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Gen Z regelt? Rote Fahnen, Pyro gegen Polizisten – und die Schülervertretung ist raus

Mehr als 160.000 Online-Zusagen, doch die ersten Teilnehmerzahlen bleiben vielerorts deutlich darunter. Bilder in Köln, Berlin, Stuttgart und Hamburg zeigen rote Fahnen, Pyrotechnik und starke Polizeipräsenz. Die Bundesschülerkonferenz distanziert sich. Wer spricht bei „Gen Z regelt“ für die Jugend?

Gen Z regelt? Rote Fahnen, Pyro gegen Polizisten – und die Schülervertretung ist raus
Gen-Z-Proteste am 31. Oktober: Pyrotechnik in Hamburg, Polizeieinsatz in Stuttgart, rote Fahnen und die Distanzierung der Bundesschülerkonferenz. Illustration by Richard Bergsirk

160.000 Online-Zusagen, linksextremistische Mobilisierung, verbarrikadierte Luxusgeschäfte und Polizeieinsätze: Die bundesweiten Gen-Z-Proteste zeigen am 31. Oktober ein anderes Bild als die angekündigte spontane Schülerbewegung. Eine Recherche über politische Netzwerke, tatsächliche Teilnehmerzahlen und die Frage, wer die Kosten trägt.

Deutschland sollte heute die Wut einer Generation erleben.

Mehr als 160.000 Menschen hatten nach Angaben der Initiative „Gen Z regelt“ online ihre Teilnahme angekündigt. In über 30 Städten sollten Jugendliche für bessere Schulen, bezahlbares Leben, Klimaschutz und gegen eine Wehrpflicht demonstrieren.

Doch am Nachmittag des 31. Oktober zeigen die ersten Bilder und Polizeimeldungen ein anderes, wesentlich komplizierteres Bild.

Rote Fahnen. Kommunistische Symbole. Palästinensische und kurdische Forderungen. Vermummte Demonstranten. Pyrotechnik. Polizeieinheiten in schwerer Schutzausrüstung.

Und mittendrin eine Frage, die vor allem die Organisatoren beantworten müssen:

Wer demonstriert hier eigentlich für die Jugend – und wer demonstriert unter ihrem Namen für ganz andere Ziele?

160.000 Menschen? Bislang vor allem auf dem Bildschirm

Die erste große Diskrepanz betrifft die Teilnehmerzahlen.

Während teilweise bereits von mehr als 160.000 Menschen auf Deutschlands Straßen die Rede ist, handelt es sich bei dieser Zahl um Online-Zusagen beziehungsweise Erwartungen der Initiative.

Die ersten tatsächlichen Zahlen liegen deutlich darunter.

In Berlin versammelten sich nach Angaben von BILD bis zum Nachmittag rund 5.000 Menschen am Brandenburger Tor. Angemeldet waren 10.000.

In Erfurt meldete die Polizei rund 1.900 Teilnehmer, in Rostock lediglich 230.

Stuttgart verzeichnete etwa 3.000 Demonstranten. In Köln, wo bis zu 15.000 Menschen erwartet worden waren, schätzten örtliche Reporter die Teilnehmerzahl am Nachmittag zunächst auf etwa 2.000.

Hamburg meldete mehrere Tausend Menschen.

Die endgültige bundesweite Gesamtzahl steht noch aus. Aber eines ist bereits klar: Ein digitaler Zusagezähler ist keine polizeiliche Teilnehmerstatistik.

Köln: Rote Fahnen, Kurdistan und der Ruf zur Organisation

Die Bilder aus Köln sind aufschlussreich.

Zwischen den Demonstranten erscheinen rote Fahnen, gelbe Fahnen kurdischer Organisationen und palästinensische Symbole. Teilnehmer verschiedener Altersgruppen marschieren gemeinsam.

Ein großes Transparent fordert zur politischen Organisierung im Stadtviertel, Betrieb und Klassenzimmer auf.

Das ist keine Forderung nach neuen Schulbüchern oder sanierten Klassenzimmern.

Hier werden gesellschaftspolitische und revolutionäre Organisationsvorstellungen sichtbar, die weit über die ursprünglichen Kernforderungen der Initiative hinausreichen.

Selbstverständlich dürfen diese Gruppen demonstrieren. Aber ihre Teilnahme wirft eine entscheidende Frage auf: Welche politische Richtung prägt die Veranstaltung tatsächlich – und wer bestimmt sie?

Hamburg: Der Verfassungsschutz hatte die Namen bereits genannt

In Hamburg ist die politische Mobilisierung besonders gut dokumentiert.

Bereits am Freitag warnte das Landesamt für Verfassungsschutz vor der Beteiligung linksextremistischer Organisationen und extremistischer Gruppen mit Auslandsbezug.

Die Behörde nannte ausdrücklich das Offen Antifaschistische Treffen Hamburg, den Roten Aufbau, die Interventionistische Linke, Young Struggle und Thawra.

Diese Gruppen hätten unter anderem über ihre eigenen Kommunikationskanäle für die Demonstration mobilisiert.

Am Samstag zeigen die Bilder vom Jungfernstieg genau jene politische Mischung, die bereits angekündigt worden war: sozialistische und kommunistische Fahnen, Palästina- und Libanonflaggen sowie Teilnehmer unterschiedlichster Altersgruppen.

Und dann die Pyrotechnik.

Aufnahmen zeigen brennende Leuchtkörper, dichten Rauch und teilweise vermummte Demonstranten.

Nach BILD-Meldungen nahm die Polizei am Jungfernstieg außerdem zwei Männer fest. Einer von ihnen führte eine Anscheinwaffe mit sich.

Aus der angekündigten Schülerdemonstration ist hier jedenfalls eine Veranstaltung geworden, an der zahlreiche bereits organisierte politische Gruppen teilnehmen.

Dass sie die gesamte Demonstration kontrollieren, ist damit noch nicht bewiesen. Die politische Beteiligung lässt sich allerdings nicht mehr bestreiten.

Stuttgart: Jetzt trifft Pyrotechnik die Polizei

Besonders ernst sind die Meldungen aus Stuttgart.

Dort musste die Polizei den Demonstrationszug wiederholt stoppen.

Nach Polizeiangaben entfernten sich Teilnehmer von der vereinbarten Route. Teile der Menge waren vermummt. Aus dem Demonstrationszug heraus wurde Pyrotechnik gegen Einsatzkräfte eingesetzt.

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Der Kommentar eine Nutzers zu diesmeVideo.

Hinzu kamen Meldungen über Graffiti und brennende Müllbehälter.

Unsere Bilddokumentation zeigt ein erhebliches Polizeiaufgebot mit Helmen, Schutzvisieren und weiterer Schutzausrüstung unmittelbar vor Demonstranten mit politischen Fahnen.

Die Polizei hatte bereits vor dem Protesttag Hinweise auf mögliche Störungen veröffentlicht.

Nun gibt es konkrete Vorfälle.

Das ist keine theoretische Debatte mehr über mögliche Ausschreitungen. In Stuttgart musste die Polizei tatsächlich einschreiten.

Luxusgeschäfte hinter Brettern: Wer bezahlt die Angst?

Bereits vor Beginn der Demonstrationen hatten Geschäftsleute in mehreren Innenstädten aufwendig ihre Schaufenster sichern lassen.

Auf einem der vorliegenden Fotos montieren drei Handwerker große Schutzplatten an der Glasfront eines BOSS-Geschäfts.

Auch Luxusmarken und Juweliere in Hamburg und Berlin ließen Schaufenster verbarrikadieren.

Die Rechnung dafür bezahlen zunächst die Unternehmen beziehungsweise die jeweils Verantwortlichen für die Immobilien.

Material, Handwerker, Transport, Montage, Demontage: Das verursacht Kosten, ohne dass überhaupt ein Schaden entstanden sein muss.

Hinzu kommen die Kosten der Polizeieinsätze, die grundsätzlich aus öffentlichen Mitteln getragen werden.

Wie hoch die bundesweiten Aufwendungen tatsächlich sind, ist noch nicht bekannt.

Doch genau das sollte nach diesem Wochenende untersucht werden.

Wie viel Geld musste ausgegeben werden, um Innenstädte gegen Ausschreitungen zu schützen, die in sozialen Netzwerken bereits im Vorfeld angedeutet wurden?

Die Plünderungsfantasien waren vorher im Netz

BILD berichtet über im Internet kursierende Wunschlisten, auf denen Luxusmarken als mögliche Plünderungsziele genannt werden.

Der Vossischen liegen außerdem Videomaterialien vor, in denen ein junger Mann die Schutzvorrichtungen von Geschäften prüft.

Er nennt Patek Philippe, Gucci und Dior, klopft gegen die Verkleidungen und kommentiert vermeintliche Schwachstellen.

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Plünderungsfantasien vor den Gen-Z-Protesten: Ein junger Mann mit Migrationshintergrund prüft in Frankfurt die Schutzverkleidungen von Luxusgeschäften wie Patek Philippe, Gucci und Dior. Er klopft gegen die Absperrungen und demonstriert, wie leicht sich angeblich Zugänge finden lassen. Ein Video, das die Sicherheitsmaßnahmen der Händler zur möglichen Schwachstelle erklärt.

Der Clip zeigt keinen vollendeten Einbruch. Er kann jedoch als demonstrative Veranschaulichung angeblich leichter Zugangsmöglichkeiten verstanden werden.

Wer solche Videos verbreitet, spielt zumindest mit der Vorstellung, die Sicherungsmaßnahmen der Geschäfte überwinden zu können.

Nicht nachgewiesen ist bislang, dass die Personen aus diesen Videos zum Organisationsteam von „Gen Z regelt“ gehören.

Gerade deshalb stellt sich eine zusätzliche Frage: Wer versucht, sich an die Proteste anzuhängen, und wer übernimmt dafür Verantwortung?

Die Bundesschülerkonferenz sagt Nein

Der bemerkenswerteste Widerspruch kommt ausgerechnet von den Schülervertretern selbst.

Die Bundesschülerkonferenz unterstützt die heutigen Demonstrationen nicht.

Sie kritisiert die undurchsichtigen Organisationsstrukturen und sieht die Gefahr, dass berechtigte Schülerinteressen für andere politische Zwecke instrumentalisiert werden.

Die stellvertretende Generalsekretärin Lili Berthold erklärte im Gespräch mit öffentlich-rechtlichen Sendern, dass sich die Forderungen inzwischen weit über die eigentliche Bildungspolitik hinaus ausdehnten.

Für den 20. November plant die Bundesschülerkonferenz deshalb eine eigene Demonstration.

Das muss man sich vor Augen führen:

Eine Initiative tritt mit dem Anspruch auf, die junge Generation zu mobilisieren. Ihre bundesweite Schülervertretung möchte mit der Organisation dieser Proteste nichts zu tun haben.

Wer wird heute Abend die Demonstrationen für sich beanspruchen?

Die Vossische hat in den vergangenen Tagen dokumentiert, dass sich die Internationale Jugend bereits früh an der Mobilisierung beteiligte.

In Berlin treten zudem erfahrene politische Aktivistinnen wie die SDS-Bundesvorständin Veronika Dinter und die frühere Fridays-for-Future-Organisatorin Kaja Schwab in Erscheinung.

Der Hamburger Verfassungsschutz bestätigt die Mobilisierung durch weitere linksextremistische Gruppen.

Die heutigen Fotografien zeigen, dass verschiedene politische Organisationen auch tatsächlich auf den Straßen präsent sind.

Was weiterhin fehlt, ist eine vollständige, überprüfbare Darstellung der bundesweiten Führungsstruktur.

Wer wählt die Sprecher aus? Wer bestimmt die Redner? Wer verwaltet das Geld? Wer legt politische Forderungen fest?

Und wer darf am Abend behaupten, Zehntausende Menschen hätten für seine politischen Positionen demonstriert?

Das Fazit: Die Jugend demonstriert. Andere demonstrieren mit.

Es gibt echte junge Demonstranten mit berechtigten Forderungen. Das zeigen die Bilder ebenso wie die Berichte friedlicher Veranstaltungen.

Aber es gibt gleichzeitig organisierte politische Gruppen, die ihre eigenen Fahnen, Parolen und Ziele auf die Straße tragen.

In Stuttgart kam es zu konkreten Übergriffen gegen Polizeikräfte. In Hamburg wurde Pyrotechnik gezündet. Gleichzeitig mussten Händler ihre Geschäfte sichern, und die Schülervertretung hielt demonstrativ Abstand.

Das ist das tatsächliche Bild des ersten bundesweiten Protesttages von „Gen Z regelt“.

Nicht die Frage, ob Jugendliche demonstrieren dürfen, ist entscheidend.

Sondern, wer ihre Anliegen vertritt, wer ihre Proteste für andere Ziele nutzt und wer am Ende Verantwortung übernimmt.

Gen Z regelt? Vielleicht sollte zunächst geklärt werden, wer hier überhaupt das Sagen hat.

Stand der Recherche: 31. Oktober 2026, etwa 16 Uhr MEZ. Die Demonstrationen dauern teilweise noch an. Abschließende Teilnehmerzahlen und Polizeibilanzen stehen aus.

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Geschrieben von

Moritz Neumann
Moritz Neumann, 24, aus Berlin-Dahlem, studierte Geisteswissenschaften. Er schreibt als Feuilletonist und Kolumnist für Die Vossische und prägt dort mit scharfer, eigenwilliger Stimme das Kultur- und Meinungsressort.

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