Die Romantisierung der Risikolosigkeit
Ist unternehmerischer Gewinn nur unbezahlte Arbeit? Die Replik auf Sabine Nuss’ taz-Artikel „Riskante Geschäfte“ prüft die marxistische Arbeitswertlehre, erklärt die ökonomische Funktion von Kapital und Innovation und zeigt, warum Beschäftigte und Unternehmer unterschiedliche Risiken tragen müssen.
Eine analytische Replik auf Sabine Nuss und die Wiederbelebung der marxistischen Arbeitswertlehre
Zur Autorin und zum Anlass der Replik
Ausgangspunkt der folgenden Replik ist der in der taz erschienene Artikel „Riskante Geschäfte“, in dem Sabine Nuss unter der Rubrik „Marxsche Ausbeutungstheorie“ die verbreitete Vorstellung kritisiert, unternehmerischer Gewinn sei eine legitime Belohnung für die Übernahme wirtschaftlicher Risiken.
Sabine Nuss’ Werdegang vom Volontariat beim Springer-Verlag hin zur Rosa-Luxemburg-Stiftung und zur Geschäftsführung des Karl Dietz Verlags, der vor allem für die Herausgabe marxistischer Literatur bekannt ist, ist bezeichnend. Ihre Argumentation entstammt einem institutionell abgesicherten, parteinahen oder subventionierten Milieu. Wer seine Karriere weitgehend fernab des rauen Windes unabhängiger Märkte verbringt, für den kann reales unternehmerisches Risiko leicht zu einem abstrakten und theoretisch vernachlässigbaren Konstrukt werden.
Diese biografische Einordnung ersetzt allerdings nicht die inhaltliche Auseinandersetzung. Entscheidend ist daher, ob Nuss’ Erklärung von Wert, Gewinn und Risiko ökonomisch überzeugt.
Die Grenzen der Arbeitswertlehre
Der Kern von Nuss’ Argumentation folgt der marxistischen Ausbeutungstheorie: Weil die Arbeitskraft während des Produktionsprozesses mehr Wert schaffe, als ihr in Form des Lohns zurückgegeben werde, eigne sich der Eigentümer des Unternehmens den verbleibenden Mehrwert an. Gewinn erscheint damit wesentlich als Ergebnis unbezahlter Arbeit.
Die marxistische Arbeitswertlehre behauptet zwar nicht, dass Wert ausschließlich aus der bloßen Zahl körperlich geleisteter Arbeitsstunden hervorgehe. Sie berücksichtigt unter anderem Qualifikation, Produktivität, technische Entwicklung und gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Maschinen, Rohstoffe und andere Produktionsmittel übertragen nach dieser Theorie ihren bereits vorhandenen Wert auf das Produkt, während allein die lebendige Arbeit zusätzlichen Wert hervorbringe.
Gerade diese Trennung ist jedoch problematisch. In einer arbeitsteiligen Wirtschaft lässt sich die Wertschöpfung nicht sinnvoll einer einzigen Produktionskomponente zurechnen. Die von Nuss angeführte BMW-Mitarbeiterin leistet zweifellos einen notwendigen Beitrag am Fließband. Ohne Maschinen, Forschung, Patente, Logistik, Finanzierung, Unternehmensorganisation und eine entsprechende Nachfrage nach dem Fahrzeug könnte ihre Tätigkeit jedoch keinen vergleichbaren ökonomischen Ertrag hervorbringen.
Dasselbe gilt umgekehrt: Eine Fabrik ohne Beschäftigte produziert ebenfalls nichts. Daraus folgt, dass weder Arbeit noch Kapital isoliert als alleinige Quelle des wirtschaftlichen Erfolgs behandelt werden sollten. Wert entsteht durch die koordinierte Verbindung knapper Ressourcen sowie durch die Fähigkeit, ein Angebot zu schaffen, für das Menschen tatsächlich zu zahlen bereit sind.
Arbeitszeit allein begründet noch keinen ökonomischen Wert. Ein Produkt kann Tausende Arbeitsstunden erfordern und dennoch unverkäuflich sein. Ein anderes kann aufgrund einer Idee, einer technischen Innovation oder einer besonders effizienten Organisation mit geringem Arbeitsaufwand einen hohen Nutzen stiften. Eine überzeugende Werttheorie muss deshalb neben Produktionskosten auch Knappheit, Nachfrage, Erwartungen und subjektive Nutzenbewertungen berücksichtigen.
Gewinn ist mehr als unbezahlte Arbeit
Aus der Tatsache, dass Beschäftigte weniger erhalten als der Verkauf ihrer Arbeitsergebnisse einbringt, folgt nicht automatisch, dass die Differenz vollständig als unrechtmäßige Aneignung zu verstehen ist. Aus dieser Differenz müssen zunächst zahlreiche weitere Kosten getragen werden: Abschreibungen, Finanzierung, Forschung, Vertrieb, Verwaltung, Rücklagen, Steuern und Verluste aus gescheiterten Projekten.
Darüber hinaus übernehmen Unternehmer eine koordinierende Funktion. Sie entscheiden unter Unsicherheit, welche Produkte entwickelt, welche Technologien eingesetzt und welche Ressourcen miteinander verbunden werden. Diese Entscheidungen können produktiv sein, sie können aber auch scheitern.
Gewinn lässt sich daher zumindest teilweise als Entgelt für mehrere Leistungen verstehen:
- die Bereitstellung und langfristige Bindung von Kapital,
- die Organisation komplexer Produktionsprozesse,
- das Erkennen bislang unbefriedigter Bedürfnisse,
- die Entwicklung und Einführung von Innovationen,
- sowie die Übernahme wirtschaftlicher Unsicherheit.
Das bedeutet nicht, dass jeder tatsächlich erzielte Gewinn automatisch gerecht oder gesellschaftlich nützlich ist. Gewinne können auch auf Marktmacht, politischen Privilegien, Informationsvorteilen, künstlicher Verknappung oder der Verlagerung von Kosten auf Dritte beruhen. Eine differenzierte Kritik muss deshalb fragen, wodurch ein bestimmter Gewinn entstanden ist. Die pauschale Gleichsetzung von Gewinn und Ausbeutung ist ebenso unzureichend wie die pauschale Annahme, jeder Marktgewinn sei moralisch verdient.
Die Trivialisierung des unternehmerischen Risikos
Besonders einseitig ist die Behauptung, Eigentümer könnten bei einer Insolvenz regelmäßig „ihre Schäfchen ins Trockene bringen“, während allein die Beschäftigten das eigentliche Risiko trügen. Ein solcher Fall kann bei gut abgesicherten Großaktionären oder Konzernleitungen vorkommen. Er lässt sich jedoch nicht auf sämtliche Formen des Unternehmertums übertragen.
Für einen unabhängigen Verleger, einen mittelständischen Produzenten, einen Handwerksbetrieb oder einen Journalisten mit eigenem Medium kann das Scheitern eines Projekts schwerwiegende Folgen haben. Wer Infrastruktur finanziert, Server betreibt, Waren bestellt oder Löhne und Honorare vorfinanziert, bindet Kapital, bevor feststeht, ob das Produkt genügend Käufer finden wird. Insbesondere bei persönlich verbürgten Krediten kann ein geschäftliches Scheitern auch das Privatvermögen und die wirtschaftliche Existenz des Unternehmers gefährden.
Allerdings tragen nicht nur Unternehmer Risiken. Beschäftigte können ihren Arbeitsplatz, ihr Einkommen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten verlieren. In manchen Branchen riskieren sie zusätzlich ihre körperliche oder psychische Gesundheit. Zulieferer können auf unbezahlten Forderungen sitzen bleiben, Gläubiger Kapital verlieren und die Allgemeinheit für ökologische oder soziale Folgekosten aufkommen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, welche Gruppe das „wahre“ Risiko trägt. Zu untersuchen ist vielmehr, wie unterschiedliche Risiken verteilt sind und ob Erträge, Einflussmöglichkeiten und Haftung in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen. Wer sämtliche Verluste auf andere abwälzen kann, besitzt nur einen eingeschränkten Anspruch darauf, hohe Gewinne mit eigener Risikotragung zu rechtfertigen. Wer dagegen eigenes Kapital, jahrelange Arbeit und persönliche Sicherheiten einsetzt, trägt ein reales unternehmerisches Wagnis.
Risiko und Gewinn in historischer Perspektive
Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte verdeutlicht die Bedeutung dieses Wagnisses. Bereits im antiken und mittelalterlichen Seehandel mussten Reeder Kapital bereitstellen, lange bevor feststand, ob eine Handelsfahrt erfolgreich sein würde. Schiffe konnten in Stürmen sinken, Piraten zum Opfer fallen oder ihre Ladung verlieren. Der mögliche Gewinn stand einem erheblichen Verlustrisiko gegenüber.
Auch dieses Beispiel verlangt Differenzierung. Seeleute riskierten nicht nur ihren Lohn, sondern häufig ihre Gesundheit und ihr Leben. Zugleich entstanden Darlehens-, Beteiligungs- und später Versicherungskonstruktionen, durch die das wirtschaftliche Risiko auf mehrere Akteure verteilt werden konnte. Das historische Beispiel zeigt deshalb nicht, dass ausschließlich der Eigentümer ein Risiko trug. Es zeigt aber, weshalb die zeitweilige Überlassung und Gefährdung von Kapital einen eigenen ökonomischen Preis besitzt.
Im digitalen Zeitalter haben sich die Formen des Risikos verändert. Versicherungen, Kapitalgesellschaften und Insolvenzrecht können persönliche Verluste begrenzen. Dennoch verschwindet die Unsicherheit nicht. Investitionen können sich als nutzlos erweisen, Geschäftsmodelle können scheitern und technologische Entwicklungen bestehende Unternehmen verdrängen. Gerade Innovation setzt voraus, dass Ressourcen eingesetzt werden, ohne dass ihr späterer Erfolg bereits feststeht.
Systemische Ungleichheit und Marktdynamik
Nuss verweist auf soziale Ungleichheit, fehlende Netzwerke und unterschiedliche Bildungschancen. Diese Einwände sind berechtigt. Menschen beginnen ihre wirtschaftliche Laufbahn nicht unter gleichen Bedingungen. Vermögen, Herkunft und Beziehungen beeinflussen, wer Kapital beschaffen, Risiken eingehen und Rückschläge verkraften kann.
Aus dieser Ungleichheit folgt jedoch nicht, dass unternehmerischer Gewinn als solcher illegitim wäre. Sie begründet vielmehr die Notwendigkeit, Zugangschancen, Wettbewerb und soziale Absicherung zu verbessern. Ein Markt kann nur dann seine produktive Funktion entfalten, wenn neue Anbieter tatsächlich eintreten können, Machtpositionen begrenzt werden und wirtschaftliches Scheitern nicht in dauerhafte gesellschaftliche Ausgrenzung führt.
Märkte sind keine moralischen Instanzen und keine automatischen Gleichmachungsmaschinen. Unter geeigneten Bedingungen können sie jedoch als Entdeckungsverfahren wirken: Unterschiedliche Akteure erproben Lösungen, reagieren auf Bedürfnisse und konkurrieren um knappe Ressourcen. Erfolg ist dabei ein Signal, aber kein unfehlbares Urteil über gesellschaftlichen Wert. Zahlungsfähige Nachfrage ist nicht mit menschlichem Bedürfnis gleichzusetzen, und nicht alle sozialen oder ökologischen Folgen werden in Marktpreisen erfasst.
Deshalb braucht eine funktionsfähige Marktwirtschaft sowohl unternehmerische Freiheit als auch Regeln. Wettbewerbspolitik, Haftung, Transparenz und die Begrenzung externer Kosten sind keine Gegensätze zum Markt, sondern Voraussetzungen dafür, dass Gewinne möglichst aus produktiver Leistung statt aus Privilegien oder Machtmissbrauch entstehen.
Fazit
Sabine Nuss’ Darstellung droht, wirtschaftliche Beziehungen auf einen grundlegenden Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit zu reduzieren. Ein solches Modell erfasst reale Abhängigkeiten und Machtunterschiede, unterschätzt aber die Bedeutung von Kapitalbindung, Koordination, Innovation, Nachfrage und Unsicherheit.
Wirtschaft ist weder grundsätzlich ein Nullsummenspiel noch produziert jeder Marktprozess automatisch gerechte Ergebnisse. Produktivitätssteigerungen, technische Neuerungen und bessere Organisation können zusätzlichen Wohlstand schaffen. Wie dieser Wohlstand verteilt wird, bleibt jedoch eine politische und moralische Frage.
Gewinn ist deshalb nicht pauschal als Diebstahl zu verurteilen. Er kann eine legitime Vergütung für Kapitalbereitstellung, unternehmerische Leistung und die Übernahme nicht vollständig vermeidbarer Unsicherheit darstellen. Seine Legitimität hängt allerdings davon ab, wie er zustande kommt, welche Risiken tatsächlich übernommen und welche Kosten möglicherweise auf andere abgewälzt werden.
Wer Innovation, unabhängige Publikationen und wirtschaftlichen Fortschritt ermöglichen will, darf unternehmerisches Risiko nicht trivialisieren. Er muss zugleich zwischen produktivem Unternehmertum und bloßer wirtschaftlicher Macht unterscheiden. Nicht jeder Gewinn ist gerecht – aber eine Wirtschaftsordnung, die jede Gewinnerzielung als Ausbeutung behandelt, verkennt eine wesentliche Voraussetzung von Investition, Innovation und Entwicklung.
Tielbild: KI-bearbeitete Fotomontage. Ausgangsfoto: „TAG 1 – ANTIFASCHISTISCHES EUROPA: Räte vergesellschaften“, Andreas Domma/Rosa-Luxemburg-Stiftung, Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY 2.0. Bearbeitet und erweitert mit generativer KI; Bildausschnitt, Hintergrund, Komposition und visuelle Effekte wurden verändert.
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