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Fratzschers nächstes Wirtschafts-Orakel: Warum wir diesen Alarmismus auch noch mit Steuergeld bezahle

Marcel Fratzscher warnt nach dem AfD-Sieg vor Firmenflucht aus Sachsen-Anhalt. Doch die Bilanz seiner Prognosen ist ernüchternd: Aufschwünge blieben aus, Berlin verzeichnete eine extreme Pleitewelle. Warum finanzieren Steuerzahler ein Institut, dessen Präsident so politisch auftritt? Fragen bleiben.

Fratzschers nächstes Wirtschafts-Orakel: Warum wir diesen Alarmismus auch noch mit Steuergeld bezahle
Fratzschers nächstes Wirtschafts-Orakel. Ki generiertes Image

Nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt warnt DIW-Präsident Marcel Fratzscher bereits vor der Abwanderung von Unternehmen und Menschen. Beweise dafür gibt es noch keine. Dafür gibt es eine bemerkenswerte Bilanz früherer Prognosen – und ein Berlin, in dem Unternehmen tatsächlich in großer Zahl in die Insolvenz gegangen sind. Die Frage muss erlaubt sein: Warum finanziert der Staat Institute mit Millionen, deren Präsident sich regelmäßig als politischer Kommentator ins Tagesgeschehen einschaltet?

Kaum sind die Stimmen in Sachsen-Anhalt ausgezählt, ist Marcel Fratzscher wieder da.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung warnt, die Polarisierung und eine möglicherweise schwache Landesregierung könnten die „Abwanderung von Menschen und Unternehmen aus Sachsen-Anhalt beschleunigen“. Und wenn die Bundesregierung jetzt nicht tiefgreifend reformiere, könne 2029 sogar eine absolute AfD-Mehrheit bei der Bundestagswahl wahrscheinlich werden.

Das ist bemerkenswert.

Nicht etwa, weil ein Ökonom politische und wirtschaftliche Risiken analysieren dürfte. Natürlich darf er das. Sondern weil Fratzscher erneut etwas beschreibt, das noch gar nicht eingetreten ist, während die wirtschaftlichen Schäden, die Deutschland bereits heute tatsächlich erlebt, wesentlich weniger gut zu seiner politischen Erzählung passen.

Bis heute ist noch nicht einmal entschieden, welche Regierung Sachsen-Anhalt künftig führen wird. Noch hat diese Regierung kein Steuergesetz geändert, keine Investitionsregel verabschiedet, keine Firma vertrieben und keinen einzigen Arbeitsplatz abgeschafft.

Fratzscher sieht die Abwanderung trotzdem schon am Horizont.

Ein Professorentitel ist keine Trefferquote

An dieser Stelle wird regelmäßig Fratzschers beeindruckende Vita vorgetragen: Promotion, Europäische Zentralbank, Humboldt-Universität, Präsident des DIW.

Alles richtig.

Nur: Ein Abschluss ist kein Beweis dafür, dass eine Prognose stimmt. Ein Professorentitel ist keine Trefferquote. Und ein Präsidentenamt verwandelt eine Vermutung nicht in eine ökonomische Tatsache.

Wer sich mit großer Regelmäßigkeit öffentlich als Deuter der deutschen Wirtschaft präsentiert, muss sich auch daran messen lassen, wie gut seine bisherigen Einschätzungen waren.

Und da wird es erheblich interessanter.

Im Juni 2023 prognostizierte das von Fratzscher geführte DIW für das Jahr 2024 ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent.

Was geschah?

Deutschland wuchs nicht um 1,5 Prozent.

Deutschland schrumpfte.

Nach dem inzwischen revidierten Datenstand ging das reale Bruttoinlandsprodukt 2024 um 0,5 Prozent zurück.

Zwischen vorhergesagtem Aufschwung und tatsächlicher Rezession liegt damit nicht irgendeine Nachkommastelle. Es liegen rund zwei volle Prozentpunkte und das falsche Vorzeichen.

Im Juni 2024 zeigte sich Fratzscher erneut optimistisch. Das DIW rechnete damals für 2025 mit einem Wachstum von etwa 1,3 Prozent.

Tatsächlich wurden es nach aktuellem Stand gerade einmal 0,2 Prozent.

Auch das ist keine Kleinigkeit.

Natürlich sind Konjunkturprognosen schwierig. Natürlich können Kriege, Energiepreise, Zinsen, Zölle und internationale Krisen Prognosen verändern.

Aber genau deshalb sollte man vielleicht vorsichtiger damit sein, wenige Stunden nach einer Wahl bereits die nächste große wirtschaftliche Katastrophe auszurufen.

Derselbe Fratzscher hatte Sachsen-Anhalts Absturz schon vor der Wahl berechnet

Noch interessanter wird die Sache, wenn man Fratzschers eigene Untersuchung aus dem Juli betrachtet.

Darin errechnete er für Sachsen-Anhalt mögliche Einkommensverluste von rund 1.600 Euro je Einwohner und Jahr und etwa 10.000 gefährdete Arbeitsplätze, wenn zentrale bundespolitische Forderungen der AfD wie ein Austritt aus EU und Euro, eine massive Beschränkung der Zuwanderung und Kürzungen staatlicher Leistungen umgesetzt würden.

Das Entscheidende steht im Kleingedruckten der Argumentation:

Dabei wird nicht die konkrete Wirtschaftspolitik einer tatsächlich existierenden AfD-Landesregierung untersucht.

Es wird ein hypothetisches Szenario modelliert.

Insbesondere ein Austritt Deutschlands aus EU und Euro ist keine Entscheidung, die ein Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt treffen könnte.

Das ist eine vollkommen legitime wissenschaftliche Modellrechnung. Aber eine Modellrechnung ist eben kein Blick in die Zukunft.

Aus einem Szenario darf journalistisch nicht unbemerkt eine Gewissheit werden.

Nun, unmittelbar nach der Wahl, folgt der nächste Schritt: Fratzscher erwartet bereits Abwanderung von Unternehmen und Menschen – völlig unabhängig davon, welche Koalition am Ende überhaupt zustande kommt.

Man darf fragen, wo hier Wirtschaftsanalyse endet und politische Intervention beginnt.

Während Fratzscher nach Magdeburg schaut, brennen in Berlin längst die roten Lampen

Besonders absurd wird die Warnung vor dem angeblich kommenden wirtschaftlichen Niedergang Sachsen-Anhalts, wenn man einen Blick dorthin wirft, wo Fratzschers Institut selbst sitzt:

Berlin.

Dort muss niemand einen hypothetischen wirtschaftlichen Niedergang modellieren.

Die Insolvenzen sind real.

2022 wurden in Berlin 1.252 Unternehmensinsolvenzen registriert.

2023 waren es bereits 1.647.

2024 explodierte die Zahl auf 2.092 Unternehmensinsolvenzen.

Das entspricht innerhalb von nur zwei Jahren einem Anstieg von rund 67 Prozent.

Allein von 2023 auf 2024 stieg die Zahl um 27 Prozent.

Und die voraussichtlichen Forderungen?

Sie schnellten von rund 1,7 Milliarden Euro auf 17,7 Milliarden Euro hoch.

2025 ging die Zahl der Berliner Unternehmensinsolvenzen zwar auf 1.916 zurück. Das ist positiv.

Aber Berlin blieb nach verfügbaren Vergleichen weiterhin das Bundesland mit der höchsten Insolvenzquote.

Und Sachsen-Anhalt?

Dort wurden 2025 436 Unternehmensinsolvenzen registriert. Das waren zwar deutliche 23,9 Prozent mehr als im Vorjahr – aber immer noch weniger Fälle als 2019.

Man sollte diese absoluten Zahlen wegen der völlig unterschiedlichen Größe der Bundesländer nicht direkt gegeneinander ausspielen.

Aber gerade die nach Unternehmensbestand bereinigten Insolvenzquoten zeigen das Problem:

Berlin lag 2025 bundesweit an der Spitze.

Nicht Sachsen-Anhalt.

Berlin ist das Gegenbeispiel zu Fratzschers Erzählung

Nun wäre es unseriös zu behaupten, die Berliner Insolvenzen seien ausschließlich durch linke Politik verursacht worden.

So einfach funktioniert Wirtschaft nicht.

Berlin wird seit April 2023 von CDU und SPD regiert. Zuvor regierten allerdings jahrelang SPD, Grüne und Linke beziehungsweise andere SPD-geführte Bündnisse.

Die derzeitige Insolvenzwelle hat vielfältige Ursachen: Energiekosten, Zinsen, Baukrise, Konsumschwäche, Bürokratie, Steuerbelastungen und die allgemeine deutsche Wachstumsschwäche.

Aber genau das ist der Punkt.

Wenn Fratzscher Unternehmen in Sachsen-Anhalt schon unmittelbar nach einem Wahlergebnis politisch bedingte Abwanderung prophezeit, muss dieselbe Frage selbstverständlich auch für Berlin erlaubt sein:

Warum ist Deutschlands Insolvenzquote ausgerechnet in der Hauptstadt so hoch, obwohl dort keine AfD regiert?

Wo waren die großen Warnrufe vor der „Abwanderung von Unternehmen“, als Berlin zwischen 2022 und 2024 von 1.252 auf 2.092 Unternehmenspleiten hochschoss?

Wo war die These, Unternehmen könnten wegen des politischen Klimas davonlaufen?

Offenbar gelten solche politischen Erklärungsmodelle besonders gern dann, wenn die Wahlergebnisse nicht gefallen.

Deutschlands Industriekrise hat ebenfalls nicht in Sachsen-Anhalt begonnen

Auch bundesweit spricht die Realität eine andere Sprache als die Vorstellung, der große wirtschaftliche Niedergang beginne jetzt mit einem AfD-Wahlsieg.

Deutschland befand sich 2023 und 2024 in zwei aufeinanderfolgenden Rezessionsjahren.

2025 folgte gerade einmal ein reales Wachstum von 0,2 Prozent. Die Exporte gingen erneut zurück, die Investitionsschwäche hielt an und insbesondere Automobilindustrie und Maschinenbau standen unter Druck.

All das geschah ohne AfD-Bundesregierung.

Man könnte deshalb vielleicht zuerst erklären, warum Deutschlands bisherige Wirtschaftsordnung Investitionen, Industrieproduktion und Wachstum so schlecht entwickelt hat, bevor man die wirtschaftlichen Folgen einer Regierung analysiert, die noch nicht einmal existiert.

Und dann ist da noch die Frage nach dem Steuergeld

Besonders problematisch ist nämlich, dass das DIW kein rein privat finanziertes Institut ist, dessen Präsident einfach seine persönliche politische Meinung auf eigene Rechnung verbreitet.

Das DIW ist formal ein gemeinnütziger eingetragener Verein und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Seine Grundfinanzierung wird von Bund und Ländern getragen.

Und diese Grundfinanzierung macht nach eigenen Angaben des Instituts nahezu zwei Drittel des gesamten Haushalts aus.

Bund und Länder finanzieren diesen Zuwendungsbedarf grundsätzlich jeweils zur Hälfte. Weitere erhebliche Einnahmen stammen aus öffentlich finanzierten Forschungsaufträgen und Projekten.

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage:

Warum muss der Steuerzahler politische Wirtschaftskommentierung überhaupt institutionell finanzieren?

Forschung kann sinnvoll sein. Langfristige Datensätze können sinnvoll sein. Grundlagenforschung und unabhängige Konjunkturanalyse können einen öffentlichen Nutzen haben.

Aber je stärker sich öffentlich finanzierte Institute in politische Tageskämpfe einmischen, desto legitimer wird die Frage nach ihrer Finanzierung.

Ein Institut, das sich auf die Rolle eines wissenschaftlichen Datenlieferanten konzentriert, ist etwas anderes als ein Institut, dessen Präsident regelmäßig erklärt, welche politischen Entscheidungen Wähler besser treffen sollten und welchen Parteien ihre eigene Politik angeblich schaden werde.

Wissenschaftliche Unabhängigkeit bedeutet auch Distanz.

Sie bedeutet gerade nicht, dass Steuerzahler jeden politischen Kommentar eines Institutspräsidenten finanzieren müssen.

Fratzscher darf warnen – aber wir müssen ihm nicht glauben

Natürlich darf Marcel Fratzscher vor einer AfD-Regierung warnen.

Er darf ihre Wirtschaftsprogramme kritisieren.

Er darf Szenarien berechnen und den Euro-Austritt für katastrophal halten.

Aber Öffentlichkeit und Medien sollten endlich aufhören, aus dem Wort „Wirtschaftsexperte“ eine Art Unfehlbarkeitssiegel zu machen.

Seine Qualifikationen machen Fratzscher zum Ökonomen.

Seine Prognosen müssen trotzdem der Realität standhalten.

Und genau dort wird es problematisch.

Wer für 2024 einen deutlichen Aufschwung erwartet und eine Rezession bekommt, wer für 2025 wesentlich stärkeres Wachstum prognostiziert als tatsächlich eintritt und wer wenige Stunden nach einer Wahl bereits die nächste Unternehmensabwanderung vorhersieht, sollte nicht mit Ehrfurcht behandelt werden.

Sondern mit Skepsis.

Vor allem dann, wenn die Realität unmittelbar vor der eigenen Haustür erheblich unbequemer aussieht.

In Berlin gingen 2024 mehr als 2.000 Unternehmen in die Insolvenz. Die Hauptstadt erreichte eine der höchsten Insolvenzbelastungen Deutschlands. Deutschlands Wirtschaft durchlief zwei Rezessionsjahre. Die Industrie verliert seit Jahren an Boden.

All das geschah ohne AfD-Regierung.

Vielleicht sollte Marcel Fratzscher deshalb nicht zuerst erklären, was Sachsen-Anhalt unter einer noch gar nicht existierenden Regierung angeblich bevorsteht.

Vielleicht wäre die interessantere Frage:

Warum hat das wirtschaftspolitische Establishment den Niedergang, der bereits stattgefunden hat, so schlecht vorausgesehen?

Und noch eine Frage gehört endlich auf den Tisch:

Warum sollen die Bürger eigentlich weiterhin mit ihren Steuern Institute finanzieren, deren Spitzenpersonal sich zunehmend wie politische Kommentatoren verhält – und anschließend von denselben Medien als neutrale „Wirtschaftsexperten“ präsentiert wird?

Marcel Fratzscher hat jedes Recht, seine Meinung zu sagen.

Aber wir haben genauso jedes Recht, seine Prognosen an der Wirklichkeit zu messen.

Und diese Bilanz fällt erheblich weniger beeindruckend aus als seine Berufsbezeichnung.

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Geschrieben von

Jonathan Falk
Jonathan Falk
Jonathan Falk ist politischer Autor mit Schwerpunkt auf Israel, dem Nahen Osten und westlichen Gesellschaften. Seine Texte verbinden investigativen Anspruch, präzise Analyse und konsequente Orientierung an überprüfbaren Fakten.

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