Die linke Pressefreiheit: Recherchieren erlaubt – solange es nicht die Linken trifft?
Christiane Grefe wirft Kritikern von Elif Eralp Frauenfeindlichkeit und antilinke Ressentiments vor. Doch statt die brisanten Enthüllungen über Eralps Angst vor radikalen Aktivisten zu widerlegen, attackiert s
Christiane Grefe wirft in der taz Journalisten vor, Elif Eralp aus antilinken Ressentiments und aus Angst vor starken Frauen anzugreifen. Dabei hat der Spiegel eine politisch brisante Tatsache ans Licht gebracht: Eine mögliche Regierende Bürgermeisterin Berlins fürchtet offenbar die Reaktionen radikaler Aktivisten auf ihre öffentlichen Äußerungen. Statt über diesen Befund zu diskutieren, richtet sich die Empörung gegen diejenigen, die ihn veröffentlicht haben. Ein Lehrstück über politische Loyalität und journalistische Doppelmoral.
Wenn die Wahrheit politisch unbequem wird
Es gibt einen bemerkenswerten Reflex in politischen Mediendebatten: Sobald eine Recherche das eigene Lager in Schwierigkeiten bringt, wird nicht mehr nur über ihren Wahrheitsgehalt gestritten. Plötzlich geht es um die Gesinnung der Journalisten, ihre angeblichen Absichten und ihre vermeintlich verwerflichen Motive.

Bei Christiane Grefe lässt sich dieser Mechanismus derzeit besonders anschaulich beobachten.
Die langjährige Zeit-Journalistin und heutige freie Autorin hat am 7. November 2026 in der taz einen Kommentar mit dem Titel „Ein bisschen mehr Respekt, bitte!“ veröffentlicht. Darin beklagt sie den journalistischen Umgang mit der Berliner Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp.
Grefes Erklärung für die kritische Berichterstattung: antilinke Ressentiments, publizistische Entgleisungen und eine angebliche Angst vor linken Frauen.
Das ist eine weitreichende Anschuldigung. Denn damit werden Journalisten nicht wegen nachweislich falscher Recherchen kritisiert, sondern ihre Beweggründe werden politisch und moralisch verdächtigt.
Die entscheidende Frage wäre aber doch eine ganz andere: Was an den veröffentlichten Tatsachen ist eigentlich falsch?
Eine mögliche Regierungschefin hat Angst. Und die Presse soll schweigen?
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht eine Recherche des Spiegel über Elif Eralp und ihr Verhältnis zu radikalen Aktivisten aus dem Umfeld der Berliner Linken.
Bei der Autorisierung eines Interviews übermittelte Eralps Büro versehentlich interne Anmerkungen. Darin äußerte die Politikerin offenbar erhebliche Sorgen um ihre eigene Sicherheit und die ihrer Familie, sollte sie sich öffentlich zu bestimmten Personen äußern.
Es ging unter anderem um Ibrahim Ibrahim, einen umstrittenen palästinensischen Aktivisten, der bei einer Wahlveranstaltung der Linken aufgetreten war und wegen seiner Äußerungen zum Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 in der Kritik steht.
Eralp wollte entsprechende Passagen nicht veröffentlichen lassen. Der Spiegel entschied sich nach einer redaktionellen Abwägung trotzdem, über die internen Anmerkungen zu berichten.
Damit wurde eine Information öffentlich, die für die Beurteilung einer möglichen Regierungschefin von erheblicher Bedeutung ist.
Eine Politikerin, die an die Spitze der Berliner Landesregierung strebt, fürchtet nach ihren eigenen internen Äußerungen offenbar Konsequenzen, wenn sie bestimmte radikale Akteure namentlich kritisiert.
Das ist keine belanglose private Befindlichkeit.
Es ist eine politische Nachricht.
Denn eine Regierungschefin muss über Polizeibehörden, öffentliche Sicherheit und den Umgang mit extremistischen Strukturen mitentscheiden können. Wenn sie sich selbst bei öffentlichen Äußerungen zu einzelnen Akteuren gefährdet sieht, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Auswirkungen diese Sorge auf ihr politisches Handeln haben könnte.
Nicht die Angst macht Elif Eralp angreifbar. Die politische Bedeutung dieser Angst macht den Vorgang berichtenswert.
Journalistische Pflicht statt journalistischer Entgleisung
Christiane Grefe sieht das offenbar anders.
Sie wirft dem Spiegel vor, mit der Veröffentlichung gegen journalistische Regeln verstoßen und sich selbst zum politischen Akteur gemacht zu haben.
Aber seit wann wird eine Information dadurch politisch irrelevant, dass sie versehentlich bekannt wird?
Die Frage nach der Vertraulichkeit eines Dokuments ist wichtig. Doch sie kann nicht sämtliche anderen journalistischen Gesichtspunkte verdrängen.
Der Spiegel stand vor der Entscheidung, ob die Sicherheitsbedenken einer möglichen Regierenden Bürgermeisterin in einem politisch hochbrisanten Zusammenhang von so erheblichem öffentlichen Interesse sind, dass darüber berichtet werden sollte.
Er hat sich dafür entschieden.
Und es gibt dafür ein starkes journalistisches Argument: Die Öffentlichkeit hat ein berechtigtes Interesse daran zu erfahren, unter welchem Druck eine Politikerin möglicherweise steht, die künftig die Sicherheitsbehörden der Hauptstadt politisch verantworten könnte.
Die Presse soll Macht kontrollieren.
Sie soll politische Abhängigkeiten sichtbar machen.
Sie soll gerade diejenigen Umstände aufdecken, die Machtinhaber lieber nicht öffentlich diskutieren möchten.
Ein veröffentlichtes Dokument muss selbstverständlich authentisch sein. Sein Inhalt muss korrekt wiedergegeben werden. Und der öffentliche Erkenntniswert muss schwer genug wiegen, um eine Veröffentlichung zu tragen.
Aber der bloße Umstand, dass eine Information ursprünglich vertraulich bleiben sollte, ist noch kein überzeugendes Argument dafür, dass die Öffentlichkeit nichts davon erfahren dürfte.
Gerade investigative Recherchen leben davon, dass Journalisten Informationen erhalten, deren Veröffentlichung nicht im Interesse der Betroffenen liegt.
Wäre das Einverständnis eines Politikers die Voraussetzung jeder Enthüllung, könnten wir uns große Teile des investigativen Journalismus sparen.
Aus einer politischen Recherche wird plötzlich Frauenfeindlichkeit
Besonders aufschlussreich ist Grefes Versuch, die Berichterstattung über Eralp zu einer Geschlechterfrage zu machen.
Sie vermutet hinter der Kritik eine Angst vor linken Frauen.
Damit verschiebt sie den Streit von der Sachebene auf die moralische Ebene.
Wer eine Politikerin kritisiert, muss sich nun nicht mehr nur gegen den Vorwurf der sachlichen Unrichtigkeit verteidigen. Er sieht sich zusätzlich dem Verdacht ausgesetzt, frauenfeindliche Ressentiments zu bedienen.
Natürlich existiert Sexismus im politischen Journalismus. Und selbstverständlich können einzelne Formulierungen in der Berichterstattung über Frauen unangemessen sein.
Aber wo ist der Beleg dafür, dass die Spiegel-Recherche durch Frauenfeindlichkeit motiviert war?
Warum sollte die Frage nach politischen Abhängigkeiten bei einem Mann legitim, bei einer Frau aber Ausdruck einer problematischen Gesinnung sein?
Wäre ein männlicher Bürgermeisterkandidat in einer vergleichbaren Situation betroffen, hätte die Presse dieselben Fragen zu stellen.
Eine Frau, die Regierungsverantwortung übernehmen will, hat Anspruch auf denselben Respekt wie ein Mann.
Aber eben auch auf dieselbe kritische Kontrolle.
Wer die Untersuchung einer Politikerin vorschnell zur Geschlechterfrage erklärt, riskiert, ausgerechnet jene Gleichbehandlung aufzugeben, die er zu verteidigen vorgibt.
Die taz kennt die brisanten Tatsachen selbst
Die bemerkenswerteste Seite dieses Vorgangs besteht darin, dass die taz über die fraglichen Tatsachen selbst berichtet hat.
Bereits am 29. Oktober veröffentlichte sie einen Artikel über Eralps Sicherheitsbedenken. Darin ging es ausdrücklich um die Frage, welche politischen Konsequenzen sich ergeben könnten, wenn eine mögliche Regierungschefin Angst vor einem Hamas-Sympathisanten und dessen Umfeld hat.
Auch über die Hintergründe des Aktivisten Ibrahim Ibrahim berichtete die Zeitung.
Es handelt sich also keineswegs um einen ausschließlich von konservativen Medien konstruierten Sachverhalt.
Selbst die taz erkannte darin eine berichtenswerte Nachricht.
Umso erstaunlicher ist, wie Grefe die Debatte nun verlagert.
Statt zu untersuchen, ob die bekannt gewordenen Äußerungen Rückschlüsse auf mögliche politische Einflussverhältnisse zulassen, richtet sie den Blick auf angebliche Ressentiments der recherchierenden Presse.
Die ursprüngliche Frage bleibt unbeantwortet.
Wie unabhängig kann eine Politikerin handeln, wenn sie selbst erhebliche Sicherheitsbedenken äußert, sobald es um bestimmte Personen geht?
Das muss keine bereits bestehende Erpressung bedeuten. Es ist aber eine Frage, deren politische Tragweite sich nicht mit dem Hinweis auf die Gefühle der Betroffenen erledigt.
Und es ist eine Frage, die eine freie Presse stellen muss.
Wer die Journalisten angreift, widerlegt nicht ihre Recherche
Grefes Kommentar enthält noch einen weiteren bemerkenswerten Gedankensprung.
Sie vermutet, die Kritik an Eralp könne auch mit dem Widerstand gegen die wohnungspolitischen Pläne der Berliner Linken zusammenhängen.
Die von der Partei unterstützte Vergesellschaftung großer Immobilienunternehmen bedrohe möglicherweise wirtschaftliche Interessen. Darauf könnten Teile der Berichterstattung reagieren.
Das ist eine politische Interpretation, für die Grefe selbst den spekulativen Charakter einräumt.
Doch welche konkrete Verbindung besteht zwischen der Immobilienwirtschaft und der Spiegel-Recherche über Eralps Ängste?
Wer hat hier wen beeinflusst?
Welche Belege gibt es für eine koordinierte Kampagne?
Der Kommentar liefert darauf keine Antworten.
Die Vermutung bleibt im Raum stehen. Und sie entfaltet trotzdem ihre beabsichtigte argumentative Wirkung: Die Motive der kritischen Presse erscheinen verdächtig.
Dabei ist es gerade die Aufgabe einer erfahrenen Journalistin, zwischen nachgewiesenen Zusammenhängen und politischen Mutmaßungen zu unterscheiden.
Man kann den Spiegel wegen seiner Methoden kritisieren.
Man kann seine Schlussfolgerungen für überzogen halten.
Man kann auch argumentieren, dass Eralps Sicherheitsbedenken eher für eine konsequente Distanzierung von Radikalen als für eine politische Abhängigkeit sprechen.
Aber dazu müsste man sich mit den tatsächlichen Befunden auseinandersetzen.
Die moralische Verdächtigung der recherchierenden Journalisten ist kein Ersatz für die Widerlegung ihrer Informationen.
Respekt ist keine Einbahnstraße
Grefe fordert Respekt für Elif Eralp.
Diesen Respekt hat die Politikerin selbstverständlich verdient. Ebenso wie jede andere Person, die sich öffentlicher Kritik stellt.
Doch warum sollte der Respekt nicht auch den Journalisten gelten, die unbequeme Fragen stellen?
Warum soll es eine journalistische Entgleisung sein, wenn eine Redaktion Informationen von erheblichem öffentlichem Interesse veröffentlicht?
Warum wird eine mögliche politische Abhängigkeit zur Nebensache, während die Motive der Berichterstatter zum eigentlichen Gegenstand der Empörung werden?
Grefe beansprucht für ihren eigenen Kommentar das Recht, scharf über andere Medien zu urteilen. Dieses Recht steht ihr zu.
Die gleiche Freiheit muss sie allerdings auch jenen zugestehen, die Eralp und die Berliner Linke kritisch untersuchen.
Pressefreiheit beinhaltet ausdrücklich das Recht, unbequeme, politisch unerwünschte und für die Betroffenen nachteilige Tatsachen zu veröffentlichen.
Sie ist nicht auf jene Recherchen beschränkt, die zum eigenen politischen Weltbild passen.
Die wirkliche Bewährungsprobe beginnt gerade dort, wo eine Veröffentlichung die eigene politische Seite belastet.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer hat Angst vor linken Frauen?
Christiane Grefe hat eine lange journalistische Laufbahn hinter sich. Gerade deshalb darf man von ihr erwarten, dass sie die politische Tragweite einer solchen Recherche erkennt.
Eine mögliche Regierende Bürgermeisterin hat in internen Anmerkungen erkennen lassen, dass sie und ihre Familie sich durch mögliche Reaktionen bestimmter Aktivisten gefährdet sehen.
Der Spiegel hat darüber berichtet.
Der Sachverhalt ist öffentlich geworden.
Und die politische Frage steht im Raum, welche Bedeutung solche Ängste für eine künftige Regierungschefin haben.
Daran ändern auch noch so viele Vorwürfe gegen die Presse nichts.
Eralp kann diese Fragen beantworten. Sie kann erklären, wie sie trotz ihrer Sicherheitsbedenken unabhängig handeln und klare Grenzen gegenüber Extremisten durchsetzen will. Die Öffentlichkeit kann ihre Erklärungen überprüfen.
Was eine Demokratie jedoch nicht braucht, ist der Versuch, die kritische Berichterstattung selbst zum eigentlichen Skandal umzudeuten.
Wer die Presse wegen ihrer Recherchen über das eigene politische Lager mit pauschalen Gesinnungsverdächtigungen überzieht, lenkt von den Fragen ab, die diese Recherchen aufgeworfen haben.
Und wer jede scharfe Kritik an einer linken Politikerin unter Frauenfeindlichkeitsverdacht stellt, macht es sich zu einfach.
Die Frage ist nicht, ob Journalisten Angst vor linken Frauen haben.
Die Frage ist, warum eine mögliche Berliner Regierungschefin nach ihren eigenen Äußerungen Angst davor hat, bestimmte radikale Aktivisten öffentlich zu benennen.
Darüber hat der Spiegel berichtet.
Darüber sollte die Öffentlichkeit diskutieren.
Und darüber müsste sich auch eine Christiane Grefe Gedanken machen, statt die Debatte auf die vermeintlich verwerflichen Motive der Berichterstatter zu verschieben.
Eine freie Presse braucht keine politische Erlaubnis, um die Mächtigen zu kontrollieren. Auch dann nicht, wenn diese Mächtigen links sind.
Quellen und Recherchegrundlage
- taz, 7. November 2026: Christiane Grefe, „Ein bisschen mehr Respekt, bitte!“
- Spiegel-Berichterstattung vom 29. Oktober 2026 zu Elif Eralps internen Anmerkungen.
- taz, 29. Oktober 2026: „Eine Frage der Sicherheit“ und „Wer ist Ibrahim Ibrahim?“
- rbb24, 29. Oktober 2026: Eralps öffentliche Reaktion auf die Spiegel-Berichterstattung.
- Tagesspiegel, 30. Oktober 2026: Medienrechtliche Einordnung durch Christian Schertz.
- Legal Tribune Online, 29. Oktober 2026: Felix W. Zimmermann zur Autorisierung des Interviews.
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