Der Wähler darf wählen – aber wehe, er wählt AfD!
AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt? Teile der radikalen Linken planen bereits Proteste, Blockaden und Widerstand gegen das Wahlergebnis.
Wenn die Wahl nicht zählt: Die radikale Linke probt den Widerstand gegen einen AfD-Sieg
Noch ist keine Stimme ausgezählt – doch Teile der radikalen Linken planen bereits, was geschehen soll, wenn ihnen das Ergebnis nicht gefällt. Demonstrationen, Blockaden, „ziviler Ungehorsam“, Aktionen gegen Koalitionsverhandlungen: Rund um die Sachsen-Anhalt-Wahl entsteht eine Protestarchitektur, deren politische Botschaft kaum deutlicher sein könnte. Der Wähler darf wählen – aber wehe, er wählt falsch.
Am Sonntag entscheidet Sachsen-Anhalt über seinen neuen Landtag. Umfragen sehen die AfD mit mehr als 40 Prozent deutlich vor der CDU. Selbst eine absolute Mehrheit ist nicht völlig ausgeschlossen. Ob die AfD anschließend tatsächlich regieren kann, hängt vom endgültigen Sitzverhältnis und den übrigen Parteien ab.
Doch während knapp 1,7 Millionen Wahlberechtigte noch vor der Entscheidung stehen, wird in Teilen der antifaschistischen und linksradikalen Szene bereits darüber diskutiert, wie sich eine mögliche AfD-Regierung außerhalb des Parlaments verhindern oder behindern lässt.
Und genau hier beginnt das demokratische Problem.
Denn Demonstrieren gegen eine Regierung ist selbstverständlich legitim.
Eine Regierung daran zu hindern, überhaupt gebildet zu werden, ist etwas anderes.
„Widersetzen“ macht aus Protest eine Blockadestrategie
Im Zentrum der Mobilisierung steht das bundesweite Aktionsbündnis Widersetzen.
Das Bündnis beschreibt sich selbst als Organisation des „massenhaften zivilen Ungehorsams“. Es erklärt offen, AfD-Strukturen blockieren und ihnen „keinen Raum“ lassen zu wollen.
Was das praktisch bedeutet, konnte man zuletzt beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt beobachten.
Widersetzen kündigte dort nicht lediglich eine Kundgebung an.
Das Ziel lautete ausdrücklich, sämtliche Zufahrtswege zum Parteitag zu blockieren. Das Bündnis sprach sogar von „faktischer Unräumbarkeit“: Es sollten so viele Aktivisten mobilisiert werden, dass ein Durchkommen praktisch unmöglich wird.
Am 4. Juli meldete Widersetzen anschließend selbst zwölf Blockaden und erklärte, auch Autobahn und Bundesstraße blockiert zu haben.
Das ist keine Interpretation seiner Gegner.
Das ist die eigene Aktionsbeschreibung des Bündnisses.
Jetzt richtet sich der Blick auf Sachsen-Anhalt
Bereits nach Erfurt erklärte Widersetzen, die nächste große Mobilisierung richte sich auf Sachsen-Anhalt.
Gleichzeitig beschäftigt sich auch die Interventionistische Linke, eine Organisation des radikalen linken Spektrums, intensiv mit den Widersetzen-Aktionen.
Für Erfurt veröffentlichte sie gemeinsam mit Unterstützern sogar eine eigene Aktionszeitung mit dem Titel „Druck von links“.
Darin wird die mögliche Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt ausdrücklich als historische Bedrohung dargestellt und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in den frühen 1930er Jahren in Verbindung gebracht.
Wer politische Gegner auf diese Weise nicht mehr als demokratische Konkurrenten, sondern als Wiederholung von 1933 interpretiert, schafft damit zugleich die ideologische Rechtfertigung für außerparlamentarischen Widerstand.
Genau das ist die gefährliche Dynamik.
Der Wahlzettel – und danach die Straße?
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Was geschieht, wenn die AfD tatsächlich stärkste Kraft wird?
Aus der bisherigen Mobilisierung zeichnet sich eine mehrstufige Strategie ab:
Demonstrationen unmittelbar nach dem Wahlergebnis.
Überregionale Mobilisierung nach Sachsen-Anhalt.
Druck auf Parteien, die Gespräche mit der AfD führen könnten.
Blockaden politischer Veranstaltungen.
Und möglicherweise Aktionen rund um Regierungsbildung und Landtag.
Das bedeutet nicht, dass jede dieser Aktionen gewalttätig sein muss.
Aber es bedeutet sehr wohl, dass Teile der Bewegung offenbar bereit sind, demokratisch vorgesehene politische Prozesse physisch zu behindern, wenn deren Ergebnis politisch unerwünscht ist.
Das Demokratie-Paradox der radikalen Linken
Gerade darin liegt der fundamentale Widerspruch.
Seit Jahren wird erklärt, die AfD müsse die Demokratie respektieren.
Völlig richtig.
Doch dasselbe muss selbstverständlich auch für ihre Gegner gelten.
Demokratie bedeutet nicht:
Ihr dürft wählen, solange das Ergebnis unseren Erwartungen entspricht.
Demokratie bedeutet:
Auch ein politisches Ergebnis zu akzeptieren, das man ablehnt.
Das schließt Protest nicht aus.
Es schließt auch harte Opposition nicht aus.
Aber es setzt eine Grenze dort, wo politische Gegner nicht mehr politisch bekämpft, sondern an der Ausübung ihrer legal erworbenen Rechte gehindert werden sollen.
Die Namen hinter Widersetzen
Widersetzen präsentiert sich bewusst weniger als klassische hierarchische Organisation denn als breites Netzwerk. Dennoch treten mehrere Personen öffentlich als Sprecher auf.
Zu den öffentlich genannten Gesichtern gehören unter anderem:
Suraj Mailitafi, der im Juni gemeinsam mit der Linken-Fraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek vor die Presse trat und „zivilen Ungehorsam“ gegen den AfD-Parteitag verteidigte.
Noa Sander, der für Widersetzen regelmäßig als Sprecher auftritt und vor den Erfurter Aktionen erklärte: „Wir sind Profis.“ Das erklärte Ziel sei gewesen, sämtliche Zufahrtsstraßen zur Messe zu erreichen und den Parteitag zu verhindern.
Mascha Meier und Maria Schmidt traten bereits Anfang 2025 als Widersetzen-Sprecherinnen zur Vorbereitung der Blockade des AfD-Parteitags in Riesa auf.
Auch Sina Reisch trat öffentlich als Widersetzen-Sprecherin auf.
Diese Personen als „Führung“ im klassischen Sinne zu bezeichnen wäre jedoch ungenau. Widersetzen organisiert sich als Bündnis und veröffentlicht keine klassische Vorstandsliste.
Und die Linke ist längst nicht nur Beobachter
Besonders politisch brisant ist die Verbindung zur Partei Die Linke.
Am 24. Juni veranstalteten Widersetzen und Heidi Reichinnek eine gemeinsame Pressekonferenz. Anschließend übergab Widersetzen der Linken-Politikerin symbolisch Widersetzen-Kleidung. Beide Seiten verteidigten dabei zivilen Ungehorsam gegen die AfD-Veranstaltung.
Reichinnek taucht darüber hinaus in einem offiziellen Widersetzen-Kampagnenfilm auf. Das Bündnis führte sie gemeinsam mit Schauspielerin Katja Riemann und weiteren Unterstützern als prominente Unterstützerin seiner Blockadestrategie an.
Damit existiert zumindest politisch eine sichtbare Nähe zwischen Teilen der Linkspartei und einem Bündnis, dessen erklärtes Instrument gerade darin besteht, Veranstaltungen einer konkurrierenden, nicht verbotenen Partei durch physische Blockaden zu verhindern.
Das muss man thematisieren dürfen.
Wenn Blockaden in Gewalt umschlagen
Noch problematischer wird es, wenn das Umfeld solcher Aktionen gewalttätig wird.
Beim großen Protest gegen die Gründung der AfD-Jugendorganisation in Gießen im November 2025 sprach das hessische Innenministerium ausdrücklich von „erheblichen Gewalttätigkeiten und Rechtsbrüchen von AfD-Gegnern“.
Das bedeutet nicht, dass diese Taten pauschal Widersetzen oder einzelnen Sprechern zugerechnet werden können.
Diese Trennung ist wichtig.
Aber ebenso falsch wäre es, den Eindruck zu erwecken, das Umfeld massenhafter Blockadeaktionen sei grundsätzlich konfliktfrei.
Auch beim AfD-Parteitag in Erfurt kam es im Juli 2026 zu Angriffen auf Pressevertreter. Die Thüringer Polizei ermittelte anschließend gegen mehrere Personen. Drei Journalisten seien bedrängt, beleidigt und durch Schläge und Tritte verletzt worden.
Auch hier gilt: Die Polizei ordnete diese Tat nicht pauschal Widersetzen als Organisation zu.
Aber sie fand innerhalb genau jenes großen Protestgeschehens statt, für das Widersetzen bundesweit mobilisiert hatte.
Selbst der Rechtsstaat sagt: Die AfD darf geschützt werden
Bei den Protesten von Riesa brachte Polizeipräsident Lutz Rodig den entscheidenden Punkt ungewöhnlich klar auf den Punkt.
Die AfD sei eine nicht verbotene Partei und stehe deshalb unter dem Parteienprivileg des Grundgesetzes. Daraus folge sogar die Pflicht der Polizei, ihre Veranstaltungen unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung zu schützen.
Genau darin unterscheidet sich Rechtsstaatlichkeit von politischem Aktivismus.
Der Rechtsstaat entscheidet nicht danach, ob ihm die Meinung einer Partei gefällt.
Er schützt ihre Rechte, solange die Partei legal existiert.
Der gefährlichste Satz lautet: „Wir verhindern das“
Widersetzen spricht erstaunlich häufig nicht davon, gegen eine Veranstaltung zu protestieren.
Es spricht davon, sie zu verhindern.
Vor Erfurt erklärte das Bündnis:
Der Parteitag dürfe nicht stattfinden.
Der Unterschied ist enorm.
„Wir demonstrieren dagegen“ ist demokratischer Protest.
„Wir verhindern, dass ihr euch versammelt“ erhebt dagegen den eigenen politischen Willen über die Rechte des politischen Gegners.
Wer entscheidet dann eigentlich noch, welche Partei sich treffen darf?
Das Bundesverfassungsgericht?
Das Parteiengesetz?
Die Wähler?
Oder eine Gruppe Aktivisten auf einer Zufahrtsstraße?
Sachsen-Anhalt wird zum demokratischen Stresstest
Morgen könnte Sachsen-Anhalt ein politisches Erdbeben erleben.
Vielleicht gewinnt die AfD deutlich.
Vielleicht erreicht sie sogar eine eigene Mehrheit.
Vielleicht entsteht eine Koalition gegen sie.
Vielleicht bleibt das Land über Wochen ohne stabile Regierung.
All diese Möglichkeiten gehören zur parlamentarischen Demokratie.
Was nicht dazugehören darf, ist die Vorstellung, dass nach der Wahl jene Kräfte auf der Straße entscheiden sollen, welche parlamentarische Mehrheit politisch akzeptabel ist.
Denn dann verliert der Wahlzettel seinen Sinn.
Die eigentliche Frage nach Sonntag lautet deshalb nicht nur:
Wie viele Stimmen bekommt die AfD?
Sondern:
Sind ihre Gegner bereit, das Ergebnis einer freien Wahl tatsächlich auszuhalten?
Wer Demokratie verteidigen will, muss ihre vielleicht unangenehmste Regel akzeptieren:
Der Wähler kann anders entscheiden, als man es selbst für richtig hält.
Und wenn ausgerechnet diejenigen, die täglich vor einer angeblichen Abschaffung der Demokratie warnen, anschließend beginnen, Parteien, Veranstaltungen oder Regierungsbildungsprozesse physisch zu blockieren, müssen sie sich eine unangenehme Frage gefallen lassen:
Verteidigen sie noch die Demokratie – oder nur das Wahlergebnis, das ihnen gefällt?
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