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Feuilleton

Auschwitz war keine Kolonie: Die Grenzen eines historischen Vergleichs

Peitsche neben Zyklon B: Das Deutsche Historische Museum vergleicht koloniale und nationalsozialistische Gewalt. Adrian Kerr analysiert, wo historische Parallelen aufschlussreich sind und wo sie in die Irre führen. Kerrs Analyse: Auschwitz war keine Kolonie, und der Holocaust war kein Kolonialkrieg.

Auschwitz war keine Kolonie: Die Grenzen eines historischen Vergleichs
Koloniale Gewalt und nationalsozialistischer Völkermord: Zwei historische Verbrechenskomplexe, deren Gemeinsamkeiten und fundamentale Unterschiede das Deutsche Historische Museum in seiner Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“ untersucht. Illustration by Richard Bergsirk

Das Deutsche Historische Museum untersucht in seiner Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“ die Beziehungen zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt. Der Vergleich ist wissenschaftlich legitim. Doch gerade die historische Betrachtung zeigt, warum Gemeinsamkeiten der Gewalt nicht mit einer Gleichheit ihrer Ursachen, Ziele und Ideologien verwechselt werden dürfen.

Zwei Gegenstände und eine historische Zumutung

Eine Nilpferdhautpeitsche aus kolonialem Kontext. Eine Dose Zyklon B aus Auschwitz.

Die Gegenüberstellung, mit der das Deutsche Historische Museum seine Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“ eröffnet, ist von erheblicher symbolischer Kraft.

Sie konfrontiert den Besucher mit zwei Zeugnissen menschlicher Gewalt und fordert ihn auf, nach Verbindungen zu suchen.

Darin liegt zugleich das methodische Risiko der gesamten Unternehmung.

Denn die Geschichte kennt viele Gemeinsamkeiten zwischen Gewaltregimen. Menschen wurden verschleppt, entrechtet, versklavt, gefoltert und ermordet. Solche Praktiken finden sich in unterschiedlichen Epochen, Gesellschaften und politischen Systemen.

Die historische Wissenschaft gewinnt jedoch nicht bereits dadurch Erkenntnis, dass sie Ähnlichkeiten entdeckt.

Sie muss erklären, weshalb diese Ähnlichkeiten entstanden, welche Funktionen sie erfüllten und wo ihre Aussagekraft endet.

Eine Gemeinsamkeit der Mittel ist noch keine Gemeinsamkeit der historischen Absichten.

Der fundamentale Unterschied

Europäischer Kolonialismus war über Jahrhunderte hinweg ein vielgestaltiges Phänomen.

Er umfasste wirtschaftliche Ausbeutung, territoriale Eroberung, rassistische Herrschaftsstrukturen, Siedlungspolitik und die gewaltsame Unterwerfung fremder Bevölkerungen.

In zahlreichen Fällen führte er zu massenhaften Verbrechen.

Der deutsche Völkermord an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 gehört zu diesen historischen Tatsachen.

Der Nationalsozialismus wiederum verband rassistische Ideologie, imperialistische Expansionspolitik und einen radikalen Antisemitismus zu einem Herrschaftssystem, dessen Verbrechen schließlich in die systematische Vernichtung der europäischen Juden mündeten.

Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend.

Während koloniale Gewalt häufig mit territorialer Kontrolle, Ausbeutung, Vertreibung und der Sicherung von Herrschaft verbunden war, entwickelte die nationalsozialistische Judenverfolgung eine eigenständige Vernichtungslogik.

Die europäischen Juden sollten nicht lediglich beherrscht, verdrängt oder wirtschaftlich ausgebeutet werden.

Sie sollten als vermeintliche existenzielle Feinde vollständig ausgerottet werden.

Diese Zielsetzung ist für das Verständnis des Holocaust unverzichtbar.

Es wäre historisch falsch, koloniale Gewalt ausschließlich auf wirtschaftliche Motive zu reduzieren. Auch koloniale Regime verübten Völkermorde, deren Dynamik über jede ökonomische Zweckmäßigkeit hinausging.

Doch ebenso falsch wäre es, den Holocaust zu einer gewöhnlichen Variante kolonialer Herrschaft zu erklären.

Von Deutsch-Südwestafrika nach Auschwitz?

Ein zentraler Streitpunkt der historischen Forschung betrifft die Frage, ob zwischen den deutschen Kolonialverbrechen und dem Holocaust eine direkte Entwicklungslinie gezogen werden kann.

Der Historiker Jürgen Zimmerer hat die Bedeutung kolonialer Erfahrungen für die spätere nationalsozialistische Gewaltpolitik hervorgehoben.

Andere Historiker, darunter Robert Gerwarth und Stephan Malinowski, haben vor zu einfachen Kontinuitätsthesen gewarnt.

Der Einwand ist von erheblichem Gewicht.

Zwischen dem Völkermord in Deutsch-Südwestafrika und dem Holocaust lagen nicht nur mehrere Jahrzehnte.

In dieser Zeit ereigneten sich der Erste Weltkrieg, der Zusammenbruch des Kaiserreichs, die politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen der Weimarer Republik, der Aufstieg des Nationalsozialismus und die Radikalisierung des Antisemitismus im Zweiten Weltkrieg.

Wer diese Entwicklungen auf eine koloniale Vorgeschichte reduziert, unterschätzt ihre historische Eigenständigkeit.

Zudem stellt sich eine vergleichende Frage:

Weshalb entstand das spezifisch nationalsozialistische Programm zur Vernichtung der europäischen Juden gerade in Deutschland und nicht in anderen europäischen Staaten mit teilweise wesentlich längerer und umfangreicherer Kolonialgeschichte?

Eine einfache Kontinuitätsthese kann diese Frage nicht beantworten.

Das bedeutet nicht, dass koloniale Erfahrungen für die Geschichte des Nationalsozialismus bedeutungslos gewesen wären.

Es bedeutet, dass historische Verbindungen nachgewiesen werden müssen und nicht allein aus strukturellen Ähnlichkeiten abgeleitet werden dürfen.

Die Verwechslung von Konzentration und Vernichtung

Besonders deutlich zeigt sich diese Schwierigkeit beim Vergleich historischer Lagersysteme.

Internierungslager wurden bereits vor der nationalsozialistischen Herrschaft eingesetzt.

Während des Burenkriegs errichtete Großbritannien Lager, in denen Zehntausende Menschen unter katastrophalen Bedingungen starben.

In Deutsch-Südwestafrika wurden Herero und Nama in Lager gesperrt, misshandelt und zur Zwangsarbeit herangezogen.

Die Nationalsozialisten griffen ebenfalls auf Konzentrationslager als Instrumente der Verfolgung und Unterdrückung zurück.

Doch innerhalb ihres Verfolgungsapparats entstanden darüber hinaus Vernichtungsstätten, deren Zweck die organisierte Ermordung von Menschen war.

Bełżec, Sobibor und Treblinka dienten vor allem der Durchführung des Massenmords an den europäischen Juden.

Hier reicht die gemeinsame Bezeichnung „Lager“ zur historischen Erklärung nicht mehr aus.

Ein Internierungslager, ein Zwangsarbeitslager und eine Vernichtungsstätte können Teil umfassender Gewalt- und Verfolgungssysteme sein. Ihre konkreten Funktionen bleiben dennoch unterschiedlich.

Die historische Analyse muss diese Unterschiede herausarbeiten, statt sie hinter einer gemeinsamen Begrifflichkeit verschwinden zu lassen.

Die Juden von Rhodos: Eine Geschichte, die den Vergleich begrenzt

Besonders aufschlussreich ist ein Abschnitt der Ausstellung, der die Deportation der jüdischen Bevölkerung von Rhodos im Sommer 1944 behandelt.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Deutsche Reich längst in einer aussichtslosen militärischen Lage.

Dennoch organisierten deutsche Stellen die Deportation der jüdischen Einwohner nach Auschwitz.

Die meisten wurden nach ihrer Ankunft ermordet.

Was erklärt dieses Verbrechen?

Weder die Sicherung kolonialer Herrschaft noch ein wirtschaftlicher Nutzen. Auch militärisch war die Deportation nicht notwendig.

Sie war Ausdruck des nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus.

Das Deutsche Historische Museum erkennt die Besonderheit dieses Geschehens an und verzichtet an dieser Stelle auf eine koloniale Gegenüberstellung.

Gerade dieser Verzicht ist historisch bedeutsam.

Er macht sichtbar, dass die Untersuchung von Gemeinsamkeiten eine Grenze erreicht, sobald sie die spezifische Vernichtungslogik des Holocaust nicht mehr angemessen erklären kann.

Umso wichtiger wäre es, diese Erkenntnis zum methodischen Ausgangspunkt des gesamten Vergleichs zu machen.

Was der Kolonialismus tatsächlich mit dem Nationalsozialismus verbindet

Völlig unabhängig voneinander waren koloniale und nationalsozialistische Geschichte allerdings nicht.

Das lässt sich insbesondere an der deutschen Expansionspolitik in Osteuropa zeigen.

Die nationalsozialistischen Vorstellungen von „Lebensraum“, die Vertreibung großer Bevölkerungsgruppen und die Ansiedlung deutscher Bevölkerungsteile weisen erkennbare koloniale und siedlungsimperialistische Elemente auf.

Auch in der Geschichte der Rassenforschung existierten personelle und institutionelle Kontinuitäten.

Eugen Fischer, der im kolonialen Kontext forschte und später eine bedeutende Rolle in der nationalsozialistischen Rassenwissenschaft spielte, steht beispielhaft dafür.

Diese Verbindungen gehören zur historischen Wirklichkeit.

Aber aus ihnen folgt keine vollständige Übereinstimmung der jeweiligen Herrschaftssysteme.

Vor allem darf die koloniale Dimension der nationalsozialistischen Ostpolitik nicht mit der Erklärung des Holocaust insgesamt verwechselt werden.

Der Vernichtungskrieg im Osten, die rassistische Neuordnung Europas und die Ermordung der europäischen Juden waren miteinander verflochtene, aber analytisch unterscheidbare Bestandteile nationalsozialistischer Politik.

Gerade ihre Verflechtung verlangt eine präzise Untersuchung ihrer jeweiligen Motive.

Die politische Gegenwart und der Umgang mit Geschichte

Warum gewinnt dieser Vergleich heute eine solche Aufmerksamkeit?

Die Antwort liegt auch in den Veränderungen der europäischen Erinnerungskultur.

Seit Jahrzehnten nimmt die öffentliche Auseinandersetzung mit kolonialen Verbrechen zu. Fragen nach historischer Verantwortung, Restitution, Entschädigung und gesellschaftlicher Erinnerung haben an Bedeutung gewonnen.

Damit rückt zwangsläufig auch das Verhältnis zwischen kolonialer Gewaltgeschichte und der Erinnerung an den Nationalsozialismus in den Mittelpunkt.

Diese Diskussion ist legitim.

Problematisch wird sie jedoch dort, wo aus der Anerkennung unterschiedlicher Opfergeschichten ein Wettbewerb historischer Deutungen entsteht.

Die Verbrechen des Kolonialismus werden nicht bedeutender, wenn man sie Auschwitz annähert.

Und die historische Bedeutung des Holocaust wird nicht dadurch besser verstanden, dass man seine Besonderheiten hinter allgemeinen Kategorien rassistischer Gewalt zurücktreten lässt.

Erinnerungspolitik und Geschichtswissenschaft verfolgen nicht immer dieselben Interessen.

Politische Debatten suchen häufig nach Symbolen, Analogien und moralischer Orientierung.

Historische Forschung muss dagegen nach Ursachen, Entwicklungen, Unterschieden und überprüfbaren Zusammenhängen fragen.

Ein Museum, das sich mit einem derart umstrittenen Thema beschäftigt, steht daher vor einer besonderen Verantwortung.

Es muss die historische Diskussion sichtbar machen, ohne aus anschaulichen Ähnlichkeiten vermeintliche Gewissheiten entstehen zu lassen.

Das eigentliche Problem des Vergleichs

Die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums ist nicht einfach der Versuch einer Gleichsetzung von Kolonialismus und Nationalsozialismus.

Ihr erklärtes Ziel ist gerade die Untersuchung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Das sollte eine Kritik anerkennen.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob die Ausstellung ihre Unterschiede ebenso eindringlich vermittelt wie ihre Parallelen.

Denn die Gegenüberstellung zweier Objekte erzeugt noch keinen historischen Zusammenhang.

Eine Peitsche neben Zyklon B kann den Besucher erschüttern.

Aber sie kann ihm nicht erklären, weshalb die nationalsozialistische Führung die Ermordung der europäischen Juden zu einem zentralen politischen Ziel machte.

Dazu bedarf es einer Analyse des modernen Antisemitismus, der nationalsozialistischen Weltanschauung, der Kriegsentwicklung und der besonderen Radikalisierungsprozesse innerhalb des Regimes.

Die Geschichte wird nicht verständlicher, wenn man ihre Unterschiede zugunsten eindrucksvoller Analogien verkürzt.

Historische Aufklärung beginnt dort, wo die Ähnlichkeit nicht länger als Erklärung genügt.

Fazit: Auschwitz war keine Kolonie

Kolonialismus und Nationalsozialismus lassen sich vergleichen.

Doch der Wert dieses Vergleichs besteht nicht darin, möglichst viele Übereinstimmungen zu sammeln.

Er besteht darin, die unterschiedlichen historischen Voraussetzungen, Funktionen und Zielsetzungen von Gewalt sichtbar zu machen.

Der deutsche Kolonialismus war eine Geschichte imperialer Expansion, rassistischer Herrschaft und schwerster Verbrechen.

Der Nationalsozialismus war ein rassistisches und antisemitisches Herrschaftssystem, das neben Eroberung und Versklavung die systematische Vernichtung der europäischen Juden betrieb.

Zwischen beiden Geschichten bestanden Berührungen und Kontinuitäten.

Eine direkte Gleichsetzung ergibt sich daraus nicht.

Das Deutsche Historische Museum hat mit „Umstrittene Verwandtschaft“ eine bedeutsame Frage aufgegriffen. Ob seine Ausstellung dem Publikum die notwendigen methodischen Unterscheidungen durchgehend ausreichend vermittelt, bleibt der entscheidende Prüfstein.

Die Geschichte braucht keinen Wettbewerb der Grausamkeiten. Und sie braucht keine künstliche Gleichheit, um unterschiedliche Verbrechen ernst zu nehmen.

Auschwitz war keine Kolonie. Der Holocaust war nicht einfach Kolonialpolitik mit anderen Mitteln.

Wer beides miteinander vergleicht, muss genau dort anfangen, wo die Gemeinsamkeiten enden.


Holocaust, Auschwitz, Kolonialismus, Nationalsozialismus, Deutsches Historisches Museum, Geschichtsrevisionismus, Erinnerungskultur, Adrian Kerr

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Geschrieben von

Adrian Kerr
Adrian Kerr ist Historiker und politischer Beobachter. Er verbindet historische Perspektiven mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und ordnet Debatten mit Blick auf ihre langfristigen Zusammenhänge ein.

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