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Erdoğan füllt die Arena, die AfD löst Entsetzen aus: Kölns bequeme Empörung

Ein AfD-Infostand versetzt Jeannine Michaelsen in Bestürzung. Doch Kölns demokratischer Anspruch muss sich auch an Erdoğan-Auftritten, Ankaras institutionellem Einfluss und dem Verwaltungshandeln messen lassen. Ein Kommentar gegen bequeme Empörung.

Erdoğan füllt die Arena, die AfD löst Entsetzen aus: Kölns bequeme Empörung
Jeannine Michaelsen empört sich über einen AfD-Stand. Ein Kommentar über Köln, Erdoğan, DITIB und gleiche politische Maßstäbe. Illustration by Richard Bergsirk

Jeannine Michaelsen entdeckt einen AfD-Infostand in der Kölner Innenstadt und reagiert mit „großer Bestürzung“. Ihr Auftritt wirft eine Frage auf: Wie glaubwürdig ist die demonstrative Verteidigung der Demokratie, wenn sie beim politischen Gegner besonders leichtfällt? Köln bietet genügend andere Anlässe für unbequemen Widerspruch.

Ein Infostand. Eine Partei. Eine Einkaufsstraße.

Jeannine Michaelsen klingt, als habe sie mitten in Köln einen unerhörten Vorgang entdeckt.

„Fuck, Wieso? Wieso ist hier sonst keiner, der was sagt?“, fragt die Moderatorin in ihrem Instagramvideo. Wenig später findet sie Gegendemonstranten. Die Bestürzung weicht der Begeisterung. Menschen bleiben stehen, nehmen Plakate und protestieren. Michaelsen lobt ihre Heimatstadt.

Auf einen kritischen Kommentar antwortet sie: „Ich mag keine Nazis.“

Damit ist die politische Welt bequem sortiert. Hier die anständige Stadtgesellschaft. Dort die Menschen, über die ein einziges Wort offenbar alles sagen soll.

Für eine Moderatorin, die öffentlich Haltung demonstriert, ist das erstaunlich wenig Auseinandersetzung.

Protest ist legitim. Die Pose bleibt kritikwürdig.

Nach dem vorliegenden EXPRESS-Bericht blieb der Protest friedlich. Das ist ausdrücklich zu begrüßen. Niemand muss die AfD mögen. Niemand muss an ihrem Stand vorbeigehen, ohne zu widersprechen.

Aber Michaelsens Entsetzen richtet sich bereits gegen die Tatsache, dass dieser Infostand „einfach so mitten auf der Straße“ stattfindet.

Genau dort gehört politische Auseinandersetzung hin: in die Öffentlichkeit.

Wer die AfD bekämpfen will, kann ihre Forderungen auseinandernehmen, ihre Funktionäre mit ihren Aussagen konfrontieren und ihre politischen Widersprüche offenlegen. Das wäre Arbeit. Ein pauschales Etikett erledigt sich schneller.

Michaelsen fordert außerdem ein AfD-Prüfverfahren. Eine solche Forderung darf sie stellen. Sie muss sich dann aber auch fragen lassen, ob ihr Auftritt mehr vermittelt als moralische Gewissheit vor laufender Kamera.

Applaus aus dem eigenen Lager beweist noch keine politische Urteilskraft.

Gehört Köln politisch schon zu Ankara?

Die provokante Frage lautet: Gehört Köln längst zur Türkei?

Als Frage nach staatlicher Zugehörigkeit wäre das Unsinn. Als Frage nach dem Einfluss Ankaras auf Institutionen und politische Veranstaltungen in der Stadt trifft sie einen realen Konflikt.

Am 24. Mai 2014 sprach Erdoğan vor Tausenden Anhängern in der Kölner Lanxess-Arena. Offizieller Anlass war das Jubiläum der Union Europäisch-Türkischer Demokraten. Der Auftritt wurde jedoch als Wahlkampf vor der türkischen Präsidentschaftswahl gewertet. Gleichzeitig demonstrierten Zehntausende gegen ihn.

Köln war also schon damals Bühne für einen ausländischen Machtpolitiker – und Schauplatz erheblichen Widerstands dagegen.

2018 folgte die Eröffnung der DITIB-Zentralmoschee durch Erdoğan, gemeinsam mit dem Präsidenten der türkischen Religionsbehörde Diyanet. DITIB dokumentiert diese Beteiligung selbst.

Das politisch Brisante daran ist die institutionelle Verbindung zur türkischen Staatsmacht. Die Größe eines Gotteshauses sagt darüber wenig aus; die Rolle eines Präsidenten und seiner Religionsbehörde sehr viel.

Eine damalige Tagesschau-Analyse beschrieb die Zentralmoschee nach der Eröffnung als ein von Ankara gesteuertes Zentrum. Oberbürgermeisterin Henriette Reker und Ministerpräsident Armin Laschet blieben der Veranstaltung fern. Auch dieser Widerspruch gehört zur Geschichte.

Wer Kölns Weltoffenheit feiert, muss die Freiheit der Stadt auch gegenüber ausländischer politischer Einflussnahme verteidigen.

Für Michaelsen gilt dabei derselbe Maßstab wie für jeden anderen prominenten Demokratieverteidiger: Kritik an autoritären Strukturen muss unabhängig davon funktionieren, welches Publikum dafür Beifall spendet. Aus ihrem jetzigen Video lässt sich allerdings nicht ableiten, wie sie sich früher zu Erdoğan positioniert hat.

Beim Rechtsstaat zählen Ergebnisse

Auch Kölns Umgang mit Abschiebungen verdient kritische Aufmerksamkeit.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtete im August über ein Hilfsangebot aus dem Jahr 2024: Die Zentrale Ausländerbehörde Coesfeld wollte für rund 500 ausreisepflichtige Menschen aus Westbalkanstaaten Rückreisedokumente beschaffen. Nach der Recherche verzichtete Köln auf diese Unterstützung. Wie viele Betroffene tatsächlich hätten abgeschoben werden können, blieb offen.

Die Stadt widersprach später dem Eindruck einer grundsätzlichen Ablehnung. Stadtdirektorin Dörte Diemert erklärte den Vorgang mit Kommunikationsproblemen und einer Antwort aus dem Bleiberechtsprogramm. Sie verwies auch auf tatsächlich erfolgte Abschiebungen und freiwillige Ausreisen.

Damit ist keine pauschale Behauptung bewiesen, Köln verhindere sämtliche Abschiebungen. Wohl aber steht eine konkrete Verwaltungsfrage im Raum: Wie wurde ein solches Angebot bearbeitet, wer trug Verantwortung und welche Folgen hatte der Vorgang?

Das verlangt Aufklärung.

Die Antwort findet sich weder in Herz-Emojis noch im Selbstlob einer „bunten“ Stadt.

Weltoffenheit braucht mehr als ein Feindbild

Michaelsen darf auf Köln stolz sein. Aber eine Stadt wird durch diesen Stolz nicht von Kritik entlastet.

Weltoffenheit muss sich an gleichen Maßstäben messen lassen: gegenüber deutschen Parteien, gegenüber ausländischen Staatsführern und gegenüber der eigenen Verwaltung.

Der Auftritt auf der Schildergasse überzeugt uns deshalb nicht. Er bietet viel Empörung, ein vernichtendes Etikett und die beruhigende Erfahrung, von Gleichgesinnten umgeben zu sein. Eine ernsthafte politische Auseinandersetzung liefert er kaum.

Wer Demokratie verteidigt, sollte mehr können, als vor einem Parteistand die eigene moralische Überlegenheit vorzuführen.

Köln braucht kritische Bürger, die auch dann genau hinsehen, wenn der Gegenstand ihres Widerspruchs nicht ins vertraute Feindbild passt. Und prominente Stimmen, die schwierige Fragen stellen, statt sich für einfache Antworten feiern zu lassen.

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Geschrieben von

Bianca Moreau
Bianca Moreau schreibt für Die Vossische über Politik, Gesellschaft, Medien und Kultur. Ihr Schwerpunkt liegt auf zugänglichen Analysen aktueller Debatten, gesellschaftlicher Konflikte und öffentlicher Inszenierungen.

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