EMMA macht Schluss
Knapp 50 Jahre lang kämpfte EMMA gegen Ungleichheit, provozierte politische Debatten und prägte den deutschen Feminismus. Im Dezember 2026 erscheint die letzte gedruckte Ausgabe. Was bleibt von Alice Schwarzers Lebenswerk – und was erzählt sein Ende über die Freiheit und Zukunft unabhängiger Medien?
Das Vermächtnis von Alice Schwarzerragte – Ein Nachruf auf EMMA
Fast 50 Jahre lang war EMMA eine der streitbarsten Stimmen der deutschen Medienlandschaft. Alice Schwarzers Zeitschrift kämpfte gegen gesellschaftliche Ungleichheit, stellte Machtverhältnisse infrage und provozierte selbst innerhalb der Frauenbewegung. Nun endet das gedruckte Magazin. Was bleibt, ist ein außergewöhnliches Kapitel deutscher Presse- und Gesellschaftsgeschichte.
Ein Abschied, der mehr ist als das Ende einer Zeitschrift
Am 8. Dezember 2026 wird zum letzten Mal eine neue Ausgabe der EMMA erscheinen. Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung verabschiedet sich eine Zeitschrift, deren Geschichte untrennbar mit den gesellschaftlichen Veränderungen der Bundesrepublik verbunden ist.
398 Ausgaben einschließlich acht Sonderbänden, 36.584 Seiten, unzählige Kontroversen und eine Herausgeberin, die über Jahrzehnte zu den bekanntesten und meistdiskutierten Persönlichkeiten Deutschlands gehörte: Das ist die Bilanz eines publizistischen Lebenswerks.
Alice Schwarzer hat das Ende am 21. Oktober selbst angekündigt. Nicht etwa, weil das Geld ausgegangen sei. Trotz rückläufiger Auflage deckten die Einnahmen nach ihrer Darstellung noch immer die Ausgaben. Vielmehr seien die Kräfte der Redaktion nach fünf Jahrzehnten erschöpft.
Es ist ein ungewöhnlicher Abschied. Zeitungen und Zeitschriften verschwinden gewöhnlich, weil sie ihre Leser verlieren, ihre Kosten nicht mehr finanzieren können oder von größeren Verlagen eingestellt werden. EMMA geht nach dem erklärten Willen ihrer Macherinnen.
Darin liegt eine letzte Konsequenz jener Unabhängigkeit, die das Magazin von Anfang an beanspruchte.
Als Frauen eine eigene Stimme brauchten
Um zu verstehen, was mit EMMA verschwindet, muss man sich die Bundesrepublik des Jahres 1977 vergegenwärtigen.
Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen stand längst im Grundgesetz. Die gesellschaftliche Wirklichkeit war davon allerdings weit entfernt. Das traditionelle Leitbild der Hausfrauenehe wurde erst mit der Reform des Ehe- und Familienrechts überwunden, die im Juli 1977 in Kraft trat. Die Vergewaltigung innerhalb einer Ehe wurde erst 1997 als solche strafbar.
In Politik, Wirtschaft und Medien dominierten Männer. Frauen kamen in der öffentlichen Berichterstattung zwar vor, häufig aber als Ehefrauen, Mütter, Schönheitsideale oder Gegenstand männlicher Betrachtung.
Über ihre eigenen Lebensbedingungen, über Gewalt, wirtschaftliche Abhängigkeit oder gesellschaftliche Benachteiligung entschieden und diskutierten überwiegend andere.
Als Alice Schwarzer am 26. Januar 1977 die erste EMMA veröffentlichte, war das deshalb weit mehr als die Gründung einer weiteren Frauenzeitschrift.
Es war der Versuch, die journalistischen Machtverhältnisse zu verändern.
Die erste Auflage von 200.000 Exemplaren war innerhalb weniger Tage verkauft. Weitere 100.000 Hefte wurden nachgedruckt. Der Erfolg widerlegte all jene, die der Neugründung eine kurze Lebensdauer vorausgesagt hatten.
EMMA wollte keine gewöhnliche Frauenzeitschrift sein. Mode, Kosmetik, Haushaltstipps und Prominentengeschichten sollten nicht bestimmen, was Frauen interessierte.
Stattdessen ging es um Politik, Sexualität, Arbeit, wirtschaftliche Selbstständigkeit, Gewalt und die gesellschaftliche Stellung der Frau.
Die entscheidende Botschaft war einfach: Frauen sollten nicht länger nur Gegenstand der Berichterstattung sein. Sie sollten selbst bestimmen, worüber berichtet wurde.
Journalismus als gesellschaftliche Intervention
EMMA verstand sich nie als unbeteiligte Beobachterin gesellschaftlicher Entwicklungen. Das Magazin wollte diese Entwicklungen beeinflussen.
Es berichtete früh über häusliche Gewalt, sexuellen Kindesmissbrauch, weibliche Genitalverstümmelung und die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen.
Themen, die heute selbstverständlich in politischen Debatten und Nachrichtensendungen vorkommen, mussten damals teilweise überhaupt erst öffentlich diskutierbar gemacht werden.
1978 beteiligte sich Alice Schwarzer gemeinsam mit weiteren Frauen an einer Klage gegen den Stern. Sie wandten sich gegen Titelbilder, auf denen Frauen aus ihrer Sicht zu sexuellen Objekten herabgesetzt wurden.
Die Klage blieb juristisch erfolglos. Gesellschaftlich war die Auseinandersetzung dennoch bedeutsam. Sie stellte die Frage, welche Verantwortung Medien für die Darstellung von Frauen tragen.
Später folgten die Kampagnen gegen Pornografie, darunter die ab 1987 entwickelte PorNO-Initiative.
Nicht jede dieser Positionen war innerhalb der Frauenbewegung unumstritten. Gerade die Haltung zu Pornografie und Prostitution führte zu erheblichen Auseinandersetzungen.
Doch die Bedeutung der Zeitschrift bemisst sich nicht allein daran, ob man ihre Forderungen teilte.
EMMA machte sichtbar, dass gesellschaftliche Verhältnisse keine Naturgesetze sind. Sie können kritisiert, verändert und gesetzlich neu geregelt werden.
Das war ihre wichtigste journalistische Leistung.
Dabei sollte man die Geschichte nicht vereinfachen. EMMA hat weder die Frauenbewegung erfunden noch die gesellschaftliche Gleichberechtigung im Alleingang durchgesetzt. Zahlreiche Initiativen, Frauenhäuser, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen und andere feministische Publikationen leisteten ebenso entscheidende Beiträge.
Aber EMMA gab vielen dieser Fragen eine bundesweite Öffentlichkeit und eine bemerkenswerte publizistische Kontinuität.
Die besondere Rolle von Alice Schwarzer
Ein Nachruf auf EMMA ist ohne Alice Schwarzer nicht denkbar.
Die Journalistin hatte bereits vor der Gründung des Magazins eine zentrale Rolle in der neuen deutschen Frauenbewegung gespielt. 1971 initiierte sie die berühmte Selbstbezichtigungskampagne „Wir haben abgetrieben“, die im Stern erschien und den Widerstand gegen den Paragrafen 218 entscheidend sichtbar machte.
Mit ihrem Buch Der kleine Unterschied und seine großen Folgen war sie 1975 international bekannt geworden.
EMMA wurde anschließend zum dauerhaften journalistischen Mittelpunkt ihrer Arbeit.
Schwarzer war Gründerin, Verlegerin, Herausgeberin und über weite Strecken Chefredakteurin. Sie verteidigte ihre publizistische Unabhängigkeit gegenüber politischen Parteien, wirtschaftlichen Interessen und wechselnden gesellschaftlichen Erwartungen.
Diese Konsequenz verdient Anerkennung.
Denn die Geschichte der Presse kennt zahlreiche Publikationen, die zunächst mit großem Anspruch gegründet wurden und später ihre Eigenständigkeit verloren. EMMA konnte sich über Jahrzehnte als vergleichsweise kleines, eigenständiges Projekt behaupten.
Das ist auch eine unternehmerische Leistung.
Allerdings hatte die enge Verbindung zwischen Herausgeberin und Magazin eine Kehrseite.
EMMA entwickelte eine publizistische Identität, die kaum von Alice Schwarzer zu trennen war. Was zunächst eine Stärke gewesen war, erschwerte später offenbar den Generationswechsel.
2008 übernahm Lisa Ortgies kurzzeitig die Chefredaktion. Nach wenigen Monaten endete diese Zusammenarbeit, und Schwarzer führte das Magazin wieder selbst.
Auch spätere Versuche, eine Nachfolgerin zu finden, führten nach Darstellung der Redaktion zu keiner dauerhaften Lösung.
Damit stellt sich eine Frage, die über EMMA hinausreicht: Wie unabhängig kann eine Institution von ihrer Gründerin werden, wenn ihre besondere Identität gerade auf dieser Persönlichkeit beruht?
EMMA hat diese Frage letztlich nicht lösen können.
Vom feministischen Aufbruch zum Streit um den Feminismus
Die gesellschaftlichen Verhältnisse veränderten sich. Frauen eroberten Positionen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Journalismus, die ihnen 1977 weitgehend verschlossen gewesen waren.
Mit diesen Veränderungen wandelte sich auch der Feminismus selbst.
Jüngere Generationen stellten neue Fragen nach Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft und unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Benachteiligung.
EMMA blieb dagegen weitgehend einem Feminismus verpflichtet, der die Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts zum zentralen Ausgangspunkt machte.
Besonders deutlich wurden die Konflikte in den Debatten über Transgeschlechtlichkeit, Prostitution und Sexarbeit.
Während EMMA bei der Prostitution vor allem Ausbeutung und Gewalt hervorhob und deren Zurückdrängung forderte, betonten andere feministische Stimmen die Selbstbestimmung von Sexarbeiterinnen und die Notwendigkeit rechtlicher Absicherung.
Ähnliche Gegensätze entstanden bei der Frage, wie Frauenrechte und die Rechte transgeschlechtlicher Menschen miteinander vereinbart werden können.
Schwarzer und ihre Redaktion betrachteten ihre Haltung als Verteidigung grundlegender Frauenrechte. Kritikerinnen und Kritiker warfen ihnen dagegen vor, transgeschlechtliche Menschen auszugrenzen und gesellschaftliche Entwicklungen zu undifferenziert darzustellen.
Diese Auseinandersetzungen gehören ebenso zur Geschichte von EMMA wie ihre frühen Erfolge.
Eine ernsthafte Würdigung darf sie nicht ausklammern. Zugleich wäre es falsch, die Bedeutung eines halben Jahrhunderts Frauenjournalismus ausschließlich nach den Konflikten seiner letzten Jahre zu beurteilen.
Unbequem auch dort, wo andere schwiegen
Zu den Themen, mit denen EMMA besonders entschieden Position bezog, gehörte seit Jahrzehnten der politische Islam.
Das Magazin kritisierte islamistische Bewegungen, religiös begründete Einschränkungen weiblicher Freiheit und die Unterdrückung von Frauen in autoritären Gesellschaften.
Gerade angesichts der Entwicklung im Iran nach 1979 war dies ein wichtiges Thema, das keineswegs überall die notwendige Aufmerksamkeit erhielt.
Doch auch hier blieb die publizistische Haltung umstritten.
Kritiker befürchteten, dass die scharfe Auseinandersetzung mit dem Islamismus bisweilen zu pauschalen Urteilen über muslimische Frauen und religiöse Traditionen führte.
Eine differenzierte Betrachtung muss beides festhalten: Die Verteidigung individueller Freiheitsrechte gegen religiösen Zwang ist notwendig. Ebenso notwendig ist die Unterscheidung zwischen politischem Islamismus, persönlichem Glauben und dem Recht auf religiöse Selbstbestimmung.
EMMA hat solche Kontroversen nicht vermieden. Ob sie ihnen immer mit der nötigen Differenzierung begegnete, bleibt eine berechtigte Frage.
Auch ihre Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine löste erhebliche Kritik aus. Alice Schwarzer trat, unter anderem gemeinsam mit Sahra Wagenknecht, für Verhandlungen und diplomatische Lösungen ein.
Kritiker warfen ihr vor, dabei die Verantwortung Russlands als Aggressor und das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine nicht ausreichend zu berücksichtigen.
Solche Konflikte zeigen, wie sehr sich EMMA im Lauf der Jahrzehnte von einem verbindenden Symbol des feministischen Aufbruchs zu einer Zeitschrift entwickelte, die selbst innerhalb der Frauenbewegung tiefe Gegensätze auslöste.
Warum der Abschied auch eine Mediengeschichte erzählt
Das Ende von EMMA ist zugleich ein Anlass, über den Zustand des Journalismus nachzudenken.
1977 war eine eigene Zeitschrift eine der wichtigsten Möglichkeiten, einer gesellschaftlichen Bewegung eine dauerhafte Stimme zu geben.
Heute entstehen Debatten auf digitalen Plattformen. Einzelne Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen erreichen über Newsletter, Podcasts und soziale Netzwerke ein Publikum, für das früher eine große Redaktion und ein Verlag erforderlich gewesen wären.
Das hat die Öffentlichkeit vielfältiger gemacht. Zugleich ist sie unübersichtlicher und häufig kurzlebiger geworden.
EMMA stand für ein anderes journalistisches Modell: eine klar erkennbare redaktionelle Haltung, längerfristige Themenarbeit und die Bereitschaft, über Jahre hinweg an unbequemen Fragen festzuhalten.
Das war nicht immer angenehm. Manchmal wurde aus Konsequenz auch Starrheit.
Aber eine demokratische Öffentlichkeit braucht Publikationen, die nicht bei jeder Veränderung des Meinungsklimas ihre Positionen neu ausrichten.
Sie braucht ebenso Redaktionen, die bereit sind, eigene Irrtümer zu erkennen.
Zwischen diesen beiden Anforderungen bewegte sich EMMA während ihrer gesamten Geschichte.
Die entscheidende Lehre besteht deshalb nicht darin, ihre Standpunkte zu übernehmen. Sie besteht darin, die Unabhängigkeit einer Redaktion als eigenständigen Wert zu begreifen.
Was von EMMA bleibt
Das gedruckte Magazin verabschiedet sich. Vollständig verschwinden wird EMMA allerdings nicht.
Die Redaktion hat angekündigt, EMMAonline weiterhin als Forum für feministische Information und Diskussion fortzuführen.
Darüber hinaus soll das umfangreiche Redaktionsarchiv in das Deutsche Literaturarchiv Marbach übernommen und ab 2029 für die Forschung zugänglich gemacht werden.
Damit wird ein bedeutendes Stück deutscher Gesellschaftsgeschichte bewahrt.
Denn die Geschichte von EMMA ist zugleich eine Geschichte darüber, wie sich die Bundesrepublik selbst verändert hat.
Sie dokumentiert den Widerstand gegen traditionelle Rollenbilder, den Kampf um sexuelle Selbstbestimmung, die Diskussion über Gewalt und die langsame Veränderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Sie zeigt aber auch, wie politische Bewegungen sich auseinanderentwickeln, wie Generationenkonflikte entstehen und wie schwer es ist, eine einst revolutionäre Haltung an neue gesellschaftliche Wirklichkeiten anzupassen.
Das Archiv wird deshalb nicht nur Material für Bewunderer enthalten. Es wird auch eine Grundlage für kritische Untersuchungen bieten.
Gerade darin liegt sein Wert.
Ein letztes Wort zum Abschied
Man muss Alice Schwarzer nicht in jeder Frage zustimmen, um anzuerkennen, was sie mit EMMA geschaffen hat.
Man kann ihre publizistische Hartnäckigkeit bewundern und zugleich ihre fehlende Bereitschaft zur Selbstkorrektur kritisieren.
Man kann die historische Bedeutung des Magazins würdigen, ohne seine späteren Positionen zu verteidigen.
Und man kann das Ende bedauern, obwohl die eigene Vorstellung von Feminismus eine andere ist.
EMMA war keine perfekte Zeitschrift. Sie war gelegentlich einseitig, häufig kompromisslos und nicht selten provozierend. Aber sie war eigenständig, journalistisch ambitioniert und über Jahrzehnte gesellschaftlich relevant.
Das ist mehr, als über viele Publikationen gesagt werden kann.
Als die erste Ausgabe 1977 erschien, mussten Frauen darum kämpfen, überhaupt als selbstständige politische Stimmen wahrgenommen zu werden. Als die letzte Ausgabe für Dezember 2026 angekündigt wurde, war ihre Beteiligung am öffentlichen Leben längst selbstverständlich geworden, auch wenn tatsächliche Gleichberechtigung weiterhin nicht in allen Bereichen erreicht ist.
Zwischen diesen beiden Zeitpunkten liegt ein gesellschaftlicher Wandel, zu dem EMMA ihren Teil beigetragen hat.
Ihr größtes Verdienst war vielleicht nicht, Antworten auf alle Fragen gefunden zu haben.
Ihr größtes Verdienst bestand darin, Fragen öffentlich zu stellen, die andere lange nicht stellen wollten.
Im Januar 2027 wäre EMMA 50 Jahre alt geworden. Die letzte gedruckte Ausgabe erscheint wenige Wochen zuvor.
Was danach bleibt, ist mehr als ein Archiv und eine Reihe vergilbender Titelbilder.
Es bleibt die Erinnerung an eine Zeitschrift, die sich nicht damit begnügte, die Welt zu beschreiben, sondern darauf bestand, sie verändern zu können.
EMMA hat Deutschland nicht allein verändert. Aber Deutschland wäre ohne EMMA ein anderes gewesen.
Und das ist ein bemerkenswertes Vermächtnis.
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