Wer ist Akram Selo? Der Organisator der Gen-Z-Protest
Akram Selo mobilisiert bundesweit für „Gen Z regelt“. Die Recherche führt von Hoya zu einer virtuellen Geschäftsadresse in Bayern, zu einer Spendensammlung und undurchsichtigen Organisationsstrukturen. Jetzt distanziert sich die Bundesschülerkonferenz. Wer finanziert und kontrolliert die Proteste?
Ist er Deutscher? Syrer? Türke? Oder woher stammt er? Aus Schweden?
Von Hoya nach Bayern, vom Abiturienten zum Organisator bundesweiter Proteste: Akram Selo ist das Gesicht einer Bewegung, die Deutschland am 31. Oktober auf die Straße bringen will. Doch die Spur führt zu wechselnden Impressumsadressen, einem virtuellen Büro, Spendengeldern und einer Organisationsstruktur, von der sich inzwischen sogar die Bundesschülerkonferenz distanziert. Eine Recherche über Verantwortlichkeiten, Geld und unbeantwortete Fragen.
Der Mann, der aus dem Internet kam
Akram Selo ist 18 Jahre alt. Jedenfalls sagt er das selbst. Er bezeichnet sich als Abiturient, lebt nach eigenen Angaben in Bayern und hat eine Internetseite entwickelt, mit der eine neue Protestbewegung bundesweit junge Menschen mobilisiert.
Die Bewegung heißt „Gen Z regelt“. Am 31. Oktober 2026 sollen in mehr als 20 deutschen Städten Demonstrationen stattfinden. Es geht um Bildung, Lebenshaltungskosten, Sozialpolitik, Klimaschutz und die Ablehnung der Wehrpflicht.
Eine eigene Website, ein orangefarbenes Eichhörnchen als Markenzeichen, Social-Media-Kampagnen, digitale Werbeplakate, Telegram-Gruppen und eine Spendensammlung: Was sich innerhalb kürzester Zeit entwickelt hat, besitzt bereits die Außendarstellung einer professionell organisierten politischen Initiative.
Doch wer steckt dahinter?
Selo erscheint im Impressum als Verantwortlicher. Der Stern und das Portal EchtStuttgart haben ihn telefonisch interviewt. Er erklärt, dass sich die Beteiligten über TikTok gefunden hätten. Zwischen 20 und 30 Personen gehörten dem Organisationskreis an.
Eine ausführliche, unabhängig verifizierte Biografie gibt es bislang nicht.
Dafür gibt es eine bemerkenswerte Spur: Sie führt aus einer niedersächsischen Kleinstadt zu einer Geschäftsadresse im bayerischen Allgäu.
Erst Hoya, dann plötzlich Dietmannsried
Hoya ist eine Kleinstadt im Landkreis Nienburg in Niedersachsen. Hier beginnt eine der konkretesten Spuren zu Akram Selo.
In einer öffentlich erfassten Fassung des Impressums von „Gen Z regelt“ wurde der Name Akram Selo mit einer Anschrift in Hoya aufgeführt. Dieselbe Anschrift erschien auch in der Datenschutzerklärung.
Später taucht ein anderer Ort auf: Dietmannsried, ein kleiner Markt im Oberallgäu.
Warum?
Das Interessante ist weniger die geografische Entfernung als die genaue Art der neuen Adresse.
Unter der im Impressum genannten Anschrift betreibt die Firma Akteno einen Dienst für virtuelle Geschäftsadressen und digitale Postverwaltung.
Wer dort einen entsprechenden Vertrag abschließt, kann seine private Wohnadresse aus dem öffentlichen Internetauftritt heraushalten. Eingehende Post wird entgegengenommen, digitalisiert und auf Wunsch weitergeleitet.
Der Anbieter verlangt für sein Standardpaket regulär 5,99 Euro monatlich zuzüglich Mehrwertsteuer. Bei jährlicher Zahlung sind günstigere Angebote vorgesehen.
Ein teures Büro braucht es dafür nicht. Nicht einmal eine regelmäßige persönliche Anwesenheit in Bayern ist erforderlich.
Ob Selo tatsächlich Kunde dieses Anbieters ist, wurde bislang nicht bestätigt. Die Übereinstimmung zwischen seiner veröffentlichten Impressumsanschrift und dem Standort des Dienstleisters ist jedoch überprüfbar.
Eine virtuelle Geschäftsadresse ist nicht automatisch unzulässig. Sie kann ein legitimes Mittel zum Schutz der Privatsphäre sein, gerade wenn politisch aktive Menschen Anfeindungen befürchten.
Aber es bleibt eine Frage: Weshalb wechselte die öffentlich angegebene Anschrift von Hoya nach Dietmannsried? War Hoya zuvor sein tatsächlicher Wohnort? Und unter welchen Voraussetzungen ist er an der neuen Anschrift postalisch und rechtlich erreichbar?
Für eine bundesweit auftretende Initiative sind das keine nebensächlichen Fragen.
Was wir über Selos Vergangenheit wissen – und was nicht
Die bisherige Recherche führt auch zum Johann-Beckmann-Gymnasium in Hoya.
Die Schule nennt auf ihrer Website für das Schuljahr 2024/25 einen Schüler namens Akram als Mitglied der Spitze der Schülervertretung. Ein Nachname wird dort nicht angegeben.
In älteren öffentlichen Sportergebnislisten aus der Region erscheint außerdem ein Akram Selo, Jahrgang 2008. Das Geburtsjahr wäre mit der Altersangabe des heutigen Protestorganisators vereinbar.
Eine zweifelsfreie Zuordnung dieser Einträge zu dem öffentlich auftretenden Mitinitiator von „Gen Z regelt“ steht allerdings aus.
Damit gibt es Hinweise auf einen möglichen früheren schulischen und sportlichen Hintergrund in Hoya. Sie genügen nicht, um eine vollständige Biografie zu rekonstruieren.
Eine Parteimitgliedschaft Selos ist ebenfalls nicht belegt. Weder bei der Linksjugend noch bei einer anderen politischen Organisation konnte bislang eine öffentlich dokumentierte Funktion eindeutig dem Protestorganisator zugeordnet werden.
Das Gleiche gilt für eine häufig gestellte Frage nach möglichen Verbindungen zu religiösen Jugendorganisationen. Auch dafür liegen keine belastbaren Nachweise vor.
Sein Name erlaubt keine Rückschlüsse auf seine persönliche Religionszugehörigkeit oder familiäre Herkunft.
Die entscheidende Frage lautet ohnehin nicht, woher seine Vorfahren stammen.
Sie lautet: Wer unterstützt seine politische Arbeit?
Das Geld: Tausende Euro für einen bundesweiten Protest
Die Initiative verfügt über eine öffentliche Spendensammlung auf GoFundMe.
Unter der Überschrift „Genz Braucht eure Hilfe!!“ wirbt sie um finanzielle Unterstützung für den Protesttag. Die Kampagne wurde am 20. Oktober gestartet.
Bei einem dokumentierten Abruf am 25. Oktober waren 4.364 Euro aus 78 Spendenvorgängen eingegangen. Das Spendenziel betrug 5.500 Euro.
Zu den angegebenen Verwendungszwecken gehören Plakate, Flyer, Banner, bezahlte Social-Media-Werbung, technische Infrastruktur und Webhosting.
Unter den öffentlich sichtbaren Beiträgen findet sich auch eine Einzelspende von 1.000 Euro.
Damit ist ein Teil der finanziellen Grundlage der Initiative nachvollziehbar. Eine vollständige Finanzierungserklärung ergibt sich daraus aber nicht.
Denn die entscheidenden Informationen fehlen weiterhin.
Wer ist der persönlich legitimierte Empfänger der Spenden? Wer entscheidet über deren Verwendung? Welche Kosten wurden bereits vor Beginn der Sammlung beglichen? Erhalten lokale Organisatoren Geld aus der zentralen Kampagne? Und werden Dienstleistungen oder Werbemittel möglicherweise unentgeltlich zur Verfügung gestellt?
Hinzu kommt, dass die Initiative selbst darauf hinweist, kein eingetragener Verein zu sein und deshalb keine Spendenquittungen ausstellen zu können.
Das allein ist nichts Ungewöhnliches. Politische Bürgerinitiativen müssen nicht zwangsläufig als Verein organisiert sein.
Aber eine freiwillige Offenlegung der Einnahmen, Ausgaben und finanziellen Verantwortlichkeiten könnte viele Fragen beantworten.
Bislang liegt eine solche umfassende Abrechnung öffentlich nicht vor.
Ein kleines Kernteam und viele eigenständige Gruppen
Auch die Organisationsstruktur ist nicht vollständig geklärt.
Selo spricht von 20 bis 30 Mitwirkenden. Gianni Matheja, der für die Initiative öffentlich auftrat, nannte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland einen engeren Führungskreis von sechs Personen.
Im Impressum wird Arda Akyol als Mitorganisator genannt. Für die Illustrationen wird Jolina Fritsche aufgeführt. Selo selbst wird als Entwickler der Website bezeichnet.
Die Initiative erklärt, die organisatorische Hauptverantwortung für Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und München zu tragen.
An anderen Orten sollen eigenständige Gruppen verantwortlich sein.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel liefert Stuttgart.
Dort wurde mit einem Plakat mobilisiert, das eine vermummte Person zeigt. Im Interview mit EchtStuttgart distanzierte sich Selo ausdrücklich von diesem Motiv. Das Plakat stamme von den dortigen Organisatoren, nicht von seinem eigenen Team.
Er erklärte zugleich, mit der Stuttgarter Gruppe zusammenzuarbeiten.
Damit wird das Problem sichtbar: Eine bundesweite Initiative wirbt für Proteste, die teilweise von eigenständigen Gruppen organisiert werden, auf deren Außendarstellung das Kernteam nach eigener Aussage keinen unmittelbaren Einfluss hat.
Wer trägt in solchen Fällen die Verantwortung? Gibt es gemeinsame Mindeststandards für Sicherheit und Organisation? Und wer entscheidet, welche örtlichen Gruppen offiziell unter dem gemeinsamen Protestmotto auftreten dürfen?
Ein Sprecher zieht sich zurück
Besonders bemerkenswert ist eine weitere Entwicklung.
Die Berliner Morgenpost berichtet, dass Gianni Matheja sein Engagement als Sprecher der Initiative inzwischen zurückgezogen hat.
Als Grund nennt er ein mögliches Gewaltpotenzial autonomer Gruppen.
Das ist kein Beleg dafür, dass Selos Kernteam selbst gewalttätig ist. Es zeigt aber, dass die Sorge vor einer Eskalation offenbar auch innerhalb des bisherigen organisatorischen Umfelds Konsequenzen hat.
Selo selbst weist Gewalt und Extremismus entschieden zurück. Im Interview mit EchtStuttgart betonte er, seine Bewegung wolle friedlich demonstrieren und lehne Plünderungen und Sachbeschädigungen ab.
Zugleich räumte er ein, dass sich eine Einflussnahme extremistischer Gruppen nicht vollständig ausschließen lasse.
Genau hier stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen politischer Mobilisierung und tatsächlicher organisatorischer Kontrolle.
Jetzt distanziert sich auch die Bundesschülerkonferenz
Am 24. Oktober folgte der nächste bemerkenswerte Vorgang.
Die Bundesschülerkonferenz, die Interessenvertretung von rund acht Millionen Schülerinnen und Schülern, veröffentlichte eine ausdrückliche Distanzierung von den geplanten Protesten.
Sie stellte klar, dass sie weder zur Teilnahme aufrufe noch die konkreten Demonstrationen unterstütze.
Besonders schwer wiegt die Begründung: Die Organisation warnt vor undurchsichtigen Strukturen und der Gefahr, dass berechtigte Anliegen junger Menschen politisch instrumentalisiert werden könnten.
Die Bundesschülerkonferenz möchte stattdessen eigene Protestformate entwickeln.
Das ist eine wichtige Entwicklung. Denn die Kritik stammt nicht von einem politischen Gegner der Jugendproteste, sondern von einer Organisation, die bessere Bildung und friedliche Demonstrationen ausdrücklich unterstützt.
Der Streit betrifft nicht das Recht zu demonstrieren.
Er betrifft die Frage, wer diese Proteste organisiert, wie transparent die Strukturen sind und welche politischen Akteure möglicherweise Einfluss gewinnen.
Extremisten mobilisieren – die Veranstalter dementieren Verbindungen
Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz berichtete bereits vor dem angekündigten Protesttag, dass Akteure aus dem linksextremistischen und auslandsbezogenen extremistischen Spektrum für die Demonstrationen mobilisierten.
Damit ist allerdings keine persönliche Verbindung Selos zu diesen Gruppen nachgewiesen.
Auch eine Finanzierung durch die Linksjugend, politische Parteien oder religiöse Organisationen ließ sich bislang nicht belegen.
Es wäre deshalb falsch, aus der Beteiligung extremistischer Gruppen im weiteren Protestumfeld unmittelbar auf die Gesinnung oder die Absichten der Veranstalter zu schließen.
Gleichzeitig können sich die Organisatoren nicht ausschließlich auf die Behauptung zurückziehen, mit solchen Gruppen nichts zu tun zu haben.
Wenn sich eine Protestbewegung rasch ausbreitet, wenn fremde Gruppen unter ähnlichen Bezeichnungen mobilisieren und wenn Sicherheitsbehörden vor möglichen Ausschreitungen warnen, sind konkrete organisatorische Antworten erforderlich.
Wer sind die jeweiligen Versammlungsleiter? Welche Vorkehrungen gibt es zum Schutz der Teilnehmer? Wie wird mit gewaltbereiten Gruppen umgegangen? Und welche Ereignisse könnten die Organisatoren dazu bewegen, eine Veranstaltung zu verschieben oder abzubrechen?
Ein Bekenntnis zur Gewaltfreiheit ist wichtig. Ein Sicherheitskonzept ersetzt es nicht.
Wer ist also Selo?
Ein 18-jähriger Abiturient, der nach eigenen Angaben mit jungen Menschen aus dem Internet eine bundesweite Bewegung aufgebaut hat?
Das ist seine bisher veröffentlichte Darstellung.
Sie wird durch seine Interviews und die Angaben auf der Website teilweise gestützt. Dass der Name Akram Selo frei erfunden sei oder sich dahinter ein vorgeschobener Strohmann verberge, ist nicht nachgewiesen.
Dennoch bleiben offene Fragen zu seiner Biografie, zum Wechsel der Impressumsanschrift, zur Verwaltung der Spendengelder, zur tatsächlichen Organisationsleitung und zur Zusammenarbeit mit eigenständigen Protestgruppen.
Die Adresse in Dietmannsried ist dabei nicht der Beweis für eine verborgene Organisation. Sie ist vielmehr ein konkreter Ansatzpunkt, an dem sich überprüfen lässt, wie die öffentlich angegebene Verantwortlichkeit ausgestaltet ist.
Auch bei der Finanzierung muss sauber unterschieden werden: Eine Spendensammlung ist nachweisbar. Unbekannte Geldgeber oder eine verdeckte Steuerung sind dagegen bislang nicht belegt.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Akram Selo demonstrieren darf. Natürlich darf er das. Die Frage ist, welche Verantwortung er tatsächlich übernimmt, welche finanziellen Mittel seine Initiative verwendet und wer die bundesweit verbreiteten Protestaufrufe organisatorisch kontrolliert.
Sechs Tage vor dem angekündigten Protesttag sind diese Fragen keineswegs erledigt.
Die Bundesschülerkonferenz hat daraus bereits ihre Konsequenzen gezogen.
Jetzt müssen die Verantwortlichen von „Gen Z regelt“ erklären, wie ihre Bewegung wirklich funktioniert.
Denn wer öffentlich Tausende Menschen mobilisiert und Geld für politische Aktionen sammelt, muss mit journalistischen Nachfragen rechnen.
Und „Wir haben uns über TikTok kennengelernt“ ist eine Erklärung für den Anfang einer Bewegung.
Noch keine vollständige Erklärung dafür, wie sie organisiert, finanziert und geführt wird.
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