Mit 17 an der Spitze der Palästina-BAG
Mit gerade 17 Jahren verkündet Tom Köning seine Wahl in den Bundessprecher:innenrat der BAG Palästinasolidarität. Was bedeutet seine neue Funktion? Die Satzung gibt dem Gremium weitreichende Aufgaben. Offen bleiben Fragen zur Wahlbeteiligung, Finanzierung und politischen Verantwortung.
Wer hat Tom Köning gewählt – und wofür?
Tom Köning ist 17 Jahre alt, Landessprecher der Linksjugend Rheinland-Pfalz und nach eigener Mitteilung jetzt Mitglied des Bundessprecher:innenrats der BAG Palästinasolidarität. Ein Wahlergebnis mit offenbar 47 berücksichtigten Stimmen, weitreichende politische Anschuldigungen und die Finanzierung durch Parteimittel und Spenden werfen Fragen auf. Die BAG ist keine Jugendorganisation, sondern ein bundesweiter Zusammenschluss innerhalb der Partei Die Linke.
Kein Jugendparlament, sondern ein politisches Bundesgremium
Tom Köning hat einen weiteren Karriereschritt innerhalb der Linken verkündet. „Gewählt, um zu verändern“, schreibt der 17-Jährige in einer Instagram-Story. Darüber steht die Bezeichnung seines neuen Gremiums: „Bundessprecher*innenrat BAG PALISOLI“.
Die Nachricht verdient Aufmerksamkeit. Denn Köning wurde nicht etwa in den Vorstand eines Schülerverbandes oder einer Jugendorganisation gewählt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität ist ein parteiinterner Zusammenschluss, den Die Linke offiziell führt und der sich selbst als „revolutionäre, antiimperialistische Arbeitsgemeinschaft“ bezeichnet.
Hier arbeiten erwachsene Parteimitglieder, Angehörige der Linksjugend und parteilose Sympathisanten zusammen. Die BAG will politische Positionen entwickeln, Veranstaltungen organisieren und Einfluss auf die Willensbildung innerhalb der Partei nehmen.
Das Alter eines Funktionärs ist kein Argument gegen seine Wahl. Die Frage ist vielmehr, welche Verantwortung er übernimmt und wie er mit ihr umgeht.
40 Stimmen und 85 Prozent – wie groß war die Wahlversammlung?
Ein von Köning veröffentlichter Abstimmungsausschnitt zeigt seinen Namen und das Ergebnis „85,106 %“ neben der Zahl 40.
Rechnerisch entsprechen 40 Stimmen bei dieser Prozentzahl einer Grundlage von 47 Stimmen.
Ob die 47 Stimmen sämtliche anwesenden Wahlberechtigten repräsentieren, ist nicht ersichtlich. Ebenso wenig lässt sich das Ergebnis ohne das vollständige Wahlprotokoll abschließend der Wahl zum Bundessprecher:innenrat zuordnen.
Die Satzung der BAG enthält allerdings eine bemerkenswerte Regelung. Nach § 5 Absatz 2 ist die Mitgliederversammlung unabhängig von der Zahl der erschienenen Mitglieder beschlussfähig, sofern sie ordnungsgemäß einberufen wurde.
Eine geringe Wahlbeteiligung würde daher nicht automatisch die Gültigkeit einer Wahl infrage stellen. Sie wirft aber Fragen nach der tatsächlichen Größe und Repräsentativität des wählenden Gremiums auf.
Wer politische Verantwortung übernimmt, muss seine Vorwürfe belegen
Köning tritt mit einer Sprache auf, die kaum Raum für Zwischentöne lässt.
In einer aufgezeichneten Rede behauptet er, politische Verantwortliche würden sich die Hände reiben, während sie mit Rheinmetall-Aktien Gewinne machten. Er bezeichnet sie als „Menschenfeinde“ und wirft ihnen vor, einen Genozid durch Waffenlieferungen, wirtschaftliche Unterstützung und mediale Legitimation voranzutreiben.
Deutsche Rüstungsexporte nach Israel sind dokumentiert. Daraus folgt jedoch nicht, dass die von Köning angesprochenen Regierungsmitglieder persönlich Rheinmetall-Aktien besitzen oder daraus Gewinne erzielen.
In einem weiteren Redeausschnitt spricht Köning von „verräterischen Träumen von Regierungsbeteiligung“. Politische Gegner innerhalb seines Umfelds wollten ihn und Gleichgesinnte zum Schweigen bringen, behauptet er. Dagegen müsse man „zu kämpfen lernen“.
Ein Aufruf zu körperlicher Gewalt lässt sich aus diesem Satz nicht ableiten. Die Wortwahl dokumentiert aber einen ausgeprägt konfrontativen innerparteilichen Kurs.
Die Videoaufnahmen zeigen außerdem, wie Köning längere Passagen offenbar von einem Tablet abliest und nur kurz zum Publikum blickt.
Große Worte, Blick aufs Tablet: Tom Köning trägt seine politischen Anschuldigungen vor einer Parteiversammlung weitgehend vom Bildschirm ab. Der 17-Jährige wurde nach eigenen Angaben in den Bundessprecher der BAG Palästinasolidarität gewählt. Aufnahme: Instagram/@das_herz_pocht_links. *.
Das ist kein Beleg für fehlendes Wissen. Es bleibt jedoch offen, wie er seine weitreichenden Anschuldigungen in einer freien, kritischen Diskussion begründen würde.
„Our rising young star“ – so feiert ein Unterstützer den 17-jährigen Tom Köning auf Instagram. Während Köning am Mikrofon spricht und wiederholt auf sein Tablet blickt, dokumentiert die Aufnahme seine öffentliche Unterstützung innerhalb des politischen Umfelds. Aufnahme: Instagram/@socrates.taha.
Parteimittel und Spenden: Wer bezahlt die BAG?
Der politische Anspruch der BAG steht einer vergleichsweise wenig transparenten öffentlichen Finanzdarstellung gegenüber.
§ 9 ihrer Satzung erklärt ausdrücklich, dass sich die Arbeitsgemeinschaft aus Mitteln der Partei Die Linke und aus Spenden finanziert.
Die Anerkennungskriterien der Linken sehen zudem vor, dass bundesweite Zusammenschlüsse organisatorische, technische und finanzielle Unterstützung aus einem parteiinternen Fonds erhalten können. Die Entscheidung über entsprechende Anträge liegt beim Bundesschatzmeister.
Welche Summen der BAG Palästinasolidarität tatsächlich zugewiesen wurden, welche Spenden eingingen und welche Ausgaben daraus bestritten wurden, lässt sich aus den bislang geprüften öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht beziffern.
Die Satzung verpflichtet den Sprecher:innenrat allerdings zur jährlichen Vorlage eines Finanzberichts.
Diese Rechenschaft ist bedeutsam, weil das Gremium nicht nur politische Erklärungen veröffentlicht, sondern nach § 6 auch bundesweite Aktivitäten koordiniert und lokale Protestaktionen unterstützt.
Jason Osterhagen und die bestehenden Parteistrukturen
Auf der von der BAG veröffentlichten Gremienseite wird außerdem Jason Osterhagen als Bundessprecher aufgeführt.
Osterhagen hatte sich bereits öffentlich zu Artikeln über Köning geäußert. Ob er bei der jüngsten Wahl erneut ein Mandat erhielt, ist bisher nicht unabhängig bestätigt.

Von der CDU zur Linken – und schließlich zur BAG Palästinasolidarität
Jason Osterhagens politische Laufbahn begann keineswegs bei der radikalen Linken. In seinen offiziellen Bewerbungsunterlagen für die Bundestagswahl 2025 gibt er an, von 2018 bis 2022 Mitglied der CDU gewesen zu sein und im Wahlkampfteam von Armin Laschet mitgearbeitet zu haben. Im Juni 2024 trat er nach eigenen Angaben der Linken bei. Bereits im Oktober desselben Jahres bewarb er sich auf dem Bundesparteitag in Halle um einen Platz im Parteivorstand. Im Februar 2025 kandidierte er für die Linke im Bundestagswahlkreis Rhein-Sieg-Kreis I.
Wie grundlegend sich seine öffentlich vertretenen politischen Positionen verändert haben, dokumentiert ein Auftritt auf dem Potsdamer Bundesparteitag der Linken im Juni 2026. „Die Klimakrise lässt sich nicht innerhalb des Kapitalismus lösen“, erklärte Osterhagen dort. Er forderte eine sozialistische Wirtschaftsordnung, die Vergesellschaftung zentraler Wirtschaftsbereiche und eine konsequent internationalistische Politik. Positionen, die sich deutlich von den wirtschaftspolitischen Grundsätzen seiner früheren Partei unterscheiden. Was ihn zu diesem politischen Wandel bewogen hat, geht aus den vorliegenden Unterlagen und Redeausschnitten allerdings nicht hervor.
Auch sein beruflicher Hintergrund lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Bei seiner Bundestagskandidatur wurde der 2004 geborene Osterhagen von der Bundeswahlleiterin mit der Berufsbezeichnung „Logistiker“ geführt. Was sich dahinter konkret verbirgt, bleibt offen. Die nicht geschützte Berufsbezeichnung kann unterschiedliche Tätigkeiten umfassen – von der praktischen Lagerarbeit bis zur qualifizierten Organisation logistischer Abläufe. Ein Berufsabschluss, eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium ließen sich anhand der bisher ausgewerteten öffentlichen Angaben nicht verifizieren. Ein öffentlich zugängliches LinkedIn-Profil nennt berufliche Stationen bei Bayer Gastronomie und dem 1. FC Köln. Dokumentiert ist außerdem sein ehrenamtliches Engagement bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG).
Von der CDU zum Sozialismus: Jason Osterhagen auf dem Bundesparteitag der Linken in Potsdam im Juni 2026. Der frühere CDU-Angehörige fordert inzwischen die Überwindung des Kapitalismus und die Vergesellschaftung zentraler Wirtschaftsbereiche. „Die Klimakrise lässt sich nicht innerhalb des Kapitalismus lösen“, erklärt er in seiner Rede. Video: Bundesparteitag Die Linke, Potsdam 2026.
Inzwischen wird Osterhagen auf der Website der BAG Palästinasolidarität als Bundessprecher aufgeführt. Damit führt sein dokumentierter politischer Werdegang von der CDU über mehrere Kandidaturen innerhalb der Linken in das Leitungsgremium einer Bundesarbeitsgemeinschaft, die sich ausdrücklich als revolutionär und antiimperialistisch versteht.
Öffentlich in Erscheinung trat Osterhagen auch als Unterstützer Tom Könings. Auf TikTok kommentierte er die kritische Berichterstattung der Vossischen über den 17-jährigen Linksjugend-Funktionär mit den Worten, die Artikel vermittelten einen „Vibe von Adultismus pur“. Damit stellte er die Frage einer möglichen Benachteiligung aufgrund des Alters in den Vordergrund. Auf die konkreten Vorwürfe und ungeklärten Tatsachenbehauptungen in Könings politischen Reden ging dieser Kommentar nicht ein.
Osterhagens eigene politische Biografie zeigt zugleich, dass Jugend und politische Verantwortung keineswegs Gegensätze sein müssen. Entscheidend ist, welchen Positionen sich ein Funktionär verpflichtet fühlt, wie er sie begründet und welche Verantwortung er innerhalb seiner Organisation tatsächlich übernimmt.
Die BAG ist überdies keineswegs vollständig von den zentralen Strukturen der Linken getrennt. Auf der offiziellen Mitgliederliste des Parteirats 2026–2027 erscheint Lara Kubach als Vertreterin der Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität.
Es bestehen somit institutionelle Verbindungen, die über soziale Netzwerke und Demonstrationen hinausreichen.
Bemerkenswert ist auch die ausdrückliche Vorgabe der BAG-Satzung, nach Möglichkeit mindestens zwei aktive Mitglieder der Linksjugend in den Bundessprecher:innenrat einzubeziehen. Die Beteiligung junger Funktionäre ist also organisatorisch gewollt.
Solidarität und politische Verantwortung
Auf ihrer Website verspricht die BAG gleiche Rechte für alle Menschen. Sie erklärt, ihre Arbeit richte sich gegen Rassismus und jede Form der Entmenschlichung.
Diesen Anspruch darf man an den öffentlichen Aussagen ihrer Repräsentanten messen.
Nicht jede scharfe politische Äußerung ist entmenschlichend. Und nicht jede radikale Position ist extremistisch. Wer anderen allerdings vorwirft, bewusst von Kriegsverbrechen zu profitieren oder an einem Genozid mitzuwirken, muss sich nach den konkreten Belegen fragen lassen.
Auch innerhalb der Linken sind solche Konflikte dokumentiert. Bereits am 1. Oktober wurde über einen gemeinsamen Instagram-Beitrag Könings, der BAG und der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft berichtet, in dem die Grünen für Krieg und Genozid verantwortlich gemacht wurden.
Das verdeutlicht die Reichweite seiner politischen Aktivitäten.
Tom Köning ist minderjährig. Seine öffentliche Funktion und seine eigenen politischen Aussagen sind dennoch Gegenstand legitimer journalistischer Kontrolle.
Eine Wahl schafft ein Mandat. Sie ersetzt keine Argumente. Und politische Verantwortung beginnt nicht erst mit dem achtzehnten Geburtstag.
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