Wer organisiert die Gen-Z-Proteste wirklich?
Die Gen-Z-Proteste haben eine Vorgeschichte: Schon vor Akram Selos Website mobilisierte die Internationale Jugend. Der Verfassungsschutz ordnet sie dem Kommunistischen Aufbau zu. Wer organisierte die Proteste, wer stellte die Mittel bereit und welche Rolle spielt Selo?
Gen-Z-Proteste: Wer organisierte die Bewegung, bevor Akram Selo auftauchte?
Die Geschichte vom 18-jährigen Abiturienten, der angeblich innerhalb weniger Tage eine bundesweite Protestbewegung aufbaut, bekommt Risse. Recherchen der Vossischen zeigen: Bereits vor der Registrierung seiner Website mobilisierte eine seit Jahren bestehende sozialistische Jugendorganisation für den 31. Oktober. Die Spur führt zur Internationalen Jugend, zur Föderation Klassenkämpferischer Organisationen und zum Kommunistischen Aufbau. Doch wer organisiert die Proteste tatsächlich, wer finanziert sie – und weshalb fehlt auf der Website der Internationalen Jugend offenbar sogar ein Impressum?

Teil 1 unserer Recherche-Serie: Wer ist Akram Selo – der Mann hinter den Gen-Z-Protesten? Die Vossische untersucht seine Rolle, seine Verbindungen und die Fragen, die bislang unbeantwortet geblieben sind. Hier beginnt die Recherche.
Ein Abiturient, 23 Städte und eine erstaunliche Geschichte
Akram Selo soll 18 Jahre alt sein. Er bezeichnet sich als Abiturient, betreibt nach eigenen Angaben ein Webdesign-Unternehmen und präsentiert sich als einer der Initiatoren von „Gen Z regelt“.

Seine Darstellung klingt einfach: Über TikTok hätten sich junge Menschen zusammengeschlossen, um gegen die politischen Verhältnisse in Deutschland zu protestieren.

Wenige Tage später existiert eine bundesweite Bewegung mit einer professionell gestalteten Internetseite, einheitlichen Werbemitteln, Social-Media-Auftritten, einem Positionspapier, einer Spendensammlung und angekündigten Demonstrationen in 23 deutschen Städten.

Man kann eine Website innerhalb weniger Tage entwickeln. Aber wie entstehen in dieser Zeit die politischen Kontakte, die Organisationsstrukturen und die gemeinsame Mobilisierung?

Wann wurde tatsächlich mit den Vorbereitungen begonnen?
Die Domain genz-regelt.de wurde nach den vorliegenden DENIC-Daten am 18. Oktober 2026 registriert.
Bereits am 20. Oktober warb die Initiative für Demonstrationen in 21 Städten. Am selben Tag begann die öffentliche Spendensammlung auf GoFundMe.
Wer hatte die organisatorischen Vorarbeiten geleistet?
Die Vossische ist auf eine Spur gestoßen, die deutlich weiter zurückführt.
Die Internationale Jugend mobilisierte bereits vorher
Am 15. Oktober 2026, drei Tage vor der Registrierung von Selos Domain, veröffentlichte die Organisation Internationale Jugend einen Aufruf unter dem Motto „#GenZ regelt!“.

genz-regelt.de. Welche organisatorischen Verbindungen zwischen den Initiativen bestanden, ist bislang ungeklärt. Screenshot: internationale-jugend.de.Darin wurde bereits der 31. Oktober als bundesweiter Demonstrationstag genannt.
Der Aufruf ist bis heute auf der Website der Organisation abrufbar.
Doch die Internationale Jugend fordert nicht einfach bessere Schulen oder niedrigere Lebenshaltungskosten.
Sie verknüpft soziale Forderungen ausdrücklich mit dem Kampf gegen Kapitalismus, Aufrüstung, Wehrpflicht und die bestehende Gesellschaftsordnung.
Schon am 12. Oktober hatte die Organisation dazu aufgerufen, die französischen Gen-Z-Proteste nach Deutschland zu tragen. Sie berichtete über eine Blockade des Französischen Gymnasiums in Berlin.
Am 14. Oktober folgte ein Bericht über eine Blockade der Max-Brauer-Schule in Hamburg. Nach eigener Darstellung der Organisation wurden dort Eingänge mit Mülltonnen, Bauzäunen und E-Rollern versperrt.
Das alles geschah vor der Registrierung von Selos Website.
Die zeitliche Abfolge ist bemerkenswert. Sie beweist noch nicht, dass die Internationale Jugend seine Initiative gegründet oder gesteuert hat. Sie belegt aber, dass die Mobilisierung älter ist als der Internetauftritt des angeblich spontan entstandenen Organisationsteams.
Die Kontakte nach Frankreich bestanden bereits
Die Vorgeschichte beginnt sogar noch früher.
Am 6. Oktober reisten Mitglieder der Internationalen Jugend und des Studierendenkollektivs nach Straßburg.
Dort nahmen sie nach eigenen Angaben an Protesten französischer Jugendlicher teil und suchten den Austausch mit anderen politischen Gruppen.
Am 17. Oktober folgte eine weitere Delegation nach Frankreich.
In ihrem später veröffentlichten Reisebericht schildert die Internationale Jugend auch gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei, den Einsatz von Pflastersteinen und die Errichtung von Barrikaden.
Der Bericht verbindet die Erlebnisse ausdrücklich mit dem Ziel, den Kampfgeist der französischen Proteste nach Deutschland zu tragen.
Diese Darstellung ist von besonderem Interesse, weil die deutschen Organisatoren von „Gen Z regelt“ ausdrücklich jede Gewalt ablehnen.
Beide Gruppen dürfen deshalb nicht ohne Nachweis gleichgesetzt werden.
Aber der politische Unterschied zwischen einem friedlichen Schülerprotest und einer revolutionär ausgerichteten Mobilisierung gehört auf den Tisch.
Wer steht hinter der Internationalen Jugend?
Die Internationale Jugend ist keine neu gegründete Schülerinitiative.
Nach eigener Darstellung entstand die Organisation bereits 2017, zunächst unter dem Namen „Jugend gegen AfD“.
In einem Interview vom Januar 2022 beschrieben zwei Vertreter unter den Namen Kai und Samuel ihre Entwicklung zu einer bundesweit organisierten sozialistischen Jugendbewegung.
Heute gehört die Internationale Jugend zur Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO).

Unter deren Dach arbeiten unter anderem das Studierendenkollektiv, das Solidaritätsnetzwerk und das Frauenkollektiv.
Die Internationale Jugend verfügt nach ihrem eigenen Statut über einen Bundeskongress, einen gewählten Vorstand und zahlreiche Ortsgruppen.
Die Vorstandsentscheidungen sind für die Ortsgruppen verbindlich.
Auch die Finanzierung ist geregelt: Ein Drittel der monatlichen Einnahmen der Ortsgruppen fließt nach dem Statut in eine bundesweite Kasse.
Hier handelt es sich also um eine bereits bestehende politische Organisationsstruktur mit Erfahrungen, Kontakten und eigenen finanziellen Mitteln.
Der Verfassungsschutz nennt den Kommunistischen Aufbau
Die politische Einordnung durch deutsche Sicherheitsbehörden ist eindeutig dokumentiert.
Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg ordnet die Internationale Jugend und weitere FKO-Gruppen dem linksextremistischen Kommunistischen Aufbau (KA) zu.
Der Kommunistische Aufbau verfolgt nach Darstellung der Behörde marxistisch-leninistische Ziele und strebt eine revolutionäre Überwindung der bestehenden kapitalistischen Ordnung an.
In einer Veröffentlichung vom 21. Mai 2026 beschreibt das Landesamt die zur FKO gehörenden Gruppen ausdrücklich als Organisationen, die dem KA zuzurechnen seien.
Damit lässt sich der politische Hintergrund der Internationalen Jugend wesentlich genauer bestimmen als derjenige der erst seit Kurzem öffentlich auftretenden Selo-Initiative.
Doch eine entscheidende Frage bleibt offen: Handelte die Internationale Jugend bei ihren frühen Gen-Z-Aufrufen unabhängig – oder existierten bereits organisatorische Kontakte zum späteren Kernteam von Akram Selo?
Eine Finanzierung oder Steuerung der Initiative durch den Kommunistischen Aufbau ist bislang nicht nachgewiesen.
Seit 2019 registriert – aber kein Impressum?
Bei der weiteren Untersuchung fällt eine andere Unstimmigkeit auf.
Die Domain internationale-jugend.de ist laut einer aktuellen Auskunft der deutschen Registrierungsstelle DENIC seit dem 8. Mai 2019 ununterbrochen registriert.
Inhaberin beziehungsweise Inhaber ist laut DENIC eine natürliche Person. Deren Name wird aus Datenschutzgründen nicht öffentlich angezeigt.
Das ist bei privat registrierten Domains nicht ungewöhnlich.
Doch auf der Website selbst stellt sich die Situation anders dar.
Die Internationale Jugend veröffentlicht politische Stellungnahmen, Berichte über Demonstrationen, Aufrufe zu Schulblockaden und Informationen über ihre bundesweiten Ortsgruppen.
Sie beschreibt einen Vorstand, der die Organisation nach außen vertritt, und eine bundesweite Kasse.
Trotzdem ließ sich auf den überprüften Seiten kein vollständiges Impressum mit einer namentlich benannten verantwortlichen Person und ladungsfähiger Anschrift finden.

Stattdessen bietet die Kontaktseite lediglich eine E-Mail-Adresse, ein Formular und Verweise auf soziale Netzwerke.
Nach § 18 Abs. 1 Medienstaatsvertrag müssen Betreiber öffentlich zugänglicher Internetangebote, die nicht ausschließlich persönlichen oder familiären Zwecken dienen, grundsätzlich Namen und Anschrift ihres Anbieters leicht erkennbar und unmittelbar erreichbar veröffentlichen.
Bei journalistisch-redaktionellen Angeboten können zusätzliche Pflichten bestehen.
Ob die Internationale Jugend damit konkret gegen den Medienstaatsvertrag verstößt, ist von der zuständigen Medienanstalt zu beurteilen.
Nicht nachgewiesen ist, dass ein Impressum bereits seit 2019 fehlt. Das Registrierungsdatum beweist lediglich die länger bestehende Domainregistrierung.
Die Frage bleibt dennoch: Warum ist bei einer bundesweit tätigen politischen Organisation mit Vorstand und eigener Finanzierung auf den untersuchten Seiten keine vollständige Anbieterkennzeichnung auffindbar?
Und wer ist die natürliche Person, auf die ihre Domain registriert wurde?
Wer bezahlte die Vorbereitungen?
Zurück zu Akram Selo.
Seine Initiative begann am 20. Oktober, öffentlich Spenden über GoFundMe einzusammeln.

Das Geld soll unter anderem für Plakate, Flyer, Banner, Social-Media-Werbung, Webhosting und organisatorische Infrastruktur verwendet werden.
Doch unter dem Gen-Z-Motto liefen bereits vorher politische Aktionen und bundesweite Mobilisierungsaufrufe.
Wer stellte dafür die Ressourcen bereit?
Möglicherweise arbeiteten Beteiligte unentgeltlich. Vielleicht wurden private Mittel eingesetzt. Ebenso ist denkbar, dass bestehende Organisationen ihre Infrastruktur zur Verfügung stellten.
Eine konkrete Finanzierung der Selo-Initiative durch die Internationale Jugend ist bislang nicht belegt.
Allerdings wirbt „Gen Z regelt“ auf seiner eigenen Website ausdrücklich um Unterstützung durch andere Organisationen, auch in Form von Erfahrung und Ressourcen.
Wer dieses Angebot tatsächlich angenommen hat, bleibt offen.
Die öffentliche Spendensammlung erklärt deshalb noch nicht die gesamte organisatorische Vorgeschichte.
Selbst die Bundesschülerkonferenz distanziert sich
Inzwischen wächst die Kritik an den Strukturen von „Gen Z regelt“.
Am 24. Oktober erklärte die Bundesschülerkonferenz, dass sie die Demonstrationen am 31. Oktober nicht unterstützt.
Als Grund nannte sie unter anderem die undurchsichtigen Organisationsstrukturen und die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung.
Die Organisation will stattdessen eigene, friedliche Protestformen entwickeln.
Auch der bisherige Sprecher Gianni Matheja hat sein Engagement zurückgezogen. Gegenüber der Berliner Morgenpost begründete er seinen Schritt mit einem möglichen Gewaltpotenzial autonomer Gruppen.
Matheja hatte zuvor erklärt, dass das engere Organisationsteam aus ungefähr sechs Personen bestehe.
Selo selbst sprach hingegen von 20 bis 30 Beteiligten.
Diese Angaben müssen einander nicht widersprechen. Aber wer die Entscheidungen trifft und welche Befugnisse die unterschiedlichen Ortsgruppen besitzen, ist öffentlich weiterhin nicht vollständig nachvollziehbar.
Wer organisierte die Bewegung wirklich?
Die bisherigen Rechercheergebnisse führen zu einer anderen Vorgeschichte als der Vorstellung einer erst am 18. Oktober entstandenen Protestinitiative.
Die Internationale Jugend mobilisierte schon vorher unter dem Gen-Z-Motto.
Sie verfügte über bundesweite Ortsgruppen, einen Vorstand, eine zentrale Kasse und internationale Kontakte.
Sie wird von Sicherheitsbehörden dem Kommunistischen Aufbau zugeordnet.
Akram Selo wiederum präsentiert seine Bewegung als unabhängig und überparteilich.
Die beiden Darstellungen sind nicht zwangsläufig unvereinbar. Eine bestehende politische Organisation kann eine unabhängig entstandene Jugendbewegung unterstützen, ohne sie zu steuern.
Aber gerade deshalb müssen die organisatorischen Beziehungen offengelegt werden.
Wer bestimmte den 31. Oktober als gemeinsamen Protesttermin? Wer koordinierte die ersten Ortsgruppen? Wann entstanden Kontakte zwischen der Internationalen Jugend und Selos Organisationsteam? Und wer stellte vor Beginn der öffentlichen Spendensammlung die benötigten Mittel bereit?
Darauf fehlen bislang belastbare Antworten.
Die nächste Spur führt nach Hildesheim
Unsere Recherche endet jedoch nicht bei der Internationalen Jugend.
Die technische Infrastruktur ihrer Domain führt über die verwendeten Nameserver zu einer Webdesign- und Werbeagentur in Hildesheim.
Die Vossische hat außerdem historische Presseberichte aus den Jahren 2011 und 2012 gefunden, die eine personelle Spur zur Linksjugend ['solid] in Hildesheim dokumentieren.
Die politische Vorgeschichte, die technische Verbindung und die Rolle der beteiligten Personen verdienen eine gesonderte Untersuchung.
Aus diesen Befunden folgt bislang kein Nachweis, dass die Agentur Akram Selo unterstützt, die Gen-Z-Proteste finanziert oder organisatorisch steuert.
Doch die Spur führt von den frühen Protestaufrufen über eine seit Jahren bestehende sozialistische Jugendorganisation zu einer technischen Verbindung nach Hildesheim und einer dort dokumentierten politischen Vergangenheit.
Wer dort welche Rolle spielt und welche Zusammenhänge tatsächlich bestehen, wird Gegenstand des dritten Teils unserer Recherche sein.
Die Vossische berichtet morgen weiter.
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