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Kolumnen

Der SPIEGEL und die Teddybärchen-Moral

Der SPIEGEL begleitet Seenotretter, zeigt Gefühle und politische Haltung. Doch statt Schleusernetzwerke, Finanzierung und die Rolle der NGOs kritisch zu untersuchen, zelebriert die Reportage moralische Betroffenheit. Journalismus oder Selbstinszenierung?

Der SPIEGEL und die Teddybärchen-Moral
Der SPIEGEL auf Seenotrettung: Tränen, Moral und politische Haltung. Doch wo bleiben die kritischen Fragen zu Schleusern und NGOs? Illustration by Richard Bergsirk

Wenn Betroffenheit den Journalismus ersetzt

Eine Hamburger Hebamme fährt aufs Mittelmeer, eine SPIEGEL-Reporterin begleitet sie, beide erleben dramatische Rettungsaktionen. Es wird geweint, geholfen und politisch Haltung gezeigt. Doch hinter der moralischen Ergriffenheit verschwindet die Frage, die Journalisten eigentlich stellen müssten: Wie funktioniert das System, das Menschen immer wieder in lebensgefährlichen Schlauchbooten aufs Mittelmeer bringt?

Es gehört inzwischen zum festen Ritual unserer Gesellschaft. Irgendwo geschieht eine Tragödie, ein Mensch stirbt, ein Kind wird Opfer eines Verbrechens, eine Katastrophe erschüttert die Öffentlichkeit. Und schon stehen sie da: die Kerzen, die Blumen, die Teddybärchen. Menschen versammeln sich, legen Kuscheltiere nieder, zünden Teelichter an, fotografieren das Arrangement und erklären ihre Betroffenheit.

Manchmal könnte man meinen, das eigentliche Ereignis beginne erst, wenn die ersten Kerzen brennen.

Die Opfer kannten die meisten dieser Menschen nicht. Sie wussten gestern nichts von ihnen und werden sich morgen vermutlich schon mit dem nächsten Ereignis beschäftigen. Trotzdem wird öffentlich getrauert, als hätte man einen Angehörigen verloren.

Natürlich gibt es ehrliche Anteilnahme. Und selbstverständlich darf ein Mensch um jemanden trauern, den er persönlich nicht gekannt hat. Aber zunehmend drängt sich eine andere Frage auf: Geht es bei manchen dieser öffentlichen Trauerrituale überhaupt noch um die Opfer? Oder geht es längst auch um die Menschen, die dort stehen?

Um das eigene Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein. Um die öffentliche Demonstration der eigenen Empfindsamkeit. Um das gesellschaftliche Bekenntnis: Seht her, ich bin dabei. Ich fühle mit. Ich gehöre zu den Guten.

Die Kerze wird zum Ausweis der Gesinnung. Der Teddybär zum moralischen Mitgliedsausweis.

Und wer die Ursachen der Tragödie untersuchen möchte, wer nach Verantwortlichkeiten fragt, nach politischen Entscheidungen oder nach den Mechanismen, die solche Ereignisse ermöglichen, riskiert, die feierliche Stimmung zu stören.

Denn Ursachenforschung ist anstrengend. Betroffenheit ist angenehm. Sie gibt dem Menschen das Gefühl, etwas getan zu haben, ohne dass er dafür viel tun musste.

Jetzt hat auch der SPIEGEL diese Form der moralischen Selbstvergewisserung auf das Mittelmeer verlegt.

Eine Hamburger Hebamme auf moralischer Klassenfahrt

Die Geschichte beginnt in Hamburg-Eimsbüttel. Dort lebt Wibke, 41 Jahre alt, Hebamme, politisch links, wirtschaftlich offenbar gut situiert. Sie betreut Familien, fährt mit dem Fahrrad zu ihren Patientinnen und beschließt irgendwann, für fünf Wochen auf einem Seenotrettungsschiff mitzuarbeiten.

Ihre Motivation ist durchaus bemerkenswert. Natürlich möchte sie Menschen helfen. Aber sie nennt ausdrücklich auch ein anderes Ziel: Sie wolle Friedrich Merz und der AfD den Mittelfinger zeigen.

Damit wäre die politische Ausgangslage eigentlich schon beschrieben.

Interessanter wird die Sache dadurch, dass die SPIEGEL-Reporterin keine fremde Beobachterin ist. Sie ist Wibkes Nachbarin. Beide wohnen im selben Haus. Beide teilen wesentliche politische Überzeugungen. Beide betrachten sich selbst als jene Menschen, die von politischen Gegnern gern als Gutmenschen bezeichnet werden.

Und beide fahren schließlich gemeinsam aufs Mittelmeer.

Die Reporterin schildert ihre Nachbarin mit einer Nähe, die man sonst eher aus persönlichen Erinnerungsbüchern kennt. Wir erfahren von Popcornhafermilch, Nussmischungen, Schokobrezeln, ihrer privaten Motivation und ihrer beruflichen Selbstwahrnehmung.

Dann besteigen die beiden die „Humanity 1“.

Dort beginnt eine Reise, die der SPIEGEL über weite Strecken weniger als kritische Untersuchung einer politisch umstrittenen Organisation denn als moralische Selbsterfahrung erzählt.

Das Schiff ist alt, die Menschen engagiert, das Essen vegan. Die Besatzung stellt sich mit Namen und Pronomen vor. Es wird trainiert, geputzt, gekocht und über Privilegien gesprochen. In der Kabine kleben politische Aufkleber. Ein Besatzungsmitglied war bei einer Gaza-Mission dabei. Die Crew hat eine erkennbare weltanschauliche Haltung.

Das alles darf so sein.

Nur wäre es vielleicht Aufgabe einer Journalistin, diese Haltung nicht einfach als gemeinsamen moralischen Ausgangspunkt zu übernehmen, sondern auch ihre Auswirkungen auf die Arbeit der Organisation kritisch zu untersuchen.

Der Journalismus geht über Bord

Eine der bemerkenswertesten Passagen findet sich dort, wo die Reporterin beschreibt, wie sie selbst Teil der Mannschaft wird.

Sie putzt Toiletten, übernimmt Ausguckschichten, hilft bei der Versorgung der Geretteten und fährt sogar auf dem kleinen Rettungsboot mit.

Nun wird niemand von einer Journalistin verlangen, untätig zuzusehen, wenn unmittelbar neben ihr ein Mensch zu ertrinken droht. Selbstverständlich geht die Rettung eines Menschenlebens in einer solchen Situation vor.

Aber hier geht es um mehr als eine spontane Hilfeleistung.

Die Reporterin beschreibt eine längere Eingliederung in den Bordalltag. Sie übernimmt Aufgaben, teilt emotionale Erfahrungen und akzeptiert organisatorische Regeln. Die Grenzen zwischen Beobachterin und Beteiligter werden ausdrücklich durchlässig.

Das ist eine journalistische Entscheidung. Und sie verändert die Perspektive.

Besonders deutlich wird das, als zwei gerettete Frauen mit der Journalistin sprechen wollen. Bevor daraus ein Gespräch werden kann, werden zuständige Personen innerhalb der Organisation hinzugezogen. Die NGO begründet solche Regeln mit dem Schutz möglicherweise traumatisierter Menschen.

Das ist ein nachvollziehbares Anliegen. Aber es entsteht zugleich ein Spannungsverhältnis: Eine Organisation, über deren Tätigkeit berichtet werden soll, beeinflusst die Bedingungen, unter denen die Journalistin mit möglichen Gesprächspartnern kommuniziert.

Genau hier müsste journalistische Distanz besonders wichtig werden.

Der Deutsche Presserat hat die Bedeutung persönlicher Verflechtungen erst 2025 ausdrücklich unterstrichen. Nach Richtlinie 6.1 des Pressekodex können bereits persönliche Beziehungen Anlass sein, mögliche Interessenkonflikte offenzulegen. Die Reporterin macht ihre Nachbarschaft und ihre Beteiligung immerhin transparent. Damit ist die Frage nach der redaktionellen Unabhängigkeit aber noch nicht erledigt.

Presserat+1

Denn Transparenz ersetzt keine kritische Distanz.

Und ein Text wird nicht deshalb zu einer unabhängigen Untersuchung, weil seine Autorin offen zugibt, emotional und praktisch beteiligt gewesen zu sein.

Die Rettung ist wirklich. Die unbequemen Fragen sind es auch.

Am 13. und 14. Oktober 2026 rettet die „Humanity 1“ nach Angaben von SOS Humanity insgesamt 80 Menschen aus zwei Schlauchbooten. Darunter befinden sich Kinder, eine Schwangere und ein zwei Monate altes Baby. Italien weist dem Schiff Savona als Hafen zu, 1.241 Kilometer entfernt.

SOS HUMANITY

Das sind reale Ereignisse. Die Menschen befanden sich in Gefahr. Ihre Rettung ist kein Anlass für Spott.

Gerade deshalb müsste man die Umstände ernsthaft untersuchen.

Wie gelangen diese Menschen überhaupt auf die Schlauchboote? Wer organisiert die Überfahrten? Welche Summen verlangen die Schleuser? Wer liefert die Boote und Motoren? Welche Versprechungen werden vor der Abfahrt gemacht? Wer informiert die Rettungsorganisationen, sobald die Boote unterwegs sind?

Der SPIEGEL beginnt seinen Bericht sogar mit den GPS-Koordinaten eines Boots in Seenot, die das Schiff per E-Mail erhält.

Ein geradezu idealer Ausgangspunkt für weitere Recherche.

Woher kamen diese Koordinaten? Wer hatte sie zuerst? Über welche Kommunikationskette wurden sie weitergeleitet? Welche Behörden waren beteiligt?

Statt diesen Fragen systematisch nachzugehen, richtet sich der Bericht bald wieder auf die Gefühle und Erlebnisse der Menschen an Bord.

Die Rettung wird detailliert beschrieben. Das dahinterliegende System bleibt weitgehend außerhalb des Blickfelds.

Das Geschäftsmodell der Schleuser – und die Rolle der Rettungsschiffe

Im Zentrum der migrationspolitischen Auseinandersetzung steht eine Frage, die man weder mit moralischer Empörung beantworten noch mit dem Hinweis auf menschliches Leid erledigen kann.

Verändern private Rettungsschiffe das Geschäftsmodell krimineller Schleuser?

Schleuser verdienen Geld, indem sie Menschen gegen Bezahlung über Grenzen und Meere transportieren lassen. Auf der zentralen Mittelmeerroute geschieht das häufig unter Bedingungen, die lebensgefährlich sind.

Dabei kann die Erwartung einer späteren Rettung theoretisch Teil der Kalkulation sein: Ein seeuntüchtiges Boot müsste dann nicht mehr die gesamte Strecke aus eigener Kraft zurücklegen.

Das ist eine ernst zu nehmende Hypothese. Sie ist aber nicht dasselbe wie der Beweis, dass Rettungsorganisationen mit Schleusern zusammenarbeiten oder zusätzliche Überfahrten verursachen.

Eine 2023 in Scientific Reports veröffentlichte Untersuchung fand für den untersuchten Zeitraum keinen systematischen kausalen Effekt staatlicher oder privater Seenotrettung auf die Zahl der Überfahrten.

Nature

Das ist eine wesentliche Erkenntnis. Sie gehört ebenso in die Debatte wie die Fragen nach den Anreizen des Schleusergeschäfts.

Wer das Verhältnis zwischen Schleppern und Seenotrettern untersuchen will, muss deshalb mehr leisten, als eine Seite moralisch zu verurteilen und die andere zu idealisieren.

Man muss Zahlungsströme verfolgen, Kommunikation rekonstruieren, Aussagen von Migranten auswerten und die ökonomischen Mechanismen des Geschäfts untersuchen.

Ausgerechnet die große SPIEGEL-Reportage, die so nahe an der Praxis der Seenotrettung ist, nutzt diese Gelegenheit kaum.

Millionen für die gute Sache

Auch die Organisation hinter der „Humanity 1“ verdient mehr als eine beiläufige Betrachtung.

SOS Humanity ist keine lose Gruppe spontaner Helfer, die sich zufällig zusammengefunden haben. Dahinter steht eine institutionalisierte Organisation mit Schiffsbetrieb, Personal, Kampagnen, Förderern und erheblichem Finanzbedarf.

Im Transparenzbericht für 2025 nennt SOS Humanity sieben Missionen und 1.156 gerettete Menschen. Der Verein finanziert sich überwiegend durch Spenden und Förderpartner. Die Bundesregierung hatte ihre staatliche Förderung im Frühjahr 2025 gestrichen.

SOS HUMANITY+1

Auch daraus ergeben sich Fragen.

Wie verteilen sich die Ausgaben auf Schiffsbetrieb, Personal, Öffentlichkeitsarbeit und politische Kampagnen? Welche Geldgeber verfolgen welche Ziele? Wie viel kostet ein Einsatz? Welche messbaren Ergebnisse erzielt die Organisation neben der unmittelbaren Rettung?

Solche Fragen sind weder herzlos noch illegitim.

Sie sind gewöhnlicher Bestandteil journalistischer Kontrolle.

Bei Unternehmen, Parteien oder staatlichen Einrichtungen würde man vom SPIEGEL vermutlich erwarten, dass er genauer hinsieht.

Bei einer NGO, deren Mitarbeiter sich den politischen Überzeugungen der Reporterin nahestehend zeigen, wäre dieselbe kritische Genauigkeit keineswegs weniger angebracht.

Das gute Gewissen als journalistisches Produkt

Und damit sind wir wieder bei den Teddybärchen.

Man darf die Symbolik nicht unterschätzen.

Der öffentliche Trauernde legt Blumen nieder und dokumentiert seine Anteilnahme. Der politisch engagierte Freiwillige erzählt von seinem Einsatz. Die Journalistin schildert, wie sie an Bord eines Rettungsschiffs erschüttert wird.

All diese Handlungen können von aufrichtigen Gefühlen getragen sein.

Doch sie können zugleich eine zweite Funktion erfüllen: die öffentliche Bestätigung der eigenen moralischen Identität.

Es geht dann nicht mehr ausschließlich darum, was mit anderen Menschen geschehen ist. Es geht auch darum, was das Geschehen über einen selbst aussagt.

Wie mitfühlend bin ich? Wie engagiert? Wie politisch bewusst? Wie weit bin ich bereit zu gehen, um zu den Richtigen zu gehören?

Die Bilder, auf denen Menschen vor Kerzenmeeren stehen, erfüllen häufig genau diese kommunikative Funktion. Nicht jedes veröffentlichte Trauerfoto ist eitel und nicht jede Anteilnahme inszeniert. Aber das Ritual bietet eine Bühne, auf der sich Mitgefühl zeigen lässt.

Auf der „Humanity 1“ besitzt diese Bühne andere Requisiten.

Statt Teddybärchen gibt es Rettungswesten. Statt Teelichtern das Licht eines Suchscheinwerfers. Statt eines stillen Gedenkens eine persönliche Erzählung von Gefahr, Solidarität und moralischem Erwachen.

Der Unterschied ist selbstverständlich erheblich: Auf dem Schiff werden Menschen tatsächlich gerettet.

Aber die publizistische Frage bleibt dieselbe.

Stehen die Menschen im Mittelpunkt, um deren Schicksal es geht? Oder wird ihr Schicksal auch zur Kulisse für die Selbstdarstellung derjenigen, die helfen und darüber berichten?

Der SPIEGEL liefert selbst Hinweise auf diese Verschiebung.

Die Reporterin schildert ausführlich ihre eigenen Gefühle, ihre Vorbereitungen, ihre Tätigkeiten an Bord, ihre Beziehungen zur Crew und ihre emotionale Entwicklung.

Am Ende weint sie.

Das ist menschlich. Aber dass die Reporterin weint, ist noch keine Erkenntnis über europäische Migrationspolitik.

Warum wird ausgerechnet Merz der Mittelfinger gezeigt?

Besonders entlarvend für die politische Grundstimmung ist die von der Hebamme selbst genannte Motivation.

Sie will nicht allein Menschen retten. Sie will auch dem Bundeskanzler und der AfD ein demonstratives Zeichen der Ablehnung senden.

Damit verbindet sich ein konkreter humanitärer Einsatz mit einer parteipolitischen Botschaft.

Das darf eine Privatperson tun. Auch Freiwillige dürfen politische Überzeugungen haben.

Aber eine Redaktion, die diese Person begleitet, sollte sich fragen, was daraus für die Erzählung folgt.

Geht es um die Rettung von Menschen oder um eine politische Demonstration, bei der die Rettung zugleich zum Argument gegen bestimmte Parteien wird?

Der SPIEGEL lässt diese Spannung weitgehend stehen.

Die politische Haltung wird Teil der sympathischen Charakterzeichnung, nicht Ausgangspunkt einer systematischen Befragung.

Und genau darin liegt das Problem einer Berichterstattung, die ihre eigenen moralischen Voraussetzungen kaum noch zum Gegenstand kritischer Reflexion macht.

Wo das eigene Weltbild von vornherein als moralisch überlegen erscheint, werden unangenehme Fragen schnell als Störung empfunden.

Die eigentliche Tragödie beginnt vor der Rettung

Die Menschen auf den Schlauchbooten haben oft bereits einen langen Weg hinter sich, bevor irgendein Rettungsschiff am Horizont erscheint.

Die vom SPIEGEL geschilderten Frauen berichten von Gefangenschaft, Gewalt, Erpressung und Todesdrohungen. Manche haben jahrelange Fluchtgeschichten hinter sich.

Gerade diese Erfahrungen müssten das Interesse an den Strukturen wecken, die an Migration und Menschenhandel verdienen.

Wer trägt Verantwortung für die Bedingungen in libyschen Lagern? Wie funktionieren die kriminellen Netzwerke? Welche Rolle spielen regionale Machthaber? Welche Einflussmöglichkeiten besitzen europäische Regierungen? Welche Maßnahmen können verhindern, dass Menschen überhaupt auf seeuntüchtige Schlauchboote steigen müssen?

Das sind Fragen, die sich nicht mit einem freundlichen Lächeln, einem gemeinsamen Abendessen oder einer Träne beantworten lassen.

Die Rettung eines Menschen aus akuter Seenot ist notwendig.

Aber sie beendet nicht das System, in dem Schleuser Geld verdienen und Menschen ihr Leben riskieren.

Ein Journalismus, der nur die Rettung feiert, ohne die Ursachen ebenso gründlich zu untersuchen, beschreibt deshalb nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit.

Die neue Kultur der Betroffenheit

Vielleicht ist das die eigentliche gesellschaftliche Parallele zwischen der SPIEGEL-Reportage und den Kerzenmeeren unserer Zeit.

Wir haben eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, öffentlich Gefühle zu zeigen.

Nach Anschlägen entstehen Gedenkstätten aus Stofftieren und Blumen. Nach Katastrophen werden Profile mit Trauersymbolen versehen. Nach politischen Ereignissen erklären Menschen in sozialen Netzwerken ihre Erschütterung.

Man zeigt, dass man betroffen ist.

Man zeigt, dass man dazugehört.

Man zeigt, dass man auf der richtigen Seite steht.

Und manchmal scheint die öffentliche Darstellung dieses Gefühls wichtiger zu werden als die unbequeme Beschäftigung mit den Ursachen.

Der kritische Satz lautet dann nicht: Warum ist das geschehen?

Sondern: Wie können Menschen nur so herzlos sein, jetzt kritische Fragen zu stellen?

Das ist eine gefährliche Verschiebung.

Denn eine Gesellschaft braucht nicht nur Empathie. Sie braucht Urteilsvermögen. Sie muss zwischen der Hilfe für ein Opfer und der politischen Bewertung jener Strukturen unterscheiden können, die zu seiner Notlage beigetragen haben.

Und sie braucht Journalisten, die gerade dann nachfragen, wenn alle anderen ergriffen schweigen.

Journalismus ist keine moralische Selbsthilfegruppe

Der SPIEGEL hat das Recht, eine emotionale Geschichte zu erzählen. Er darf eine engagierte Hebamme porträtieren. Er darf den Einsatz ziviler Seenotretter würdigen und über das Schicksal von Menschen berichten, die beinahe ertrunken wären.

All das gehört zum Journalismus.

Aber wer eine Geschichte mit einer so ausgeprägten politischen Perspektive erzählt, muss sich auch die Frage gefallen lassen, was er ausblendet.

Die Verflechtung von persönlicher Bekanntschaft, gemeinsamer politischer Haltung und aktiver Beteiligung am Rettungsgeschehen macht diesen Fall besonders interessant.

Hier begegnet die Reporterin nicht einer fremden Welt, die sie erst verstehen muss.

Sie begibt sich in ein Umfeld, dessen moralische und politische Grundannahmen sie bereits weitgehend teilt.

Anstatt die Organisation umfassend von außen zu untersuchen, erzählt sie die Erfahrungen derer, die sich innerhalb dieses Umfelds bewegen.

Das Ergebnis ist eine Reportage, deren emotionale Wirkung beträchtlich sein mag, deren kritische Reichweite aber begrenzt bleibt.

Die Frage ist nicht, ob die Reporterin genug mitgefühlt hat. Die Frage ist, ob sie genug hinterfragt hat.

Und da liefert ihr eigener Text reichlich Anlass zur Kritik.

Am Ende bleibt das gute Gefühl

Die 80 Menschen, die im Oktober von der „Humanity 1“ gerettet wurden, leben. Das ist eine gute Nachricht.

Was aus ihnen wird, weiß die Reporterin am Ende ihrer Geschichte selbst nicht.

Sie kehrt zurück. Die Hebamme wird wieder ihre Patientinnen betreuen. Der SPIEGEL hat eine bewegende Geschichte veröffentlicht.

Und die Leser können sich, je nach eigener Überzeugung, in ihrem Mitgefühl bestätigt fühlen.

Doch das Schleusergeschäft existiert weiterhin. Menschen werden weiterhin in gefährliche Boote gesetzt. Die politischen und wirtschaftlichen Ursachen der Migration bleiben bestehen.

Darüber hätte man mehr erfahren können.

Stattdessen erfährt man viel darüber, wie es sich anfühlt, auf einem Rettungsschiff zu sein.

Das erinnert an die Menschen, die nach einer Tragödie Teddybärchen niederlegen, eine Kerze anzünden und anschließend nach Hause gehen.

Ihre Geste mag aufrichtig sein. Das Problem ist nicht die Geste selbst.

Das Problem beginnt dort, wo die Geste schon als hinreichende Antwort auf eine Tragödie gilt.

Eine Kerze erklärt kein Verbrechen. Ein Teddybär verhindert keine Katastrophe. Und die Tränen einer SPIEGEL-Reporterin ersetzen keine Recherche.

Wer Menschen wirklich helfen will, muss sich auch mit den Ursachen ihrer Not beschäftigen.

Wer Journalismus betreiben will, muss unangenehme Fragen stellen.

Und wer beides verwechselt, sollte wenigstens nicht erwarten, dass alle anderen vor Ehrfurcht schweigen.


Quellengrundlage: SPIEGEL 46/2026, vorgelegter vollständiger Reportagetext; SOS Humanity, Einsatzmeldung vom 14. Oktober 2026 und Transparenzbericht 2025; Deutscher Presserat, Pressekodex Ziffer 6; Rodríguez Sánchez et al., Scientific Reports (2023). Die Deutungen zu Betroffenheitsritualen und journalistischer Haltung sind ausdrücklich Kommentar und keine Tatsachenbehauptungen über individuelle Motive.

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Geschrieben von

Cilla Zielinski
Cilla Zielinski ist Medizinerin und Feuilletonistin. Sie schreibt an der Schnittstelle von Wissenschaft, Design und Kultur und analysiert gesellschaftliche Trends mit präzisem, nüchternem Blick.

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