Harry Pauly: Die Nazis sperrten ihn ein – die Bundesrepublik später noch einmal
Harry Pauly liebte Männer und das Theater. Dafür verhafteten ihn die Nazis, schickten ihn ins Lager und später in eine Einheit, aus der kaum jemand zurückkehrte. Er überlebte – und kehrte auf die Bühne zurück. Eine fast vergessene deutsche Geschichte.
Harry Pauly wollte eigentlich nur Theater spielen und Männer lieben. Die Nationalsozialisten machten daraus ein Verbrechen, sperrten ihn ein und schickten ihn schließlich in eine Einheit, aus der kaum jemand lebend zurückkehrte. Pauly überlebte. Doch 1945 war seine Verfolgung noch immer nicht vorbei: 1961 verurteilte ihn die Bundesrepublik erneut wegen §175. Trotzdem kehrte er immer wieder auf die Bühne zurück – zuletzt als „Pauline Courage“ mitten auf dem Hamburger Kiez.
Harry Pauly war 15 Jahre alt, als er 1929 erstmals am Theater am Nollendorfplatz auftrat.
Eine kleine Rolle nur, ein „Lausejunge“. Aber für den am 23. September 1914 in Berlin geborenen Jungen war die Bühne offenbar längst mehr als ein Zeitvertreib. Während er gleichzeitig eine Ausbildung zum Friseur beginnen sollte, zog es ihn zu Schauspielern, Theatern und in jene Lokale Berlins, in denen sich homosexuelle Männer trafen.
Das Berlin der ausgehenden Weimarer Republik bot dafür eine widersprüchliche Welt. Sexuelle Handlungen zwischen Männern waren durch §175 verboten. Gleichzeitig hatte sich in der Hauptstadt eine weithin sichtbare homosexuelle Subkultur entwickelt.
Pauly bewegte sich mitten darin.
Und er machte Karriere.
In den 1930er Jahren spielte er unter anderem an der Volksbühne, am Schlossparktheater und am Lessing-Theater. Er übernahm kleinere Filmrollen. 1937 führte er sogar sein eigenes „Gastspielunternehmen Harry Pauly“ und galt nach der überlieferten Biografie als jüngster Theaterchef Berlins.
Doch inzwischen war aus Berlin eine andere Stadt geworden.
Ein Staat beginnt, Liebe zu verfolgen
Die Nationalsozialisten zerstörten nach 1933 die homosexuelle Infrastruktur der Hauptstadt. Treffpunkte wurden geschlossen, Organisationen zerschlagen, Männer überwacht und verfolgt.
1935 verschärfte das NS-Regime §175 erheblich. Nun konnten wesentlich mehr Männer strafrechtlich verfolgt werden als zuvor. Der Paragraf wurde zu einem der wichtigsten juristischen Instrumente der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung.
Ein Jahr später traf es Harry Pauly.
1936 wurde er erstmals verhaftet.
Er kam nach Neusustrum, Lager V der Emslandlager. Das United States Holocaust Memorial Museum dokumentiert, dass Pauly dort zwölf Stunden täglich im Moor arbeiten musste.
15 Monate dauerte seine Haft.
Fünfzehn Monate, weil er Beziehungen zu Männern hatte.
Danach versuchte Pauly weiterzuleben und weiter Theater zu machen.
Aber eine Verurteilung nach §175 verschwand nicht einfach aus dem Leben eines Mannes.
Denunziert von zwei Jungen
1943 wurde Pauly erneut verhaftet.
Zwei Jungen hatten ihn denunziert. Nach Darstellung des US Holocaust Memorial Museum waren sie von der Gestapo unter Druck gesetzt worden, homosexuelle Männer zu verraten.
Wieder §175.
Wieder Gefängnis.
Nach acht Monaten kam Pauly frei, weil Freunde aus der Theaterwelt für ihn intervenierten. Doch anschließend wurde er zur Wehrmacht eingezogen.
Dort folgte ihm seine Vergangenheit.
Andere Soldaten erfuhren von seiner Verurteilung und beschimpften ihn wegen seiner Homosexualität. Pauly hielt es nicht aus.
Er desertierte.
Zweimal.
Als Strafe wurde er schließlich einer besonderen Kampfeinheit zugeteilt, in der nach Angaben des US Holocaust Memorial Museum beinahe alle Männer ums Leben kamen.
Harry Pauly überlebte.
Wie, wissen wir nicht.
Aber 1945 war er noch da.
1945: Befreit – aber nicht frei
Man könnte seine Geschichte an dieser Stelle als Geschichte eines Überlebenden weitererzählen.
Der Nationalsozialismus war besiegt.
Pauly kehrte sofort zu seiner großen Leidenschaft zurück.
Bereits 1946 war er Direktor des ABC-Theaters in Berlin-Spandau. Für 1948 ist er zudem als Direktor des Apollo-Theaters an der Schönhauser Allee dokumentiert.
Doch auch mit der neuen politischen Ordnung blieb Paulys Leben kompliziert.
1952 geriet er wegen der geplanten Aufführung der Operette Die Rose von Stambul mit der SED in Konflikt. Er berichtete später selbst, die Auseinandersetzung sei derart eskaliert, dass er aus Ost-Berlin fliehen musste.
Noch konnte er durch das Brandenburger Tor in den Westen gelangen.
Harry Pauly hatte damit die NS-Diktatur überlebt und war einer zweiten deutschen Diktatur entkommen.
Aber selbst im demokratischen Westdeutschland war er als homosexueller Mann noch nicht frei.
1961 sperrt ihn die Bundesrepublik wieder ein
Denn §175 war 1945 nicht verschwunden.
Westdeutschland übernahm sogar zunächst die von den Nationalsozialisten 1935 verschärfte Fassung. Zwischen 1949 und 1969 wurden nach Angaben des US Holocaust Memorial Museum rund 100.000 Männer nach §175 festgenommen; etwa 59.000 wurden verurteilt.
Einer von ihnen war erneut Harry Pauly.
1961 wurde er in Itzehoe auf Grundlage des §175 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Einen großen Teil dieser Zeit hatte er bereits in Untersuchungshaft verbracht.
Dieser eine Satz verändert den Blick auf seine gesamte Biografie.
Die NS-Diktatur endete 1945.
Harry Paulys staatliche Verfolgung wegen seiner Homosexualität nicht.
Ein Mann, den die Nationalsozialisten wegen seiner Beziehungen zu Männern eingesperrt hatten, wurde sechzehn Jahre nach Kriegsende von einem Gericht der demokratischen Bundesrepublik aus demselben Grund erneut zu Gefängnis verurteilt.
§175 wurde erst 1969 wesentlich entschärft.
Vollständig aus dem deutschen Strafgesetzbuch verschwand er erst 1994.
Dann wurde Harry zu Pauline Courage
Doch Pauly ließ sich auch dadurch offenbar nicht von der Bühne vertreiben.
Anfang der 1960er Jahre zog er nach Hamburg. 1973 übernahm er in der Kastanienallee unweit der Reeperbahn eine Kneipe und machte daraus den MC Club – „MC“ stand für „Mutter Courage“.
Darunter lag ein Keller.
Und aus diesem Keller machte Pauly 1976 wieder das, was ihn seit seinem 15. Lebensjahr begleitet hatte:
ein Theater.
Die Kellerbühne war winzig, schräg und ausgesprochen schwul. Pauly trat nun als „Pauline Courage“ auf. Seine Stücke hießen Skandal in Baden-Baden, Tumult im Hotel Sacher, Mutter Grimm oder Hilfe, meine Schwiegertochter ist ein Mann.
Aus dem Jungen vom Nollendorfplatz war eine Figur des Hamburger Kiezes geworden.
1980 unterstützte Pauly nach einem Bericht Corny Littmanns sogar eine Aktion gegen die polizeiliche Überwachung homosexueller Treffpunkte am Spielbudenplatz.
Er war jetzt nicht mehr nur der Verfolgte.
Er war sichtbar.
Ein Mann, den Deutschland erinnern sollte
Harry Pauly starb am 13. April 1985 in Hamburg an einem Lungenödem.
Er wurde 70 Jahre alt.
Seine Biografie umfasst nahezu das gesamte deutsche 20. Jahrhundert: Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Krieg, DDR, Flucht in den Westen und die jahrzehntelange Kriminalisierung homosexueller Männer in der Bundesrepublik.
Und immer wieder das Theater.
Man muss Harry Pauly nicht zum überlebensgroßen Helden erklären, um ihn heute zu ehren.
Seine Geschichte ist gerade deshalb so eindringlich, weil sein Wunsch so gewöhnlich war.
Er wollte spielen.
Er wollte lieben.
Er wollte leben.
Drei deutsche Staatsordnungen machten ihm zumindest zeitweise selbst daraus ein politisches oder strafrechtliches Problem.
Die Nationalsozialisten sperrten ihn ein und schickten ihn am Ende in eine Kampfeinheit, die kaum jemand überlebte.
Die Bundesrepublik sperrte ihn Jahre später wegen §175 erneut ein.
Doch am Ende stand Harry Pauly wieder auf einer Bühne.
Als Pauline Courage.
Vielleicht steckt in diesem Namen mehr von seiner Biografie, als Pauly damals beabsichtigt hatte.
Courage hatte dieser Mann jedenfalls genug.
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