer Architektur. Al-Chwarizmi, Ibn Sina, Rumi und Hafis stehen für unterschiedliche Formen einer geistigen Produktivität, deren Wirkung weit über religiöse Grenzen hinausreicht.
Literarisch trägt die Verbindung von anschaulichen Szenen und verständlicher Erklärung. Schreiber schreibt zugänglich, mit kurzen Sätzen und klaren Gegenüberstellungen. Seine Darstellung lädt dazu ein, sich auf einen Gegenstand einzulassen, über den häufig gesprochen wird, ohne ihn ausreichend zu kennen.
Zugleich benennt schon die Einführung den Konflikt, der das Buch interessant macht: Gemeinschaft kann Halt geben und Anpassung verlangen. Gewissheit kann beruhigen und Widerspruch erschweren. Eine Ordnung, die Menschen trägt, kann ihre Selbstbestimmung begrenzen.
Gerade diese Spannung macht Schreibers Ansatz lesenswert. Er nimmt religiöse Erfahrung ernst und eröffnet damit die Frage nach ihren gesellschaftlichen Konsequenzen.
Leider bleibt „politischer Islam“ als Begriff zu eng
Eine begriffliche Entscheidung verdient allerdings Widerspruch. Schreiber unterscheidet ausdrücklich zwischen Islam, politischem Islam und Islamismus. Das hilft, unterschiedliche Erscheinungen auseinanderzuhalten. Leider kann der Ausdruck „politischer Islam“ den Blick dennoch zu stark auf organisierte Machtbewegungen lenken.
Wo verbindliche religiöse Regeln den gesamten Lebensvollzug bestimmen sollen, gehört auch die orthodoxe Auslegung des Islam ins Zentrum der Untersuchung.
Denn Konflikte mit individueller Freiheit entstehen nicht erst durch Parteien oder Verbände. Sie können bereits im familiären und sozialen Umfeld beginnen: bei der Partnerwahl, der Gleichberechtigung, der sexuellen Selbstbestimmung oder der Entscheidung, einen Glauben aufzugeben.
Orthodoxie und Islamismus sind keine Synonyme. Gerade deshalb sollte genauer benannt werden, ob ein Anspruch aus einer überlieferten Glaubenslehre, sozialem Druck oder einem politischen Herrschaftsprogramm entsteht.
Schreibers eigene Darstellung legt diese Nachfrage nahe. Er beschreibt schließlich, wie eng Ritual, religiöse Norm und Alltag miteinander verbunden sein können. Diese Verbindung verlangt eine Prüfung auch dort, wo keine ausdrücklich politische Organisation auftritt.
Umso mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung verdienen liberale muslimische Stimmen, die Glauben mit Gewissensfreiheit, gleichen Rechten und einem eigenständigen demokratischen Recht verbinden. Ihre Position sollte in der öffentlichen Debatte wesentlich stärker werden. Die entscheidende Frage lautet, welche religiösen Auslegungen die Freiheit des Einzelnen tatsächlich anerkennen.
Ein Buch verdient mehr als Berichte über Proteste
Auch die Rezeption verdient einen kritischen Blick. Bei Schreibers Dresdner Lesung demonstrierten nach Polizeiangaben zwischen 50 und 100 Menschen vor der Buchhandlung. Der Autor wurde von Polizeibeamten begleitet; die Veranstaltung selbst verlief ohne Zwischenfälle.
Solche Ereignisse erzeugen Schlagzeilen. Sie ersetzen keine Auseinandersetzung mit einem Buch.
Alice Schwarzer hat „Die Kraft des Islam“ in EMMA ausdrücklich gewürdigt und Schreibers Sympathie für seinen Gegenstand hervorgehoben. Medienaufmerksamkeit ist also vorhanden. Wünschenswert wäre eine breitere Diskussion über seine Argumente, seine Begriffe und die Konflikte, die er beschreibt.
Jonathan Falk: Freiheit braucht staatlichen Schutz
Hier setzt der Vergleich mit Jonathan Falks „Der Verrat an der Freiheit: Linke Ideologie, Islamismus und der neue Antisemitismus“ an.
Falk entwickelt seine Argumentation in 52 Kapiteln. Ausgangspunkt sind der Terror vom 7. Oktober 2023 und dessen internationale Folgen. Von dort führt er zu geopolitischen Interessen, ideologischen Netzwerken, westlichen Institutionen und der Sicherheit jüdischer Gemeinschaften.
Besonders eindringlich wird das Buch in den Schlusskapiteln. Falk konzentriert seine weit ausgreifende Darstellung dort auf einen klaren Gedanken: Freiheit verliert ihren universellen Anspruch, wenn staatlicher Schutz von politischer Zweckmäßigkeit abhängt.
Seine stärkste Frage betrifft deshalb die Verantwortung des Staates. Müssen bedrohte Menschen ihre Identität verbergen, um sicher zu sein? Müssen sie vorsichtiger, leiser und unsichtbarer werden, während die Gesellschaft den Konflikt vermeidet?
Falk beschreibt darin eine Umkehr der Schutzpflicht. Die Last wird den Bedrohten aufgebürdet. Seine These, jüdisches Leben als Frühwarnsystem für den Zustand allgemeiner Freiheit zu betrachten, gibt dem Buch seinen überzeugendsten normativen Mittelpunkt.
Auch sprachlich besitzt diese Argumentation Nachdruck. Kurze Sätze, Wiederholungen und zugespitzte Gegenüberstellungen verdichten die Schlusskapitel. „Freiheit ist nicht verhandelbar“ wird zum Leitgedanken einer politischen Anklage gegen mangelnde Konsequenz.
Diese Passagen sind als engagiertes Plädoyer für gleiche Rechte besonders wirksam. Ihre Stärke liegt in der Klarheit des Maßstabs: Ein Rechtsstaat muss seinen Schutz auch gegen Widerstand durchsetzen.
So ergänzen sich die beiden Bücher. Schreiber untersucht die religiösen und gesellschaftlichen Kräfte, die Menschen bewegen. Falk fragt, wie staatliche Institutionen auf Freiheitskonflikte reagieren und welche Verantwortung sie tragen.
„Die Kraft des Islam“ verdient Leser, die verstehen und kritisch nachfragen wollen. „Der Verrat an der Freiheit“ ergänzt diese Lektüre um die Forderung, Freiheitsrechte praktisch zu verteidigen. Gemeinsam eröffnen sie eine notwendige Diskussion über Glauben, Macht und die Verlässlichkeit demokratischer Versprechen.
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