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Schwesigs halbe Zeitenwende: Sie nennt Russland einen Irrtum – und verteidigt ihren Kurs bis heute

Schwesig nennt ihre Russland-Einschätzung einen „Irrtum“, verteidigt Nord Stream 2 aber weiter. Ihre Reden seit 2018 und die Forderung nach schneller Zertifizierung im Januar 2022 zeigen, wie lange sie Warnungen politisch geringer gewichtete als Gas, Handel und Arbeitsplätze.

Teil 2 der „Schwesig-Akte 2026“

Einen Tag vor der Landtagswahl verkauft Manuela Schwesig politische Führung als Frage von Schutz, Freiheit und klarer Haltung. Bei einem Bürgerdialog in Demmin sagte sie am 17. September, sie wolle, dass Frauen „weiter frei leben können“, und bezeichnete die AfD als bedrohlich. Beim Wahlkampfabschluss in Warnemünde rief sie ihre Partei zum Endspurt auf: „Diese Wahl ist noch nicht entschieden.“ Quelle: Euronews, 19. September 2026 Quelle: NDR, 18. September 2026

Wer so stark auf die eigene Urteilskraft setzt, muss sich auch an seinen früheren Urteilen messen lassen. Bei Schwesig führt dieser Weg unweigerlich nach Russland.

Am 3. September 2026 räumte die Ministerpräsidentin erstmals im Wahlkampf mit auffälliger Deutlichkeit ein, ihre frühere Einschätzung sei ein Fehler gewesen: „Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass es ein Irrtum war, darauf zu vertrauen, dass auch Russland an einem friedlichen Zusammenleben im Ostseeraum Interesse hat.“ Gemeint war ausdrücklich die Zeit nach der russischen Besetzung und Annexion der Krim 2014. Quelle: WELT-Interview vom 3. September 2026

Das klingt nach Selbstkritik. Doch Schwesigs Eingeständnis bleibt begrenzt. Sie erklärt die Erwartung an Russland zum Irrtum, verteidigt aber wesentliche politische Entscheidungen, die aus dieser Erwartung folgten. Genau darin liegt der Widerspruch ihrer persönlichen „Zeitenwende“.

2014 war nicht nur ein Warnsignal, sondern ein Völkerrechtsbruch

Russland annektierte 2014 die Krim und unterstützte bewaffnete Kräfte im Osten der Ukraine. Die Europäische Union reagierte mit Sanktionen. Die politische Kernfrage war danach nicht, ob Dialog grundsätzlich falsch sei. Sie lautete, ob wirtschaftliche Verflechtung Putin mäßigen würde – oder ob sie Russland zusätzliche Einnahmen und politischen Einfluss verschaffte.

Schwesig war 2014 noch Bundesfamilienministerin und nicht Regierungschefin in Schwerin. Die besondere Verantwortung für Mecklenburg-Vorpommerns Russlandpolitik übernahm sie mit ihrem Amtsantritt als Ministerpräsidentin im Juli 2017. Von diesem Zeitpunkt an war die Krim-Annexion keine unbekannte Gefahr mehr, sondern seit drei Jahren Realität.

Trotzdem machte ihre Regierung die Vertiefung der Beziehungen zur politischen Linie.

2018: „Russland ist unser Partner“

Das amtliche Plenarprotokoll des Landtags vom 25. April 2018 ist heute aufschlussreicher als jede spätere Erinnerung. Schwesig erklärte dort, sie sei „fest davon überzeugt“, dass Mecklenburg-Vorpommern auch in schwierigen Zeiten im guten Dialog bleiben könne, „weil Russland unser Partner ist“.

Sie lobte ihren Vorgänger Erwin Sellering dafür, an der Partnerschaft festgehalten zu haben, als dies „nicht Mainstream“ gewesen sei. Wirtschaftliche Kontakte beruhten auf Vertrauen und Verständnis. Nord Stream 2 nannte sie „ein gutes Projekt“, das wichtig für die deutsche Energieversorgung sei und Arbeitsplätze sichere.

Noch klarer war ihre Haltung zu den Sanktionen. Schwesig sagte, man müsse im Dialog bleiben, um zu einem „wechselseitigen schrittweisen Abbau der Sanktionen“ zu kommen. Am Ende ihrer Rede versicherte sie, die Landesregierung werde die Partnerschaft weiterführen; dafür werde sie sich „ganz persönlich einsetzen“. Quelle: Plenarprotokoll 7/34 des Landtags MV, Seiten 7 bis 9

Diese Rede erfolgte vier Jahre nach der Krim-Annexion. Schwesig kann deshalb nicht überzeugend geltend machen, die entscheidenden Warnzeichen seien erst 2022 sichtbar geworden. Sie waren sichtbar. Sie wurden nur politisch anders gewichtet.

Fairerweise gehört auch ihr damaliger Vorbehalt dazu. Schwesig sagte ausdrücklich, stabile Partnerschaften müssten Kritik aushalten und Mecklenburg-Vorpommern sei „nicht mit allem einverstanden, was in Russland ist“. Sie stellte Dialog und wirtschaftliche Kooperation als Instrumente der Friedenssicherung dar – eine Position, die damals auch von zahlreichen Politikern außerhalb der SPD vertreten wurde.

Doch genau hier zeigt sich das Problem: Der kritische Teil blieb allgemein. Der Ausbau der Zusammenarbeit war konkret.

2019: Nähe als Standortpolitik

Im Juni 2019 reiste Schwesig zum Internationalen Wirtschaftsforum nach Sankt Petersburg. Dort warb sie für weitere deutsch-russische Zusammenarbeit. Nach Recherchen von t-online traf sie den früheren Bundeskanzler und damaligen Nord-Stream-2-Verwaltungsratschef Gerhard Schröder zu einem „persönlichen Austausch“. Die Staatskanzlei erklärte später, das Gespräch sei spontan zustande gekommen; ein Protokoll über den Inhalt existierte demnach nicht.

Ein nicht protokolliertes Gespräch beweist keine unzulässige Absprache. Es zeigt aber, wie Schwesigs Russlandpolitik funktionierte: Die Beziehungen zu einflussreichen Akteuren rund um die Pipeline wurden persönlich gepflegt, während die amtliche Dokumentation lückenhaft blieb. Quelle: t-online-Recherche zu Schwesigs Russlandkontakten

Der damalige Kurs war keine passive Übernahme Berliner Außenpolitik. Mecklenburg-Vorpommern verstand sich selbst als Brückenbauer, veranstaltete Russlandtage, unterhielt eine regionale Partnerschaft mit dem Leningrader Gebiet und warb aktiv für Nord Stream 2. Schwesig hatte außerdem den Vorsitz der Deutsch-Russischen Freundschaftsgruppe des Bundesrates übernommen.

Januar 2022: Festhalten trotz des Truppenaufmarschs

Der härteste Prüfstein ist nicht das Jahr 2018, sondern der 20. Januar 2022. Russland hatte zu diesem Zeitpunkt bereits rund 100.000 Soldaten in der Nähe der Ukraine zusammengezogen. Die Gefahr eines neuen Angriffs bestimmte die internationale Politik.

Schwesig forderte dennoch eine zügige Zertifizierung von Nord Stream 2. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir diese Ostsee-Pipeline dringend brauchen“, sagte sie in einer Videobotschaft an den Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Außerdem sei es richtig, weiter auf „kritischen Dialog und wirtschaftlichen Austausch mit Russland“ zu setzen. Quelle: Merkur/dpa vom 20. Januar 2022

Das war kein lange zurückliegender Irrtum aus einer vermeintlich friedlicheren Epoche. Es war eine politische Forderung fünf Wochen vor dem russischen Großangriff – inmitten eines massiven Truppenaufmarschs und öffentlicher Warnungen.

Schwesig berief sich auf Energieversorgung, den Ausstieg aus Kohle und Atomkraft sowie auf Arbeitsplätze. Diese Argumente waren real. Deutschland hatte seine Energiepolitik auf große Mengen russischen Gases ausgerichtet. Die Pipeline war genehmigt, die Bundesregierung unter Angela Merkel hatte sie unterstützt, und auch die damalige CDU in Mecklenburg-Vorpommern trug den Kurs über Jahre mit.

Das entlastet Schwesig von der absurden Behauptung, sie habe allein Deutschlands Russlandabhängigkeit geschaffen. Es entbindet sie aber nicht von der Verantwortung für ihren besonders entschlossenen Einsatz, als die Sicherheitsrisiken immer deutlicher wurden.

Der Kurswechsel kam erst mit dem Krieg

Nach dem russischen Großangriff vom 24. Februar 2022 änderte Schwesig den Kurs. Sie verurteilte den Einmarsch als brutalen Angriff und klare Verletzung des Völkerrechts. Russlandtage wurden gestrichen, die Partnerschaft mit dem Leningrader Gebiet ruhend gestellt, und sie drängte darauf, die Arbeit der Klimastiftung zu beenden.

Das waren konkrete Konsequenzen, keine bloße Rhetorik. Schwesig erklärte damals, sie sei „tief enttäuscht und entsetzt“. Zugleich wies sie die Bezeichnung „Putin-Freunde“ als Unsinn zurück und betonte, sie habe niemals mit Putin gesprochen oder sein Vorgehen gegen die Ukraine unterstützt. Quelle: Vorwärts, 28. Februar 2022

Auch 2026 zieht sie eine eindeutige Grenze: Auf die Frage, ob unter Präsident Putin wieder Gas durch eine reparierte Nord-Stream-Leitung fließen dürfe, antwortete sie mit „Nein“.

Diese Distanzierung ist festzuhalten. Ebenso muss festgehalten werden, was Schwesig nicht zurücknimmt.

Der Irrtum soll allgemein sein, die eigene Entscheidung aber richtig

Schwesigs heutige Verteidigung folgt einem einfachen Muster: Die Russland-Einschätzung sei falsch gewesen, Nord Stream 2 im damaligen Kontext jedoch nachvollziehbar. Sie habe sich im Rahmen der deutschen Bundespolitik bewegt, niedrige Energiepreise sichern und Unternehmen gegen amerikanische Sanktionsdrohungen schützen wollen.

Damit trennt sie die politische Fehleinschätzung von den konkreten Entscheidungen. Doch diese Trennung überzeugt nicht. Wenn das Vertrauen in Russlands Friedensinteresse ein Irrtum war, muss geprüft werden, ob eine zusätzliche direkte Gasleitung, die die Ukraine als Transitland schwächte, nicht gerade Ausdruck dieses Irrtums war.

Ein Fehlerbekenntnis ist erst vollständig, wenn es die eigene Handlung erfasst – nicht nur die Erwartung an den anderen.

Schwesig muss sich dabei keine erfundene Nähe zu Putin vorwerfen lassen. Es gibt keinen Beleg dafür, dass sie den russischen Angriff unterstützte, persönlich von Gazprom-Zahlungen profitierte oder Weisungen aus Moskau erhielt. Der belastbare Vorwurf ist politisch: Sie setzte nach 2014 über Jahre auf mehr wirtschaftliche und institutionelle Nähe, warb für den Abbau von Sanktionen und hielt noch im Januar 2022 an der schnellen Inbetriebnahme von Nord Stream 2 fest.

Führung zeigt sich auch in der vollständigen Bilanz

Am Tag vor der Wahl präsentiert sich Schwesig als erfahrene Landesmutter, die Mecklenburg-Vorpommern vor politischen Gefahren schützen könne. Ihre Beliebtheit ist beachtlich: Laut der von Euronews zitierten NDR-Erhebung würden 59 Prozent sie bei einer Direktwahl bevorzugen. Das erklärt, warum die SPD den Wahlkampf so stark auf ihre Person zugeschnitten hat.

Aber Personalisierung hat einen Preis. Wer den Wahlerfolg mit der eigenen Stärke und Urteilskraft verbindet, kann politische Fehlentscheidungen nicht vollständig im Kollektiv der damaligen Bundespolitik auflösen.

Schwesig hat sich 2022 von Putins Krieg abgewandt und 2026 einen früheren Irrtum eingeräumt. Das verdient Anerkennung. Ihre Aufarbeitung bleibt dennoch halb, solange sie das zentrale Instrument ihrer Russlandpolitik – Nord Stream 2 – weiterhin als im Grunde richtige Entscheidung unter damals anderen Umständen verteidigt.

Schwesigs Gazprom-Stiftung: Die verdrängten Fakten
Schwesig sagt, beim Nord-Stream-Ausschuss sei „nichts rausgekommen“. Doch Sondervoten dokumentieren Gazprom-Einfluss, einen Umsatz von mehr als 160 Millionen Euro und Lücken bei Akten und Nachrichten. Was hinter der Klimastiftung wirklich geschah.

Die entscheidende Frage an Schwesig lautet deshalb nicht, ob sie heute gegen Putin ist. Das ist eindeutig. Die Frage lautet, ob sie verstanden hat, warum ihre Politik vor 2022 so riskant war.

Darauf gibt ihr „Irrtum“-Bekenntnis bis heute keine vollständige Antwort.


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Dr. Contra
Dr. Contra
Dr. Contra ist bürgerlich-liberaler Analyst und Kolumnist der Vossischen. Er schreibt über Machtstrukturen, digitale Souveränität und algorithmische Willkür und plädiert für Transparenz und offene Debatten.
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