Die Mythen des linken Antifaschismus: Warum Robert Misiks Kritik am Autoritarismus scheitert

In seiner taz-Kolumne erklärt Robert Misik den Autoritarismus zum reinen Produkt des Kapitalismus. Doch seine Analyse zeigt gravierende Lücken: Das Streben nach Eigentum ist anthropologisch tief verankert, während die Intoleranz gegenüber Ambivalenzen auch im eigenen linken Lager blüht.

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Die Mythen des linken Antifaschismus: Warum Robert Misiks Kritik am Autoritarismus scheitert
Mythen des Antifaschismus: Kritik an Robert Misiks Kolumne

Die Auseinandersetzung mit den Wurzeln des extremen Denkens verlangt wissenschaftliche Redlichkeit, historische Unvoreingenommenheit und vor allem die Fähigkeit zur kompromisslosen Selbstreflexion. Wo eine politische Analyse diese Maßstäbe aufgibt und durch ideologische Wunscherfüllung ersetzt, verkommt die Soziologie zum reinen Narrativbaukasten. In seiner TAZ Kolumne Schlagloch - Autoritäre Persönlichkeit und Faschismus: Antifa ist Kopfarbeit unternimmt der Wiener Publizist und taz-Gefährte Robert Misik den Versuch, die Theorien der Frankfurter Schule und des Austromarxismus für die Tagespolitik zu reaktivieren. Seine Prämisse: Der Autoritarismus sei eine rein rechte, aus den Härten der kapitalistischen Wirtschaftsordnung erwachsende Fehlentwicklung des menschlichen Charakters. Indem Misik jedoch historische Denker wie Max Horkheimer, Wolfgang Fritz Haug, Eva von Redecker sowie die Forscherinnen Else Frenkel-Brunswik, Marie Jahoda und Käthe Leichter als Gewährsleute für sein Narrativ einspannt, offenbart er exakt jene intellektuelle Einseitigkeit, die er der Gegenseite vorwirft.

Der Mythos vom „Phantombesitz“ und die Pathologisierung der Natur

Der gedankliche Dreh- und Angelpunkt in Misiks Argumentation liegt in der systematischen Dämonisierung des privaten Besitzes. Unter Berufung auf die Philosophin Eva von Redecker und deren Begriff des „Phantombesitzes“ zeichnet der Text das Bild einer Gesellschaft, in der Menschen durch marktkonforme Konkurrenz dazu erzogen werden, Status, Gefühle und Anerkennung wie materielle Eigentumsrechte zu behandeln. Das Streben nach Abgrenzung, die Sicherung des Eigenen und der Wunsch, Früchte der eigenen Arbeit exklusiv zu beanspruchen, werden dadurch als reine Deformationen einer kapitalistischen Währungslogik gebrandmarkt.

Diese Perspektive ignoriert grundlegende Erkenntnisse der Anthropologie, der Entwicklungspsychologie und der Evolutionsbiologie. Der Impuls, Territorien abzustecken, Ressourcen zu sichern und individuelles Eigentum zu verteidigen, ist keine Erfindung der modernen Marktwirtschaft. Er ist tief in der menschlichen Natur verankert und erfüllte historisch eine existenzielle Schutzfunktion. Wer das Bedürfnis nach Eigentum und Abgrenzung pauschal als Vorstufe des Rassenwahns oder als Ursprung von Xenophobie deklariert, verzerrt die Realität.

Mehr noch: Das private Eigentum ist historisch das wirksamste Bollwerk gegen die Willkür des Kollektivs und des Staates. Autonomer Besitz schafft jene materiellen und psychologischen Schutzräume, ohne die eine echte individuelle Freiheit gar nicht denkbar ist. Das ideologische Versprechen, diesen biologisch und historisch gewachsenen Drang im Rahmen einer gesellschaftlichen Utopie wegzuerziehen, war und bleibt die zentrale Fehlannahme marxistischer Transformationsmodelle. Wer den Wunsch nach Eigentum pathologisiert, bereitet den Boden für einen Staat, der sich zum alleinigen Richter über die Berechtigung individueller Bedürfnisse aufschwingt.

Das Selektionsspiel mit der Historie: Adorno, Frenkel-Brunswik und die Wissenschaft

Um seiner These wissenschaftliches Gewicht zu verleihen, greift Misik auf die berühmten Studien über den autoritären Charakter zurück, die um 1950 im US-Exil entstanden. Zurecht verweist er auf den oft übergangenen Beitrag der Sozialforscherin Else Frenkel-Brunswik. Doch die Art und Weise, wie Misik diese historischen Arbeiten instrumentalisiert, ist wissenschaftstheoretisch hochgradig problematisch. Die damalige Forschung versuchte, die psychopathologischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus mithilfe psychoanalytischer und empirischer Werkzeuge zu begreifen. Aus den damaligen Befunden heute eine Schablone zu formen, um Phänomene der modernen Internetkultur – wie die sogenannte Manosphere oder Tradwives – zu erklären, ist keine seriöse Analyse, sondern eine ahistorische Projektion.

Zudem wird das Konzept der „autoritären Persönlichkeit“ in der modernen Psychologie und Politikwissenschaft längst nicht mehr unkritisch angewendet. Die ursprüngliche Theorie litt unter gravierenden methodischen Mängeln: Sie neigte dazu, politische Einstellungen primär als „Charakterdefekt“ zu interpretieren. Wer von den Normen des progressiven Mainstreams abwich, wurde psychoanalytisch für krank erklärt. Indem Misik diesen Ansatz unkritisch übernimmt, betreibt er die Pathologisierung des politischen Gegners. Anstatt sich mit konkreten Argumenten, verfehlter Politik, realen Abstiegsängsten oder den Auswüchsen kommunaler Fehlentscheidungen auseinanderzusetzen, wird der Kritiker zum Patienten degradiert, der unter einer „Angst, ein Trottel zu sein“ leidet. Das ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern rhetorische Entmündigung.

Die Ambiguitätsintoleranz des eigenen Lagers

Das zentrale Motiv des Artikels ist der Begriff der „Ambiguitätsintoleranz“ – die Unfähigkeit eines rigiden Individuums, Ambivalenzen, Mehrdeutigkeiten und Komplexität auszuhalten. Misik zitiert Frenkel-Brunswiks Satz, dass man im Kampf um eine liberale Sichtweise vermeiden müsse, dem voreingenommenen Individuum mehr Unklarheiten zu präsentieren, als es aufnehmen kann. Er deutet dies als Warnung, dass zu viele progressive Reformen autoritäre Gegenreaktionen provozieren könnten.

Hier offenbart sich die eklatanteste Lücke in Misiks Argumentation. Die Unfähigkeit, Ambivalenz auszuhalten, ist keineswegs das Monopol des rechten Spektrums. Wer die Realität dogmatischer Antifa-Gruppen, akademischer Debattenräume oder die Geschichte des Kommunismus betrachtet, findet genau diese Intoleranz in Reinform. Das Denken in unversöhnlichen Kategorien von Gut und Böse, das Niedermachen abweichender Meinungen, die Moralisierung von Sachfragen und der Zwang zur absoluten ideologischen Konformität sind Paradebeispiele für Ambiguitätsintoleranz.

Ein System oder eine Bewegung, die jede Abweichung vom eigenen Dogma als „Faschismus“ oder „Niedertracht“ abstempelt, zeigt exakt jene Denkstarrheit, die sie bei anderen beklagt. Wenn der Autor verlangt, dass die Gesellschaft Mehrdeutigkeit aushalten müsse, gilt das auch für sein eigenes Lager: Das Aushalten von Meinungen, die dem eigenen Weltbild widersprechen, ist der wahre Stresstest für die Toleranz – ein Test, an dem ein Großteil des dogmatischen Antifaschismus regelmäßig scheitert.

Die Romantisierung der „Kopfarbeit“ und das Schweigen zum linken Autoritarismus

In der Formulierung „Antifa ist Kopfarbeit“ gipfelt die Romantisierung einer Bewegung, deren reale Praxis oft weit entfernt von wissenschaftlicher Reflexion ist. Misik unterschlägt konsequent, dass die Antifa in der Realität keine reine Debattierrunde aus kritischen Sozialforschern ist, sondern in Teilen eine militante Subkultur, die auf physische Konfrontation, Sachbeschädigung, Doxxing und das gezielte Ausschalten des politischen Gegners setzt. Die Behauptung, hier werde rein intellektuelle Durchdringung geleistet, verharmlost das Gewaltpotenzial radikaler Kräfte.

Noch schwerer wiegt das historische Schweigen über die Verbrechen des linken Autoritarismus. Wer wie Misik Max Horkheimers Zitat „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ zitiert, müsste im selben Atemzug von den Opfern des Realsozialismus sprechen. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts – vom Stalinismus über Maoismus bis hin zur DDR – waren weder kapitalistisch geprägt, noch entsprangen sie einem imperialen Marktmodell. Dennoch brachten sie brutale Überwachungsapparate, Lager und eine gnadenlose Härte hervor. Die Verfolgung Andersdenkender war in diesen Systemen kein Betriebsunfall, sondern das zwangsläufige Ergebnis des Versuchers, eine Gesellschaft nach den Plänen einer selbsternannten Avantgarde zwangsweise umzuerziehen.

Dass der Text diese Dimension des Autoritarismus mit keinem einzigen Wort erwähnt, zeigt die funktionale Blindheit der gewählten Perspektive. Wenn die Beseitigung des Kapitalismus angeblich den Nährboden für Autoritarismus austrocknet, wie erklärt man dann die beispiellose Machtkonzentration und Repression in sozialistischen Staaten? Diese Frage bleibt bei Misik unbeantwortet, weil sie das Fundament seiner Argumentation erschüttern würde.

Für eine ehrliche Sozialpsychologie

Der Versuch, den Autoritarismus ausschließlich im Kapitalismus und im gegnerischen Lager zu lokalisieren, ist eine analytische Sackgasse. Robert Misiks Kolumne verdeutlicht die Tendenz einer ideologisch verengten Publizistik, wissenschaftliche Begriffe als Disziplinierungsinstrumente zu missbrauchen. Eine tragfähige Sozialpsychologie darf die Diagnose der rigiden Charakterstruktur niemals als politische Waffe schwingen.

Autoritäres Denken, die Lust an der Unterwerfung unter das Kollektiv, das Bedürfnis nach vereinfachten Feindbildern und der Hang zur Ausgrenzung Abweichender sind menschliche Universalien. Sie blühen im rechten Völkismus genauso wie im linken Dogmatismus. Wer den Faschismus bekämpfen will, ohne den eigenen Dogmatismus zu hinterfragen, betreibt keine Aufklärung, sondern erliegt exakt jener geistigen Verengung, die er zu bekämpfen vorgibt. Eine ehrliche Auseinandersetzung verlangt den Mut, den Blick auf die eigene Seite zu richten – erst dann wird Antifaschismus tatsächlich zur echten Kopfarbeit.


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