Bürgerlich-liberale Zeitung

„Die CDU hat die Rechnung bekommen“ – Das große fiktive Adenauer-Interview am Tag nach der Sachsen-Anhalt-Wahl
Adenauer nach der Wahl: Deutschlands große Abrechnung. Ki generierte Illustration

„Die CDU hat die Rechnung bekommen“ – Das große fiktive Adenauer-Interview am Tag nach der Sachsen-Anhalt-Wahl

Am Tag nach der Sachsen-Anhalt-Wahl stellt sich Konrad Adenauer im fiktiven Interview den Fragen unserer Zeit: AfD-Sieg, CDU-Absturz, Brandmauer, Migration, Wirtschaft und Merz. Was würde der erste Kanzler heute sagen – über Gewinner, Verlierer und den Zustand einer tief gespaltenen Republik?

Sie bauten aus Schutt und Asche eine Weltwirtschaftsmacht auf. Sie gaben einem zerstörten Land Stabilität, Wohlstand und eine wehrhafte Demokratie. Doch was würden die Architekten der Bundesrepublik – Konrad Adenauer und Ludwig Erhard – sagen, wenn sie auf das Deutschland des Jahres 2026 blicken könnten?

Auf ein Land im wirtschaftlichen Sinkflug, gefangen in moralischen Debatten, überbordender Bürokratie und ideologischen Grabenkämpfen?

Und vor allem: Was würde der erste Bundeskanzler am Morgen des 7. September 2026 sagen – einen Tag nach einer Landtagswahl, die das politische Deutschland erschüttert hat?

Die AfD hat in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent erreicht. Die CDU ist auf 17,2 Prozent abgestürzt. Die bisher stärkste Regierungspartei wurde deklassiert. Ulrich Siegmund fehlen mit 39 von 83 Mandaten lediglich drei Sitze zur absoluten Mehrheit. SPD, Grüne und CDU kommen gemeinsam nicht einmal auf so viele Mandate wie die AfD allein.

Die Wahlbeteiligung liegt bei 77,8 Prozent.

Ein politisches Erdbeben.

Was würde Adenauer über diesen Wahltag sagen? Über Friedrich Merz? Über die CDU? Über die Brandmauer? Über die AfD? Aber auch über Migration, Wirtschaft, Energie, Rente, Islam, Bildung, Medien, die Linke, die Grünen, Europa und die Bundeswehr?

Ich wollte es wissen.

Begleiten Sie mich auf eine historische Gedankenreise.

Ohne Filter. Ohne politische Korrektheit. Im schonungslosen Klartext.

Das große fiktive Interview mit Konrad Adenauer – geführt am Morgen nach der Sachsen-Anhalt-Wahl.


DAS INTERVIEW

Alvan Bovay: Herr Bundeskanzler, guten Morgen. Es ist Montag, der 7. September 2026. Ich hatte eigentlich vor, mit Ihnen über die großen Probleme Deutschlands zu sprechen. Aber seit vergangener Nacht steht ein Thema über allem: Sachsen-Anhalt.

Die AfD hat die Landtagswahl mit 43,8 Prozent gewonnen. Die CDU kommt lediglich auf 17,2 Prozent. SPD 9,3 Prozent, Grüne 8,9 Prozent, Linke 8,6 Prozent, BSW 5,3 Prozent. Die FDP scheitert mit 2,6 Prozent am Einzug in den Landtag.

Ulrich Siegmunds AfD verfügt über 39 der 83 Mandate. Zur absoluten Mehrheit fehlen gerade einmal drei Sitze.

Was ist Ihre erste Reaktion auf dieses Ergebnis?

Konrad Adenauer: Meine erste Reaktion?

Die Rechnung ist fällig geworden.

Politik kann Rechnungen lange stunden. Man kann Probleme verdrängen, den Bürger belehren, schlechte Ergebnisse schönreden und sich gegenseitig versichern, man habe eigentlich alles richtig gemacht.

Aber irgendwann kommt der Zahltag.

Und den hat die CDU gestern erlebt.

43,8 Prozent gegen 17,2 Prozent – da braucht mir niemand etwas von einem schwierigen Wahlabend zu erzählen. Das ist kein Betriebsunfall.

Das ist eine politische Demütigung.

Wenn eine Partei, die 2021 noch 37,1 Prozent hatte, auf 17,2 Prozent fällt, während die AfD von 20,8 auf 43,8 Prozent steigt, dann ist etwas Fundamentales passiert.

Der Bürger hat nicht undeutlich gesprochen.

Er hat geradezu gebrüllt.

Die Frage ist nur, ob Berlin diesmal zuhören will.


Alvan Bovay: Sie sagen also nicht zuerst: Fast 44 Prozent AfD sind eine Gefahr für die Demokratie?

Konrad Adenauer: Wissen Sie, was eine Demokratie zuerst einmal ausmacht?

Dass die Leute wählen dürfen.

Und dass Politiker anschließend das Wahlergebnis zur Kenntnis nehmen.

Fast vier von fünf Wahlberechtigten sind zur Wahl gegangen. 77,8 Prozent! Das ist doch keine heimliche Machtübernahme irgendeiner kleinen Gruppe.

Die Menschen sind in großer Zahl zur Wahl gegangen und haben eine Entscheidung getroffen.

Man darf diese Entscheidung kritisieren. Man darf die AfD kritisieren. Man darf einzelne Politiker dieser Partei scharf kritisieren.

Aber man kann nicht gleichzeitig die Demokratie beschwören und den Eindruck vermitteln, das Ergebnis sei nur dann demokratisch, wenn die Bürger die richtigen Parteien wählen.

Das geht nicht.

Demokratie beginnt dort, wo der Bürger auch anders wählen darf, als Regierung, Medien und gesellschaftliche Institutionen es ihm empfehlen.


Alvan Bovay: Über die Parteien und die Konsequenzen dieser Wahl möchte ich mit Ihnen gleich noch ausführlich sprechen. Zunächst aber zum Zustand des Landes. Die Deutschen blicken voller Sorge auf Deutschland. Wirtschaftliche Lage, Migration, schwindende Sicherheit, politische Polarisierung.

Beginnen wir mit Wirtschaft, Preisen und Energie. Die Industrie flieht, die Lebenshaltungskosten erdrücken den Mittelstand.

Konrad Adenauer: Wissen Sie, wenn Ludwig Erhard das heute sähe, er würde nicht nur im Grabe rotieren, er würde aussteigen und diesen Herrschaften in Berlin die Leviten lesen!

Wir haben auf Kohle, Stahl und gesundem Menschenverstand eine Weltwirtschaftsmacht aufgebaut.

Und heute?

Die deutsche Politik hat beschlossen, den Ast abzusägen, auf dem das ganze Land sitzt – und lobt sich noch für die saubere Säge.

Wir erleben eine staatlich verordnete Deindustrialisierung.

Die Inflation frisst die Ersparnisse der kleinen Leute auf, während die Regierung Milliarden in alle Welt verteilt.

Eine Wirtschaft, die nicht mehr wettbewerbsfähig ist, kann keinen Wohlfahrtsstaat finanzieren.

So einfach ist die Mathematik, auch wenn das in Berlin offenbar niemand mehr wahrhaben will.

Und genau deshalb sollten sich die etablierten Parteien die Wahl von gestern sehr genau ansehen.

Viele Menschen wählen nicht aus philosophischen Gründen.

Sie wählen mit Blick auf ihren Kühlschrank, ihre Stromrechnung, ihren Arbeitsplatz und die Zukunft ihrer Kinder.

Wenn der Bürger erlebt, dass er Jahr für Jahr mehr bezahlt und gleichzeitig das Gefühl bekommt, dass sein Land schlechter funktioniert, entsteht politischer Sprengstoff.


Energiepolitik: „Harakiri aus moralischer Überheblichkeit“

Alvan Bovay: Das führt uns nahtlos zur Klima-, Umwelt- und Energiepolitik. Die Politik sagt seit Jahren, die Energiewende sei alternativlos, um die Welt zu retten.

Konrad Adenauer: (Lacht trocken auf.)

Die Welt retten.

Der Deutsche leidet ja historisch an dem Wahn, die Welt entweder erobern oder retten zu müssen.

Beides geht meistens schief.

Machen wir uns doch nichts vor: Man schaltet die sichersten Kernkraftwerke der Welt und die Kohle ab, bevor man weiß, wo der Strom von morgen eigentlich herkommen soll.

Das ist keine Energiepolitik.

Das ist Harakiri aus moralischer Überheblichkeit!

Man glaubt allen Ernstes, das Weltklima zu retten, indem man Deutschland in ein agrarisches Freilichtmuseum voller teurer Windmühlen verwandelt.

Die Chinesen und Amerikaner reiben sich die Hände über diese deutsche Narretei.

Umwelt- und Naturschutz sind wichtig, gewiss.

Aber sie dürfen nicht dazu führen, dass der Industriearbeiter seine Stromrechnung nicht mehr bezahlen kann.

Und wenn ein Land seine energieintensive Industrie verliert, dann verschwinden nicht nur irgendwelche Fabrikhallen.

Dann verschwinden Zulieferer, Handwerker, Ingenieure, Forschung, Ausbildung und Steuereinnahmen.

Deutschland redet über Transformation, als sei Wirtschaft ein Computerspiel, bei dem man einfach eine alte Fabrik schließt und am nächsten Morgen steht dort ein Hersteller von Solarmodulen.

So funktioniert die Wirklichkeit nicht.


Rente und Sozialstaat: „So einfach ist die Rechnung“

Alvan Bovay: Genau dieser Arbeiter macht sich Sorgen um Rente, Pflege und soziale Sicherheit. Das Land überaltert. Wie sicher ist die Rente heute noch?

Konrad Adenauer: Ich habe damals die dynamische Rente eingeführt.

Mein Satz „Kinder bekommen die Leute immer“ basierte auf dem Vertrauen in die traditionelle Familie und eine wachsende Wirtschaft.

Heute hat man beides ruiniert.

Die Geburtenraten sind im Keller, und statt die eigene Familie zu stärken, hat man den Staat zur Vollkaskoversicherung für jedermann ausgebaut.

Ein Sozialsystem kann aber nur funktionieren, wenn genügend Menschen einzahlen und die Belastung durch diejenigen, die Leistungen erhalten, finanzierbar bleibt.

Das ist keine Ideologie.

Das ist Mathematik.

Wenn immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen, geraten die Systeme unter Druck.

Und wenn gleichzeitig eine große Zahl von Menschen ins Land kommt, die zunächst auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, verschärft das natürlich die fiskalische Belastung.

Dass ein deutscher Rentner, der vierzig Jahre am Fließband stand, am Ende Flaschen sammeln muss, während ihm die Politik gleichzeitig erzählt, Deutschland könne praktisch jedes globale Problem finanziell lösen, ist politisch verheerend.

Der Bürger darf erwarten, dass der Staat zuerst seine Kernaufgaben erfüllt.


Migration: „Ein souveräner Staat muss wissen, wer ins Land kommt“

Alvan Bovay: Das bringt uns zur Migration und Asylpolitik. Ein hoch emotionales Thema – und eines, das auch in Sachsen-Anhalt eine große Rolle gespielt hat.

Konrad Adenauer: Emotionen, mein Herr, haben in der Regierungspolitik nichts verloren!

Da braucht man einen kühlen Kopf.

Ein souveräner Staat muss wissen, wer seine Grenzen überschreitet.

Weiß er das nicht, hat er ein grundlegendes Problem staatlicher Kontrolle.

Man redet andauernd von Integration.

Wer sich in unsere Kultur einfügen, unsere Sprache lernen, unsere Gesetze respektieren und arbeiten will, dem muss man eine faire Chance geben.

Aber Integration ist keine Einbahnstraße.

Ein Land besitzt das Recht, Erwartungen an diejenigen zu stellen, die dauerhaft Teil seiner Gesellschaft werden wollen.

Und wer unsere Gesetze verachtet, Gewalt propagiert oder einen radikalen Islam predigt, kann nicht gleichzeitig verlangen, dass diese Gesellschaft das kommentarlos hinnimmt.

Toleranz bedeutet nicht Selbstaufgabe.


„Der Islam gehört zu Deutschland“?

Alvan Bovay: Ein späterer Bundespräsident aus den Reihen Ihrer eigenen CDU prägte in diesem Zusammenhang den viel zitierten Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Das wurde später immer wieder aufgegriffen. Wie fällt Ihr Urteil dazu aus?

Konrad Adenauer: Wie hieß dieser CDU-Mann noch gleich?

Wissen Sie, ich kann diesen Satz in dieser Pauschalität nicht nachvollziehen.

Ich bin zeitlebens gläubiger Katholik gewesen und habe immer unmissverständlich für das christliche Abendland gekämpft.

Das war für uns nach dem Krieg keine hohle politische Phrase, sondern das geistige, moralische und kulturelle Fundament, auf dem wir dieses Land und Europa wiederaufgebaut haben.

Und machen wir uns doch bitte nichts vor:

Zum europäischen Abendland gehören das Judentum und das Christentum in einer historisch fundamentalen Weise.

Sie haben unsere Philosophie, unser Recht und unsere Ethik über Jahrhunderte geprägt.

Der Islam besitzt selbstverständlich heute einen Platz im Leben vieler Menschen in Deutschland.

Aber daraus folgt nicht automatisch die Behauptung, alle Religionen hätten die deutsche und europäische Kulturgeschichte in gleicher Weise geprägt.

Toleranz ist richtig.

Historische Gleichmacherei ist etwas anderes.


Innere Sicherheit: „Die erste Pflicht des Staates“

Alvan Bovay: Das berührt sofort die innere Sicherheit. Messerangriffe, Extremismus, organisierte Kriminalität, Cyberkriminalität. Viele Polizisten fühlen sich im Stich gelassen.

Konrad Adenauer: Die erste und vornehmste Pflicht eines jeden Staates ist der Schutz seiner Bürger.

Wenn ein Staat das nicht mehr leisten kann oder will, verliert er Vertrauen.

Und Vertrauen ist für einen Staat beinahe so wichtig wie Geld.

Die Polizei muss wissen, dass die demokratische Politik hinter ihr steht, solange sie sich an Recht und Gesetz hält.

Natürlich muss Fehlverhalten verfolgt werden.

Aber ein Rechtsstaat darf seine eigenen Sicherheitsorgane nicht permanent unter Generalverdacht stellen.

Gleichzeitig müssen schwere Straftaten spürbare Konsequenzen haben.

Wenn der rechtschaffene Bürger den Eindruck bekommt, der Staat sei bei Verwaltungsverstößen unerbittlich, bei Gewalttätern aber hilflos, entsteht ein gefährliches Gerechtigkeitsproblem.

Das Gewaltmonopol des Staates ist keine akademische Theorie.

Es muss im Alltag sichtbar sein.


Gesundheitssystem: „Der Patient braucht Ärzte, keine Formulare“

Alvan Bovay: Auch das Gesundheitssystem krankt. Hausärztemangel, Klinikprobleme, hohe Beiträge. Seit Ende Juli ist Carsten Linnemann Gesundheitsminister. Was müsste er tun?

Konrad Adenauer: Zunächst einmal wünsche ich ihm viel Vergnügen.

Er hat ein bürokratisches Monstrum übernommen.

Wissen Sie, in der Politik ist es wie in der Medizin:

Wer zu viel herumlaboriert, bringt den Patienten am Ende um.

Die Verwaltung im Gesundheitswesen kostet heute enorme Kraft.

Man gängelt Ärzte mit Budgets, Dokumentationspflichten und Formularen, bis manche entweder aufgeben oder sich fragen, warum sie sich diesen Beruf noch antun.

Herr Linnemann gilt als jemand, der wirtschaftliche Zusammenhänge versteht.

Dann soll er dieses Verständnis jetzt anwenden.

Man muss dem Arzt wieder mehr Freiheit geben, Arzt zu sein.

Man muss die Versorgung sichern.

Man muss die Finanzierung ehrlich machen.

Und man muss aufhören zu glauben, jedes Problem werde dadurch gelöst, dass man eine weitere Behörde, Kommission oder Dokumentationspflicht schafft.

Der Patient braucht einen Arzt.

Keinen Antrag in dreifacher Ausfertigung.


Bildung: „Der teuerste Computer ersetzt keinen gefüllten Kopf“

Alvan Bovay: Blicken wir auf die Jugend. Lehrermangel, marode Schulen und internationale Bildungsstudien, die Deutschland seit Jahren Probleme bescheinigen.

Konrad Adenauer: Nach dem Krieg haben wir teilweise in beschädigten Gebäuden unterrichtet, und trotzdem war das Ziel vollkommen klar:

Die Kinder müssen lesen, schreiben und rechnen können.

Heute haben Sie keine Kriegstrümmer mehr, aber manches Schulgebäude sieht trotzdem beklagenswert aus.

Das größere Problem ist jedoch die Frage, was Schule eigentlich leisten soll.

Man hat das Leistungsprinzip vielerorts aus Angst vor Ungleichheit immer weiter relativiert.

Aber eine Schule, die Unterschiede in Leistung nicht mehr benennen darf, hilft am Ende gerade den Schwächeren nicht.

Kinder brauchen Förderung.

Sie brauchen aber auch Anforderungen.

Und was Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz angeht:

Der teuerste Computer nützt Ihnen rein gar nichts, wenn der Kopf, der davor sitzt, nicht gelernt hat zu denken.

Ein Tablet kann einen guten Lehrer ergänzen.

Es ersetzt ihn nicht.


Wohnen: „Bauen kann man nur, indem man baut“

Alvan Bovay: Vor allem in den Großstädten explodieren die Mieten, es wird zu wenig gebaut.

Konrad Adenauer: Und warum wird nicht gebaut?

Weil sich der deutsche Michel in einem Gestrüpp aus Verordnungen selbst gefesselt hat!

Die heutige Bauordnung ist wahrscheinlich dicker als die Bibel, aber sie spendet deutlich weniger Trost.

Wenn Sie heute ein Haus bauen wollen, brauchen Sie Gutachten für Lärm, Energie, Brandschutz, Natur- und Artenschutz und vieles mehr.

Vieles davon hat jeweils einen vernünftigen Kern.

Das Problem entsteht in der Summe.

Jede einzelne Vorschrift scheint begründbar, bis am Ende niemand mehr bezahlbar bauen kann.

Wer Wohnungen will, muss Bauland schaffen, Verfahren beschleunigen, Baukosten senken und Investitionen ermöglichen.

Bauen, Herrschaften, kann man nur, indem man baut – und nicht, indem man das Bauen reguliert, bis niemand mehr bauen möchte.


Außenpolitik: „Respekt bekommt man durch Stärke“

Alvan Bovay: Lassen Sie uns über Außenpolitik sprechen. Deutschland versucht seinen Platz zwischen Amerika, China, Russland und einer EU zu finden, die selbst vor großen Herausforderungen steht.

Konrad Adenauer: Außenpolitik ist kein moralisches Wunschkonzert.

Sie ist die Kunst, Interessen und Werte so zu verbinden, dass das eigene Land sicher bleibt.

Wir haben Deutschland fest im Westen verankert, weil wir wussten:

Ohne Amerika sind wir verwundbar.

Ohne Frankreich fehlt Europa sein Kern.

Ohne NATO fehlt Deutschland ein wesentlicher Pfeiler seiner Sicherheit.

Heute verwechselt man außenpolitische Haltung manchmal mit öffentlicher Empörung.

Man belehrt andere Staaten und wundert sich anschließend, dass diese ihre eigenen Interessen verfolgen.

Ein Land, das seine Industrie schwächt, seine Verteidigungsfähigkeit vernachlässigt und seine Energieversorgung unsicher macht, verliert außenpolitisches Gewicht.

Respekt bekommt man nicht allein durch moralische Argumente.

Man braucht wirtschaftliche, politische und militärische Handlungsfähigkeit.


Europäische Union: „Europa ja – Selbstauflösung nein“

Alvan Bovay: Die Europäische Union war ein Kernstück Ihrer Politik. Was ist aus Ihrem Europa geworden?

Konrad Adenauer: Europa war meine Lebensaufgabe.

Aber das Europa, das ich wollte, beruhte auf starken europäischen Nationen, die verstanden hatten, dass sie gemeinsam stärker sind.

Integration ist gut.

Selbstauflösung ist schlecht.

Europa braucht gemeinsame Interessen und gemeinsame Regeln.

Aber es muss aufpassen, dass es nicht den Eindruck erweckt, jede gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Frage bis in den letzten Winkel hinein zentral regeln zu wollen.

Je weiter Europa wächst, desto wichtiger wird Subsidiarität.

Was auf kommunaler Ebene entschieden werden kann, gehört nicht nach Brüssel.

Was national geregelt werden kann, muss nicht automatisch europäisiert werden.

Und was tatsächlich europäische Stärke verlangt – Außengrenzen, Handel, Sicherheit, gemeinsame strategische Interessen –, dort sollte Europa dafür entschlossener handeln.


Sachsen-Anhalt und die CDU: Die historische Abrechnung

Alvan Bovay: Kommen wir jetzt ausführlich zurück auf die Wahl von gestern und auf Ihre eigene Partei. Vorher möchte ich aber einen historischen Bogen schlagen.

Wie bewerten Sie zunächst die Leistung Helmut Kohls bei der Wiedervereinigung?

Konrad Adenauer: Kohl hat das historische Zeitfenster erkannt und mit den Alliierten verhandelt.

Das muss man ihm lassen.

Die deutsche Einheit war eine historische Leistung.

Aber die innerdeutsche Umsetzung war in vieler Hinsicht wirtschaftlich und psychologisch äußerst problematisch.

Man hat im Osten enorme Erwartungen geweckt.

Die schnelle Währungsunion hatte politische Gründe, brachte aber auch schwere wirtschaftliche Verwerfungen mit sich.

Die Treuhand wurde für viele Ostdeutsche zum Symbol eines radikalen wirtschaftlichen Bruchs.

Noch problematischer war vielleicht die unvollständige geistige Wiedervereinigung.

Vier Jahrzehnte Diktatur, unterschiedliche Lebenserfahrungen und unterschiedliche wirtschaftliche Strukturen verschwinden nicht mit einem Staatsvertrag.

Dieser Fehler wirkt bis heute nach.

Und wenn Sie verstehen wollen, warum Ostdeutschland politisch teilweise völlig anders abstimmt als der Westen, müssen Sie auch diese Geschichte verstehen.

Man darf den Ostdeutschen nicht dreißig Jahre lang erklären, sie müssten nur endlich so wählen wie Hamburg oder Köln, dann seien sie politisch angekommen.


Angela Merkel: „Die CDU verlor ihr Profil“

Alvan Bovay: Danach wurde die CDU 16 Jahre lang von Angela Merkel als Bundeskanzlerin geprägt. Ihr Urteil?

Konrad Adenauer: Frau Merkel hat die CDU fundamental verändert.

Das lässt sich historisch überhaupt nicht bestreiten.

Viele Positionen, die früher klare Trennlinien zwischen Union, SPD und Grünen bildeten, wurden unter ihrer Kanzlerschaft verschoben oder aufgegeben.

Der Atomausstieg wurde nach Fukushima beschleunigt.

In der Flüchtlingskrise 2015 wurden Entscheidungen getroffen, deren Folgen bis heute Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen sind.

Und das konservative Profil der Union wurde schwächer.

Nun können Sie sagen, Frau Merkel habe damit Wahlen gewonnen.

Das stimmt.

Aber eine Partei muss sich immer fragen, was nach einer erfolgreichen Führung übrig bleibt.

Wenn Sie politische Räume räumen, werden sie irgendwann von anderen besetzt.

Und genau das ist rechts der CDU geschehen.


AfD: „Verständnis für die Wähler – aber kein Blankoscheck für die Partei“

Alvan Bovay: Frau Merkel hat rechts der Mitte ein Vakuum hinterlassen, das heute die AfD füllt. Die Union verweigert weiterhin jede Zusammenarbeit.

Gestern hat diese AfD nun 43,8 Prozent gewonnen.

Wie sehen Sie die Partei am Morgen danach?

Konrad Adenauer: Ich habe, das sage ich in aller Deutlichkeit, großes Verständnis für viele Wähler dieser Partei.

Der Bürger ist ja nicht dumm.

Wenn die CDU ihr eigenes bürgerlich-konservatives Haus teilweise räumt, darf man sich nicht wundern, wenn andere dort einziehen.

Die Menschen sehnen sich nach Ordnung, nach einem klaren Bekenntnis zum eigenen Land, nach wirtschaftlicher Vernunft und nach sicheren Grenzen.

Dass Millionen fleißige und rechtschaffene Bürger ihr Kreuz bei der AfD machen, ist auch die Quittung für das Versagen der etablierten Politik.

Aber Verständnis für Wähler ist kein Blankoscheck für eine Partei.

Bei Teilen der AfD fehlt mir staatspolitisches Augenmaß.

Und bei der Außenpolitik trennen uns Welten.

Meine Lebensleistung bestand darin, Deutschland fest im Westen, in der NATO und an der Seite der Vereinigten Staaten zu verankern.

Wer glaubt, Deutschland könne seine Sicherheit dadurch erhöhen, dass es seine westliche Bindung schwächt und sich stattdessen Russland annähert, irrt in meinen Augen fundamental.

Eine Partei, die ernsthaft regieren will, muss dort staatspolitisch erwachsen werden.


43,8 Prozent: „Das ist kein Protesthäufchen mehr“

Alvan Bovay: Ändert 43,8 Prozent etwas an Ihrer Bewertung?

Konrad Adenauer: Es ändert die politische Bedeutung dieser Partei gewaltig.

Aber es macht keine ihrer Positionen automatisch richtig.

43,8 Prozent bedeuten allerdings:

Sie können diese Partei nicht mehr als politisches Randphänomen behandeln.

Das ist kein Protesthäufchen irgendwo in einer Ecke des Landtags.

Die AfD besitzt 39 von 83 Mandaten.

Fast jeder zweite Wähler hat sie gewählt.

Wer darauf immer noch ausschließlich mit Ausgrenzung, Empörung und moralischer Belehrung reagiert, hat offenbar beschlossen, dieselbe Strategie solange zu wiederholen, bis die AfD 50 Prozent erreicht.


Ulrich Siegmund: „Jetzt beginnt die eigentliche Prüfung“

Alvan Bovay: Ulrich Siegmund ist 35 Jahre alt. Seine Partei hat ihr Ergebnis von 20,8 auf 43,8 Prozent mehr als verdoppelt. Ist er der große Sieger dieser Wahl?

Konrad Adenauer: Ohne Zweifel.

Man muss einen Politiker nicht mögen, um ein Wahlergebnis lesen zu können.

Wenn ein 35-jähriger Spitzenkandidat seine Partei auf 43,8 Prozent führt und die bisherige Regierungspartei auf 17,2 Prozent drückt, dann ist er der Sieger.

Punkt.

Alles andere wäre alberne Wortklauberei.

Aber jetzt beginnt die schwierigere Prüfung für Herrn Siegmund.

Opposition ist einfach.

Sie sagen jeden Tag, was die Regierung falsch macht.

Regieren bedeutet, dass am Montagmorgen Akten auf dem Tisch liegen.

Haushalt.

Schulen.

Polizei.

Krankenhäuser.

Straßen.

Unternehmen.

Personal.

Europa.

Bundesrat.

Investitionen.

Dann hilft Ihnen kein Wahlplakat mehr.

Dann müssen Sie liefern.

Wenn Herr Siegmund klug ist, begreift er, dass 43,8 Prozent kein Freibrief sind.

Er muss beweisen, dass seine Partei nicht nur Protest organisieren, sondern einen Staat verwalten kann.


Ist 43,8 Prozent ein Regierungsauftrag?

Alvan Bovay: Hat die AfD einen Regierungsauftrag?

Konrad Adenauer: Selbstverständlich hat die stärkste Partei zunächst einen politischen Auftrag, zu versuchen, eine Mehrheit für eine Regierung zu organisieren.

Was denn sonst?

Die AfD hat 43,8 Prozent.

Die CDU 17,2.

Zwischen beiden liegen mehr als 26 Prozentpunkte.

Man kann nicht ernsthaft behaupten, beide seien vom Wähler gleichermaßen stark beauftragt worden.

Aber wir leben in einer parlamentarischen Demokratie.

39 von 83 Sitzen reichen nicht zur absoluten Mehrheit.

Die Mehrheit liegt bei 42.

Herr Siegmund fehlen drei Mandate.

Also muss er entweder Partner finden oder akzeptieren, dass andere Parteien ihrerseits versuchen, eine parlamentarische Mehrheit zu bilden.

Das ist Demokratie.

Wahlsieger sein und eine Regierung bilden sind zwei verschiedene Dinge.


Die CDU-Katastrophe

Alvan Bovay: Die CDU hat 2021 noch 37,1 Prozent erreicht. Jetzt 17,2 Prozent.

Was würden Sie Ihrer Partei heute Morgen sagen?

Konrad Adenauer: Ich würde zunächst sämtliche Kommunikationsberater aus dem Raum schicken.

Dann würde ich die Tür abschließen.

Und dann würde ich fragen:

„Wollen Sie eigentlich noch Volkspartei sein?“

Denn das ist die entscheidende Frage.

Von 37,1 auf 17,2 Prozent!

Mehr als die Hälfte des eigenen Stimmenanteils ist weg.

Und dann wird wahrscheinlich wieder irgendeiner erklären, die CDU müsse ihre Politik nur besser kommunizieren.

Nein.

Der Bürger hat die Politik verstanden.

Vielleicht hat er sie gerade deshalb nicht gewählt.

Eine Volkspartei gewinnt Wähler zurück, indem sie ihre Probleme löst und bessere Politik anbietet.

Nicht indem sie dem Wähler erklärt, dass dieser seine Entscheidung noch einmal überdenken sollte.


Sven Schulze: persönlich gescheitert?

Alvan Bovay: Sven Schulze war der CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident. Ist er persönlich gescheitert?

Konrad Adenauer: Natürlich trägt ein Spitzenkandidat Verantwortung für ein solches Ergebnis.

Das gehört zur Politik.

Wer den Anspruch erhebt, ein Land zu führen, muss auch Niederlagen verantworten.

Aber es wäre viel zu bequem, jetzt Herrn Schulze allein zum Schuldigen zu erklären.

Dann tritt einer zurück, drei Landespolitiker geben Interviews über einen „Neuanfang“, und in Berlin macht man weiter wie bisher.

Nein.

Dieses Ergebnis ist größer.

Es trifft die gesamte CDU.

Und selbstverständlich trifft es auch den Bundeskanzler und Parteivorsitzenden Friedrich Merz.


Friedrich Merz: „Der Zauderer im Maßanzug“

Alvan Bovay: Sie haben Friedrich Merz bereits einen „Zauderer im Maßanzug“ genannt. Kann er die CDU noch als konservative Kraft wieder aufbauen?

Konrad Adenauer: Ein Retter?

Herr Merz ist ein Zauderer im Maßanzug.

Er kann analysieren.

Er kann wirtschaftliche Probleme häufig präzise beschreiben.

Aber Politik besteht nicht nur darin, die richtige Diagnose zu stellen.

Ein Kanzler muss Entscheidungen treffen und durchhalten.

Wenn der mediale Wind dreht, dürfen Sie nicht bei jeder Böe den Kurs ändern.

Herr Merz hatte nach den Merkel-Jahren eine historische Gelegenheit.

Er hätte der Union ein unverwechselbares Profil zurückgeben können.

Wer eine strengere Migrationspolitik ankündigt, muss sie umsetzen.

Wer Bürokratieabbau verspricht, muss tatsächlich Vorschriften abschaffen.

Wer Wachstum verspricht, muss Unternehmer investieren lassen.

Wer sagt, die CDU sei die große bürgerliche Kraft rechts der Mitte, kann nicht gleichzeitig so tun, als seien Millionen Wähler rechts von ihr politisch nicht existent.

Die Wahlnacht von Magdeburg ist auch eine Rechnung an Friedrich Merz.


Die Brandmauer

Alvan Bovay: Die Union sagt trotzdem: Keine Zusammenarbeit mit der AfD. Die Brandmauer bleibt.

Konrad Adenauer: Das darf sie sagen.

Jede Partei entscheidet selbst, mit wem sie koaliert.

Aber aus einer Parteientscheidung darf man keine Ersatzverfassung machen.

Die Brandmauer steht nicht im Grundgesetz.

Sie ist eine politische Strategie.

Strategien kann man für richtig oder falsch halten.

Aber Strategien müssen sich an ihren Ergebnissen messen lassen.

Und wenn die Strategie lautet, die AfD durch völlige politische Isolierung kleinzuhalten, muss man nach 43,8 Prozent wenigstens die intellektuelle Redlichkeit besitzen, zu fragen, ob diese Strategie besonders erfolgreich war.


Alvan Bovay: Würden Sie der CDU empfehlen, mit der AfD zu sprechen?

Konrad Adenauer: Selbstverständlich sollte man in einem Parlament miteinander sprechen.

Seit wann ist ein Gespräch eine Koalition?

Ich habe mit Menschen verhandelt, deren Länder Deutschland wenige Jahre zuvor bekämpft hatten.

Politik besteht aus Verhandlungen.

Sie können mit jemandem reden und anschließend feststellen:

In diesen Punkten liegen wir so weit auseinander, dass eine Zusammenarbeit unmöglich ist.

Aber dieses Theater, als müsse ein CDU-Abgeordneter auf dem Flur zur Seite springen, wenn ein AfD-Abgeordneter kommt, halte ich nicht für erwachsene Politik.

Entscheidend ist nicht, mit wem Sie reden.

Entscheidend ist, was Sie vereinbaren.


CDU, SPD und Grüne reichen gemeinsam nicht

Alvan Bovay: CDU, SPD und Grüne kommen gemeinsam nur auf 31 der 83 Mandate. Die AfD allein hat 39.

Konrad Adenauer: Und genau diese Zahl sollten sich manche Leute auf einen Zettel schreiben.

Die gewohnte Vorstellung, man addiere einfach CDU, SPD und Grüne und habe damit automatisch ein politisches Gegenlager, funktioniert nicht mehr.

Die Mathematik hat diese Konstruktion gestern beendet.

31 sind weniger als 39.

Das bedeutet noch nicht, dass die AfD automatisch regiert.

Aber es bedeutet, dass die bisherige Parteienarithmetik zusammengebrochen ist.

Man kann nicht einfach die Wahl durchführen und danach so tun, als müsse nur eine kompliziertere Variante der bisherigen Regierung gefunden werden.

Der Wähler hat die Kräfteverhältnisse grundlegend verändert.


Das BSW als Königsmacher?

Alvan Bovay: Das BSW kommt mit 5,3 Prozent knapp in den Landtag und erhält fünf Mandate. Diese fünf Abgeordneten könnten plötzlich entscheidend sein.

Konrad Adenauer: Das ist eine der wunderbaren Ironien parlamentarischer Demokratie.

5,3 Prozent können plötzlich enormes Gewicht besitzen.

Das BSW muss nun entscheiden, ob es Opposition sein oder politische Verantwortung übernehmen will.

Und dann wird man sehen, was hinter den Schlagworten steckt.

Eine Partei kann gleichzeitig gegen das Establishment, gegen bestimmte außenpolitische Entscheidungen, gegen Migration und für sozialstaatliche Umverteilung sein.

Aber bei Koalitionsverhandlungen müssen irgendwann konkrete Antworten auf konkrete Fragen gegeben werden.

Wie hoch sind die Steuern?

Was geschieht mit Schulen?

Wie wird investiert?

Wie steht man zu Polizei und Justiz?

Wie finanziert man den Haushalt?

Dann endet die Protestrede und das Regieren beginnt.


SPD: „Neun Prozent sind kein Sieg einer Volkspartei“

Alvan Bovay: Die SPD erreicht 9,3 Prozent und verbessert sich gegenüber 2021 leicht. Ist sie damit Gewinnerin?

Konrad Adenauer: Wenn eine ehemalige Volkspartei bei neun Prozent steht und sich deshalb zum Sieger erklärt, ist die Diagnose schlimmer als die Krankheit.

Gewiss:

Sie hat etwas hinzugewonnen.

Das kann man anerkennen.

Aber die Sozialdemokratie hat dieses Land einmal fundamental geprägt.

Sie vertrat Millionen Arbeiter, Angestellte, Handwerker und Familien.

Heute muss sie froh sein, wenn ungefähr jeder elfte Wähler sein Kreuz bei ihr macht.

Kurt Schumacher hätte bei neun Prozent keine Siegesfeier veranstaltet.

Er hätte gefragt, warum neunzig Prozent der Wähler eine andere Partei gewählt haben.


Die heutige SPD

Alvan Bovay: Wie sehen Sie die SPD grundsätzlich?

Konrad Adenauer: Ich hatte mit Kurt Schumacher harte Kämpfe.

Aber Schumacher war ein aufrechter, glühender Patriot und entschiedener Gegner des Kommunismus.

Mit diesem Mann konnte man streiten.

Man wusste, wofür er stand.

Die heutige SPD hat den Bezug zu Teilen der klassischen Arbeiterschaft verloren.

Sie ist viel stärker akademisch und großstädtisch geprägt.

Identitätsfragen und Umverteilung spielen eine Rolle, während viele frühere Stammwähler das Gefühl haben, ihre Alltagssorgen würden von anderen Parteien stärker angesprochen.

Das ist für die Sozialdemokratie ein existenzielles Problem.


Die Grünen: Verlierer? Nein – Gewinner

Alvan Bovay: Die Grünen kommen auf 8,9 Prozent. 2021 waren es 5,9 Prozent.

Konrad Adenauer: Dann sind sie eindeutig Gewinner dieser Wahl.

Das mag jemandem politisch gefallen oder nicht.

Zahlen bleiben Zahlen.

Wer von 5,9 auf 8,9 Prozent steigt, hat zugelegt.

Aber das Ergebnis zeigt gleichzeitig etwas anderes.

Die Gesellschaft polarisiert sich.

Auf der einen Seite wächst die AfD enorm.

Auf der anderen Seite mobilisieren die Grünen ihre eigene feste Wählerschaft.

Die politische Mitte wird dabei immer schmaler.

Und das sollte jeden Demokraten beschäftigen.


Die Grünen grundsätzlich

Alvan Bovay: Sie kannten Bündnis 90/Die Grünen in Ihrer politischen Zeit noch nicht. Wie sehen Sie diese Partei?

Konrad Adenauer: Die Grünen verbinden eine romantische Vorstellung von Natur und Gesellschaft mit einem sehr starken politischen Gestaltungsanspruch.

Das kann schnell bevormundend wirken.

Für manche Grünen ist Politik nicht einfach Interessenausgleich, sondern eine moralische Mission.

Dann wird es gefährlich.

Denn sobald eine politische Gruppe glaubt, ihre Ziele seien moralisch überlegen, betrachtet sie Widerspruch leicht nicht mehr als legitime Opposition, sondern als moralisches Versagen.

Umwelt- und Klimaschutz sind legitime Aufgaben.

Aber Politik muss immer auch Kosten, Wohlstand, Versorgungssicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz berücksichtigen.


Die Linke und das Erbe der SED

Alvan Bovay: Die Linke erreicht 8,6 Prozent. 2021 waren es 11 Prozent.

Konrad Adenauer: Sie hat verloren.

Und sie bekommt gleichzeitig Konkurrenz durch das BSW aus dem eigenen politischen Stammbaum.

Dass aus der SED hervorgegangene politische Strukturen nach der Wiedervereinigung in veränderter Form weiter existieren konnten, gehört zu den historischen Besonderheiten der Bundesrepublik.

Ich hätte mir eine sehr viel intensivere geistige Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur gewünscht.

Eine Demokratie sollte nie vergessen, dass die DDR eine Diktatur war, die eine Mauer errichtete, Menschen an der Flucht hinderte und politische Opposition verfolgte.

Wenn Nachfolgeorganisationen später wieder über Enteignungen diskutieren, darf man diese historische Dimension nicht einfach ausblenden.


FDP: 2,6 Prozent – „politische Bedeutungslosigkeit“

Alvan Bovay: Die FDP kommt nur noch auf 2,6 Prozent und ist nicht mehr im Landtag.

Konrad Adenauer: Das ist keine gewöhnliche Niederlage mehr.

Das ist politische Bedeutungslosigkeit.

Ich habe mit Liberalen gearbeitet und gestritten.

Eine starke liberale Partei kann einem Land außerordentlich guttun.

Sie kann wirtschaftliche Vernunft einfordern, individuelle Freiheit verteidigen und den Staat daran erinnern, dass er nicht für jedes Problem des Bürgers zuständig ist.

Aber wenn eine liberale Partei nicht mehr glaubwürdig erklären kann, wofür sie eigentlich gebraucht wird, verschwindet sie.

2,6 Prozent sind eine brutale Antwort.

Eine politische Marke kann nicht dauerhaft von ihrem Inhalt leben, wenn der Bürger nicht mehr erkennt, was dieser Inhalt sein soll.


Die Gewinner und Verlierer des 6. September

Alvan Bovay: Wenn Sie die Wahl auf eine Bilanz reduzieren müssten: Wer sind die Gewinner?

Konrad Adenauer: Nummer eins ist Ulrich Siegmund.

Nummer zwei die AfD insgesamt.

Daran gibt es nichts zu deuteln.

43,8 Prozent sind ein historischer Wahlerfolg.

Auch die Grünen haben gegenüber 2021 deutlich hinzugewonnen.

Das BSW gehört in gewisser Weise ebenfalls zu den Gewinnern, weil seine fünf Mandate bei der Regierungsbildung entscheidendes Gewicht bekommen könnten.

Und dann gibt es noch einen Gewinner, den manche vergessen.


Alvan Bovay: Wen?

Konrad Adenauer: Die Wahlbeteiligung.

77,8 Prozent.

Fast vier von fünf Wahlberechtigten haben ihre Stimme abgegeben.

Das ist ein starkes demokratisches Signal.

Diese Menschen sind nicht politikverdrossen.

Vielleicht sind sie regierungsverdrossen.

Vielleicht parteienverdrossen.

Vielleicht medienverdrossen.

Aber politisch gleichgültig sind sie ganz offensichtlich nicht.


Alvan Bovay: Und die Verlierer?

Konrad Adenauer: Zuerst die CDU.

Mit weitem Abstand.

Wer von 37,1 auf 17,2 Prozent fällt, ist der große Verlierer des Abends.

Danach die FDP.

Die Linke hat ebenfalls verloren.

Und politisch hat noch etwas verloren.


Alvan Bovay: Was?

Konrad Adenauer: Die Vorstellung, man könne eine politische Herausforderung allein durch moralische Ausgrenzung beseitigen.

Seit Jahren wird vor der AfD gewarnt.

Demonstrationen.

Brandmauer.

Verfassungsschutzdebatten.

Talkshows.

Appelle.

Empörung.

Und jetzt erreicht die Partei 43,8 Prozent.

Vielleicht sollte man wenigstens prüfen, ob es wirksamer wäre, jene Probleme zu lösen, wegen derer Menschen diese Partei wählen.

Das klingt weniger spektakulär.

Aber Politik war noch nie verpflichtet, spektakulär zu sein.

Sie muss funktionieren.


NGOs und politische Macht

Alvan Bovay: Sie haben die Grünen angesprochen. Hinzu kommt heute das Phänomen sogenannter NGOs – Nichtregierungsorganisationen –, die teilweise erheblichen Einfluss auf politische Debatten besitzen.

Konrad Adenauer: Zunächst einmal ist Interessenvertretung in einer Demokratie völlig legitim.

Verbände, Kirchen, Gewerkschaften, Wirtschaftsorganisationen, Bürgerinitiativen – das gehört zu einer freien Gesellschaft.

Aber die demokratische Verantwortlichkeit muss klar bleiben.

Eine Nichtregierungsorganisation ist keine Regierung.

Ihre Vertreter sind nicht automatisch demokratisch legitimiert, nur weil ihre Ziele moralisch formuliert werden.

Wenn Organisationen staatlich finanziert werden und gleichzeitig aktiv politische Kampagnen betreiben, muss Transparenz herrschen.

Wer finanziert wen?

Wofür?

Mit welchem Auftrag?

Politik wird letztlich von gewählten Parlamenten und verantwortlichen Regierungen gemacht.

Wer politische Macht ausübt, muss sich demokratischer Kontrolle stellen.


Medien: „Ein Chor darf verschiedene Stimmen haben“

Alvan Bovay: Viele Bürger haben das Gefühl, die Medien seien einseitig.

Gerade die Berichterstattung über die AfD wird von deren Wählern oft als politischer Feldzug empfunden.

Konrad Adenauer: Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut.

Ein außerordentlich hohes Gut.

Aber Freiheit bedeutet gerade, dass nicht alle dieselbe Meinung haben.

Eine gesunde Medienlandschaft braucht Streit, Recherche und unterschiedliche Perspektiven.

Wenn Bürger irgendwann das Gefühl bekommen, große Teile der Medienlandschaft bildeten bei bestimmten Themen einen einzigen Chor, entsteht Misstrauen.

Früher hat man Politiker vor allem an ihren Taten gemessen.

Heute verbringen wir ungeheuer viel Zeit damit, einzelne Sätze, Tweets und Formulierungen zu untersuchen.

Manchmal ist das notwendig.

Aber wenn politische Sprache wichtiger wird als reale Ergebnisse, verschiebt sich etwas.

Ein Land muss sich für Tatsachen mindestens genauso interessieren wie für Empörung über Worte.


Medien und Sachsen-Anhalt

Alvan Bovay: Was würden Sie den Medien nach dem gestrigen AfD-Sieg raten?

Konrad Adenauer: Die Wähler untersuchen – aber nicht wie eine fremde Spezies.

Das wäre schon einmal ein Anfang.

Fragen Sie diese Menschen, warum sie so gewählt haben.

Und hören Sie sich die Antwort an, ohne bereits beim ersten Satz zu überlegen, in welche moralische Kategorie man sie einordnen kann.

43,8 Prozent entstehen nicht aus einem einzigen Grund.

Da gibt es überzeugte AfD-Anhänger.

Protestwähler.

Ehemalige CDU-Wähler.

Menschen, die wegen Migration wählen.

Andere wegen Wirtschaft.

Andere wegen Energie.

Andere aus Frust über Berlin.

Wenn Journalismus daraus nur die Geschichte macht, dass fast die Hälfte eines Bundeslandes irgendwie politisch entgleist sei, wird er seine Leser nicht zurückgewinnen.


Bundeswehr und Verteidigung

Alvan Bovay: Militär und Verteidigung. Die Bundeswehr.

Konrad Adenauer: Eine Armee, die nicht verteidigen kann, ist keine Armee.

Eine Armee, die nicht ausreichend ausgerüstet ist, kann ihren Auftrag nicht erfüllen.

Wir haben die Bundeswehr aufgebaut, weil wir wussten:

Frieden bekommt man nicht allein durch gute Wünsche.

Man braucht Abschreckung.

Deutschland hat nach dem Kalten Krieg zu lange geglaubt, militärische Sicherheit sei etwas, das andere erledigen.

Das war bequem.

Aber strategisch kurzsichtig.

Eine Demokratie muss ihre Freiheit im Ernstfall verteidigen können.

Dazu gehören Soldaten, Material, Infrastruktur und gesellschaftlicher Rückhalt.


Digitalisierung und künstliche Intelligenz

Alvan Bovay: Deutschland diskutiert gleichzeitig über Digitalisierung und künstliche Intelligenz. In vielen Bereichen hinkt die Verwaltung hinterher.

Konrad Adenauer: Digitalisierung ist kein Zauberwort.

Ein Computer ersetzt keinen Verstand.

Sie können Milliarden in Rechenzentren, Glasfaser und künstliche Intelligenz stecken.

Wenn Schulen, Universitäten und Unternehmen nicht die Menschen ausbilden, die damit produktiv arbeiten können, haben Sie wenig gewonnen.

Technik ist ein Werkzeug.

Das wichtigste Kapital eines Landes sitzt zwischen den Ohren seiner Bürger.

Deutschland muss wieder neugieriger auf technische Möglichkeiten werden und gleichzeitig schneller darin, sie praktisch anzuwenden.

Ein Faxgerät ist keine Verwaltungstradition, die man unter Denkmalschutz stellen muss.


Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Alvan Bovay: Das Land wirkt gespalten. Rechts gegen links, Stadt gegen Land, Ost gegen West, Migration gegen Begrenzung, Klimaschutz gegen Industrie.

Wie bekommt man diese Gesellschaft wieder zusammen?

Konrad Adenauer: Ein Volk, das sich nur noch in Gruppen, Identitäten und Empörungsblasen denkt, verliert den Blick für das Ganze.

Wir haben früher ebenfalls erbittert gestritten.

Aber politische Gegnerschaft bedeutete nicht automatisch, dass der andere moralisch minderwertig war.

Eine Demokratie muss Streit aushalten.

Sie braucht aber einen gemeinsamen Rahmen.

Rechtsstaat.

Freiheit.

Verfassung.

Nation.

Verantwortung.

Gemeinsame Interessen.

Zusammenhalt entsteht nicht dadurch, dass niemand mehr widerspricht.

Zusammenhalt entsteht dadurch, dass Menschen heftig widersprechen können und sich anschließend trotzdem als Bürger desselben Landes betrachten.


Was muss Deutschland jetzt tun?

Alvan Bovay: Nehmen wir an, Friedrich Merz würde heute Morgen bei Ihnen anrufen und sagen: Herr Adenauer, sagen Sie mir in zehn Sätzen, was ich tun soll.

Was würden Sie ihm antworten?

Konrad Adenauer: Ich brauche keine zehn.

Erstens: Machen Sie Energie wieder verlässlich und wettbewerbsfähig.

Zweitens: Begrenzen und steuern Sie Migration tatsächlich und nicht nur sprachlich.

Drittens: Sorgen Sie dafür, dass der Staat seine Bürger schützt.

Viertens: Bauen Sie Bürokratie ab, statt jedes Jahr neue Vorschriften zu versprechen und am Ende noch mehr zu schaffen.

Fünftens: Stärken Sie Familien und Bildung.

Sechstens: Bringen Sie die Wirtschaft wieder zum Wachsen.

Siebtens: Sichern Sie Deutschland fest im Westen und machen Sie die Bundeswehr verteidigungsfähig.

Achtens: Hören Sie auf, politische Gegner und deren Wähler moralisch zu pathologisieren.

Neuntens: Machen Sie die CDU wieder zu einer Partei, deren Wähler morgens wissen, wofür sie steht.

Und zehntens:

Wenn der Bürger Ihnen eine Ohrfeige von 17,2 Prozent gibt, fragen Sie nicht zuerst, warum der Bürger so böse war.

Fragen Sie, was Sie falsch gemacht haben.


„Soll die CDU die Brandmauer aufgeben?“

Alvan Bovay: Ich möchte Sie dazu noch einmal festnageln. Sie sagen, die CDU soll mit der AfD reden. Sagen Sie auch, sie soll mit ihr koalieren?

Konrad Adenauer: Nein.

Das sind zwei vollkommen verschiedene Aussagen.

Koalitionen entstehen aus Inhalten, Vertrauen und staatspolitischer Verlässlichkeit.

Die CDU müsste prüfen:

Gibt es ausreichende Gemeinsamkeiten?

Sind die handelnden Personen verlässlich?

Wie steht der mögliche Partner zu Rechtsstaat, NATO, Europa und internationaler Verantwortung?

Welche wirtschafts- und finanzpolitischen Vorstellungen besitzt er?

Das gilt übrigens für jeden Koalitionspartner.

Aber eine Koalition von vornherein ausschließlich aufgrund eines politischen Etiketts auszuschließen und gleichzeitig jedes Sachgespräch zu vermeiden, halte ich langfristig für schwierig.

Vor allem dann, wenn die ausgeschlossene Partei 43,8 Prozent bekommt.


Alvan Bovay: Könnte eine Zusammenarbeit die CDU zerreißen?

Konrad Adenauer: Natürlich.

Aber 17,2 Prozent können eine Partei ebenfalls zerreißen.

Das wird merkwürdigerweise gelegentlich vergessen.

Die Union muss sich entscheiden, was sie sein möchte.

Will sie verlorene konservative und bürgerliche Wähler zurückgewinnen?

Dann muss sie Politik verändern.

Oder akzeptiert sie dauerhaft eine starke Partei rechts von sich?

Dann muss sie erklären, wie sie unter diesen Bedingungen Mehrheiten bilden will.

Was nicht funktionieren wird, ist:

Die eigene Politik im Wesentlichen beibehalten.

Mit der AfD niemals sprechen.

Und darauf hoffen, deren Wähler kehrten eines Morgens aus schlechtem Gewissen zur CDU zurück.

Politik ist keine Wunderheilung.


Ist Sachsen-Anhalt ein Vorbote für Deutschland?

Alvan Bovay: Sehen Sie die Wahl als Vorboten dessen, was bei der Bundestagswahl 2029 passieren könnte?

Konrad Adenauer: Drei Jahre sind in der Politik eine Ewigkeit.

Aber dieses Ergebnis verändert selbstverständlich etwas.

Nicht nur arithmetisch.

Psychologisch.

Bis gestern konnte man sagen:

Eine AfD von mehr als 40 Prozent in einem Bundesland ist ein theoretisches Szenario.

Heute wissen alle:

Es kann passieren.

Das verändert die Wahrnehmung einer Partei.

Wähler verhalten sich anders gegenüber einer Partei, von der sie glauben, sie könne tatsächlich stärkste Kraft werden, als gegenüber einer Partei, die dauerhaft auf den Oppositionsplätzen sitzt.

Diese psychologische Schwelle ist gefallen.

Das dürfte CDU und SPD langfristig noch mehr beschäftigen als die reine Prozentzahl.


Deutsche Identität

Alvan Bovay: Herr Bundeskanzler, kommen wir zum gesellschaftlichen Kern. Viele Menschen haben das Gefühl, Deutschland habe sich selbst verloren.

Konrad Adenauer: Deutschland hat sich immer schwergetan mit sich selbst.

Aber ein Volk, das seine eigene Geschichte nur noch als Last betrachtet, entwickelt irgendwann Probleme mit seiner Zukunft.

Identität bedeutet nicht Überheblichkeit.

Sie bedeutet Selbstbewusstsein.

Deutschland muss sich seiner Verbrechen bewusst sein.

Gerade die nationalsozialistische Vergangenheit verpflichtet dieses Land dauerhaft.

Aber Erinnerung und Selbstachtung schließen einander nicht aus.

Ein demokratisches Deutschland darf stolz darauf sein, nach 1945 eine freie, wohlhabende und rechtsstaatliche Republik aufgebaut zu haben.

Wer nicht weiß, wer er ist, kann nur schwer entscheiden, wohin er will.


Adenauers Schlussurteil am 7. September 2026

Alvan Bovay: Herr Bundeskanzler, gestern hat Sachsen-Anhalt gewählt. Heute diskutiert das ganze Land darüber, ob die politische Ordnung der Bundesrepublik ins Rutschen geraten ist.

Wie lautet Ihr abschließendes Urteil über Deutschland am 7. September 2026?

Konrad Adenauer: Deutschland besitzt nach wie vor alles, was ein erfolgreiches Land braucht.

Kluge Köpfe.

Eine hervorragende geografische Lage.

Unternehmer.

Facharbeiter.

Wissenschaftler.

Eine starke industrielle Tradition.

Eine stabile demokratische Verfassung.

Was fehlt, ist der Mut zur ungeschminkten Wahrheit.

Man muss Probleme wieder benennen dürfen, ohne jedes Wort zuerst durch einen moralischen Filter laufen zu lassen.

Man muss Realpolitik machen, statt Ideologien hinterherzulaufen.

Man muss verstehen, dass Wohlstand erwirtschaftet wird, bevor er verteilt werden kann.

Dass ein Staat Grenzen braucht.

Dass Freiheit Verantwortung bedeutet.

Dass Sicherheit nicht kostenlos ist.

Dass Bildung Leistung verlangt.

Und dass Demokratie bedeutet, auch Wahlergebnisse auszuhalten, die einem überhaupt nicht gefallen.


Alvan Bovay: Also ist die Sachsen-Anhalt-Wahl für Sie keine Krise der Demokratie?

Konrad Adenauer: Eine Wahl mit 77,8 Prozent Beteiligung ist zunächst einmal ein Beweis dafür, dass sehr viele Menschen Demokratie ernst nehmen.

Eine Krise entsteht erst, wenn die Politik nicht mehr versteht, was ihr die Bürger damit sagen.

Man kann die AfD kritisieren.

Man kann sie politisch bekämpfen.

Man kann ihre Positionen widerlegen.

Das alles gehört zur Demokratie.

Aber man sollte 43,8 Prozent der Wähler nicht wie eine Krankheit behandeln, die man durch moralische Quarantäne beseitigt.

Man muss bessere Politik machen.

So kompliziert – und so einfach – ist das.


Alvan Bovay: Ihr letzter Satz?

Konrad Adenauer: Dann schreiben Sie ihn genau auf:

Eine Demokratie beweist ihre Stärke nicht dann, wenn der Bürger so wählt, wie Regierung, Medien und Parteien es erwarten.

Sie beweist ihre Stärke dann, wenn der Bürger anders wählt – und die Politik darauf nicht mit Beschimpfung, sondern mit besserer Politik antwortet.

Sachsen-Anhalt hat gesprochen.

Jetzt muss Berlin entscheiden, ob es zuhören will.

Und wenn Deutschland diese Fähigkeit zur Selbstkorrektur wiederfindet, hat es eine Zukunft.

Wenn nicht, dann sehe ich schwarz.

Und das meine ich ausnahmsweise nicht als Parteifarbe.

Diesen Artikel teilen
Teilen

Geschrieben von

Alvan Bovay
Alvan Bovay
Alvan Bovay ist investigativer Journalist und Wirtschaftswissenschaftler. Der frühere CEO einer internationalen Werbeagentur schreibt über Politik, Medien und Machtstrukturen und leitet Defending Liberty Daily.

Als nächstes lesen