Aus Tradition Bürgerlich Liberal

Briefing

Schülerprotest? Warum stehen dann Vermummte über 40 vor der Schule?

Eine Rentnerin wird verletzt, jüngere Kinder verlassen ihre Schule unter Polizeibegleitung. Vermummte Erwachsene mischen mit, die Linksjugend mobilisiert weiter. Der Berliner Protest wirft eine Frage auf: Wer vertritt hier Schülerinteressen – und wer benutzt sie für seine politische Agenda?

Schülerprotest? Warum stehen dann Vermummte über 40 vor der Schule?
Verletzte Rentnerin, vermummte Erwachsene, Kinder unter Polizeibegleitung: Wie schulfremde Aktivisten Berlins Schülerprotest übernehmen. Illustration by Richard Bergsirk

Eine verletzte Rentnerin, blockierte Eingänge, Kinder unter Polizeibegleitung: In Berlin zeigt sich, wie ein Schülerprotest zur Bühne schulfremder Aktivisten wird. Die Linksjugend mobilisiert bereits weiter.

Sie wollen mehr Geld für Bildung. Also versperren sie den Zugang zur Schule.

Sie verlangen eine bessere Zukunft für Kinder. Gleichzeitig müssen Fünft- und Sechstklässler unter Polizeibegleitung das Gebäude verlassen.

Und während von einem „Schülerprotest“ die Rede ist, tauchen vermummte Erwachsene auf, laut BILD teilweise über 40 Jahre alt.

Wer protestiert hier eigentlich für wen?

Eine Rentnerin bezahlt den Preis

Vor dem Andreas-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain wird eine 67-jährige Anwohnerin verletzt. Nach dem BILD-Bericht soll ein 17-Jähriger ihr eine Mülltonne in den Bauch gerammt haben. Die Frau wollte ihren Müll entsorgen. Der Jugendliche soll die Tonne für die Blockade gebraucht haben.

Er wurde wegen des Verdachts der Körperverletzung festgenommen. Die Frau stand dem Bericht zufolge unter Schock und erklärte, gerade erst operiert worden zu sein.

Eine Anwohnerin will ihren Müll wegbringen und gerät mitten in eine politische Straßenaktion.

Wer bessere Schulen fordert, bekommt dadurch kein Verfügungsrecht über die Nachbarschaft.

Keine Mülltonne gehört automatisch zur Barrikade. Kein Anwohner muss sich einer Protestregie unterwerfen.

Plötzlich übernehmen Schulfremde

Der entscheidende Satz kommt vom Polizeisprecher.

Schulfremde Personen seien im Laufe des Vormittags aufgetaucht und hätten das Versammlungsgeschehen übernommen, erklärte Florian Nath laut BILD.

Das ist der Punkt, an dem die bequeme Erzählung vom spontanen Schüleraufstand auseinanderfällt.

Jugendliche haben eigene politische Anliegen. Sie brauchen keine vermummten Erwachsenen, die ihnen vor dem Schultor die Richtung vorgeben.

Nach der von dpa wiedergegebenen Polizeidarstellung verlief der eigentliche Schülerprotest friedlich. Zu Rangeleien kam es im Umfeld einer weiteren Versammlung mit überwiegend schulfremden Teilnehmern. Gerade deshalb gehört deren Rolle ins Zentrum.

Wer waren diese Leute? Wer mobilisierte sie? Welche Organisationen waren vertreten? Wer entschied, Eingänge zu versperren?

Die Vermummung liefert darauf keine Antwort. Sie macht diese Fragen dringlicher.

Die Linksjugend steht schon bereit

Die politische Mobilisierung lässt sich konkret benennen.

Für Samstag ist am Kleistpark eine Solidaritätsdemonstration mit den französischen Schülerprotesten angekündigt. Nach Recherchen der Berliner Zeitung wurde sie von einem Mitglied des Berliner Landesvorstands der Linksjugend angemeldet. Mobilisiert wird über Kanäle aus dem Umfeld der Linksjugend und der Linken Neukölln.

Das beweist keine Verantwortung für den mutmaßlichen Angriff auf die Rentnerin. Es zeigt aber: Organisierte linke Kräfte arbeiten daran, die französische Protestbewegung nach Berlin zu tragen.

Dann müssen sie auch beantworten, welche Methoden sie dafür akzeptieren.

Schulblockaden? Vermummte Erwachsene zwischen Minderjährigen? Konfrontationen mit der Polizei?

Wer zur Mobilisierung laut wird, darf bei diesen Fragen nicht plötzlich verstummen.

Die Jüngeren müssen weichen

Besonders bitter ist die Lage der Kinder, die einfach zur Schule gegangen sind.

Rund 60 Schüler, überwiegend aus fünften und sechsten Klassen, wurden nach Polizeiangaben über einen Nebeneingang zu einer benachbarten Grundschule begleitet. Dort übernahmen Lehrkräfte sowie der Notfall- und Krisendienst ihre Betreuung.

Sie hatten ebenfalls Rechte. Auf Unterricht. Auf einen zugänglichen Schulhof. Auf einen Schultag ohne Einschüchterung.

Warum sollen ausgerechnet sie den Platz räumen?

Wer für Bildung kämpft, muss erklären können, weshalb andere Kinder dafür auf Unterricht verzichten sollen. Ein politisches Anliegen wird nicht überzeugender, indem man Unbeteiligte zu Statisten macht.

Kein Freibrief hinter der Schülerfahne

Mehr Lehrer, bessere Ausstattung, vernünftige Lernbedingungen: Darüber muss gestritten werden.

Doch die Berechtigung einer Forderung entschuldigt keine Gewalt und beantwortet keine Frage nach den Akteuren.

Die Linksjugend muss ihre Mobilisierung erklären. Schulfremde Aktivisten müssen sich nach ihrer Rolle fragen lassen. Und mutmaßliche Straftäter müssen individuell zur Verantwortung gezogen werden.

Wer Kinder als politischen Schutzschild benutzt, soll sich nicht hinter dem Wort „Schülerprotest“ verstecken können.


Diesen Artikel teilen
Teilen

Geschrieben von

Bianca Moreau
Bianca Moreau schreibt für Die Vossische über Politik, Gesellschaft, Medien und Kultur. Ihr Schwerpunkt liegt auf zugänglichen Analysen aktueller Debatten, gesellschaftlicher Konflikte und öffentlicher Inszenierungen.

Als nächstes lesen

Frankfurt (Oder): Tritte gegen den Kopf – Lippenbekenntnisse der Politik

Frankfurt (Oder): Tritte gegen den Kopf – Lippenbekenntnisse der Politik

Ein 14-Jähriger liegt am Boden, andere treten weiter gegen den Kopf. In Frankfurt (Oder) ermittelt die Polizei gegen zehn Jugendliche mit deutschen, polnischen, russischen und syrischen Pässen. „Deutsch“ heißt hier nur Passdeutsch – der Migrationshintergrund bleibt unbenannt.
Von Dr. Contra •