Elif Eralp: Was sind ihre Worte überhaupt noch wert?
Elif Eralp wollte eine Antwort im Spiegel-Interview nachträglich streichen. Zugleich verspricht sie den Schutz aller Berliner und jüdischen Lebens. Nach ihrem Austritt aus der Roten Hilfe bleiben Fragen offen. Die Zahl wirft Fragen auf: 51 Prozent der befragten muslimischen Wähler wählten die Linke.
Sie verspricht den Schutz jüdischen Lebens, erklärt ihren Austritt aus der Roten Hilfe und will alle Berliner vor Gewalt schützen. Doch eine zunächst gegebene Interviewantwort sollte nachträglich verschwinden. Was bedeutet das für die Glaubwürdigkeit ihrer übrigen Erklärungen?
Ein Wort genügte. Ein einziges „Ja“.
Elif Eralp hatte im Gespräch mit dem Spiegel eine konkrete Frage zu einem mutmaßlichen Terrorsympathisanten beantwortet. Dann kam die Autorisierung. Und plötzlich sollte nicht nur die Antwort verschwinden, sondern gleich die dazugehörige Frage.
Was die Öffentlichkeit nicht erfahren sollte, wurde durch versehentlich übermittelte interne Anmerkungen bekannt. Eralp und ihr Mann, so schrieb sie, hätten Angst vor diesen Leuten.
Der Spiegel berichtete darüber. Eralp kündigte rechtliche Schritte an.
Doch die eigentliche politische Frage reicht viel weiter als der Streit über die Autorisierung eines Interviews.
Wenn eine Politikerin nachträglich beeinflussen will, welche ihrer tatsächlich gegebenen Antworten die Öffentlichkeit erfährt, welchen Wert haben dann ihre anderen öffentlichen Erklärungen?
Was wurde gesagt – und was sollte verschwinden?
Im Mittelpunkt steht Ibrahim Ibrahim, ein Aktivist aus dem Umfeld radikaler propalästinensischer Netzwerke, der nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl auf einer Wahlparty der Linken in Neukölln erschienen war.
Der Spiegel wollte von Eralp wissen, ob sie ihn meinte, als sie über Grenzüberschreitungen im Wahlkampf sprach. Nach Darstellung des Magazins antwortete sie mit „Ja“.
Später sollte diese Antwort nicht veröffentlicht werden.
Eralp verwies in ihren internen Anmerkungen auf Sicherheitsbedenken. Sie könne ihre Familie nicht gefährden.
Natürlich ist die Angst um die eigene Familie nachvollziehbar. Und niemand muss verlangen, dass Politiker persönliche Sicherheitsrisiken ignorieren.
Aber die Öffentlichkeit darf etwas anderes verlangen: eine nachvollziehbare Erklärung dafür, wie sich persönliche Sicherheitsbedenken auf politische Entscheidungen auswirken.
Denn Eralp ist keine Privatperson, die zufällig in einen Konflikt geraten ist. Sie beansprucht das höchste politische Amt Berlins.
Was sie über extremistische Akteure sagt, was sie öffentlich zurücknimmt und welche Konsequenzen sie aus solchen Vorgängen zieht, ist deshalb von erheblichem Interesse.
Das Schutzversprechen für die Juden Berlins
Nach ihrem Wahlerfolg erklärte Eralp, sie stehe für den Schutz jüdischen Lebens. Sie versprach, gegen Antisemitismus vorzugehen und für Sicherheit in der Hauptstadt zu sorgen.
Sie hat einen Fünf-Punkte-Plan zum Schutz jüdischen Lebens vorgelegt und sich öffentlich zum Existenzrecht Israels bekannt.
Das sind konkrete politische Erklärungen. Aber Erklärungen allein schützen niemanden.
Wer Sicherheit verspricht, muss zeigen, wie er dieses Versprechen durchsetzen will. Gerade dann, wenn die Gefahr aus politischen Milieus kommt, in denen die eigene Partei Anhänger oder Verbündete hat.
Die Berliner Linke steht seit Monaten wegen antisemitischer Äußerungen, Gewaltverherrlichung und radikaler Positionen einzelner Mitglieder unter Druck.
Eralp hat solche Vorgänge kritisiert. Nach dem umstrittenen Auftritt eines Rappers bei einer Linken-Veranstaltung in Neukölln erklärte sie beispielsweise, Gewaltaufrufe seien inakzeptabel. Die weitere Aufarbeitung wurde Parteigremien überlassen.
Am 31. Oktober erklärte sie erneut, bei Gewaltverharmlosung sei eine Grenze überschritten. Zugleich verwies sie auf laufende Beratungen über die umstrittene Abgeordnete Vanessa Emde, mit der aus ihrer Sicht keine Arbeitsgrundlage mehr bestehe.
Doch hier beginnt die eigentliche Bewährungsprobe.
Welche konkreten Konsequenzen folgen aus den Erklärungen? Wer wird ausgeschlossen? Welche Kooperationen werden beendet? Welche Positionen werden innerhalb der Partei nicht länger geduldet?
Ein Schutzversprechen ist erst dann politisch belastbar, wenn es sich gegen Widerstände bewährt.
Und was war mit der Roten Hilfe?
Eralp gehörte über Jahre der Roten Hilfe an, einer Organisation, die vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft wird.
Nach Angaben der Berliner Linken trat sie 2025 aus. Die Partei begründete das mit teilweise unterschiedlichen politischen Auffassungen.
Eralp sei nur passives Mitglied gewesen. Sie habe sich ursprünglich engagiert, weil sie Menschen den Zugang zu juristischem Beistand ermöglichen wollte.
Diese Erklärung mag zutreffen.
Doch sie beantwortet nicht alle Fragen.
Welche politischen Auffassungen hatten sich verändert? Welche Positionen der Roten Hilfe lehnte sie plötzlich ab? Wann genau entstanden diese Differenzen? Und weshalb führten sie erst 2025 zum Austritt?
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: 2025 war zugleich das Jahr, in dem Eralp zur Spitzenkandidatin der Berliner Linken aufstieg. Nach Parteiangaben erfolgte der Austritt vor ihrer Nominierung.
Ein zeitlicher Zusammenhang beweist kein politisches Kalkül. Aber er macht die Frage nach den Gründen keineswegs überflüssig.
War der Austritt Ausdruck einer tatsächlichen politischen Neuorientierung oder erleichterte er auch den Weg zur angestrebten Regierungsverantwortung?
Eine verständliche Antwort wäre nicht zu viel verlangt.
51 Prozent: Wie wichtig sind muslimische Wähler für die Linke?
Der Blick auf die Berliner Wahlergebnisse zeigt, weshalb die Auseinandersetzung um radikale Milieus auch eine machtpolitische Dimension besitzt.
Am 20. September 2026 gewann die Linke die Abgeordnetenhauswahl mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen.
Unter muslimischen Wählern erreichte sie nach einer Auswertung der Forschungsgruppe Wahlen dagegen bemerkenswerte 51 Prozent.
Bei der vorherigen Wahl hatte sie in dieser Gruppe noch bei ungefähr 15 Prozent gelegen. Der Zugewinn betrug somit 36 Prozentpunkte.
Auch unter konfessionslosen Wählern erzielte die Linke mit 28 Prozent ein überdurchschnittliches Ergebnis. Unter katholischen Wählern waren es dagegen 17 Prozent, unter evangelischen 16 Prozent.
Die muslimische Wählerschaft war damit eine Gruppe, in der die Linke besonders erfolgreich war.
Zugleich setzte Eralp gezielt auf mehrsprachige Wahlwerbung. Ihre Kampagne nutzte unter anderem deutsche, türkische, englische und arabische Materialien. Sie sprach öffentlich über ihren türkischsprachigen Wahlkampf und über die Mobilisierung migrantischer Wähler.
Daraus ergibt sich eine naheliegende politische Frage:
Wie konsequent kann und will die Berliner Linke gegen radikale Akteure in ihrem Umfeld vorgehen, wenn sie gleichzeitig um Unterstützung in gesellschaftlichen Milieus wirbt, in denen auch diese Akteure mobilisieren?
Dabei darf nicht verwechselt werden, was getrennt gehört: Muslimische Wähler sind keine einheitliche politische Gruppe. Die Zustimmung zur Linken sagt nichts darüber aus, ob einzelne Wähler extremistische Positionen unterstützen.
Aber die Bedeutung dieser Wählergruppe für den Wahlerfolg ist statistisch sichtbar.
Wie hoch wäre der Stimmenanteil der Linken ohne muslimische Wähler gewesen?
Eine exakte Antwort geben die veröffentlichten Zahlen nicht her. Die 51 Prozent beschreiben das Wahlverhalten innerhalb einer religiösen Gruppe, nicht deren Anteil an sämtlichen abgegebenen Stimmen.
Auch die größere Gruppe der Wähler mit Migrationshintergrund darf damit nicht gleichgesetzt werden. Eine belastbare Gegenrechnung würde zusätzliche Angaben über die Zusammensetzung der tatsächlichen Wählerschaft benötigen.
Der politische Befund bleibt dennoch: Die Linke hat unter muslimischen Wählern außergewöhnlich hohe Zustimmung gewonnen.
Daraus folgt keine Schuldzuweisung an ihre Wähler. Wohl aber die Frage, ob innerparteiliche Konflikte über Israel, Antisemitismus und radikale Palästinaaktivisten auch deshalb so schwierig auszutragen sind, weil unterschiedliche politische Interessen aufeinandertreffen.
Intern die Angst – öffentlich das große Versprechen
Am 29. Oktober erklärte Eralp nach Bekanntwerden der Interviewaffäre, sie werde sich von niemandem einschüchtern lassen und als mögliche Regierende Bürgermeisterin für die Sicherheit aller Berliner sorgen.
Es war eine unmissverständliche öffentliche Erklärung.
Wenige Stunden zuvor hatte die Öffentlichkeit jedoch von ihren internen Sorgen erfahren.
Beides muss sich nicht zwingend widersprechen. Ein Mensch kann Angst empfinden und dennoch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.
Aber Eralp muss erklären, wo sie die Grenze zwischen persönlicher Vorsicht und politischem Rückzug zieht.
Was geschieht, wenn künftig eine Entscheidung gegen organisierte Kriminalität, Extremisten oder gewaltbereite Gruppen getroffen werden muss? Wird sie diese Entscheidung auch dann öffentlich vertreten, wenn ihr persönlich daraus Nachteile entstehen?
Vor allem: Wie würde sie verhindern, dass andere Akteure aus solchen Sicherheitsbedenken politischen Einfluss gewinnen?
Die Öffentlichkeit bekommt Erklärungen. Aber bekommt sie die ganze Wahrheit?
In Deutschland gehört die Autorisierung von Interviews vielfach zur journalistischen Praxis. Sie kann Missverständnisse verhindern und sicherstellen, dass Aussagen korrekt wiedergegeben werden.
Sie darf jedoch nicht mit dem Anspruch verwechselt werden, politische Wirklichkeit nachträglich beliebig umzugestalten.
Im Fall Eralp ist die rechtliche Frage umstritten. Die vereinbarte Autorisierung begründet grundsätzlich vertragliche Rechte. Ob die Veröffentlichung ihrer gestrichenen Antwort und der internen Kommentare zulässig war, ist juristisch unterschiedlich zu beurteilen.
Das politische Problem bleibt davon unabhängig bestehen.
Die Öffentlichkeit hat nun erfahren, dass eine zunächst gegebene Antwort nicht in dieser Form erscheinen sollte.
Daraus folgt nicht, dass alle anderen Aussagen Eralps falsch wären.
Aber es folgt eine berechtigte Forderung: Ihre öffentlichen Bekenntnisse dürfen nicht allein deshalb als glaubwürdig gelten, weil sie immer wieder ausgesprochen werden.
Der behauptete Wandel gegenüber der Roten Hilfe muss nachvollziehbar sein.
Das Versprechen zum Schutz jüdischen Lebens muss sich in politischem Handeln niederschlagen.
Das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels muss auch im Konflikt mit eigenen Parteimitgliedern Bestand haben.
Und das Versprechen, die Sicherheit aller Berliner zu gewährleisten, muss mehr bedeuten als eine Erklärung vor laufenden Kameras.
Elif Eralp will Regierende Bürgermeisterin werden.
Gerade deshalb reicht es nicht, auf kritische Fragen mit immer neuen Bekenntnissen zu reagieren.
Die Öffentlichkeit muss wissen, welche Überzeugungen sie auch dann vertritt, wenn diese unbequem werden.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob Elif Eralp Angst hat.
Sie lautet: Was sind ihre Worte wert, wenn es darauf ankommt?
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